GiehenerZamilieilblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1954 Freitag, den r. vezemder Nummer 95

HANS DOMINIK EIN

STERN

FIEL VOM HIMMEL

COPYRIGHT 1934 BY KOEHLER &

AM ELANG G. M. B. H., LEIPZIG

(Fortsetzung.)

Nun, bisweilen verirrt sich auch eins zu uns, Mr. Garrison. Auf ein paar Tage mehr oder weniger kommt es Ihnen doch hoffentlich nicht an. Wir freuen uns, nach langer Einsamkeit einen Gast bei uns zu haben."

Noch bevor Garrison etwas erwidern konnte, klang von draußen her Motorgeräusch. Der englische Pilot startete bereits, und wohl oder übel mußte Garrison die Einladung Dr. Willes annehmen.---

Wie im Fluge verstrichen die nächsten Tage. Mit Interesse verfolgte Garrison Willes Experimente und gab gelentlich Ratschläge, die von Sachkenntnis zeugten. Stundenlang diskutierte er mit Schmidt über wissenschaftliche Zukunstsmöglichkeiten und brachte den biederen Doktor durch die Voraussetzungslosigkeit seiner Annahmen zu Heller Ver­

zweiflung.

Aber auch mit den übrigen Mitgliedern der Station hatte er sich angefreundet. Mit Hagemann beriet er sehr gründlich und tiefsinnig die Herstellung gewisser mixed drinks. In der Funkerbude war er ein häu­figer Gast und bediente im Verkehr mit Pasadena selber die Morse­taste und auch mit dem jüngsten Mitglied der kleinen Gemeinschaft, mit Rudi Wille, hatte er schnell Freundschaft geschlossen und kümmerte sich um alles, was der tat und trieb.

Ein verrückter Kerl ist der Pankee doch", sagte Dr. Wille zu Schmidt. Heute morgen traf ich ihn weiß Gott über Rudis Klamottenkiste."

Selbst der ernste Schmidt konnte seine Heiterkeit nicht verbergen, als dies Wort fiel.

DieKlamottenkiste", wie Dr. Wille sagte, die Mineraliensammlung, wie Rudi das Ding hochtrabend nannte, gab dem Vater ständigen Anlaß zu sarkastischen Bemerkungen, während der Sohn sie mit dem Eifer des Sammlers hegte und pflegte.

Ein paar besonders schön schimmernde Quarz- und Granitstückchen, die Rudi an schneefreien Stellen in der Umgebung der Station fand, hatten den ersten Anstoß dazu gegeben, und dann war der Junge von der Sammelwut gepackt worden. Bald reichte ein Pappkarton nicht mehr aus, erst ein Kasten und schließlich eine große Kiste,, in der ,@t8 einmal hundert Büchsen Condensed Milk nach der Station ge­bracht hatte, wurde nötig, um die Sammlung aufzunehmen

Bei den Mitgliedern der Station fand Rudi wenig Verständnis für seinen Sammelsport. Um so erfreuter war er, als Mr. Garrison sofort Interesse dafür zeigte. Da hatte Rudi endlich einen Menschen gefunden, der auf seine Pläne einging und das Schöne dabei war, daß Mr. Garrison offensichtlich über mineralogische Kenntnisse verfügte und auch wußte, wie man eine solche Sammlung wissenschaftlich anlegen und

ordnen mußte. . _

Den Fundort und das Datum des Fundes, Mister Wille. Das t|t sehr wichtig", sagte Garrison, während er ein Stück schweren schimmern­den Erzes in der Hand wog.Das müssen Sie bei jedem Fund auf einer Etikette notieren und dann auf das Stück kleben, dieser Brocken hier Zum Beispiel ... man müßte wissen, wo und wann Sie den gefunden haben?" . ...

Rudi dachte einen Augenblick nach.Das kann ich Ihnen ziemlich genau sagen, Mr. Garrison. Das Stück habe ich erst vor drei Tagen mitgebracht. Ich fand es ziemlich genau fünf Kilometer südlich von unserer Station." .,, , ...

Mr. Garrison schien sich von dem Erzbrocken nicht trennen zu können. Noch immer hielt er ihn in der Hand. .

Ein merkwürdiges Mineral, Mister Wille. Mehr von der Sorte haben Sie nicht entdeckt?" . Q f rr

Rudi schüttelte den Kopf.Nein, Mr. Garriftn, es war reiner Zufall M ich dies Stück fand. Es lag unter dem Schnee und ich stieß mit lern Fuß dagegen. Möglich, daß sich mehr davon finden laßt, wenn ein ordentlicher Sturm dort mal den Schnee wegfegt. .. . .

