Wirklich zeigte sich in eben diesem Augenblicke von der einen Seite her eine hagere Rotmantetgestalt mit einer Papierkrone:

Wer bist du, schöne Frau? Wo kommst du hergereist?

Im Krieg ist mancher Mann manchmalen etwas dreist."

Auch im Frieden", tuschelte Sarastro dem Baron zu. Judith aber fuhr fort: , ,

Ergebne Dreistigkeit erleid ich sittig gern,

Ich nenne Judith mich und suche cholosern."

So bin ich's, den du suchst ... Wie war ich so allein ..."

Doch nur durch deine Schuld ..."Es soll nicht länger sein ...

Und unter einem halb besehlshaberischen, halb vertraulichen Augen- und Fingerwink aus sein Zelt zuschreitend, folgte Judith, mährend das gleichzeitig im Nebenzimmer erlöschende Licht anzeigte, daß der Vorhang vorläufig falle.

Der junge Graf wollte Beifall klatschen, der Oheim aber hielt ihn zurück und erklärte,daß man sein Feuer, auch in solchen Dingen, nicht zu früh verknattern müsse. Dies alles fei nur Vorspiel und stelle viel, viel Jntrikateres in Aussicht. Er, für seine Person, sei vor allem neu­gierig, wie Fräulein gewisse szenische Schwierigkeiten, so beispielsweise das Konnubium und in zweiter Reihe die Dekapitgtion, überwinden werde. Freilich bestreite man jetzt das Vorhandensein szenischer Schwierig­keiten, aber alles habe doch seine Grenze."

Sarastro würde noch weitergesprochen haben, wenn nicht das sich wieder erhellende Nebenzimmer den Fortgang der Handlung angezeigt hätte. Wirklich erschien im nächsten Augenblicke Judith aufs neue, dies­mal, um ihren entscheidenden Monolog zu halten.

Er sterbe ... Muß er's denn? Mir selber ist es leid,

Er sprach von einem Schmuck und sprach von einem Kleid, Allein wer bürgt dafür? Ich weiß, wie Männer sind.

Ist erst der Sturm vorbei, so dreht sich auch der Wind;

Er sprach von Frau sogar, allein was ist es wert? ... Komm denn an meine Brust, geliebtes Racheschwert!

Er hat es so gewollt, ich fasse seinen Schopf,

Daß er. mich zubegehrt, das kostet ihm den Kopf."

Und im selben Augenblick (die Gestalt des Holofernes war inzwischen aus der Tiefe heraufgestiegen) vollzog sich auch schon der Enthauptungs­akt, und der Kopf des Holofernes flog, über die Gardine fort, ins andere Zimmer hinein und fiel hier vor Baron Papageno nieder. Alles klatschte dem Stück und mehr noch dem virtuosen Schwerthiebe Beifall, der alte Baron aber nahm den ihm zu Füßen liegenden Kopf auf und sagte: Wahrhaftig, bloß eine Kartoffel. Kein Holofernes. Und doch war es mir, als ob er lebe. Was eigentlich auch nicht wundernehmen kann. Denn, früher ober später, ist eine derartige Dekapitation unser aller Los. Irgendeine Judith, die wir ,zubegehren' beiläufig eine herrliche Wortbildung, entscheidet über uns und tötet uns so oder so."

Lassen "Sie,s Baron! Wozu diese schwermütigen Betrachtungen.

Ich find es einfach superb. Und glücklich der Dichter, der derlei schaffen konnte. Sie, Fräulein Wanda, nannten vorhin einen Namen, aber vielleicht nur, um von sich persönlich abzulenken ... Eigene Schöp­fung?"

O nein, Herr Graf."

Nun, wenn nicht von Ihnen, meine Gnädigste, von wem denn?"

Von einem jungen Freunde."

Will sagen, von einem alten Anbeter."

Nein, Herr Graf, von einem wirklichen jungen Freunde, von einem Studenten."

Das sind wir alle. Was studiert er? Darauf kommt es an."

Ich habe das Wort vergessen, und auf seiner Karte steht es immer nur halb. Und fein Museum ist in der Königgrätzer Straße. Da wollen sie, wenn mir recht ist, herauskriegen, wie die Welt entstanden ist und woraus und wann."

Und vielleicht auch warum? Ein sehr interessantes Studium ... Und er dichtet auch?"

