George Washington.

Zum 200. Geburtslage des amerikanischen Tlationalhelden.

Von Dr. Paul Landau.

3ii einem schlecht gedruckten deutschen Kalender rauher pennsylvanischer Bauern ist zu Neujahr 1784 George Washington zuerst des Landes Vater" genannt worden. Seinem Volk und seinem Land hatte er in langen Krieqsjahren die Unabhängigkeit erkämpft. Seme Soldaten suhlten sich als seine Kmder, für die er sich ausgeopsert hat. Aber die Burger ener Staaten, die so eifersüchtig über ihre Selbständigkeit wachten, die nur der Gegensatz zu England mühsam geeint hatte? Sie standen ihm noch vielfach mißtrauisch gegenüber. Auch als Führer im frieden, als erster Präsident der Union, muhte der Feldherr erst der nordamenkanischen Nation eine Gesetzgebung und Verwaltung verleihen, bevor das ganze Volk in ihm das Sinnbild feiner Einheit und Gröhe erkannte und ver­ehrte Als er starb, mar der Gutsherr von Mount Vernon bereits zu einem Mythos geworden, zu einer ins Riesenhaste gereckten Heldengestalt, die kaum noch menschliche Züge trug. Seitdem lernen die amenkangchen Kinder was auf seinem Grabe steht:Er war der Erste im Kriege, der Erste im Frieden und ist der Erste im Herzen seiner Landsleute und daß er niemals eine Lüge über seine Lippen gebracht habe. Die Legende hatte eine kalte starre Marmorstatue aus ihm gemacht, einen überirdischen j)eros einen langweiligen Tugendbold, denVater des Landes" in einem abstra'tten Sinne, der in ihn den amerikanischen 3bealbürger vergötterte.

Erst die moderne Forschung hat dieses steinerne Bild mit warmem Blut und Leben erfüllt, hat die undurchdringliche Maske in ein von Leid und Leidenschaft durchzucktes Antlitz gewandelt, hat hinter der glanzenden und glatten Fassade dieses scheinbar so glücklichen Lebens unendliche Schwierigkeiten und tragische Abgründe ausgeüeckt. 3a, diese Bilder­stürmer haben des Guten zuviel getan, wenn sie dem Menschlich Allzu- menschlichen im Leben des großen Mannes nachspürten, seinen Liebeleien mit schwarzen Sklavinnen und Bärgertöchtern, seiner unglücklichen Leiden­schaft für eine schöne Dame der Gesellschaft, den Motiven seiner ohne Liebe geschlossenen Ehe, seinem Freidenkertum, das so gar nicht zu den Vorstellungen des amerikanischen Puritanismus paßt. Eins steht fest: George Washington war keinausgeklügelt Buch", er war ein Mensch mit seinem Widerspruch, der Sohn einer rauhen und oft rohen Zeit, vielfach gehemmt, lein strahlender Lichtgeist, sondern gemacht aus Licht und Schatten wie alles Ärdifthe, mit seiner langen roten Nase und seinem schlecht sitzenden künstlichen Gebiß kein schöner Mann und Salonheld. Der große Schweiger war zugleich ein großer Schreiber, der seine sentimen­talen Träume dem Papier anvertraute, und nur durch die ungeheure Selbstzucht, die Riesenkraft seines Willens gelang es ihm, die stilisierte Maske vorzunehmen, die man so lange für seine wahren Züge gehalten hat. Durch diese Zerstörung einer Legende ist uns aber Washington erst recht nahegbracht und liebenswert geworden. Es ist das Verdienst seines deutsehen Biographen Walther Reinhardt, uns dieses neue Wajhing- ton-Bild in feinem soeben beim Societäts-Verlag in Frankfurt a. M. erschienenen Wer.George Washington. Die Geschichte einer Staaten* grünbung" in meisterhafter Klarheit dargestellt zu haben. Es ist die schönste deutsche Gabe zu der Washington-Feier, die jetzt die ganze Welt begeht.

War Washington ein Genie? Wohl kaum je hat eine Persönlichkeit der Weltgeschichte, die als die höchste Verkörperung ihrer Nation fortlebt, so wenig Blendendes, so wenige hinreißende Züge aufzuweisen. Er war kein Feldherr, der eine neue Strategie entfaltete oder originelle kühne 3been in die Tat umsetzte; er hatte nur das Glück, ein besserer Soldat zu fein als feine Gegner. Auch als Staatsmann hat nicht er die ent­scheidenden Leistungen der Gesetzgebung und Verwaltung geschaffen, son­dern feine Mitarbeiter, besonders Alexander Hamilton. Seine über­ragende Gröhe lag mehr im Eharakter als im Talent; in dem unerschütter­lichen Verfolgen eines Zieles, in dem durch nichts zu brechenden Mut, in der Geistesgegenwart und Sicherheit in schwersten Lagen, in der unbestech­lichen Ehrlichkeit, der patriotischen Aufopferung und der bewunderungs­würdigen Selbstbeherrschung steht er hinter keinem Helden der alten und neuen Welt zurück. Ein so besonnener Beurteiler wie Friedrich Kapp sagt von ihm:Er liefert den glänzenden Beweis dafür, wie viel ein nicht übermäßig begabter Mann zum Heil eines Volkes und der Mensch­heit leisten kann, wenn er feine Kräfte auf einen Punkt konzentriert und den ernsten Willen hat, sich nützlich zu machen. Washington füllte durch das, was er feiner Zeit und feinem Volk war, feinen Platz voll­ständig aus, er war in feiner Art vollkommen und groß."

