Me Sägemrchse efn. Die war ein Faß ohne Boden und verschlang eine Uninasse Seih. Da stand man groß da, war Bürgermeister und galt als reicher Mann. Und die Sorgen fraßen einen auf.
Droben auf dem Kirchenplatz hörnte der channbalzer drei. Der Bürgermeister hielt in seiner Wanderung inne und legte die Hand an die breite Stirn. Kopfschmerzen hatte er bis dahin noch nicht gekannt, Heut abend sparte er so etwas. Teufel auch! Das kain von dem nächtlichen Trubel.
Er trat an den Schreibtisch und blies das Petroleumlämpchen aus. Dann knüpfte er das Leibchen auf und begab sich hinter den großen Akten- schrank, wo seine Bettstatt aufgeschlagen war.
II.
Vom Oberdorf führte in nicht viel mehr als zehn Minuten ein Bizinal- weg zum Fichtenhof. Ehemals von den Eigentümern, den Freiherren von Humbracht, bewirtschaftet, war dieser später in Pacht gegeben worden. Als im Jahre 1796 die französischen Truppen brandschatzend das Hessenland durchzogen und auch den Fichtenhof plünderten, rettete der Ackerknecht Daniel Specht dem Freiherrn Renatus von Humbracht das Leben. In Anerkennung dieser Tat vermachte der Gutsherr seinem Knecht einen Wald, den Röderkopf. Der war im Verlauf von sechzig Jahren Gemeingut vieler Erben geworden. Zur Zeit, da der Bürgermeister Wallenfels sein Amt antrat, teilten sich neun Familien in seinen Besitz. Diese waren durch Brandschäden und Mißernten in Not geraten. Des Bürgermeisters Trachten war auf den Röderkopf gerichtet. Den Bedrängten gewährte er Darlehen um Darlehen und ließ sich ihre Liegenschaften verpfänden. Die Zinsen summten sich an, ohne daß er auf Zahlung bestand. Eines Tags aber, als ihm das Maß voll zu sein schien, legte er die Maske des nachsichtigen Gläubigers ab und ging gegen seine Schuldner.schonungslos vor. Er kündigte ihnen die Hypotheken und erwarb bei der darauf folgenden Versteigerung um einen Spottpreis den Wald. Den verkaufte er wieder mit beträchtlichem Nutzen an feine Gemeinde und wurde über Nacht zum vermögenden Mann. Die Ausgepfändeten hatten als selbständige Bauern den Pflug geführt, nunmehr als Steinklopfer ein dürftig Leben zu fristen, gab ihr Stolz nicht zu. Daher wanderten sie nach Frankreich aus. Unter den Emigranten war der Bauersmann Heinrich Specht mit seinem Weib und seinen Jungen, ein Nachkomme jenes Knechts, dem einst sein Herr den Röderkopf verschrieben hatte. In Paris sand er wie öte meisten seiner Landsleute als Straßenkehrer Beschästi- aung. Im Faubourg St. Marcel war eine ganze Kolonie von Oberhessen beisammen. Ein deutscher Prediger sorgte für die religiösen Bedürfnisse, ein deutscher Lehrer erteilte den Kindern Unterricht. Die Lebensmittel waren nicht teuer. Auf dem Bastilleplatz hielt der rote Pröscher von Schotten echte hessische Zervelatwurst feil. Die Franzosen kamen den deutschen Dickköpfen freundlich entgegen. Diese hatten sich über nichts zu beklagen, nur daß das Heimweh an ihrem Herzen nagte. Wenn der Spechtskarl mit wehmütig klingender Stimme sang:
„Vater, lieber Vater droben. Laß es einmal nur gejchehn. Meine traute Heimat laß mich Nur noch einmal Wiedersehn", trat gar manchem das Wasser in die Augen. Während der Arbeitszeit war tu langen Gesprächen keine Gelegenheit. Desto lebhafter flogen in den Feierstunden die Reden hin und her. Meist war es der Bürgermeister Wallenfels, der im Mittelpunkt der Unterhaltung stand. Da war feinet, der nicht ein Stücklein von seiner Getvalttätigkeit, seiner Herrschsucht und Habgier zu erzählen wußte. Stieg so das Bild des Verhaßten vor ihnen auf, dann brannten ihre alten Wunden, und sie knirschten mit öen Zähnen in ohnmächtiger Wut. Und es geschah, daß der Heinrich Specht von schwerer Krankheit heimgesucht wurde, der er nach langem Siechtum zum Opfer fiel. Eh" er die Augen schloß, nahm er seinem Sohn das Gelöbnis ab, dermaleinst den Bürgermeister entgelten zu lassen, was er der Familie angetan. Bis zum Ausbruch des Kriegs blieben die Oberhessen in Paris. Dann wurden sie mit den übrigen Deutschen ausgewiesen. In den letzten Augusttagen des Jahres 1870 trafen sie wieder in ihrer Heimat ein. Nicht als Verzweifelte und Bedürftige, wie sie ausgezogen waren, sondern als Menschen, die einen freien Blick gewonnen hatten und auf einen gespickten Beutel pochen konnten. Ihr Eigentum war längst in andere Hände Übergegangen. Nun bauten sie sich im Unterdorf an und bildeten eine stille Genossenschaft, öen Tyrannen zu stürzen. Lilien war klar, ob auch noch Jahre bis zum Ablauf seiner Amtszeit hingehen würden, daß man sogleich mit der Agitation beginnen müsse. Hierbei war die Spechtsmarie, die Witwe des in Paris verstorbenen Heinrich Specht, das. eigentlich treibende Element. Sie stammte vom Fichtenhof, wo ihr Vater über vierzig Jahre lang das Amt des Schweizers versehen hatte. Als Kind war sie einmal helinger Weise in die Stadt gelaufen und hatte dort, hungrig wie eine Kirchenmaus, vom Fensterbrett eines Bäckerladens einen Weck stibitzt. Die Büifersfrau, die es bemerkte, schenkte ihr noch einen dazu und sprach:
„Tu das nicht wieder!"
