Von Johanngeorgenstadt ging es mit den frischen Vieren auf einer ilichen Strahe abwärts. Das federnde Gerüttel erhielt sie lebhaft.

Du kannst aut kein, mein Goethe, und ich bin glücklich in deiner Liebe. Heimat ist sie mir nicht. Was soll aus dir und mir werden, wenn du alles erschöpft hast, was du zu deinem Bilde brauchst. Denk an Tasso, denk an Elpenor, an Faust! Sie bleiben liegen du gehst von ihnen fort, wenn du aus ihnen nichts mehr greifen kannst.

Seit wann zweifelt meine Lotts an mir?'

Du bist still geworden, mir wird bange nach dir.

Sie schwiegen. Er war unruhig. Ahnte sie mehr als er? Floh er, da er nach dem Süden wollte? Blieb er nicht auch dort überall mit ihr, der Einzigen, die ihm alles war, was alles man an einem Men­schen haben kann, nur das eine nicht sein Weib? Er hätte sie nirgends verlieren können, jetzt nicht mehr. Goethe suchte nach einem Worte.

Es geschieht mir wie der Natur hier, Lotte. Don ihr her kommt auch die Bangigkeit über dich. Verschlossene Wälder, ein kümmerliches Rinnsal, eine Hütte voll Armut. Hier ist die Natur an eine Grenze gekommen und bleibt stehen: so und nicht weiter."

Nein du bist nicht wie diese Natur, Goethe", antwortete ste leb­haft, als habe sie gewartet.Aber ich glaube dir, daß du an einer deiner Grenzen bist. Und das ist es, was mich bange macht, denn du mußt über alle Grenzen hinauswollen."

leidlichen Straße abwärts. Das federnde Gerüttel erhielt sie levyasl.

Das Land schien offener und freundlicher. Böhmen lag hinter ihnen. Und Goethe war gestimmt wie seine Freundin: als sei der Sommer vorbei und man fände ins Gehege. Er fühlte sich eine Zeitlang ganz außerhalb seiner nächsten Pläne. So kam es Charlottens Augen glanzten voraus daß er auch ihre Heimgedanken teilte und sich des Gespräches erinnerte, das sie vor ihrer Mahlzeit in einer ernsteren, verschlossenen Landschaft geführt hatten. .

Wir sollen beide darin unrecht haben, daß ich ohne Heimat sei. Mag auch die Sehnsucht Iphigeniens das Herz des Barbaren über­wältigen, und gebe ihr Toas die Segel nach Griechenland frei: sie such nicht Griechenland, das Land der Griechen sucht sie. Das ist nicht nur Berg und Tal und Stadt und nicht nur unverändertes, getreues Ding Menschentum ist's. Der Saurier fühlt, daß sie ihr Menschen­tum ewig missen würde, deshalb verzichtet.er. Mir wird dies eben erst klar da ich mich der Hütte mit den schreienden Kindern erinnere. Dort ist's die Heimat des Geborgenseins, der Gewohnheit, des Schlupfwinkels. Und wir dürfen nicht kärglich bleiben bei dem Gedanken. Auch ein Schloß eine Hofgesellschaft, eine Stadt kann Heimat des Schlupfwinkels, des Geborgenseins im Ding bedeuten. Aber es gibt noch eine andere Heimat- das Menschentum, das man gewonnen hat. Du freilich sagst, vergewaltigt. Aber du sagst es nur, um mich enger auf mich selbst zu beschränken. Seid ihr's nicht alle, meine Heimat, und du vor allen! Muß ich nicht meiner Seele ganze Kraft anspannen wollen, diese Heimal stets neu zu erobern?"

Sie reichte ihm wieder die Hand. .,

Nun bist du schön bei dir, mein Freund; und deine Liebe freut mich

Verantwortlich: vr. HanS Thhriot. - Druck und Verlag: Brühl',che Univers itälS-Vuch. und Steindruckerei, B. Lange, Gießen.

wieder." . . ,

Weil ich nicht bei mir bin, sondern bei dir und ihnen, tue mir Heimat sind. Ist das nicht ein Organismus, so lebenseinig als unser eines jeglichen Leib? Wo ich auch wäre und bliebe, ich bin mit euch und in euch und ihr in mir. Voller, freier, des Schönen mächtig werden, daß ihr es werdet! Erst dann werde ich wirklich voll, frei und des Schonen mächtig geworden sein."

Dein Weg, Goethe." So bekräftigte sie dankbar. Ihr Kopf war zu- rückgelehnt, ihre Augen waren halb geschlossen, sie war ganz an seinen Laut hingegeben.

(Schluß folgt.)

i,en3n'ii>ir allein, Lotte, sonst nirgends", fügte er bei, als wünsche er eine'Undankbarkeit gutzumachen.

