3n diesem Augenblick wird der Kapitän abgerufen. Der Lotsendampfer, den wir ablösen und für 14 Tage ersetzen sollen, ist gesichtet worden. Links heben sich die Konturen des neuen Westturms von Wangerooge scharf ab. Halbrechts liegt im Dunst der schwarzweißrote Rotesand-Leucht- turm. Ein Matrose reicht uns ein Fernglas.Da", sagte er und zeigt irgendwo aus den Horizont. Wir nehmen das Glas und sehen: drei Torpedoboote fahren in Kiellinie dem Jadebusen zu und dann in einem Abstand von ungefähr fünf Seemeilen folgen zwei Kreuzer. Unterwegs von Kiel nach Wilhelmshaven", sagt der Matrose.

Wir benutzen den Anknüpfungspunkt.Wie lange sind Sie schon an Bord?"

Drei Jahre."

Als Matrose?"

Als Lotsenassistent. Die Besatzung besteht mit Ausnahme des Mwschinenpersonals nur aus Lotsenassistenten. 12 bis 15 Jahre habe ich Zeit, das Fahrwasser genau kennen zu lernen."

Eine lange Zeit. Haben Sie so viel Geduld? Und sind Sie zu­frieden?"

Es ist nicht leicht", zuckt der Matrose die Achsel,und im Winter ist es oft so, daß wir uns vornehmen: Schluß! An Land! Weg von hier. Aber wenn es dann Sommer wird"

Der Matrose lächelt.

Na?"

Dann ist alles wieder anders. Die Zeit vergeht sehr schnell bei unserem Dienst. Und dann sind wir ja keine Kulis, ja eigentlich nicht einmal Arbeitnehmer. Wir bilden eine Gemeinschaft, mit strenger Disziplin natürlich, aber auch mit vielen Rechten. Und wer von uns die zwölf Jahre durchhält, der weiß fo gut wie sicher: Ich werde Lotse."

Und Prüfungen brauchen Sie nicht? Auch kein Einkaufsgeld und dergleichen?"

Oh doch. Wir müssen die Seefahrtsschule besuchen, die Steuermanns- prüsung ablegen, von jetzt an sogar das Kapitänsexamen auf große Fahrt, und dann müssen wir uns mit 10 000 Mark in die Lotsengenossenschaft einkaufen."

Das ist viel Geld. Und wer es nicht aufbringen kann?"

Dem wird es geliehen und in Raten wieder abgezogen. Und jeder, Der dann mit 60 oder 65 Jahren als Lotse ausscheidet, bekommt die 10 000 Mark zurück."

Wir gucken den Matrosen an. Er jagt das alles so leicht hin, als ob es gar nichts wäre: 15 Jahre Wartezeit, 15 Jahre Dienst, wie es ihn fo chwer, jo gefährlich kaum sonst in der Welt gibt. Zwei schwierige Prü- rungen, 10 000 Mark Kapital und bann? Das Ziel? Die Fortsetzung dieses Dienstes eiserner Pflichterfüllung und ungeheurer Verantwortlich­keit in einem Alter, in dem andere ihr Leben der Geruhsamkeit zu- itcuern. Mit 60 und 65 Jahren klettern sie, die Lotsen, tn schwerem Oelanzug und Stieseln die Strickleitern der Dampfer hinauf und hinab. 15 bis 25 Meter sind es oft, und die Wellenberge klettern ihnen nach, uchen sie zurückzureißen, und im Winter werden die Stricke, an denen ie sich halten, von Sekunde zu Sekunde dicker: der Sprühregen der Brecher verwandelt sich im Handumdrehen zu glatten, schmerzenden Eis­krusten ..

Der Matrose raucht gleichmütig seine Pfeise.

Und wie ist es mit der Sprache?" fragt einer von uns.Wenn der □otje auf der Kommandobrücke eines japanischen Dampfers steht, oder rines französischen?"

Englisch müssen wir natürlich auch können", sagt der Matrose,und in bißchen französisch und spanisch auch."

Und wer trägt die Berantwortung, wenn etwas passiert? Wenn das 2chiss auf Grund kommt. Oder kollidiert?"

Da fragen Sie man am besten den Lotsenkommandeur", lacht der Natrose,der hat da schon ganz weiße Haare von gekriegt."

