nen sind wertlos, nur Betrüger können noch leben Irrblickig wendet ich die Frau zu den Polizisten. „Mein Mann wollte nicht betrugen , tammelt sie, sie schreit auf: nebenan klirrte das Fenster, dumps hallt der chwere Aufprall eines Körpers aus dem engen Hofe empor. Aufschreiend kurzen die Kinder ins Zimmer, sie umfangen, außer sich klagend unv weinend die taumelnde Mutter. Die Polizisten fliehen.,
„Und wer ist schuld daran, daß wir solches erleben?
„Die Franzosen!" „, . _., „ ... ,
„Und unsere Schurken und Feiglinge, die sich den Schuften fugen!
Ein Hundegeschäft, das wir treiben! Betrügst du nicht auch?
„Vasteht sich: soll ich und die Meinen verhungern?"
„Wir müssen die Hunde erschlagen!"
„Alle! Alle! Bei uns und bei den andern!"
Sie nicken, sie gehen stolpernd, wie gelähmt, ihre Augen brennen QU^J3or dem Geburtstagstisch ihres Kindes sitzt eine Mutter. „Ach, Kind", spricht die Mutter. „Du bist ungerecht! Es ist ganz undamenhast, wie du dich gebärdest?" Traurig lächelt das Mädchen mit dem seinen harmonischen Profil; klar und scharf sind die jungen Züge, wie nach schwerer Krankheit. „Ich bin des Streites (o müde", schließt die Mutter „Die Franzosen sind schließlich auch Menschen?"
„In unserer Abendschule, Mutter, sind fünf Jungs, deren Vater hingerichtet wurden! Die Kinder verkommen an Körper und Geist! Es sterben mehr als geboren werden! Willst du da' zusehen? Die das auf dem Gewissen haben, sind keine Menschen, Mutter!"
Die Mutter schüttelt den Kopf.
„Wie willst du das trennen, Kind? Sie müssen doch, Kind!" Es wird ihnen doch so von oben besohlen?"
„Es gibt nur ein .Oben", Mutter! Dieses Oben befiehlt anderes! Die Bestien müssen vertilgt werden!"
„Kind! Diese Worte! Wenn man dich hört? Es geht dir doch nicht schlecht? Vater hat ja sein Auskommen; warum erregst du dich so? Schließe endlich Frieden, mein Kind."
„Erst muß Krieg sein! Wäre es anders, warum dann, Mutter, hätte der Mensch das Wort .Friede" erfunden?"
„Unsere Soldaten haben im letzten Kriege auch geplündert; - man hört das überall, Kind."
„Jetzt aber werden wir geplündert! Das ist das Entscheidende, Mutter!"
„Mit dir läßt sich schwer streiten!"
Glücklich, stolz lächelnd, sinnend legt das Mädchen die Handflächen auseinander; es sieht hell, freudig darüber weg zum Himmelfleck im Fenster.
„Du bist so unweiblich geworden, mein Kind?"
„Ich will eine gute Mutter werden, dereinst, Mutter!"
„Aber?! Was heißt das wieder? Ich hätte mich geschämt, das als Mädchen zu denken, geschweige hätte ich es ausgesprochen! Du hast dich entsetzlich verändert."
„Wir müssen aufrichtig sein, Mutter! Nur das Land, Mutter, kann Männer haben, das gute Mütter hat! Jetzt kenne ich das Leben!"
„Bin ich dir ... keine gute Mutter .. gewesen?"
Erschrocken tritt das Mädchen zur Mutter. Begütigend. Lächeln entlastet die angespannten Züge. Das Mädchen kniet vor der Mutter nieder, es nimmt deren Hand. Gläubig, dankbar. Sorgfältig, liebevoll küßt das Mädchen den altershagern, verwirrt hingegebenen Handrücken; nachdenklich dreht es ihn; mit Inbrunst küßt es jeden der Finger
„Ja, Mutter, ja! Du bist eine gute Mutter! Ich weiß! Du wirst mir drum auch die Leinwand geben für meine Jungs! Gelt? Bis ich selbst einmal einen Jung habe," weint das Mädchen auf, „der ein Mann wird! Ein Mann, der uns frei macht!"
Tränennaß umarmt die Mutter ihr weinendes Kind.
Kopfschüttelnd bleiben Passanten Unter den Linden in Berlin stehen. An der Spitze einer Schar hutloser Knaben marschiert in der prallen, unerbittlichen Sonne, in kurzer, grauer Leinenhose ein mittelgroßer, inuskelbepackter Mann. Barhaupt, lust- und sonnenverbrannt ist der mächtige Schädel des Glatzköpfigen. „Das ist der Alte, der in der Hasenheide Holzbalken aufgerichtet hat und wie ein Affe mit den Jungens drüberspringt und auf den Gerüsten klettert. Er will uns so ertüchtigen!" Mißbilligend schüttelt der Sprechende den Kops mit dem hohen Zylinderhut. „Die Zeit ist völlig verrückt. Auf was werden die Leute nicht noch alles kommen?"
