Da kommen auf einmal die drei Männer, die ich durch das Glas vor­hin an der Luke auf dem Segler hatte liegen sehen, durch den Außen- dcckgang zu uns heran. Niemand von uns hatte gesehen, daß und wie sie an Bord gekommen waren. Sie kamen heran, nebeneinander, mit einer merkwürdigen Verbundenheit ihres vagabundenhaften Aussehens. Meervagabunden. Langbeinig und braun, wie ein alter Pfeifenkopf. Bar­fuß, in schäbigen, geflickten und verwetzten Hosen, die Haare strohtrocken, verwählt, ausgelaugt von Wind und Regen, rötlich wie abgegriffenes Leder. Der Hut, den der eine aufhatte, war ein alter, verblitzter Panamahut.

Das erste, was mir auffiel, war, daß alle drei in einer betroffen machenden, einmütigen Art die rechte Hand in der Hosentasche hatten, steif, als hielten sie sich dort an etwas fest, was noch unsichtbar war, aber gleich in der nächsten Minute in Erscheinung treten könnte.

Ein unklarer Verdacht fuhr mir durchs Herz. Ich erschrak ein wenig, ohne zu wissen wovor. Dann schaute ich den Kapitän an. Der stand da, klein, blaß, hatte die Zähne aufeinandergebissen, hielt die Fäuste geballt etwas zurückgehalten an den Schenkeln.

Und bann raste es durch mein Blut und ließ es wie Eis erstarren. Mein Herzschlag gerann.

Wir sollten überfallen werden.

Die drei kamen näher, nicht hastig, aber mit einer unaufhaltsam drohenden Gleichartigkeit ... wie drei Räuber, in einem Traum in einen verschmolzen.

Der mit dem Hut machte höhnische Augen. Die anderen schauten starr und verbissen her auf den kleinen Kapitän ... wie sie die Hände so ver­flucht gefährlich immer in den Taschen festhielten.

Ein leichtes Zittern kam in meine Kniekehlen. Da sah ich, wie mit einer plötzlichen Heftigkeit alle sechs Augen vom Kapitän sortflogen und über meine linke Schulter hinweg an uns vorbei sich irgendwo seitlich und höher von mir hefteten. Ich hatte den Mut nicht, die drei aus den Augen zu lassen.

Aber da lüftete der eine den Hut ein wenig, und die anderen schlugen mit einem Finger an.

Ich danke Ihnen, Käpten", sagte er näselndGood by, Siri Wir haben die Lebensrnittel noch nicht notwendig."

Und mit dem schwangen sich alle drei, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, über die Reeling und waren auf einmal wieder unten in ihrem Schiff, zwischen der Unordnung und dem Schmutz ihres verkrätzten Decks.

Ich schaue unfern Kapitän an, zweifelnd und fragend, noch gestört von der Plötzlichkeit der Begebenheit und ihrer Auflösung. Da wies der Kapitän mit den Augen hinter mich, und wie ich mich umdrehe, sehe ich den Lauf meiner Winchesterbüchse sich durch eines der Ochsenaugen der Kombüse herausstrecken, gerade in der Richtung, aus der die drei gekommen waren. * %

Keine Angst, sie kann kein Bumbum machen", sagte lachend der Maschinist, dessen Gesicht hinter dem Lauf erschien.Ein Federchen ist aus dem Schloß herausgefallen."

Volldampf voraus!" schrie der Kapitän. Der Maschinentelegraph rappelte los.

Der Segler löste sich rasch zurück. Die drei lagen wieder an der Luke auf dem Boden gestreckt, drei andere setzten Segel, einer holte die Signal­flaggen ein, nachdem er wieder wie ein Affe mit Händen und Fußsohlen am Mast hinausgeklettert.

Was war das nun?" fragte der Kapitän, schaut mich an und geht rasch auf die Brücke.

. *

Ich werde nie wissen, ob der Scherz des Maschinisten mit meiner Büchse uns vor einem Ueberfall gerettet hat oder ob alles nur ein Spiel dummer kleiner Zusammenhänge war. Die Stunde mündete in den Sonnenuntergang, in dem sich in einer fernen Schönheit am Himmel die blutigen Ereignisse vollzogen, die vielleicht verborgen gebliebene und verronnene Absichten des Schicksals uns zugedacht hatten.

Der Kapitän hat die Begebenheit mit keinem Wort mehr erwähnt; ein Zeichen, wie stark sie auch ihn berührte.

Als Gast bei Richard Wagner.

Eine «Erinnerung an die Bayreuther Erstausführung desParsifal".

Von Baron Michael v. Meyendorff.

Einer der wenigen heute noch lebenden Augenzeugen der denkwürdigen erstenParsifal"-Aufführung vor 50 Jahren, der ehemalige russische Botschafter Baron v. Meyendorff, gibt die folgende anschauliche Schilderung der damaligen Bayreuther Feststimmung und seiner persönlichen Begegnung mit Richard Wagner.

