wtb Baronesse Dogh nennen. Natürlich. Ich werde nicht so plump sein, den Mann zu fragen:Wer sind Sie eigentlich, mein Herr? Und wie kommen Sie dazu, die Rolle des Barons Vogh zu spielen? ... Oh, neku So ungeschickt werde ich nicht sein. Er dars nicht mißtrauisch werden. Er darf nicht merken, daß ich sein Spiel durchschaue. Erst wenn ich meiner Sache sicher bin, erst wenn ich ihn in irgendeiner Schlmge gefangen hab. Beweise brauch' ich, bevor Ich's ihm auf den Kops Zusage.

Ob ich nicht Fritz mit mir hinausnehmen sollte? Aber da würde er sich einfach wieder verleugnen [affen, der Pseudobaron. Außerdem hab ich kein Recht, die Sache an die große Glocke zu hängen. Vorläufig ist es eine Angelegenheit zwischen uns beiden, zwischen mir und dem alten Mann.

Aber wie soll ich's denn anfangen, mir Gewißheit über die Personen zu verschaffen, mit denen ich's dort oben zu tun hab'... Wär' es nicht doch am besten, gerade heraus zu fragen? ... Dr. Kircheisen hatte sich, während er all das überlegte, an seinen Schreibtisch gesetzt und die Post zur Hand genommen. Ein paar Reklamen chemischer Fabriken, die neue Medikamente anpriesen. Zwei Hotelprospekte. Eine Jnstallateurrechnung. Ein Sanatorium, das um gütige Ueberweisung von Patienten ersucht. Ein paar medizinischen Zeitschriften:Die Klinifchen Wochenblätter", dasAr­chiv für Toxikologie", diePharmazeutische Rundschau" und ja, was war das?Der Gletscher", Zeitschrift für Hochtouristik und Klettersport. Wie mag sich das Heft in meine Post verirrt haben? Dann ein Bries. Bekannte Schriftzüge, er ist von Fritz. Himmel, ich hab' ganz vergessen, ihn anzurufen! Was schreibt er? Dr. Kircheisen entfaltete den Bries und las.

Lieber Franzi

Ich habe Dich gestern abends vergeblich im CafL erwartet. Ver- Kte Dich zweimal anzurufen, konnte aber natürlich wieder keine bindung bekommen. Das Hest desGletschers", das ich Dir mit gleicher Post unter Kreuzband zusende, enthält etwas, was Dich jetzt sicher interessieren wird: den Bericht über eine aufsehenerregende, sportliche Leistung destollen Barons", den Du vermutlich jetzt in Behandlung hast. Bitte, benachrichtige mich umgehend, was ihm eigentlich zugestoßen ist, und wie's ihm geht.

Servus! Biele Grüße Dein Fritz."

Dr. Kircheifen legte den Brief beiseite und suchte unter den Poststücken die Nummer desGletscher" hervor. Rasch überflog er den Inhalt.Neue Routen im Karwendelgebiet. Mit elf Autotypie-Vollbildern nach photo­graphischen Originalaufnahmen und einer Karte". Schön. Weiter.Alpine Unterkunftsstätten in der Sierra Nevada." Weiter.Das Führerwefen in den Dolomiten." Dr. Kircheifen blätterte ungeduldig um. Eine Notiz über die Bewirtschaftung der Schutzhütte auf dem Pizzo Stella. Ein Nachruf für die Opfer des großen Lawinenunglücks auf dem Bruderkogel. Und da, endlich:

Die Erstbesteigung der Cima Undici-Nordwand"

von Felix Freiherrn von Vogh.

(Vortrag gehalten am 2. September d. I. im wissenschaftlichen Klub.)

Dr. Kircheisen ließ das Heft sinken... Da hab' ich ja, was ich brauche ... dachte er ... Das Mittel, um den Pseudobaron zu entlarven. Der wirkliche Baron Vogh hat den Berg erstiegen ... wie heißt er doch gleich ... die Cima Undici. Er hat sogar einen Vortrag darüber gehalten, somit muß er doch sicherlich alle Details im Kops haben. Wir wär's, wenn ich dem alten Herrn in der Villa ein wenig auf den Zahn fühlte? Ick bringe ihn zweifellos in die tödlichste Verlegenheit.So, mein Herr! kann ich dann einfach sagen,Die Cima Undici haben Sie nicht bestiegen. Also sagen Sie jetzt gesälligst, wer Sie eigentlich sind, da Sie doch auf keinen Fall der Baron Vogh sind" ... Das werd' ich ihm ganz einfach sagen, und es gehört nichts weiter dazu, als daß ich mir jetzt einmal den Artikel durchlese, ein paar Details einpräge und dann das Gespräch daraus bringe.....Also, schaun wir uns es gleich man an ...

