meiner Mutter und Franz Liszt begleitet — dem Meister die Hand reichen. Er erinnerte sich meiner und sagte wieder: „Auf Wiedersehen, mein kleiner Brahmsianer!" worauf ich wieder nichts zu erwidern wußte.
Seitdem habe ich — mit Absicht — Bayreuth nie wieder besucht. Ich wollte den starken Jugendeindruck von einem großen Werk und einem großen Mann unversehrt in meinem Herzen bewahren.
(Nach dem Russischen von Dr. Petroff.)
Rügen.
Deutschlands größte Insel.
Von Otto R. Gervais.
Wann der Rügen-Damm fertig ist, wird Deutschlands größtes Eiland im Baltischen Meer keine Insel mehr sein. Der Rügendamm wird es zur Halbinsel machen, ohne daß jedoch der schöne Jnselcharakker Rügens verloren geht. Der Damm ist in den letzten Jahren zur Lebensfrage für die 14 Bäder der Ostküste geworden, denn der Zeitverlust und die Unkosten, die mit dem Trajektoerkehr für die Motorfahrzeuge verbunden waren, bildeten kein zu unterschätzendes Hemmnis bei der Entscheidung: Rügen oder Usedom-Wollin? Abggesehen davon, daß der Fährbetrieb nicht immer den Verkehrsanforderungen an großen Tagen (Pfingsten, Ferienbeginn usw.) gewachsen war ...
So wird ein alter Urzustand, der die Insel einst vom pommerschen Festlande nicht trennte, wiederhergestellt. Eine Cisenbahnstrecke, eine Auto- und Fußgängerstraße soll Rügen wieder mit seinem Mutterlande verbinden, wird'den Verkehr inniger, moderner gestalten, um sich vor allem für die Rügenbäder, die für die Zukunft der Insel allein wichtig bleiben, segensreich auszuwirken, damit sie Volksbäder im wahren Sinne des Wortes werden, wozu alle Voraussetzungen da sind.
Stralsund, die ehrwürdige Hansastadt, bildet das Eingangstor nach Rügen. Es ist die Stadt der großen gotischen Hallenkirchen, der wundervollen waldumstandenen Teiche, der traulichen Gäßchen und gemütlichen Gaststätten. Die hanseatische Architektur ist im „Nürnberg der Ostsee" in ungewöhnlicher Vollkommenheit lebendig geblieben, hat nichts von ihren Beziehungen zur Gegenwart verloren. Vor der Meerstadt stand einst Wallenstein in ohnmächtiger Wut, weil der kleine Bürgermeister Lambert Steinwich seine Tore den Verheerern Pommerns nicht öffnen wollte. Im „traurigen Stralsund", wie einst Ernst Moritz Arndt sang, floß auch Schills Blut, als dieser die Stadt aus Napoleons Händen reißen wollte.
Auf Hiddensee, das im Norden des Sundes schimmernd grüßt, hat sich Gerhart Hauptmann eine Villa bauen lassen, um der „Literaten- insel" noch mehr Ruf zu verschaffen. Im Süden des Sundes ragt die Insel Dänholm aus den Fluten und drüben liegt, wie eine riesige Polypen- Oualle, zerlappt, mit dickem Kern und unheimlichen Fangarmen — Rügen! Von brandenden, plätschernden, rollenden Wogen ist es umgarnt und umschmeichelt. Die Sonne ließ den deutschen Kiefern- und Buchenwald in unversiegbarer Fülle auf ihm wachsen. Zwischen geschwungenen Höhen und beschatteten Tälern sagen sich noch Fuchs und Hase Gutenachf, das fröh- lische Kreischen der Möven tönt in das heisere Bellen der Robben, die sich aus heißgebrannten Riffen lagern, lieber schilfigen Ufern ziehen buntschillernde Enten, über riesigen Klippen schreiende Wildgänse. Vorgebirge, Landzungen Werder Halbinseln, Meerbusen, Buchten, Boden und Wieke, Dünen-, Riff- Stein'- oder Steilküste, Bastionen und Wälle und weißer Badestrand lassen das äußere landschaftliche Ufergepräge wie eine Beispiel- fammlung aller möglichen Küstenformationen erscheinen. Düstere Wald- seen, Mondfeen- und Gespensterhaine, Tausende von Hünengräbern, uralte Schlösser, Befestigungsanlagen, Tempelruinen und stille Kirchen künden von einer Sagen-, Mythen- und Gefchichtfymphonie, bei der die Urgermanen, die Slawen, Wenden, Nordländer und Deutschen gleicherweise Mitwirkten wie Wodans Heidentum. Swantewits Blutopfer fordernde Unversöhnlichkeit, der schönen Göttin Herta Grausamkeit und schließlich die selbstlose Mönchsarbeit einer Bekehrung zu Gott. Auf dieser Insel blühen andere Blumen als in den Vasen der Zivilisation; ^erleben andere Tiere als in den Käfigen zoologischer Gärten; und auch die Menschen sind anders, sind Insulaner, sie empfinden den Nächsten nicht als eine Bedrohung, denn auf dem Eiland im Baltischen Meer ist paradiesisch viel Platz, auf dieser Insel, deren weiße, leuchtende Kreidefelsen jedem schiss winken, wenn es weit hinten im Meer an ihnen vorüberfährt.