Im Sommer des Jahres 1882 reifte ich damals ein 16jähriger Jüng­ling mit meiner Mutter nach Bayreuth, einem Ort, um den sich Legen­den gebildet hatten. Man erzählte, daß hier, in dem von Richard Wagner nach eigenen, für die damaligen Theaterbegriffe recht revolutionär an­mutenden Plänen erbauten Feftspielhaufe ein schwer begreifliches Wort! unerhörte Ansprüche an die Aufnahmefähigkeit eines sonst an die leichte Kost landläufiger Opernaufführungen gewöhnten Publikums gestellt wur­den. Man hatte ja bereits einige Erfahrungen nach den finanziell vertust-' vollen, aber künstlerisch um so wertvolleren Festvorstellungen des Nibe­lungenrings im Jahre 1876. Im Bayreuther Festspielhause, so hieß es, werden Opern die freilich von treuen und gesinnungstüchtigen Aposteln des Meisters nicht anders alsMusikdramen" genannt wurden von ungeahnter Länge und dennoch ohne den geringsten Strich aufgeführt. Wenn man beispielsweise vomRing" sprach, glaubten Uneingeweihte tat­sächlich, daß man vier Tage ununterbrochen in der Oper sitze! Ich meiner­seits war einigermaßen in die Geheimnisse der Wagnerkunst eingeweiht. Meine Mutter, die in freundschaftlichen Beziehungen zu dem Schwieger­vater des Meisters, zu Franz Liszt, stand, wußte, was es mit dem neuesten Werk Wagners auf sich hatte, und so war ich wenigstens vor der Wiederholung des meisten Unsinns, der über das Werk und die Person des Meisters im Umlauf waren, von ihr gewarnt.

Bayreuth war damals noch ein kleines, abseits der großen Verkehrs- wege liegendes Nest. Ein glänzendes internationales Publikum, darunter zahlreiche deutsche und fremde Fürstlichkeiten, hatte sich in dem sonst schlafenden Städtchen am Roten Main versammelt. Gegen 16 Uhr eine für damalige Begriffe recht ungewohnte Theaterzeit begab ich mich ju der mit fieberhafter Spannung erwarteten Uraufführung, deren Generalprobe meine Mutter durch Vermittlung Liszts beigewohnt hatte und deren Eindruck auf sie von ungeheurer Gewalt gewesen war. Obwohl ich aus Erzählungen mit dem eigenartigen Bau des Festspielhauses bereits vertraut war, konnte ich beim Betreten des Hauses einen Ausruf der Be­wunderung nicht unterdrücken. Es war kein Theater mit vergoldeten Sesseln und pompösen Ranglogen, sondern ein schlichter, tempelartiger Bau, der gerade durch die vornehme Einfachheit seines hellenischen Stils auf mich, der eine klassische Bildung genossen hatte, ganz besonders impo­nierend wirkte. Ein mit erlesener Eleganz gekleidetes Publikum strömte durch die Gänge, die das Theater gleichsam umfassend das übliche Foyer! ersetzten. Wieder eine Neuerung, die manchen staunen ließ: statt Des ge­wohnten schrillen Glockenzeichens feierliche Posaunentöne, die dreimal ertönten und die allgemeine Spannung womöglich noch erhöhten. Vor fieberhafter Erwartung zitternd, betrat ich den nicht hell, sondern matt erleuchteten Saal des eigenartigenOpernhauses", in dem das Orchester zu fehlen schien. Aus einem verdeckten Abgrund, der tief unter der Bühne lag, hörte man gedämpfte Klänge, wie man sie bei dem Stimmen von Instrumenten vernimmt. Die Türen wurden geschloffen, das Licht er­losch, der heißersehnte Augenblick war da. In Erwartung dieses Mo­ments hatte ich die erste in Bayreuth verbrachte Nacht kein Auge schließen.: können.

Das Vorspiel begann. Diesen ersten Eindruck von der Klangwirkung des versteckten Orchesters werde ich nie vergessen eine Empfindung, die jedem begeisterten Bayreuth-Besucher bekannt [ein wird. Langsam und erhaben, in allmählicher Steigerung, um bann gleichsam zu ersterben, rauschte bas Vorspiel vorbei. Nach bem ersten Akt, ber doch eigentlich un­gewöhnlich lang er hatte knapp zwei Stunben, also bie Normallängc einer italienischen Durchschnittsoper gebauert erscheinen mußte, war bas Publikum tief erschüttert. Ich sah Männer, bie, wie es bie bamalige Mobe verlangte, langeHeldenbärte" trugen, wie Kinber vor Erschütte­rung schluchzten! Frauen taumelten, wie Nachtwanblerinnen in stiller Ekstase versunken, ins Freie. Es war eine bei einerOpernaufführung" noch nie erlebte Wirkung.