Tatsächlich, der Lotsenkommandeur hat schneeweiße Haare. 67 Jahre ilt ist er, und als Aufsichtsperson der Lotsengenosienschast als ein- iiger Beamter.Ueber die Haftpflichr der Lotsen", jagt er,zerbrechen sch die Juristen schon seit Jahren den Kopf. Praktisch ist es so, daß ein Totse, unter dessen Führung ein Schiff Schaden erleidet, Schadenersatz nicht Listen kann. Denn eine Beule am Schiffskörper schon kostet, wenn sie repariert wird, Tausende von Mark, und der Lotse hat kein Vermögen ms der Bank liegen. Theoretisch aber ist er nach Ansicht vieler Juristen -oll haftpflichtig. Auf dem Schiffahrtstag in diesem Sommer wird die nage wahrscheinlich dahin geklärt werden, daß Schadenersatzpflicht der Enzelnen Lotsen nur bei grober Fahrlässigkeit und bei Böswilligkeit vor- I egen soll. Im übrigen erzieht den Lotsen die stete Lebensgefahr, in der t sich jahraus, jahrein befindet, zu einer Gewissenhaftigkeit und Vorsicht, »ie sie wohl nicht mehr übertroffen werden kann."

Und wie ist es inmitten dieser Gefahren mit den Verlusten an '-Menschenleben?" .

Das Gesicht des Lotsenkommandeurs verdüstert sichDie Verluste smd '»cht gering", sagt er.Der Grad der Sicherheit, der für Seeschiffe schlecht­en die Norm ist, kommt für unsere Lotsenschisse natürlich nicht in Frage. - enn wir suchen ja geradezu die Gefahr. Wir müssen mit unseren leinen Fahrzeugen auch im Nebel und auch im Sturm an die !"oßen Dampfer heran. Wir müssen mit kleinen leichten Booten die hoffen übersetzen. Oft genug kentern die Boote. In der Weihnachtsnacht H24 zum Beispiel setzte, gerade während einer Ausbootung, ein Schnee- yurm ein. Als das Treiben vorüber war, war das Boot verschwunden. 18 Tage später trieb es in Helgoland an. Von den sechs Insassen haben »ir nie mehr etwas gesehen."

Wir schwiegen.

Und 1908". fuhr der Lotsenkommandeur fort,ist unser Schoner Bicolaus von einem griechischen Dampfer gerammt und in Grund ge- t-gt worden. Der griechische Dampfer ist weitergefahren, als, ob nichts Oichehen märe. Es gäbe da noch so viel zu erzählen, aber ..."

Wieder schwiegen wir Dann sprach der Lotsenkommandeur von dem, l,as ihm besonders am Herzen lag.Das Reichsverkehrsministerium",

sagte er,hat anerkannt, daß der Lotsendienst der Weser vor- bildlich ist für das gesamte deutsche Lotsenwesen. Bester Beweis: Die Akten der übrigen Seelotsengebiete türmen sich zu bedenklicher Höhe. Die Akten über die Weserlotserei sind nur ein winziges Bündel. Wir müssen also wünschen, daß die bewährte Organisation unseres Dienstes so bleibt wie sie ist."

Sie unterstehen dem Reichsoerkehrsministerium?"

Nicht unmittelbar. Das Ministerium hat die eigentliche Verwaltung dem Bremer Senat übertragen, und das ist gut so. Der Senat wiederum hat mit der Wahrnehmung der laufenden Angelegenheiten mich, den Lotsenkommandeur, beauftragt. Die Gefahr, die uns droht, ist die, daß in Zukunft die Lotsengesellschaft von einem Strombaufachmann anstatt, wie jetzt, von einem Nautiker geleitet wird. Eine solche Umgestaltung würde die durch die Krisis bereits aufs äußerste bedrohte Sage der Lotsen völlig unerträglich machen."

Soweit wir unterrichtet sind, plant man in Berlin und auch in Bre­men keineswegs eine derartige Umgestaltung."

Hoffentlich", lächelte der Lotsenkommandeur,hoffentlich haben Sie recht."

Dann stand er auf, nahm uns beim Arm und lotste uns, mit unfehl­barer Sicherheit, ins Deckhaus zu einem dampfenden Grog.

Gin Bild aus Reichenau.

Von Friedrich Hebbel.

Auf einer Blume, rot und brennend, saß Ein Schmetterling, der ihren Honig sog Und sich in seiner Wollust so vergaß, Daß er vor mir nicht einmal weiterflog.

Ich wollte sehn, wie süß die Blume war, Und brach sie ab: er blieb an seinem Ort, Ich flocht sie der Geliebten in das Haar: Er sog, wie ausgelöst in Wonne, fort.