Am roeitqeöffneten Boden der Prorer Wiek, am Ausgang einer Sandnehrung, liegt Rügens größtes und feudalstes Bad: B i n z. Es vermag einen wundervollen weihen Strand und festen Badegrund aufzuwe,sen. Eingebettet in prächtige Laubwaldungen auf der einen und in Nadelwald auf der anderen Seite, wird es von welligen Höhenzugen vor rauhen Winden geschützt. Immer wieder erfreuen den Binzbesucher die gepflegten Promenaden und Plätze, das fröhliche, bewegte Treiben in ben Straffen, das stilvolle Kurhaus, die 600 Meter weit ins Meer ragende Seebrucke nut windgeschütztem Restaurant. Dann wieder macht die Doppelnatur des Ortes erstaunen: das alte Dorf mit feinen strohgedeckten Hütten, seinen anheimelnden sauberen Gärten, feinen urwüchsigen Fischern. Die üppige buchen- waldige Granitz mit dem fürstlichen Jagdschloß (dem Orientierungspunkt des ganzen Bädergebietes) bildet zusammen mit der Idylle °es schufum- säumten. Schmachter Sees ein begehrtes Ausflugs- und Abwechslung ziel.
Saßnitz hat im vorigen Jahre seinen Badestrand künstlich befestig hat jedoch die Stahlwände so gut verkleidet, daß "^ends der natürliche Eharakter leidet. Damit wird das einstige Bad Schieiermachers einen weiteren Anziehungspunkt schaffen, obwohl es deren bereits eine (fülle darbringen kann. Auf den Terrassen Jasmunds hingebettet, rmrfen weißen Villen vor dem Hintergrund der dunkelwaldigen Stübnitz wie h n- getupft, wie lauschige Stätten des Südens auf Feimngers Gemälden. Wildromantisch auch die Umgebung dieses bedeutenden WnP‘Q^“ b_- benkammer und seine Kreidefelsen, der einzigartige König, st h ■ Flughafen von Rügen ist der Selliner See am alten Fischerdorf eeUtn.
Der Badeort dagegen hat sich, vom Saum der Granitzwaldungen überschattet, in die günstigste Lage dem Ostseestrande zu gebettet, auf den es von hohen Ufern hinunter schaut. Die natürliche Schönheit Sellins wird von seiner reizvollen Umgebung noch unterstrichen. Erwähnt mag der Uferweg zur „Waldhalle" oder eine Fahrt zur Möveninsel „Werder" fein.
Waldungen führen zum eigenartigsten Teil Rügens hin, zum Mönch- gut, das einst eine chinesische Mauer der Abwehr gegen jeden fremden Einfluß aufrichtete. Zeugnis von der Starrköpfigkeit echt westfälischer Dickschädel, die zur Christianisierungszeit, von Mönchen gerufen, hier einwanderten.
Rings um das von Sagen umflatterte Nordperd (Hövt), einer weit und breit ins Meer stoßenden, waldbestandenen Hügelkette, lagert sich Bad Göhren. Doppelter Strand, bürgerliche Behaglichkeit, Anmut der Straßen und Villen, ungezwungene Heiterkeit geben Göhren das Ansehn, das alljährlich viele tausend Badegäste anlockt. — In raschem Aufschwung begriffen, kann Baabe mit seinem vorbildlichen Strand dienen. Es wird der Lunapark Rügens werden, denn feine ungezwungene Bewegungsfreiheit, feine Wafserrutschbahn, Tanzplatte, fein Heidelager und seine Waldverschwiegenheit lassen es immer mehr zu einem Tummelplatz großstädtischer Jugend wachsen. — Gemütlichen Aufenthalt beschert das fast vom Wasser umgebene Thiessow, an der Südostspitze Mönchguts. Es nennt sich stolz „die funkelnde Ecke am schönsten Edelstein Deutschlands" und hat in der Tat eine Reihe von Vorzügen, die ihm Eigenart und Einmaligkeit sichern. Pittoresk die Fischerhäuschen im holländisch gehaltenen Stil, bedeutungsvoll die Marine-Lotsenstation des Ortes, am schönsten aber sein doppelter Strand und der ausgedehnte Wald zwischen frischen, bienen« übersummten Wiesen und erdrüchigen Aeckern.
