brachte es einfach nicht über mich. Du denkst natürlich, ich habe ' dich schlechthin angclogcn. Warum mußt du kommen und mir Blumen bringen, das hast du doch sonst auch nicht getan? Früher dachte ich mir manchmal, du könntest mir auch mal ein paar Blumen schicken. Da kamst du nicht. Warum nun auf einmal?
Er wüßte es wohl zu sagen. Aber weil sie sehr jung ist und wenig von der Liebe kennt, meint sie, es ginge nicht ander», man müßte alles bereden und erklären. Er ist viel älter als sie und verstand sieben Jahre mit einer selbstbewußten Frau zu leben, so lernte er, daß man solchen Unterhaltungen answeichen soll. Muß es geschehen oder ist es nur eine Eigentümlichkeit der heutigen Frauen, daß sie unbedingt den Kampf und die Auseinandersetzung verlangen und erst zufrieden sind, wenn der heftige Streit sich ohne Ergebnis totgelaufcn hat? Aber so war es schon tm Paradies, nur nicht mit dieser gewissen logischen Zuspitzung. Dann gibt cs noch eine wohltuende Möglichkeit zur Versöhnung der Körper, und die Seele folgt brav im Schlepptau der Lust, ^.yu diesem Fall gibt es diese Möglichkeit allerdings nicht, keine Brite und sogar kein Drängen brächte es fertig. Also bleibt man in Gottesnamen stumm und reizt die Frau erst recht damit, endlich zankt es aus ihr heraus: „Du stehst da und schaust zu, ich meine in diesen riesenhasten Auseinandersetzungen der Zeiten, man möchte sich an dir festhalten können und von dir eine Auskunft bekommen, so und so ist es, fertig. Keine Spur bet dir, man läuft rote in einen Nebel hinein! Die ganze Zeit rst eine kreisende Verwirrung, in der wir Frauen mittrudeln, und zu unserm Glück starrt rundherum die ganze Erde von Männern, die eine eigensinnige Meinung verteidigen."
„So ist es." Schönletn lächelt. Man hört die Küchenuhr ticken und die Eier in der Pfanne bruzzeln. Schönlein beschäftigt sich, geht umher, kramt Geschirr und Bestecke heraus, und ihre Augen verfolgen ihn. „So ist es, aber mich wundert es, daß eine Frau die Meinung der Engherzigen verteidigt."
„Wenn die Engherzigkeit zum Erfolge führt, Peter —*
„Geht eine Frau nach dem Erfolg?"
„Die Frauen gehen nur nach dem Erfolg!"
„Ich dachte, nach der Empfindung." Jetzt wird Peter Schönlein endlich heftig. „Ist es wirklich gut für euch, daß ihr ehrgeizig geworden seid? Man muß sich von den Widersprüchen verwirren lassen, bevor man sie lösen kann, das ist ein größerer Ruhm jedenfalls für die Verteidigung einer eigensinnigen und vorgefaßten Meinung. Bringt es euch Glück, Rosemarie, wenn ihr eure Männer so kritisch betrachtet, nicht weil sie euch zu langweilig sind oder weil sie euch mit schlechten Manieren quälen, nur weil sie von der Vielfältigkeit aller Geschehnisse überwältigt werden, — seid ihr glücklich dabei?"
„Vielleicht nicht", gibt sie zu.
Die ersten Viffen mildern ihre Gereiztheit. Sie haben sich Stühle an den Küchentisch gerückt. Ueber Spiegeleier und Butterbrote stürzt man sich mit solchem Vergnügen, wenn man sich eine Zeitlang draußen im Wetter Herumtrieb, und auf seine Weise eine Schlacht bestand mit allen Gefahren der Landstraße. „Ich war im ebenen Münsterland bis an den Rand der Moore, pastoso, versteht du mich? Zwei Jahre kam ich nicht aus der Stadt heraus, und nun konnte ich fahren, wohin ich wollte, aanz allein. Dann geriet die Landschaft in eine immer größere Bewegung, allegro molto vivace könnte man sagen, denn die Hügel kamen mir in großen Wellen entgegen, und schließlich steigerten sie sich zu den Bergen des Sauerlandes, die ganze Landschaft wurde zu einer natürlichen Symphonie."
Der Mann stemmt seine Fäuste an die Backenknochen. „Das ist sehr schön, was du erlebt hast", erwidert er ruhig, „soll es dieser eine Ausflug gewesen sein oder willst du immer wieder fahren?"