Wanda bejahte, zugleich hinzuseßend, daß es nichts Leichtes gewesen sei, seiner ernsten Richtung in der Kunst ein Stück wie .Judith und Holo­fernes' abzugewinnen.Er werde seine Muse nicht entweihen", feien damals seine Worte gewesen. 2(ber sie habe, Gott sei Dank! Mittel in Händen gehabt, ihn zu zwingen.

Ah, ich verstehe ..."

Nein, nicht das, Herr Graf. Er ist ein sehr verschämter junger Mann und lieft mir bloß seine großen Trauerspiele vor, immer mit einem Vor­spiel. Und dabei hofft er auf meine Fürsprache. Damit hab ich ihn in der Gewalt. Freilich, ich muß es sagen, es wird nichts mit ihm. Aber ein guter Junge, der mir alles zuliebe tut."

Glaub ich", lachte der Baron.Aber, meine Gnädigste, wer wollt es auch anders? Und nun denk ich, wir machen einen Whist."

Ein Spieltisch wurde herbeigeschafft und aufgeklappt, und die drei Herren und Wanda nahmen Platz. Auf ein niedriges Tischchen daneben wurde ein Champagnerkühler gesetzt, und der alte Gras in Person machte den Wirt. Eigentlich trank nur Wanda, trotzdem auch ihr ein Spatenbräu sehr viel lieber gewesen wäre. Stine stand hinter Papagenos Stuhl und mußte die Versicherung mit anhören:Eine reine Jungfrau bringt Glück". Die Pittelkow machte sich wirtschaftlich zu tun und putzte bereits die Gabeln wieder blank.

So verging eine gute Weile. Zuletzt aber warf der alte Graf die Karten hin und sagte:Kommt nichts dabei heraus. Ein Spiel ist eigent­lich nur was, wenn es la banque ou la vie geht. Ich glaub, ich habe sieben Mark verloren,und quäle mich nun schon eine Glockenstunde. Wanda, sind Sie bet Stimme? Natürlich; was frag ich noch. Eine Dame wie Sie hat ihre Requisiten immer bei sich"

Papageno lachte.

Der alte Graf aber fuhr fort: ,,... Welche Perspektive! Auf Ihr Wohl, Wanda! Und auf das Ihre, Fräulein Stine! Pauline braucht unser Wohl nicht, der ist wohl von selbst."

Na, na, Graf. Bloß nich so. Von selbst? Wovon denn? W-ik es Gott, es is auch nich immer 'n Vergnügen."

O vorzüglich, Pauline. Du bist doch die Beste. Stoß an, Kind! Abe» nun singen, Wanda."

Ja, wer begleitet?"

Natürlich der, der allein begleiten kann: Papageno."

Gut, gut."

Und der alte Baron schob einen Stuhl ans Klavier, drehte den kleinen Schlüssel und öffnete.Was soll es sein?"

Nun", sagte der alte Graf,das wenigstens sind wir dir schuldig, Freund, daß wir mit der Papageno-Arie beginnen. Also: ,Bei Männern, welche Liebe fühlen, fehlt auch ein gutes Herze nicht'. Aber freilich, das ist eine Plattitüde, das ist selbstverständlich. Erst was folgt, ist das Eigent­liche. ,Die süßen Triebe mitzusühlen, ist dann des Weibes erste Pflicht'."

Der Baron nickte zustimmend und wiederholte den Schluß:.. ist dann des Weibes erste Pflicht." Wanda aber, die, wie die meisten ihrer Art, an ganz unmotivierten Anstands- und Tugendrückfällen litt, sagte mit einem Male:Nein, meine Herren, es ist noch zu früh. Ich finde, dies Lied ist schon über der Grenze."

Die Herren sahen einander an, weil keiner wußte, was er aus diesem Unsinn machen sollte, die Pittelkow aber, die sich über dasWandasche Gehabe" ganz aufrichtig ärgerte, fuhr energisch dazwischen und sagte: Jott, Wanda, bloß keine Geschichten. Jrenze! Wenn eine so was hört! Man is entweder rüber, ober man is nich rüber. Un wenn man erst rüber is, un wir finb rüber, bann is es auch ganz egal, ob es Klock zehn is ober Klock elfe. Nein, Wanba, bloß nich zieren! Immer anftänbig, bafür bin ich, aber zieren kann ich nich leiben."