Schall der Ballmusik, der sich bald im Rücken der Heimwandelnden ver- ^r SE war es geworden im Schauen und Warten, und nun war nur ein flüsterndes Berichten übrig von diesem und jenem Kleide, das man nack am Tage aus der Nähe gesehen hatte, bei dem man behilflich gewe- se? war und von manchem faLlhaftem Schmuck Man hielt für em Gute-Nacht vor den Häusern der .Wiese' an, ehe der Schlussel ins ~o fand- über die Johannisbrücke hin und auf dem Rmg zerrann aber de Schwarm der Tagesmüden ohne Zögern -- auch sie befriedigt von der Gräfin, die das Tal in solchem Glanze hatte aufleuchten lassem

Es war ein Sommertag, mild in vorausahnender Kuhle. Sie hatten das Hinterdeck der Berlins zurücklegen la sen und fuhren in mäßiger Gangart der Pferde wohl eine Stunde schon über ben Ort Reud hinaus der Sattelhöhe des Erzgebirges zu. Der Wasserlauf neben der Straße eben erst kräftig genug, um das Rad einer Muhle oder den Hammer einer Schmiede zu treiben, schwand Zusehens zu einem dünnen Geriesel keine Granittrümmer mehr, leichtes Gerolle das bald seinen Ort findet und selbst die stattlichen dunklen Erlen wurden zu Buschwerk.

Als die Straße um den Turmfelsen von Neudeck gebogen war, hatte ihr Goethe versprechen müssen, dieses fast bedrohliche Gebilde zu zeichnen, iqr wveii-e _____nfo.rfv flocke, schwarze

Daß ich es stets will, kann ich nicht leugnen. Hätte ich eine Heimat, hätte ich ein Heim, wär's anders um mich."

Daran sollst du nicht immer rühren ;

Das bewegt mich am meisten! Du allein warst meine Heimat. "Nein darauf will ich nicht zurück." Sie legte die Wange an ihre beschuhte Handfläche»- leicht auf die Armlehne gestutzt, sah ße ^uaus abgewandt von seinen aufmerksamen Augen.Du hast uns alle hast unser Weimar dir angeeignet, und habet bist du aus

rischen Stürmer ein höfischer Bürger geworden. Menschen deiner Fasson hat es nicht gegeben. Man hat bürgerliche Genies im Ver­ehr mit Höfen gesehen, Zimmermann ist !° ein Typ, und wir haben eine Zahl bei uns aber du bist anders. Du hast den Hof besesstn. Durch den Herzog freilich, aber was war es anders als Besitz. S e haben sich alle gewehrt. Du haft aus uns Burger gemacht, hofyche Bürger, wie du einer geworden bist. Der Herzog muß nach Preußen ediappieren wenn er etwas retten will. Du bist em Vergewaltiger. Aber nun bist du an der Grenze. Das ist meine Furcht und dem Migmut: du kannst nichts weiter aus uns machen." _... . , ,

Sie war ganz frei geworden, lächelte bet den letzten Sätzen und sah

Der^e^s ^ad^^dem^Mauerreste eVner Cyklopenburg gleich: flache, schwarze I ihn an, dessen Augen voll zärtlicher Freude an ihr tigern okls i i) , C£ (C sat. fCrtrhüHprunnon Zll Trok ae- I Du hust nach 9Bci6crQrt alles das, was du nur angeschafsen, nun auch mir zu Schuld und Ursache gemacht und klagst über Gewalt, bk ich dir und allen angetan. Ich war mit dem Herzog, wenn ihn die Ungeduld umgetrieben, die er sich an seinem engelhaften Weibe geholt I hat Deinetwegen, Lotte, auch deinetwegen war ich mit ihm, auch IO) 3 voll Ungeduld Ich habe mir Amt um Amt austochen lassen und w,e 1 -in Ackergaul gezogen deinetwegen, auch deinetwegen. Und nun wirfst du mir das ResumL vor: höfischer Bürger! - Vielleicht ist das ganze Bürgertum an eine Grenze gelangt, die überschritten werden muß, und e5 ist natürlich, daß sich der Adel an dieser Grenze mit ihm begegne, feis in Haß ober Siebe." . .

Rede nur, rode! Wir -haben unsere Herzen an dich verloren, und du hast" das deine behalten. Darum hast du keine Heimat."

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" 'Ilm/ Hand war klein und zart, sie erwiderte den leisen Druck der seinen kaum, aber sie blieb in der seinen wie ein weicher Vogellew, an dem man behutsam wird, um nicht wehe zu tun.

Und so dursten ste wieder schweigen. Hte und bq nur fiel ein Wort über bas, was an ihnen vorbeikam.