Sein Leben verlief äußerlich einfach, doch getragen von der großen jungfräulichen Natur Virginias, die die Ansiedler umgab, ihren Blick weitete, ihre Tatkraft an großen Kolonisationsaufgaben erprobte und ihren Mut im Kampf gegen die blutdürstigen und zähen 3nbianer stählte. Aus angesehener wohlhabender Familie entsprossen, lernte er in der wchule des Lebens, war als Landmesser drei 3ahre lang für die Er­schließung des virginischen Bodens tätig und wurde durch den Tob seines älteren Bruders der Vater war ihm schon früh gestorben Eigen­tümer und Verwalter des Familienbefitzes Mount Vernon, den er zu einer Musterwirtschaft ausgestaltete und jo erweiterte, daß er der reichste Mann Virginias und einer der reichsten des damaligen Amerika wurde. Auf eignem Grund hotte er sich für den großen Wirkringskreis in Krieg und Politik vorbereitet, und wie ein moderner Cinrinnatus vertauschte er die Pflugschar mit dem Schwert, wenn das Vaterland rief. Seine soldatischen Sporen verdiente er sich in den Kämpfen mit den Rothäuten und gegen die Franzosen, und in diesen Lehrjahren erwies er sich als ein tüchtiger Schütze, glänzender Reiter, kaltblütiger Krieger. Doch auch die Ungunst des Kriegsglückes blieb ihm nicht erspart, da er als Adjutant des englischen Generals Braddock dessen Besiegung durch die Franzosen miterlebte. Als Oberbefehlshaber der virginischen Milizen kehrte er, reich an militärischen Erfahrungen, heim, zum letztenmal im Dienste der Eng­länder, deren größter Gegner er werden sollte.

Washington heiratete im 3ahre 1759 eine reiche Witwe Martha Custis, nachdem er eine lange unglückliche Liebe zu der schönen Sally Fairsax 311

Grabe getragen hatte. Er hatte kein Glück bei Frauen, denn der angefetjene Farmer und gefeierte Offizier wurde in Gesellschaft durch und (rinfilbigteit gehemmt. Diese Ungewandtheit und Verschlossenheit hat ihn auch auf den Höhen des Erfolges nicht verlaffen. Wenn er öffentlich sprechen mußte, tat er es nur nach langer Vorbereitung, und erst die Nachwelt hat erfahren, daß dieser große Schweiger seinen Tagebüchern alle Einzelheiten seines inneren unb äußeren Daseins anvertraute und unendlich viel geschrieben hat. Aus biifen Auszeichnungen blickt uns cm ganz andrer an als der Bürgersoldat von klassischer Einfachheit, als der gradlinige Tatenmenfch; hier finden wir ein Herz, reich an Empfindungen, reich an verhaltener Tragik, das sich vor der Welt ohne Haß, aber nut stolzem Bewußtsein des eianen Wertes verschließt. Auch Ehrgeiz war diesem hohen Geist nicht fremd, unb es war nicht, nur demütiger Opser- finn der ihn nach dem Oberbefehl streben ließ, als der Bruch zwischen dem Mutterland England und den amerikanischen Kolonien unvermeidlich geworden war. Aus dem Milizoffizier unter englischem Kommando wurde der General eines freien Volkes. Was Washington durch die glückliche Beendigung des Unabhängigkeitskrieges vollbracht hat, das kann man nur begreifen, wenn man berücksichtigt, gegen welche Welt von Hinder- niffen, Ränken, bösem Willen unb gemeinem Verrat er sich behaupten mußte. Sein Heer war zunächst eine verwahrloste Rotte, die raubte unb fahnenflüchtig wurde; die einzelnen Staaten erschöpften sich in Eifer­süchteleien; die Aristokraten lebten in Saus unb Braus, statt sich um das Vaterland zu kümmern, unb intrigierten gegen den Oberbefehlshaber. Nur eine kleine Minderheit stand zu ihm, der ungebeugt und undurchdringlich auch in der verzweifeltsten Lage feinen stählernen Mut behielt, mit wun­derbarem Scharfblick den Angriffen des Feindes wie den Anschlägen der Gegner im eignen Lager die Spitze bot und schließlich doch nach einer Kelte von Mißerfolgen unb Niederlagen die Sonne des Endsteges herauf- führte. Der deutsche S t e 11 b e n , der ihm nach preußischem Muster eine schlaglräftige Truppe ausbildete, der Franzose L a f a y e 11 e waren seine besten Mitarbeiter. Nach dem Entscheidungssieg bei Yorktown rechnet er, den seine Feinde absetzen, den bann Heißsporne zumKönig von Amerika machen wollten, mit dem Oberzahlmeister ab. Auf Gehalt hatte er ver­zichtet, aber 14 000 Pfund Sterling hatte er in den 8'A Kriegsjahren aus feiner eignen Tasche verausgabt. Aermer an Gut, als er gekommen, aber von ewigem Ruhm umstrahlt, kehrte er nach Mount Vernon zurück.