„Bitte, Peter, wir wollen es heute nicht entscheiden."
„Keinesfalls. Denn dazu müßtest du dich erst mit Doktor Wagenschanz besprechen."
Sie kommt tänzelnd herüber, legt den Arm um seinen Nacken, seht sich auf Peters Knie und kraut an seiner Schläfe. „Du denkst nämlich, jetzt werde ich die Richtung wechseln und mich ganz in das Auto verlieren, ins Geldverdienen, und ich werde nur für die Salbe Erotikon da sein und für diese chemischen Waren, die Doktor Wagenschanz jetzt erzeugt."
.Ich denke, Rosemarie, daß du schon die Richtung gewech-
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„Aber das will ich nicht, Peter! Es ist eine große Unvollkommenheit, daß die Menschen immer nur nach der einen Sette schwanken, die Leute der Kultur haben dicke Bäuche und lieben die Sonne nicht, die Leute der Zivilisation mit ihren glatten Ver- diencrgcsichtern wissen nichts mehr von. den Herrlichkeiten der Vergangenheit. — Warum soll ich nicht, wenn ich es so empfinde,
in beidem zu Hause sein?"
Neber den schlichten Holzbaracken der Wagenschanz-Werke steht in unsichtbaren Buchstaben bis hoch an den Himmel geschrieben: Macht Platz! Es gibt in deutschen Landen so viele chemische Fabriken, daß man eine ganze Stadt aus ihnen zusammenbaucn könnte, eine Stadt mit ÄrbettSpalästen und Bürohäusern, mit bescheidenen Laboratorien und mit den feuchten Waschküchen der Winkelchemiker. Jeder einzelne Raum kämpft auf der engen deutschen Fläche, die großen wie die kleinen. Gibt es nicht schon ivahrhaftig genug davon? Muß durchaus noch ein Neuer daher- kommen, sich in die Menge drängen und den andern, den Kleinen besonders, das Atmen noch schwerer machen?
Derartige Bedenken Hegen einem Mann wie Anton Wagenschanz vollkommen fern. Es läßt sich nicht Voraussagen, ob und wie lange es thm gelingen wird, die immer günstigere Meinung der Käufer für seine Schönheitssalbe auf der Höhe zu halten. Darum bereitet er, obwohl es derartiges schon genug im Handel gibt, eine vollständige Serie von Toilettenartikeln vor, Wagen- schanz-Erzeugnisse, die er mit der größten Anstrengung fertig macht, die er aber schon verstehen wird, unter die Leute zu bringen. Erfüllt von der Zuversicht, daß er es bester machen wird als jeder andere, und durchdrungen von der Notwendigkeit zu fabrizieren wie von einer Glaubenslehre, schafft er sich ohne die mindeste Rücksicht den Raum, den er glaubt beanspruchen zu dürfen. Mit Erbitterung und zugleich mit Genugtuung beobachtet er, daß die Grundstück im Umkreis um seine Fabrik plötzlich im Werte steigen. Warum? Weil der Kandidat Kieselbach so schöne Inserate zu schreiben versteht, oder weil Fräulein Reubold in allen geschmacklichen Fragen und, wie er allmählich herausbekommt auch in der Organisation des Verkaufs eine entschieden glückliche Hand besitzt?
Sollte es einem Meteorstein gefallen, die Reise durch den Weltenraum auf dem Haupte des Doktors Wagenschanz zu be- enden, so würden die Grundstücke rund um die Fabrik, die Heimgärten und die Kleinbürgerhäuschen, sofort wieder auf ihren früheren Wert zurücksinken, bestenfalls. Es hängt alles von diesem Mann allein ab, und jetzt schüttelt ihn zuweilen eine Wut, wenn er in der Nähe seines Mutterhauses vorübergeht und von Leuten gegrüßt wird, die noch vor einem Jahr die hämischen Gesichter hinter ihm herdrehten, jetzt kommen sie und wollen sich anbiedern, er ist der Mann von morgen, seine Gunst verhilft vielleicht zu einer Anstellung, mindestens ist um ihn die Witterung des Er- kolges. Ach Gott, warnm sind wir so stockblind gewesen und haben uns nicht schon vor Jahren mit ihm angefreundet, dann waren wir heute fein heraus und hätten vielleicht einen Schwiegersohn und dazu viele Sorgen weniger! Da ist dieser alte Tischler Groth, ein Mann über siebzig, gichtisch und langsam, aber er lieh eines Tages dem studierten Griinkramgehilfen zwanzig Mark und forderte sie nicht wieder zurück, Anton vergaß es nicht und tat nur so, als ob er es vergessen hätte, damals, in der finstersten Zeit, als schließlich jeder Fensterrtegel ihm Gedanken ans Aufhängen einflüsterte. Aber der alte Tischler Groth klopfte ihm mal auf die Schulter, als sie sich in einer Bierschänke trafen. „Aller Anfang is schwär, Härr Dokter", sagte er und: „kommt Zeit, kommt Rat", oder: „wer säet, wird auch ernten."