Nach bem zweiten Akt brach ein spontaner Beifall aus. Das Verbot, beimParsifal" zu applaubieren, ist nämlich erst später erlassen worben Plötzlich erschien Wagner in seiner Loge und rief mit lauter Stimme einige Worte in den von Beifall dröhnenden Raum. Totenstille trat so­fort ein, und ich vernahm die ziemlich schrille Stimme des Meisters, ber in einem unverkennbar sächsischen Tonfall sprach. Wagner schien über bic unzähligen Hervorrufe ber Sänger recht ungehalten zu fein, ba sie bi« feierliche Stimmung nach feiner Auffassung zerstörten. Nach bem weihe­vollen Schluß bes letzten Aktes wagte nun niemanb zu applaubieren. Einige schüchterne Versuche wurden sofort heftig niedergezischt. Aber auch das schien dem als ungewöhnlich launisch bekannten Meister nicht recht zu sein. Wieder ertönte Wagners Stimme. Diesmal, nach Beendigung der Vorstellung, erläuterte er, könne eine Beifallskundgebung keineswegs störend wirken, sondern wäre ein schuldiger Dank, der den Darstellern für ihre außergewöhnlichen und opferfreudigen Leistungen gebührte. Der Dichterkomponist klatschte nun selbst mit größter Begeisterung und riß das Publikum zu frenetischen Applaussalven mit. Tief ergriffen verließen wir meine Mutter und ich das Haus, in dem wir soviel im Theater Ungewohntes erlebt hatten. Selbst der Vorhang vervollständigte das Maß meiner Bewunderung, denn er ging nicht in die Höhe, sondern teilte sich! Auch bie Theatermaschinerie von Bayreuth, heute belächelt, wirkte damals wie eine technische Offenbarung.

Am nächsten Tag wurde dieses Kunsterlebnis durch eine, wenn auch flüchtige Begegnung mit dem Schöpfer dieses Werkes ergänzt und gekrönt. In der Villa W a h n f r i e d, bie in ihrer strengen Bauart gleichfalls- ungewohnt wirkte, fanb ein glänzendes Fest statt. Die Zahl der geladenen Gäste war sehr groß. Ich konnte mich nur mit Mühe in der Menge ber festlich getleibeten Damen und Herren bewegen. Der Herr bes Hauses- lief in raschen Schritten von einer Gruppe zur anderen für jeden batte er ein meistens scherzhaftes Wort, denn er war an diesem Abend, nach dem Erfolg des Vortages, besonders gut aufgelegt. Der Meister näherte sich mir, ich stand wie versteinert und wagte es kaum, dem Kompo­nisten desParsifal" ins Gesicht zu sehen. Wagner bemerkte sosort meine Befangenheit und sah mir nun prüfend ins Auge. Dieser Blick leuchtet mir noch heute nach einer Zeitspanne von 50 Jahren, in der Throne ge­stürzt und Landkarten umgeschnitten wurden entgegen. Mir fiel ber unverhältnismäßig große Kopf bes kleinen Mannes auf. Seine Augen waren hellblau unb befaßen einen ganz befonberen, fafjinierenben Glanz. Sie bildeten einen scharfen Kontrast zu dem gelblich-blassen, von tiefen Falten durchfurchten, etwas aufgedunsenem Gesicht des Meisters.Ihnen hat derParsifal" wohl nicht gefallen?" fragte Wagner scherzhaft. Ich stammelte einige ungeschickte Worte der Begeisterung.Der Junge scheint mir dennoch ein verkappter Brahmsianer zu sein!" sagte bann ber Meister zu meiner Mutter, bie biefer humoristischen Behauptung selbstverständlich widersprach; er gab mir einen freundlichen Klaps auf die Wange und ver­schwand, zu der nächsten Gruppe eilend und feine Hausherrenpflicht er­füllend. Ich hatte damals noch keine einzige Note von Brahms gehört, den Wagner ob mit Recht ober nicht, mag bahingestellt bleiben als feinen größten Wiberfacher betrachtete. Beinahe wäre ich bem Meister nachgestürzt, um ihm nachträglich zu erklären, baß ich von ber Musik Brahms' keine Ahnung hatte!

Ich erinnere mich noch heute an das außergewöhnlich schmackhafte Essen, das von einem kalten Bufett serviert wurde.Wenn man bedenkt, wie Wagner in Paris hungern mußte!" sagte ein Herr, einen italienischen Salat erster Güte genießend, wie ich mich deutlich erinnere. Dann sah ich Wagner in einem eifrigen Gespräch mit dem berühmten Heltentenor Albert Niemann und mit anderen Künstlern. Beim Abschied durfte ich von