Dr. Kircheisen machte sich's in seinem Schreibfauteuil bequem, warf einen Blick auf die Uhr und begann bann zu lesen:

Die Nordwand der Cima Unbici ist vor meiner, am 24. Mai d. I. erfolgreich ausgeführten Ersteigung von niemand bezwungen worden. Nur von der Südwestseite her ist der Ausstieg, und zwar bis setzt zweimal gelungen. Der schottische Ingenieur MacCulloch, der hartnäckig die Nord­wand zu erklettern versuchte, sand unterhalb des zweiten Kamines im August des Jahres 1891 den Tod. Seither hat nur noch Martin Curtis den Versuch, der Cima Undici von Norden her beizukommen, gewagt. Dreihundert Meter hinter dem Einstieg sah er sich genötigt, die Begehung abzubrechen.

Am 24. Mai um 3 Uhr morgens brach ich mit dem Führer Jakob Schwarzinger aus Heiligenblut, der bei den meisten meiner kleineren und größeren Klettereien mein Begleiter gewesen ist, aus dem Dörfchen Salo auf. Nach mehrstündiger Wanderung gelangten wir zu jener, auch in den 'Berichten Martin von Curtis erwähnten geräumigen Höhle, die im Volksmund dieOsteria" genannt wird. Knapp oberhalb dieser Höhle beginnt der Einstieg, eine nach vorn geneigte, etwas abstehende Felsplatte, die nach oben eine Art Rampe bildet. Aus den ersten Blick schien er ein wenig mühevoll, den geübten Kletterern aber stellt er keine unlösbare Ausgabe. Wir hatten mit den Händen in den abstehenden Spalt zu grei­fen, die Füße aber an der jenseitigen, schrägablaufenden Fläche der Grot­tenwand festzustemmen, bis der Körper in fast horizontale Lage geriet. War man fo weit, so hieß es, mit dem linken Fuß blitzschnell einen sicheren Halt diesseits zu finden, um bann im Sichausrichten mit bet rechten Hanb einen festen Griff an der Rampe zu erhaschen."

Dr. Kircheisen ließ bas Heft sinken und schüttelte ben Kopf. ... Guter (Bott! Und das macht ben Leuten Vergnügen! Mit bem linken Fuß blitz­schnell ... Na, ich banke schon! Aber lesen wir weiter...

Don hier ging es in halbstündiger leichter Kletterei bis zu einem plötzlich aufragenben Pfeiler und ein paar Schritte abwärts zu einer nischenartigen Wölbung. Jetzt galt es, eine ziemlich heikle Stelle rasch zu erlebigen. Auf einem ganz schmalen Bande tasteten wir uns nach außen zu einer vorspringenden Rippe, über deren Schneide wir bei stärkster Exposition hinübersetzten.

Nun standen wir vor dem ersten Kamin. Ein Blick auf den Himmel lieh erkennen, daß die Stunde ziemlich vorgeschritten war. Es mochte gegen 7.30 Uhr morgens fein. Das Firmament war ziemlich bewölkt und wir hatten ben Vorteil einer leichten, erfrifchenben Brise. Der erste Kamin erwies sich als glattroanbig, war aber ohne sonberllche Muhe zu passieren. Den zweiten vermochten wir über eine kleine Gratrippe mit anschließendem Banbe zu umgehen. Der Eingang bes dritten Ka­mines war durch einen gewaltigen Steinblock verbarrikadiert. Nachdem wir uns durch eingehende Untersuchungen die Gewißheit verschosst hatten, daß das Passieren dieses Kamins unerläßlich und nicht zu umgehen war, gelang es uns nach vielen Mühen, den Steinklotz so weit seitwärts zu schieden, daß der Kamin eine schmale (Eingangs- Öffnung erhielt. Nun hieß es sich durchzwängen. Auf ein paar plattigen Stufen balancierten wir hinauf, kletterten in einer ungefähr sieben Meter hohen Runse schwierig und lustig empor und erreichten jenen kanzelartigen Stand, bis zu welchem Herr von Curtis seinerzeit ge­langt war. Bis hierher reichten die Auszeichnungen, welche Herr von Curtis mir zu überlassen die Güte hatte, wofür ihm bei dieser Gelegen- heit neuerlich mein Dank ausgesprochen fei."

... Schwierig und luftig empor! ... wiederholte Dr. Kircheisen voll Schauder... Man bekommt ordentlich Kopfschmerzen, wenn man das auch nur lieft. Was werden denn noch weiter für halsbrecherische Kunst­stücke kommen? Die Haare stehen einem zu Berge! ...