Wir haben so viele tüchtige und junge Tischler in der Stabt, konkurrenzfähige Leute, die mit aufgekrempelten Aermeln an ihre Sach' Herangehen und ihre Gesellen in Trab zu bringen misten, aber der Herr Doktor Wagenschanz läßt seine Tischlerarbeiten und jetzt den fetten Varackenauftrag von dieser alten Ruine ausführen, die bloß noch lebt, weil sie nicht beizeiten sterben kann. Wenn wir das vorm Jahr gewußt hätten, dann hätten wir dem Grünkramsohn die zwanzig Mark geborgt, aber, Bomben und Mohren, wer ahnt so etwas?
Kleine Frage: hat der alte Tischler Groth es geahnt?
Diese anderthalb Jahre in der Kneipe und hinter der Theke seiner Mutter waren vielleicht eine gute Zeit für Anton Wagenschanz, weil keiner ihn ermunterte und weil keiner mit harten Blicken sparte, kleine Leute, denen es nicht gut ging und die es ohne Bosheit wohltuend empfanden, daß es einem andern immerhin noch schlechter ging. So wurde Anton hart wie der Prellstein am Tor seiner Fabrik. Jetzt kommen sie und bitten ihn um eine Anstellung für ihre Söhne, er zuckt die Achseln, „will's mir mal überlegen", schickt die Entmutigten heim und läßt nichts mehr von sich hören. ,
Seiner Mutter macht er auf diese Weise bas Leben noch saurer und stößt sie noch tiefer in ihre Einsamkeit hinein: das weiß er recht gut, aber seiner Mutter kauft er vielleicht, wenn sie es will, übers Jahr ein Häuschen am Wald, ganz tm Westen der Stadt, wo es nach Feldern riecht und wo der Rauch aus den Schlöten und aus den zweitausend Hauskaminen nicht vorüberstreicht. „Nein, nein, nein", wehrt sie ihn ab, „was sollte ich denn da, in der Gegend kenne ich doch keinen Menschen."
Das Haus Wagenschanz leert sich. Zuerst ist es Anton, der nur noch der Form halber ein Zimmer bei seiner Mutter besitzt und im Schrank oder in der Kommode ein paar alte Kleider hängen läßt, weil sie dann das Gefühl hat: er wohnt bei mir! Aber in Wirklichkeit bewohnt er das häßlichste Zimmer seiner Fabrik, einen Lagerraum, wo Unmengen riesiger Korbflaschen mit allen erdenklichen Flüssigkeiten stehen und Kisten mit höchst entzündlichem Inhalt. Es ist die Sorge um seine Werkstatt, um sein Sprungbrett, es ist die Angst um sein Luftschloß, vielmehr um die große Luftfabrik, die auf diesem Platz vor seinem inneren Blicke steht, darum wohnt er hier, und sein Feldbett genügt ihm.
Als Zweite verläßt Fräulein Reubold das Haus der Witwe Wagenschanz. Die Mansarde war trotz den niedlichen Möbeln ja ' wirklich recht klein für zwei, man ertrug sie in den schlimmen Zeiten, aber nun geht es nicht mehr. Es geht vor allem nicht mehr, weil Elli Hampel auch in der Mansarde wohnt, und jetzt wird der Lebenszuschnitt dieser beiden Mädchen allmählich w verschieden, daß es sich als peinlich erweist. Sie treten zwar täglich um acht Uhr in derselben Fabrik an, und um die gleiche Nachmittagsstunde verlosten sie in derselben Uebermüdnng, abgespannt und reizbar, diese Fabrik.
(Fortsetzung folgt.)
'verantwortlich: l)r. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Drühl'jche Univerfitäts.'Luch. und Steindruckerei, R. Lange. Dieben.


