ttflfim das Gewehr und entsicherte es. Afra beobachtete ihn erstaunt. Lukas mußte Atem holen. Es würgte ihn im Halle.
Einen Augenblick, bevor A,ra lautlos umsank, blieb sie sitzen und Lukas sah den stummen Blick ihrer bernsteingelben Augen verwundert auf sich gerichtet. Er kniete vor ihr nieder und hob ihren .stopf. Er sah in ihre Augen. Ihr Blick war gläsern und leblos. Lukas saß lange da, den Kops des Hundes auf seinen Knien. Im Walde war es sehr still.
Er hob den schweren und noch warmen Körper auf, trug ihn zum Grab und legte ihn vorsichtig daneben ins Gras. Er brach Tannenziveige ab und legte das Grab mit ihnen aus, er hob Afra auf und ließ sie langsam ins Gras gleiten. Er tat dies alles ganz mechanisch und er suhlte in seinem Innern eine namenlose Leere. Er schaufelte das Grab zu, trat die Erde mit den Füßen fest und bedeckte sie mit Tannenzweigen. Dann setzte er sich daneben
ins Gras. , _ _, ... .. ,
Der Wald roch gut und warm nach Harz. Die Sonne stand tief hinter den Bäumen und die glatten Stämme der Kiefern waren von ihren schrägen Strahlen ganz rot. Lukas saß lange da, ohne sich zu rühren. Er dachte ans Sterben. Er hatte nie früher bewußt daran gedacht. Er fühlte, daß etwas in seinem Innern für immer zerbrochen war. Er hatte noch nie jemand im Leben verloren. Seine Mutter war gestorben, als er noch sehr klein war. Er konnte sich nicht an sie erinnern.
Er stand auf, zog die Jacke an, nahm Gewehr und Spaten und ging zum Boot zurück. Er machte das Boot los, sprang hinein und stieß sich mit dem Bootshaken vom Ufer ab. Er setzte sich und hielt die Ruder hoch. Das Boot glitt durchs knisternde Schilf in den
See hinaus. t .
Die Sonne verschwand hinter dem Horizont, Himmel und Wasser waren von einem unwirklichen rosigen Licht erfüllt, und der See schimmerte perlmutterfarben. In der Stille hörte Lukas die Wellen eintönig und hell gegen die Bootswände schlagen. Bon den Ufern kam der laute und wilde und verliebte Gesang der Frösche. Als das Boot aus dem Schilf heraus war, zog Lukas kräftig am linken Ruder, um zu wenden. Dann ruderte er mit langsamen, gleichmäßigen Schlägen in den See hinaus.
Das Boot glttt lautlos und schnell dahin. Der Himmel verblaßte zusehends, und die Ufer verschwanden in der aufstcigenden Dämmerung.
Bald war er mitten im See. Er zog die Ruder ein, um sich auszuruhen, und ließ sich treiben. Es war dunkel geworden. Lukas saß im Boot, den Kopf in die Hände gestützt, und er fühlte plötzlich, wie es feucht und warm über seine Hände tropfte. „Ich weine", dachte er. „Das sind Tränen", dachte er. Er hatte sich in seinem ganzen Leben noch nie so verlassen gefühlt.
Nach einer Weile hörte er in der Stille fernen Ruderschlag und das Kreischen eines Grammophons. Er wandte sich um und sah mitten im See ein Licht. Das Boot kam näher, ein orangefarbiger Lampion schwankte am Heck des Bootes hin und her. Lukas sah Hans und Ruth und noch ein paar Jungen und Mädchen im Boot sitzen.
„Hallo, Lukas!" rief jemand.
„Wir waren bei dir. Wo hast du gesteckt?" rief Hans. Das Grammophon kreischte.
„Ich war im Wald", rief Lukas.
„Kommst du mit uns?"
„Ich muß heim", rief Lukas.
Das Boot glitt heran, und Lukas sah Ruth am Steuer neben einem Jungen sitzen, den er nicht kannte. Ein gelber Schein vom Lampion schwankte über ihrem Gesicht zitternd hin und her.
„Komm doch mit!" rief Ruth. Das Grammophon kreischte. „Geht leider nicht, muß heim", rief Lukas.