An der Nordküste der Halbinsel Jasmund, gegenüber Kap Arkana, liegt Bad Lohme malerisch auf hoher Steilküste in freundlicher Grüne der Stübnitz: ein Bad des Waldes, der Gärten und Erholung. Auf Witkow, dem „Ort der Winde" und mit dem Eiland Rügen nur durch eine schmale Landzunge verbunden, lagert sich Breege-Juliusruh quer vor Bodden und Wiek. Nette Villen und kleine Hotels inmitten saftiger Weiden und duftender Gärten geben dem Ort ein freundliches, schmuckes Aussehen. Park Juliusruh mit vielhundertjährigem Baumbestand, der feine, breite Badestrand und vor allem Bodden und Wiek als Paradies für Kanu und Paddelboot, haben den Ort zum Dftfeebab ber beutschen Wassersportler gemacht, zumal hier auch ber Deutsche Kanuverband sein Rügenlager unterhält.
Berühmt und schön: Putbus, die alte Fürstenresidenz und besuchter Lustkurort. Schloß, Orangerie, Schwanenteich inmitten eines herrlichen alten Parkes voll seltener, ausländischer Bäume, die bauliche, einheitliche Anordnung der 1815 vom Fürsten Matte gegründeten Ortschaft, haben ihr Ruf und Fremdenverkehr eingebracht, besonders da Putbus mit feinen Ortsteilen Lauterbach, Neuendorf und Vreechen an die See reicht, so daß es auch als Dftfeebab bezeichnet werden kann. Vom Frühling bis in den Spätherbst hinein blühen vor allen Häusern des Marktfleckens Rofenftöcke: Erinnerung und Symbol lebendiger Tradition. — Putbus gegenüber im Greifswalder Bodden, liegt die Malerinsel Vilm. Ein kleines Königreich für sich mit einem einzigen Hotel inmitten uralter Bäume, besonnter Buchten und Waldwege: eine Einsamkeitsstätte tiefster Beschaulichkeit.
Bäder-Insel Rügen! Von Arkona herab bis Thiessow ein Bad am andern, doch jedes verschieden vom andern in Charakter und Struktur.
Zur „Wald- und Wasserfreude^.
Novelle von Theodor Storm.
(Fortsetzung.!
Da geschah es eines Nachmittags, daß Herr Zippel seinen Wachtelhund vermißte. Da das Tier schon seit gestern nicht mehr gesehen war, so lief Kätti von Haus zu Haus, um es zu suchen, denn es war fast mit ihr aufgewachsen. Aber sie erfuhr nichts Bestimmtes; nur ein Kind behauptete, es habe die lange Irina, die dort hinterm Holze wohne, mit einem schwarz und weih gefleckten Hündchen auf dem Weg gesehen.
„O weh!" sagte die dicke Magd, als Kätti mit diesem Bericht nach Hause kam.
„Warum o weh, Anngretje?"
„Darum", sagte die Magd, „weil das Fideichen immer Buttersemmeln ah und sehr gut bei Schicke war."
„Deshalb?" — Kätti muhte lachen.
„Ja, ja, KSttichen; die lange Trina schlachtet die kleinen, selten Hunde; das Fett verkauft sie an den Apotheker in ber Stadt und macht auch Sympathie damit."
Nun erschrak das Mädchen ernstlich; aber Herr Zippel, der eben hinzutrat, langte in die Tasche und drückte ihr ein Geldstück in die Hand. „Geh selbst und tauf’s ber alten Hexe ab," sagte er; „Fibelchen wird schon noch am Leben fein!"
--Es führte burch den Walb ein Weg und von bleiern ein Fußsteig zu ber Wohnung ber langen Trina; Kätti aber fürchtete sich zu ver- irre'n und ging lieber im wetten Sogen um den Wald herum. Als sie nach stundenlanger Wanderung die Kate erreicht hatte, welche im Schatten eines lannenfdjiag lag, fiel ihr Blick zuerst auf ein gegen die Mauer gelehntes Brett, an dem die Fette von allerlei kleinem Getier, dem Anscheine nach zum Trocknen, festgehestet waren; Kätti besah sich eines nach dem anderen, doch schien Fidelchens Fett noch nicht dabei zu sein.
Bei ihrem Eintritt in die Wohnung saß die hagere Alte vor einer dampfenden Kaffeetasse. Sie hatte früher einmal bei einer verwitweten Kanrmerherrin in der Stabt gebient und nach berem Tode nebst anderem Plunder auch die schwarzen Krepphauben der Dame zum Geschenk erhalten, welche sie seitdem, mit bunten Bänderfetzen verziert, auf ihrem eigenen Kopfe trug. Kätti, obwohl vom Dorfe her die lange Irina ihr nicht unbekannt war, erschrak hier in der Einsamkeit doch etwas vor dem knochigen Bauernanllitz, das so grotesk unter dcm Flitterputz hervorjchaute.