Wie er im Kriege feinem Vaterland die Freiheit erobert hatte, fo fällte er ihm auch die Fundamente eines dauerhaften Bestehens schaffen, die noch heute mächtig unb wirksam finb. Um den einzelnen Staaten eine einheitliche Regierung zu geben, wurde er zum ersten Präsidenten der Vereinigten «taaten gewählt, unb seine Reise von Mount Vernon noch Neuyork glich einem Triumphzug. Von 1789 bis 1797 stanb er an der Spitze des jungen Staatswesens, stets über den Parteien, nur das Wohl des Ganzen im Auge. Das Verfassungswerk, das unter [einem Einfluß entstand, hat die heutige Machtstellung der Union begründet. Er hat diese Friedenstat gegen eine Flut von Hetzereien unb Verleumdungen durch- gefctzt und gleichsam besiegelt in der berühmten Abfchieds-Adresse an das amerikanische Volk, die als fein politifches Testament fortlebt. Als im folgenden 3ahr Krieg mit Frankreich drohte, übernahm er noch einmal den Oberbefehl über die Armee, unb nach kurzer Muße ereilte ihn der Tod am 14. Dezember 1799. Um ihn trauerte nicht nur fein Land, das ihn als feinen Vater verehrte, sondern die ganze zivilisierte Welt.Erster amerikanischer Patriot, größter aller Amerikaner", nennt ihn fein deutscher Biograph.Keines andern Mannes Werk auf dem westlichen Kontinent hat sich als umfaffenber, bauerhafter, beftänbiger erwiesen."

Altes und Neues aus Aegypten.

Von unserem E. 6.-Berichterstatter.

Luxor, im Februar.

Zwei großen, burch 3ahrtausende uoneinanber getrennten Toten ist es wieber gelungen, sich in Erinnerung zu bringen und eine Menge Staub aufzuwirbeln. Es ist Pharao Echnaion, der Gatte Nofreietes und der im 3ahre 1927 verstorbene Wafdiftenführer Zaghlul Pascha.

Darieh Zaghlul Pascha (das Haus Zaghlul Paschas) sollte der Bau heißen, der diesem, von seiner Partei hochverehrten Staatsmann laut Parlamentsbesch' als Ehrengrab zugedacht war Seitdem hat sich aber im innerpolitischen Leben Aegyptens vieles geändert. Und als das statt­liche Gebäude endlich fertig war, kam der gegenwärtigen Regierung der Gedanke, daß das Land doch noch andere verdienstvolle Staatsmänner zu beklagen habe, die noch dazu keine Gegner der gegenwärtigen Macht­haber waren, denen man nach dem Tobe aber nicht so große Ehrungen zuteil werben ließ. SebEi Pascha, der Ministerpräsident, faßte daher den Plan, dieses Totenhaus nicht nur für Zaghlul zu bestimmen, sondern aus ihm eine Ruhestätte für alle, in letzter Zeit dahingegangenen großen Politiker zu machen. 3n den wafdistischen Kreisen war die Empörung darüber groß. Frau Zaghlul, deren man sich als Sprachrohr bedient hatte, zögerte auch nicht, Sedki Pascha mit dürren Worten zu erklären, daß sie unter obwaltenden Umständen gern auf die, auch ihrem Manne zugedachte Ehre verzichte. Nach langwierigen Erwägungen kam die Re­gierung schließlich zu dem Resultat, das zum Zankapfel gewordene Mauso­leum den Pharaonen-Mumien einzuräumen, die feil 3ahren im Museum von Kairo beherbergt werden.

Bei vielen Aegyptern, besonders bei der breiten Masse, hatte es nämlich schon immer Anstoß erregt, daß diejenigen, deren ganzes Sinnen bei Lebzeiten darauf gerichtet war, nach dem Tode in einer, ihrer Würde entsprechenden Umgebung zu ruhen, rücksichtslos aus ihren Gräbern ge­rissen, unb ben neugierigen Blicken eines jeden Fremden ausgesetzt wer­den. Die Uebersührung der Mumie Tuianchamons aus dem Kairoer Museum nach feinem Grabe imTal der Könige" in Theben, wurde wohl auch nicht allein aus dem Grunde unternommen, um die Mumie vor atmosphärifchen Einwirkungen zu schützen. Merkwürdigerweise ärgert es die Leute kaum, wenn Diebe die Gräber erbrechen und plündern. Als aber beispielsweise im 3ahre 1881 der damalige Generalinspektor des Kairoer Museums, Emil Bougsh, im Auftrage der Regierung einen