Es schien sich ein Streit entspannen zu sollen, der, bei bem rücksichts­losen Charakter ber Pittelkow, bei ber alles immer biegen ober brechen mußte, leicht zu sehr unliebsamen Erörterungen hätte führen können. Niemanb wußte bas, nach allerpersöulichsten Erfahrungen, besser als ber alte Graf selbst. Er sprang also über ben Streitpunkt rasch weg und sagte: Sann bin ich, wenn es die .Zauberflöte' nicht sein kann, für den .Alten Feldherrn'. Aber im Kostüm."

Das wurde denn auch allerseits freudig ausgenommen, und nach kurzem Rückzug in die Nebenstube trat Wanda wieder ein, rot drapiert und eine Gardinenstange statt des Fahnenstocks in der Hand.

Singen, singen!"

Ich werde ja", sagte Wanda, sich vor ihrem Publikum verneigend, aber was? Der .Alte Feldherr' hat zwei Stücke."

Nun denn, das Hauptstück: .Fordre niemand mein Schicksal zu hören!' Ein wundervolles Lied und ebenso wahr wie ergreifend. Eigentlich könnt es jeder fingen, vor allem solche alte Feldherren wie wir. Nicht wahr, Papageno, Aber nun anfangen! Schnell, schnell!"

Und im nächsten Augenblick brach es los, und durch alle drei Stock­werke hin, so daß selbst die Polzins oben es hören konnten, klang es in immer erneutem Refrain:

Ist mir nichts, ist mir gar nichts geblieben

Als die Ehr und dies alternde Haupt."

Die Pittelkow hatte sich dabei hinter den Stuhl des alten Grafen gestellt und schlug mit ihrem Zeigefinger den Takt auf seiner kohlen Kopfstelle.

Wanda war glücklich und gab immer Neues zum besten, wobei die Pittelkow, die viel Gehör hatte, die zweite Stimme fang, während Sarastro mit seinem Baß und der nach wie vor am Klavier begleitende Papageno mit seinem schadhaft gewordenen Bariton einfielen.

Nur der junge Gras und Stine schwiegen und wechselten Blicke. Sechstes Kapitel.

So verging noch eine Stunde. Dann brach man endlich auf, und Sarastro und Papageno baten mit aller Dringlichkeit um die Ehre, Fräu­lein Wanda,damit ihr nichts zustoße", gemeinschaftlich nach Hause bringen zu dürfen. Der junge Graf schloß sich wohl ober übel an. Die so hoppelt unb breifach Gefeierte brang freilich ihrerseits auf Verein­fachung des Verfahrens, immer wieher versichernb,daß einer genüge". Sie sah sich aber überstimmt.Sie Verantwortung sei zu groß."

Als alle fort waren, nahm die Pittelkow ihre Schwester um die Taille, walzte mit ihr dreimal im Zimmer umher und sagte bann:So, Stine, nu wird es erst nett. Eine braune Kanne voll hab ich uns gleich noch beiseite gestellt, unb ein paar Morgensemmeln finb auch noch da. Sie werben nu wall zäh genug fein, aber mit Butter geht es hoch, da rutschen sie... Nein, diese Wanda, nicht zu glauben. Und eine Stimme, wiene Harfenjule."

Stine versuchte zum Guten zu reden und warf der Schwester vor, daß sie, wie gewöhnlich, viel zu streng sei. Zudem verrate sie sich; alles, was sie da sage, sei doch bloß aus Eifersucht. Aber sie brauche gar nicht eifer­süchtig zu fein, denn alle drei seien ja mitgegangen, und drei seien immer besser als einer. Sie gute Wanda. Nun ja, wenn man wolle, so ließe sich jedem was ans Zeug flicken (ihnen beiden auch), alles in allem aber sei die Grützmacher eigentlich eine nette Person und jedenfalls eine sehr gutmütige.

Ja", sagte Pauline,das ist sie; man bloß so wichtig und gierig. Und wenn sie sich bann ausgeziert hat, denn ziert sie sich wieder nicht genug und hat so was Johliges und Genierliches."

Su bist heute gut im Zuge", lachte Stine.Sas also ist Wanda. Und nun sage mir, wie bin ich denn? Aber nein, sag es nur lieber nicht..."

Will auch nicht..."

Sage mir lieber etwas über die drei! Wie steht es mit bem alten Grafen?"

Ein Ekel."

Und mit bem Baron?"

Ein Summbart."

Und mit dem jungen Grafen?"

Ein armes, krankes Huhn." (Fortsetzung folgt.)

Berantwortlich: Dr. Hans Thhriot. Druck und Derlag: Drühlsche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.