Im Posthause zu Johanngeorgenstadt, wo ste Relais erhielten, nahmen sie das Essen und wurden von Charlottes Mmchen bedient. Goethe war um das Beste bemüht gewesen und tat alles, die geliebte Srrau vom Herzen zu erheitern. Da aber auch sie auf lange Zett nicht an einen Tisch allein mit ihm denken konnte nach neuer sparender Hofordnung speiste Stein zuhause gab sie sich der freunolichen Ge­legenheit hin wie einer letzten erlesenen Stunde vor dem Ausbruche in einen langen Alltag. Und das erhellte ihren Geist zu einer Anmut, die sich ihren müden Zügen und meist ernsten Augen verstingenb mit-

Sie schüttelte den Kopf. I teilte. Es wurde Goethe nicht schwer, sein Wort 3u beflügeln Jem Herz

Ein Mensch kann des andern Heimat nicht fern, inst eine tfrau des I ergießen. Sie hatten ein Mahl so schön und voll des köstlichen Be- Mannes Heimat nicht. Heimat ist Geborgensein, und Geborgensein ver- sie seiner noch lange dachten

langt einen treuen Bestand an unverändertem Ding, erprobt in alle I .... ....... -------°

Lebenslagen. Menschen sind keine Dinge Du hast nur immer aUe Welt an dich gerissen, nach deinem Bilde umgeschaffen darum hast du keine Heimat. Du hast dich stets gewandelt und alles mit dir.

Grausam kann meine Lotte sein."

Ein wenig grausam sind alle, die einen Besitz vor den andern vor- voraushaben. Und ich habe meine Heimat. Es ist schön m dem Karls- babe, plaisant und stärkenb, aber ich freue mich heim Und du weiht, daß mich kaum Heiteres erwartet. Aber alles um mich her, Haus und Mensch alles wird mit mir fein und an mir teilhaben. Du kennst das nicht, du bist nicht mit den Dingen und Menschen; du willst sie nur zu den Deinen machen und baust dich weiter. Du muht starker sein als wir alle, aber wir besitzen mehr als du."

So wendest du dich im innersten vor mir, Lotte! Weißt du, daß du dich" jetzt von mir gewendet haft.? " .

Er sagte das betroffen. Sie aber blieb ruhig, sie lächelte.

,Es ist die ewige Revolte der Ueberroältigten, mein Freund.

Er haschte nach ihrer Hanb und drückte sie hastig an die Lippen. Dann stünde es mir an, gegen dich zu revoltieren, und nicht dir

Blöcke aufeinandergehäuft. Er war den Erschütterungen, zu Trotz ge­blieben die sonst die Gesteinsbauten der Urzeit rings gesprengt und in bie Talsohle gerollt hatten. Gegen die Straßenkehre hm war er unter­mauert und ein bezinnter, vierkantiger Wachtturm Überhöhte ihn wehr­haft und sah doch auf diesem Sockel dem Spielwerke einer schwächlichen, gewitzten Zeit gleich. Alles ein Vorwurf für die romantische Neigung der Griechischen Hand, die Charlotte fein zu fuhren wußte.

Einsilbig blieb der Freund seither, wenn er auch zärtlich auf >hr Ve- baaen bedacht war. So saßen die beiden in ihrem langsamer hman- roUenben Gefährte, still von der Landschaft umfangen. Das Gebirge schlug sanfte Wellen ernster, kühler Wälder. Nur am Bache gerodetes jjani), Wiesen meist und wenige Felder einer spärlichen Frucht, der.man streut^ech" f eSdjtes qelliuchk/Mauer/er/ mit deinen ^Fenstern ein I ' 'Sie reichte ihm die Hand und wehrte zuglellh :Nein bleib dort in onnenoerbranntes Schindeldach, dem die Schneelasten des Winters schwer beiner Ecke. Wir sind allein in diesem Schlotterkasten und nur Mmchen . Lvrben konnten dicke Schornsteine. Hier mochte es kalt werden. Die I auf dem Bocke. Ich bin deiner chevaleresken Zurückhaltung bedürf

Kinder einer dieser Hütten mußten, als sie bekommen hatten, mit der I tiger als tf*" Peitsche verjagt werden, und bann schrien sie dem Wagen, solange ihre Stimme reichte, einen unverständlichen Schimpf nach.

Fühlst du nicht den Winter jetzt schon und die Kalte? Er legk ihr das Tuch dichter um die Schulter und ruckte sich tiefer tn fernem Mantel und auf dem Sitze zurecht.

Und auch das ist Heimat", fetzte er hinzu.

"Du redest wie einer, der keine hat", meinte sie und ließ ihre Augen über die Wipfel gehen, die in einer fünften Sonne unbeweglich und schweigsam standen, als wüßten sie von verborgener Schönheit.

Ich habe keine", sagte er ruhig. ... . _ niif

Da schauderte auch ihr, und er legte d,e Hand naher neben ste auf