Oer Manu, der mit dieser Zeit fertig wird.

Roman von Walter Julius Bio em (GDS.).

(Fortsetzung.)

Jubilate, erklingen die Saiten.

Aus einem langen Schlaf aufzutauchen und endlich zu spüren, daß man nur böse geträumt hat. Während dieses ganzen Traumes wurde Rosemarie zwar das Gefühl nicht los:Es geschieht etwas vollkommen Verfehltes mit mir, ich bin ins Bodenlose gefallen und hätte doch Flügel haben müssen. Ich sprach in diesem Traum mit Menschen, die mich nicht verstehen, ich war taub für ihre Sprache."

Hier oben geht ein Schatten umher, ruhelos, armer Schatten, du reichst Töpfe herbei und sagst mit deiner tiefen Taubenstimme: Der Pfef­fer steht links oben auf dem Regal in dem Napf, wo Soda draufsteht. Der Schatten geht zuerst fast so lebendig herum wie ein gegenwärtiger Mensch, noch viel lebendiger zuerst, sie schweigen und sehen sich nicht an, aber heute kommt kein drittes Gedeck auf den Tisch." Dies zu allem An­fang, sagt sich Rosemarie, sie schwört es sich:Wenn es geschehen soll, so will ich mich nicht hier hereinschleichen müssen bei halber Nacht. Der Platz ist frei. Deshalb zu allem Anfang einen klaren Zustand." Es dauert nicht sehr lange, schon muß sie diesen klaren Zustand verteidigen, sie beugt sich über den Tisch und baut die halbvertrocknete Azalee aus der Kanzlei auf. Eine Aufwärterin sorgt nicht für Blumen, lieber Herr, das kann man nicht verlangen." Von hinten kommt Peters Rechte und hängt eine herab- gleitenbe Haarsträhne über Rosemaries Schläfe zurück, was ist natürlicher als daß die Hand halb streichelnd weiterfährt, die schmale, gebogene Schlafe hinauf ins schöne Rund des Hinterhauptes? Rosemarie richtet sich mit einer klein wenig ausweichenden Bewegung auf, etwas kokett und sehr unwillig, Blitz aus schmalen Lidern, das genügt fofort.

Nun läuft er rote ein Hündchen hinter ihr her, die Männer sind sich alle so ähnlich, sieht die geschwinden Hände den schneeweißen Damast bei­nah knallend über den Tisch schlagen, festlich wirkt es mit den steifen Falten, Besteck klirrt mit silbernem Ton, ting-ting macht das Kristall, lauter grundgute Geräusche, sie erwecken eine erregende Fröhlichkeit in der zu neuem Leben ausgewachten Wohnung. Und das steigert sich über Tellerklappern, Plätschern des Wasserhahns, Surren der Gasflammen und Schleifen dünner Frauenschuhe bis endlich zum festlichen Gespräch. Peter hat ein Paar neue Bücher gefunden, die ihn bewegen und die er in der Verschüttung der hingegangenen Wochen las; sie sind durchaus nicht geschrieben für einsame Leser, wie man so irrig behauptet, erst ist je­mand da, der erzählt, und ein Zweiter, der zuhört, und dieser Zweite ver­wandelt sich in einen, der es roeiterfagt.

Sie wenden ungläubig die Stopfe, im Arbeitszimmer rasselt der Fern­sprecher, jetzt, Sonntag abend, gegen halb zehn?

Schönlein."

,J)ter Redakteur Habicht vom Generalanzeiger. Sagen Sie, was ist das für eine verwickelte Geschichte auf der Ausstellung, eine junge Dame soll den Hauptgewinn gezogen haben, allerdings wird mir erzählt, daß nur Sie dies behaupten, während in Wirklichkeit ein gewisser Doktor Wagenschanz--Wo wohnt der Herr, wie heißt die Dame, wie sieht

sie aus, kann ich Sie heute abend noch sprechen?"

Also nun haben sie ihn schon am Kanthaken.Es tut mir leid, Herr Habicht, der Vorgang ist noch nicht ganz geklärt, ich muß in meinen Aus­künften daher einstweilen die bekannte amtliche Zurückhaltung wahren."

Aber Herr Schönlein, Verehrtester, Sie sehen ein, es muß um sechs Uhr früh in unserer Morgenausgabe herauskommen, alles raunt, es soll Krach gegeben haben!"

Wie gesagt, ich weiß selber nichts Genaues."