Jetzt ein paar böse Tritte und wir hatten uns über Geröll zur Vegrenzungswand hinüberzuschieben, um durch eine etwas brüchige Rinne den Sattel zu erreichen. Dann ging's ein leicht passierbares Schuttfeld hinauf. Oben angelangt standen wir vor der schwierigsten Stelle des ganzen Aufstiegs.

Es war ein schmales Band, das an der stark hinausbrängenben Wanb bei furchtbarer Exposition über einen nur angelernten losen Block, der unaushörllch schwankte, bis zu einem Riß führte, dessen Ueberwindung sich als außerordentlich gefährlich erwies denn wir konnten nur den rechten Arm und das rechte Bein benützen, wahrend die linken Gliedmaßen vergeblich bemüht waren, an der glatten Wand einen Stützpunkt zu finden. Es scheint die Stelle zu sein, an der Mac Culloch den Tod gesunden hat, denn einige Meter unterhalb sahen wir mit Rost überzogene Metallstücke, anscheinend Reste feines Eispickels, im Gestein liegen.

Als wir diese gefährliche Strecke hinter uns hatten, dursten wir eine Weile rasten. Es mochte gegen 9.30 Uhr sein. ... Ein Rauschen schlug an unser Ohr, nicht weit von uns stürzte ein Gletscherbach nieder. Hundert Schritte von unserem Standort begann das erste Schneefeld. Mein Begleiter meinte, daß wir nunmehr das Schwerste überstanden hätten. So sehr ich gewohnt war, ihm zu vertrauen, glaubte ich den- noch, seine Prophezeiung diesmal nicht all zu ernst nehmen zu dürfen. Es sollte sich bald zeigen, wie wohlbegrünbet meine Skepsis war.

Hinter bem Schneeselb lag eine Geröllschicht, bie von einem etwas überhängenben Kamine abgeschlossen würbe. Wir kletterten, das Gesicht nach außen, mühevoll und recht exponiert empor und landeten auf einem schmalen, völlig vereisten Grat. Hier war es, wo beinahe das Unglück geschehen wäre.

Jakob Schwarzinger ging voran, ich etwa zehn Schritte hinter ihm.

Rechts fiel die Wand gut zwölfhundert Meter tief ab. Ich stand, gegen einen Felsblock gelehnt, ließ das Seil durch die Finger gleiten und sah voll Spannung Schwarzingers prachtvoller Arbeit im Felsen zu, da hörte ich plötzlich ein leises Knacken, das charakteristische Ge- räusch bröckelnden Gesteins. Und richtig! Unter Schwarzingers rechtem Fuß löst sich der Stein und bricht nach der rechten Seite hin ab. Der Fuß, der das volle Körpergewicht zu tragen hatte, bricht nach. Ich packe das Seil, überlege, ob ich mich links um ben Block werfen soll ba sitzt auch schon Schwarzinger, mein braver, nie aus ber Fassung zu bringenber Schwarzinger, rittlings auf bem Grat unb breht sich, wahrhaftigen Gotts, lachenb nach mir um. Dann kriecht er gemächlich mieber auf bie Kante zurück."

... Bei Gott, jetzt hab' ich genug. Ich les' nicht mehr weiter..." sagte Dr. Kircheifen entschlossen unb legte das Heft aus ber Hanb.... Das nimmt einen ja beim Lesen stärker her, als wenn mans selbst mitmachen müßt'. Solche Tollheiten! Solch ein Uebermut! Die Leute oerbienen es wahrhaftig, wenn sie ben Hals brechen..."

... Den Pseudobaron dort in ber Villa zu überführen, ist aber jetzt eine Kleinigkeit. Ich brauch' ja nur bas Gespräch auf den Berg zu bringen. Solche Dinge merkt man sich, Sie vergißt man sein Leben lang nicht wieder. Ich werde ein paar von den fürchterlichen Situationen einfach auswendig lernen. Bor allem aber den Namen des Führers. Wie heißt er nur gleich? Aha, da steht's ja: Jakob Schwarzinger aus Heiligenblut. Und jetzt rafch ein paar andere Stellen memorieren, da den Passus hinter bem britten Kamin zum Beispiel ... wenn mir nur babei nicht selbst schwindlig wirb auf ber Treppe! ...

Unb Dr. Kircheisen griff nach Hut, Mantel unb Stock und ging die Treppe hinab unb über die Straße, indem er unaufhörlich vor sich hinmurmelte:

... in einer sieben Meter hohen Runse schwierig und luftig empor unb gelangten ... Jakob Schwarzinger aus Heiligenblut! Jakob Schwar­zinger aus Heiligenblut ...

(Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: l)r. Hans Thhriot. Druck unb 05erlag: Brühl'sche Universitäts-Duch- und Lteindruckerei. D. Lange, Gießen.