Das Boot glitt vorüber. Lukas hörte noch lange das Grammophon und die Stimmen im Boot und Ruths Lachen. Es wurde wieder still. Als Lukas unter der Eiscnbahnbrückc hindurchkam, hallte es laut und einsam von den Rudcrschlägcn wider. Lukas sah bereits in der Ferne die Lichter des Städtchens. Er hielt sich nach links. Er ruderte ums Schilf herum, und sah bald hinter den Weidensträuchcrn Licht im Forsthaus.
Im Zimmer brannte Licht. Der Vater saß beim Essen. Lukas setzte sich ihm gegenüber an den Tisch.
„Hans und Ruth waren hier", sagte sein Vater.
„Ich traf sie unterwegs", sagte Lukas.
„Ich habe dein Essen in den Herd gestellt, damit es nicht kalt wird. Ich dachte, du kommst vielleicht spät."
Lukas ging in die Küche. Bei der Flurtür sah er im Vorüber- gehcn Afras Futterschüssel. Er blickte fort. Er kam mit dem Essen zurück und setzte sich an den Tisch. Der Vater las die Zeitung. Lukas blickte auf seinen Teller. Er versuchte zu essen, aber er konnte keinen Bissen hcrunterkricgen. Er stand auf. Er hätte gern dem Vater etwas Liebes gesagt, aber er schämte sich.
„Gute Nacht", sagte er nach einer Weile. Dann ging er hinaus in sein Zimmer und warf sich aufs Bett.
Im Zimmer war es sehr heiß. Von draußen kam der laute Gesang der Frösche. Lukas lag mit offenen Augen auf dem Bett. Die Wand gegenüber dem Bett mar ganz weiß vom Mond. Nach einiger Zeit hörte er auf dem Wasser näherkommcndc und sich wieder entfernende Rudcrschlägc und das Kreischen des Grammophons. Lukas starrte auf die Waud.
Dann bellte es plötzlich im Garten unter den Fenstern.
„Set still, Asra", dachte Lukas mechanisch. Aber im nächsten
Augenblick siel ihm ein, daß es Freya war, die gebellt hatte und daß Afra draußen auf der kleinen Wiese im Walde lag, und bah sie still geuwrden war für immer.
Höflicher Orient.
Don Alexander von Keller.
In Konstantinopel, auf der Brücke, von der aus man die große Moschee am besten sehen kann, traf ich Hubert Clarke, gerade als ich aus die Dahn ging, um nach Ankara zu fahren. Clark« war ein langer dürrer Mann mit einer Nase, die selbst im Orient aussallen muhte, und ganz unmöglichen Manieren. Aber er war scheußlich reich.
Wir sprachen über das Wetter, die Frauen und über Teppiche. Ein Mann, der aus der Drucke stand, hatte uns Teppiche angeboten, und das war für Clark« Grund genug, über Teppiche zu reden. Plötzlich blieb er stehen: „Sie fahren doch auch nach Mosul und Bagdad? Da konnten Sie mir einen Gefallen erweisen. Ich zahle Ihnen die Reise bis Mosul und empfehle Sie Jesfries. Lachen Sie nicht — Ieffries kennt den Orient besser als König Feisal!" .
Ich war einverstanden. „Was soll ich für Sie tun?
„Eine Kleinigkeit." Clarke legte zwei ungepflegte Finger an die Nase. „Passen Sie auf: In Mosul oder in Bagdad wohnt so ein Kerl von einem Araber. Er soll einen Posten fabelhafter Teppich« haben — einfach ge- chenkt. Suchen Sie ihn auf, sagen Sie ihm, daß ich fein ganzes Lager 'au e, und veranlassen Sie ihn, daß er mir unverzüglich Muster und Offerte schickt. Aber rasch — ehe mir ein anderer zuvorkommt ... Der- [toben <5ie?"
Ich gab Clarke die Hand: „Sie können sich aus mich verlassen. Wie heißt der Mann mit den Teppichen?"
„Raschid ... Mustafa Raschid — das können sie sich leicht merken. Er soll ein großer hagerer Kerl mit einem langen Bart sein. Seine Adresse weiß ich natürlich nicht, sonst würde ich ihm ja schreiben. Aber in Mosul oder in Bagdad kennt ihn sicher jedes Kind."