„Immerhin, es ist jedenfalls besser, den Körper zu üben, als sich in den Destillen zu besaufen!" Verächtlich mißt der Herr mit dem Ordensbändchen im Knopfloch zwei betrunkene Schlossergesellen, die, ein ösfent- liches Mädchen zwischen sich, johlend auf dem Gehsteig dahergetorkelt kommen ..Aber, aber, aber ..." zusammenbruchfreudig zeigt der Mann: „Die Gesetze der Vorsehung sind dal Auch für die! Sie werden bald daran anrennen."
Einige lächeln überlegen; ein junges Mädchen stellt sich auf die Zehenspitzen, es lugt wohlgesällig dem stramm marschierenden Zuge der Turner nach. Unter der Wölbung des Brandenburger Tores, das unter dem Räderrattern der zum Empfang vor der französischen Botschaft auffahrenden Karossen dröhnt, fragt der Turnvater den rechten Flügel- inann hinter sich:
„Was für einen Gedanken hat man sich zu machen, darüber, daß da droben, aul unserem Triumphportal, die Siegesgöttin fehlt?"
„Daß sie die Franzosen, wie vieles, Bruder Jahn, nach Paris gestohlen haben!"
„Daß mir sie wieder von dort zurückholen müssen!" schreit Jahn. Er wirft die Fäuste an die Brust und springt hoch. ,L)auerlauf!" befiehlt er. Die junae Schar hinter ihm, die Fäuste vor den jungen Brüsten, die Köpfe eckig erhoben, als träte sie Wasser, verschwindet in hurtigem
Lauf Die Passanten lachen Mißtrauisch, zornig sehen sie sich gleich daraus an. Unsicher: Ein Invalide sitzt im Straßenstaub; er leiert nut müder Hand seine Drehorgel, er singt traurig das Lied von der toten Königin: „Du hast das Unglück mit der Grazie Tritt / Auf jungen Schul- fern herrlich uns getragen / Und trotz der Wunde, die bein Herz durch» chnitt / Hast du der Hoffnung Fahne stets getragen..."
Von allen Seiten fallen Gaben in die Kappe des Bettlers. „ „O Herrscherin, wie groß du warst, das ahneten wir nicht.
„Hm, hm", spricht ergriffen ein Herr zum andern. „Euer Berlin hat sich aber beträchtlich verändert? Man sieht ja jetzt fast gar Ferne Uniformen mehr bei euch, die Galans scheinen auch ausgestorben, und die Schamlosigkeit der Weiber hat entschieden abgenommen? Es ist letzt alles so leer und tot, wie ausgestorben?"
„Sehen Sie dorthin." .. ._
Menschen drängen sich vor einem Portal. „Unsere neue Universität ist jetzt voller als die Assembleen. Tja, lieber Freund, unser Katzenjammer ist mächtig. Gott erhalt' ihn!" _ ,
Das ist ja sehr erfreulich zu hören. Aber wissen Sie, ohne den Stein kann ich mir doch nichts Endgültiges für euch erhoffen."
„Abwarten, abwarten! Er lebt ja noch!"
Bedeutungsvoll, mit den Augen winkend, zieht der Berliner seinen Freund zur Seite; er flüstert ihm ins Ohr. Herrisch schreitet em kleiner kräftiger Mann in schwarzer Kleidung mit gewaltiger Nase an ihnen DOt?,Sas ist der Professor Fichte! Der hat den allergrößten Zulauf."
"Ja/er ist ein Bandmacherssohn!" Verwundert sieht der Herrn dem Manne nach, der von allen Seiten gegrüßt wird. Er verschwindet durch die Gasse, die sich ehrerbietig vor ihm öffnet, im Universitätsgebaude
„Körnen Sie, hören wir zu! Seine Vorlesungen sind für jedermann "^Fichte legt im Vorzimmer den Hut ab. Er streicht sich das dunkle, ungleich verschnittene Haar aus der klobigen Stirn. Er preßt die Hande an die Schläfen. Er läßt die Hände sinken Erhobenen Hauptes schreitet Fichte in den Hörsaal. Alte und junge Menschen erheben sich; Fichte erblickt aus der vordersten Bankreihe ein Zeitungsblatt, Fichtes strenger Blick verfinstert sich, gewalttätig streckt Fichte die Hand. Eilig wird ihm die Zeitung gereicht. Er schleudert sie verächtlich zur Erde und tritt mit dem breiten Fuß daraus.