Zwei Tage nach diesem Gespräch lieh sich Garrison einen tüchtigen Pelz von Dr^ Wille um in Gesellschaft Rudis einen größeren Spazier­gang 3u unternehmen Der Amerikaner schlug die Richtung nach Süden ein" und^ schritt"o kräftig aus, daß Rudi fast Mühe hatte, ihm zri folgen. Endlos dehnte sich die weite, weiße Ebene vor ihnen nur h n u wieder von dunklen Stellen unterbrochen, wo dr, scharfe Nordwind o letzten Tage den Schnee fortgeblasen hatte. ( . h m.c.r a<5

Bei der schneefreien Stelle blieb Garrison stehen, und mehr

einmal hatte er Glück bei seinem Suchen. Als sie sich nach fast drei Stunden Marsch zur Rückkehr entschlossen, trug er ein halbes Dutzend Brocken jenes so merkwürdig schweren und schimmernden Erzes im Ge­samtgewicht von etwa einem Kilogramm bei sich.

In der Station mußte man sich ohne die beiden an den Mittagsttsch setzen. Dafür nahm ein anderer Gast an der Mahlzeit teil, Georg Berkoff, der kurz nach dem Aufbruch von Garrison und Rudi mit ,St9 angekommen war, um gewisse, schon seit längerer Zeit bestellte Appa­rate abzuliefern.

Dr. Wille war über das lange Ausbleiben seines Sohnes etwas be­unruhigt, Schmidt zerstreute seine Bedenken mit dem Hinweis, daß Garrison schon mehr als eine Expedition in polare Gebiete mitgemacht hätte. Fast zwangsläufig kamen sie danach, trotzdem Lorenzen und Hage­mann mit am Tische sahen, aus das Thema zu sprechen, das sie schon seit Tagen bewegte, aus die Frage: Was will der Amerikaner eigentlich in unserer Station?

Dr Wille rieb sich nachdenklich das Kinn.Ich verstehe nicht, was dieser Mr. Garrison neuerdings mit meinem Jungen zu kramen hat? Der lange Ausflug heute wieder ... ich kann doch nicht im Ernst annehmen, daß die stümperhafte Mineraliensammlung Rudis ihn wirk­lich interessiert .. "

Verzeihen, Herr Doktor, wenn ich mich in Ihr Gespräch mische", unterbrach ihn Lorenzen,der Amerikaner funkt auf unserer Station ost mit Pasadena ..."

Haben Sie Depeschen gesehen?" warf Schmidt ein.

Gesehen nicht, aber gehört. Ich kann einen Funkspruch aus dem Klappern der Morsetasten ziemlich sicher mit hören ..."

Und was haben Sie da gehört?" fragte Berkoff interessiert.

Er funkt natürlich in englischer Sprache, Herr Berkoff. Aber ich konnte heraushören, daß von Erz, von Gold und Silber etwas vorkam. Dann einmal ,high weight', heißt meines Wissens hohes Gewicht. Das war mir nicht ganz verständlich. Man sagt englisch doch besser heavy weight . . ."

Er meinte spezifisches Gewicht", raunte Schmidt Dr. Wille zu.

Berkoff preßte die Serviette in seiner Rechten zusammen, daß seine Knöchel weiß wurden.Haben Sie noch mehr gehört, Lorenzen?"

Nicht mehr viel, Herr Berkoff. Von einem Stück Erz war noch die Rede, das er gefunden hätte, und er hoffte noch mehr zu entdecken. Der Amerikaner scheint mir so eine Art Prospektor zu sein, der auf irgend­welche Erzfunde aus ist."

Schmidt und Wille sahen sich eine kurze Weile verdutzt an, dann mußten beide lachen.

Total verrückt!" platzte Wille heraus,in der gottverlassenen Gegend hier nach Erzen zu suchen, wo wir auf einer blanken Granitscholle sitzen. Das kriegt auch nur ein Panker fertig. Meinen Sie nicht auch, Herr Berkoff?" fragte er immer noch lachend den Ingenieur.

Reichlich überspannt, in der Tat", erwiderte der, aber er lachte nicht, als er die Antwort gab

Kompletter Irrsinn ist es", sagte Dr. Schmidt in einem Ton, als ob er das letzte Urteil in dieser Sache zu fällen habe. Aber wenn man den Mann über Sonnenelektronen sprechen gehört hat, kann man auch das von ihm erwarten."

Dr. Schmidt hatte gut reden. Er wußte ja nichts von einer Analyse, die vor vier Wochen in Pasadena an einem Stückchen Erz gemacht wor­den war und unter anderem einen Gehalt von 10 Prozent Platin und zehn Prozent Gold ergeben hatte Und er konnte auch nichts davon wissen, daß man in Pasadena die deutsche antarktische Station für den Fundort dieses Brockens hielt.

Der einzige am Tisch, der Zusammenhänge ahnte, wenn er sie auch noch nicht klar zu erkennen vermochte, war Berkoff. Kaum war die Mittagsmahlzeit vorüber, als er in die Funkerbude eilte und in dem Geheimkode der Eggerth-Werke einen langen Funkspruch nach Bitterfeld morste. Eine kurze Antwort hielt er in den Händen, als Rudi mit dem Amerikaner nach sechsstündiger Abwesenheit in die Station zurückkam. Aus der Chiffre übersetzt, lautete sie:Die Spur verwischen!"

Professor Eggerth war mit seinem Sohn zusammen im Privat­laboratorium, als man ihm den Funkspruch Berkoffs brachte.

Es wird Zeit, Hein. Wir dürfen nicht länger zögern."