*
Ich machte einen Abstecher nach Ankara, besichtigte die siebenunddreißig Kemal-Pascha-Denkmäler — sechs weiter« waren noch nicht enthüllt —, die drei elektrischen Bahnen und den Springbrunnen; aß Dschuwetsch und Pilas — viel Pilaf, und fuhr denselben Weg weiter, den einst Alexander der Große genommen hatte, nur viel bequemer. Schwitzte, aß und schlief und erreichte endlich die Endstation Dicherabulus. Dfcherabulus bestand aus vier Wellblechdächern, die auf sechzehn Pfosten ruhten; unter den Wellblechdächern schliefen Araber, Kamele, Maulesel und Hunde. Tief im Süden glühte der Dschebel el Hal in der letzten Abendsonne Um den Zug und die Reisenden kümmerte sich kein Mensch. Wozu auch? Selbst mit Allahs Hilfe kann ein Zug ohne Gleise nicht fahren — und Gleise gab es keine mehr.
Minuten später stürzt« ein kleiner dicker Mann auf den Zug zu; er war weih gekleidet und trug einen Tropenhelm. Er begrüßte mich eine Stunde lang lärmend, und die dreiunddreißig Gäste des Zuges standen um uns herum und schauten uns zu; sie hatten keine Eile. Der Mann war Nathanael Gollyhead Ieffries.
In seiner Begleitung befand sich ein würdevoll hagerer Araber.
Was zum Teufel belästigt Sie Clarke mit der Sache", sagte Ieffries ärgerlich. Das hätte ich auch allein durchführen können. Reden Sie nichts", setzte er eindringlich hinzu, als ich etwas entgegnen wollt«, „wir sind im Orient."
Der lange Araber legt« eine flache Hand an seine Stirn und verbeugte sich leicht. Als ich von Ieffries den Namen des Mannes wissen wollte, winkte er entrüstet ab. Damit war unser Gespräch beendet, und die Reisenden verliefen sich. Sie waren enttäuscht, denn sie hatten sich von unserer Unterredung weiß Gott was erhofft.
In der Nacht suhren wir nach Mosul; in einem Ford wagen. Die Wüste entlang. Es war weder schön noch romantisch, es war einfach heiß.
„Das verdammt« Thermometer ist doch an der Hitze nicht schuld, Ieffries?"
„Sagen Sie nichts! Wenn man keines dieser bösartigen Instrumente sieht, ist's bei weitem nicht so heiß."
Jede halbe Stunde hielt der Wagen und der Chauffeur schlug jedesmal irgendwo ein paar Nägel ein; er hatte keine Ahnung vom Motor, die Nägel waren lang und gut. Ohne diese Nägel wäre der Wagen nach den ersten zehn Minuten auseinandergesallen.
Der Chauffeur war ein lieber, braungebrannter junger Mann mit wunderbaren Zähnen. Er war schon dreimal von Zahnpasta-Agenten photographiert worden und hatte vor dem französischen Konsul von Damaskus bereits sieben falsche Eide abgelegt, in feinem Leben nur eine Zahnpasta benutzt zu haben. Ich fragte ihn nach seinem Namen ... und er wurde kühl und abwehrend.
„Um Gotteswillen", flüsterte Ieffries, „fragen Sie doch im Orient keinen Menschen nach seinem Namen oder nach seiner Frau; das sind schwere Beleidigungen, es gibt Leute, die Sie wegen einer solchen Frage einfach niederschießenl"
„Wie soll ich dann diesen ... hm ... Sie verstehen, finden?"
„Mit Takt", sagte Ieffries. „Mit viel Takt."
Schöne Geschichte, dachte ich erbittert und versuchte zu sckstafen. Dem Chauffeur waren, wie vorauszusehen, die Nägel ausgegangen, so mußte er den Wagen mit Stricken zusammenbinden; der Araber betete laut, und Jesfries erzählte von seiner Familie. An Schlaf war unter diesen Umständen nicht zu denken.
In Mosul ging ich — obwohl Ieffries abriet — aufs englische Polizeb amt und fragte nach Mustafa Raschid. Ich war geradezu froh, enülim einmal den Namen aussprechen zu dürfen. Der Sergeant, ein starker Mann, strich seinen Schnurrbart und durchstöberte sein Register, tr konnte den Namen Raschid nicht finden. .
„Bielleicht später einmal", meinte er liebenswürdig, „fragen Sie vier Wochen wieder an." , M
„Wieso später? Was ist denn das für ein Buch, in dem sie foebe nachgesehen haben?" »
Das Verzeichnis aller In den letzten zehn Jahren gehenkten Araber, sagte der Sergeant.