„Zur Umerziehung des Menschengeschlechtes durch uns Deutsche, von der ich gestern sprach," beginnt Fichte, kopserhoben, mit starker Stimme, gehört in erster Linie, gehört als Fundament, die sofortige Beendigung des schmählichen Federkrieges, in dem wir uns unter dem Gespotte der anderen Nationen und unserer Feinde mit leerem Geschreie anklagen! Es ist Kurzsichtigkeit, parteiische, amnahliche Pöbelmeinung, zu glauben, daß ein großes gemeinschaftliches Menschenunglück, wie es unser gegenwärtiges Unglück ist, durch eine einzige Regierung ober durch roenige Männer entstehen konnte. Genug der Selbstanklagen! Endlich genug damit! Man meint nicht über ein heilsames Ereignis! Tief verdammenswert und sehr schuldig am Unglück sind die," spricht Fichte, strafend über die reglosen Köpft unter sich hinwegsehend, „die früher hündisch ergeben allem schweifwedelten, die jetzt, als ergebene Lakaien der über uns jetzt äußerlich herrschenden Gewalten, jetzt, da das Ungeheure geschehen ist, urplötzlich alles angeblich wissen, was wir vorher hätten tun und lassen sollen, was früher hätte geschehen sollen!" Befehlend hebt Fichte die Hand. „Einigkeit ist not; wir waren lange genug entzweit! Weg mit Journalkanaillen! Weg damit!"
Zornig, gehorsam raschelt es allenthalben im Saal. Zerknittert, zerknüllt, verächtlich von den Füßen zu Boden getreten und gestoßen, liegt Berlins öffentliche Meinung auf dem Fußboden. „Deutsch fein," spricht Fichte dröhnend in den atembaren Saal, bei geballten Fäusten und oor- gcftellter Stirn, „heißt Charakter haben! Charakter wird nicht durch freche Gehirnapolheker und eitle, schmalbrüstige, selbstische charakterlose Moralhornisten erzeugt, der Charakter ruht und wächst allein in der Selbsttreue der menschlichen Seele! Diese Seele, als Gewissen in uns fühlbar, stellt an Sie die Frage: Wollen Sie zu Ihrer Besiegung auch noch die Ehre verlieren? .... Unsere Zeit gleicht einem Schatten," spricht Fichte, „der über seinem eigenen Leichnam steht, aus dem ihn eine Legion von Krankheiten trieb. Der Schatten unserer Vergangenheit jammert noch immer zu viel in Ihnen! Reißen Sie Ihre Blicke von der alten Hülle los! Suchen Sie nicht in die Behausung der Seuchen zurückzukehren; laßt fahren, laßt fahren dahin, ich kündige euch neue Zeit! Die Zeit des deutschen Geistes will sich erfüllen! Geist ist Tatsächlichkeit, spricht Fichte bei stammendem Blick. „Worum die Masse streitet, das ist leerer, aufgeblasener Schein! Nur der Geist kann uns erretten! Schassen Sie dem Geist freie Bahn! Wir müssen den Geist auf den Thron unseres Volkes setzen! Das ist unsere Ausgabe, das ist unsere Pflicht! Das allein kann unsere Rettung sein!"
Fichte senkt den Kopf; er ringt die Finger auf dem Rücken ineinander. „
„Groß ist die Not", spricht Fichte. „Wir kämpfen ums Leben Nicht kleine Mittel geziemen uns; kein Mensch und kein Gott kann uns helfen; es geschehen keine Wunder! Die trüben Wasser sind im Begriff, uns ent)-1 , gültig hinabzuziehen. Kleinmut und Haltlosigkeit, Schmutz, Lug, Trug,. . Charakterlosigkeit, Egoismus, Apathie, Dummheit und Verzweiflung fu'ö Herrscher, das sind nicht die Mittel, um heraus und wieder hochzukom- men. Verschließet die Ohren nach außen, horchet endlich in euch! Huw«'- nität, Liberalität und Popularität. Was ist das? Sitzt der Lähmung; des fretnhen Phrasenschwulstes nicht auf! Besaßen wir Deutschen nichr seit je Menschenfreundlichkeit^ Leutseligkeit und Edelmut? Wir tragen diese Eigenschaften ererbt in uns, sie fließen in unserem Blut, sie steigen erhaben aus unserer großen Vergangenheit auf. Sie grüßen Sie unD' mahnen Sie mit ehernen Zungen: Besinnt euch, daß wir deutsch sind.
(Fortsetzung folgt.)
verantwortlich: Or. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'fche Universitäts-Buch- und Lteindruckerei. R. Lange. ®ief>en-