Beschämt war sie fortgefchlichen. Daheim fühlte sie das Bedürfnis, sich bei jemand auszusprechen, und offenbarte ihrem Spielgenossen, dem Heinrich Specht, was sie pexiert hatte. Der gestand, er habe seiner Mutter während der Kirmes ein Zweigrofchenstück aus dem Geldstrumps gestrippt. Beide drückte die gleiche Schuld. Sie sahen sich mit ernsten Blicken an und gelobten einander, nie mehr zu stehlen. Sobald der Heinrich Specht in das heiratsfähige Alter getreten war, nahm er die Marie vom Fichtenhof zur Frau. In ihrer Eheschaft fiel kein böses Wort. Ihr Stolz war ihr Bub, der Karl. Ntit zehn Jahren war der schon so stark, daß er älteren Jungen Respekt einslößte. Dabei hatte er einen offenen Kopf. In Paris war er von den Dörflern einer der ersten, die die französische Sprache erlernten. Auf dem Bastilleplatz wurde er mit einem fliegenden Buchhändler bekannt. Der erzählte ihm, hier habe Frankreich seine Freiheit wiedergefunden. Vor der Notre-Dame schloß er mit einem
alten Invaliden Freundschaft. Dieser führte ihn in den gigantischen Bau und zeigte ihm den Platz, wo der erste Napoleon sich die goldene Krone aufs Haupt gesetzt hatte und vom Papst gesalbt worden war. Durch die Rosetten fiel das Tageslicht gedämpft herein und brach sich in tausend bunten Farben. Im Himmel konnte es nicht schöner sein. Auf den großen, freien Plätzen, den Boulevards, vor den stolzen Gebäuden füllte sich seine Seele mit Bildern, die nicht wieder verblaßten. Obgleich die Abreise von Paris in größter Hast vor sich gegangen war, glückte es ihm doch, allerlei Andenken mitzunehmen. Noch lange nachher trug er sein Käppi. An Sonn- und Feiertagen zeigte er sich mit einer vierreihigen, silbernen Uhrkette, die er von einem Althändler in der Rue d'Arras erstanden hatte.
Im Dorf wurde er nach saft achtjähriger Abwesenheit als ein halber Ausländer zuerst mit Mißtrauen behandelt. Indessen drängte er sich niemand aus. Der einzige, an den er sich, abgesehen von den Pariser Gefährten, enger anschloß, war der Lehrer Moldenhauer, der unter öen unaufhörlichen Schikanen des Bürgermeisters zu leiden hatte. Der Umgang war der Spechtsmarie eben recht, denn sie wollte, daß der Gedanke an das Werk der Rache in ihrem Sohn lebendig bleibe. Unverrückt ihr Ziel im Auge behaltend strebte sie zunächst danach, ihren Besitz zu befestigen und zu vermehren. Als ihr das gelungen war, setzte sie alles in Bewegung, was ihren Zwecken zu dienen geeignet war. Wallenfels stand auf der Höhe seiner Macht. Die Gemeinderäte mußten nach seiner Pfeife tanzen, weil fast jeder von ihnen etwas zu vertuschen hatte. Alle empfanden höchst unbehaglich den Druck des Obergauners, ihn abzuschütteln wagten sie nicht. Eine oft gehört« Klage war, daß der Bürgermeister bei der Verteilung der Steuern parteiisch verfuhr, sofern er kleinen Leuten, die nicht zu seinen Kreaturen zählten, Lasten auferlegte und die Söhne reicher Bauern davon befreite. Den Lehrer, der mit redlichem Willen bemüht war, bessere Schulverhältnisse zu schaffen, fuhr er an, was er sich denn dabei denke, daß er den Kindern der Armen höhere Plätze anweise. Auf di« Gescheitigkeik komme es gar nicht an. Er mache di« Menschen widerbürtig. Wenn es künstig an Säuschweizern und Steinklopfern fehle, werde man ihm das ankreiden.
So zahlreich die Akte der Willkür waren, deren der Dorsgewaltige sich schuldig machte, gefiel es ihm doch manchmal, ein paar armen Schluckern aufzuhelfen, ja sie mit Wohltaten zu überhäufen. Diese sangen dann sein Lob in allen Tonarten und gingen für ihn durchs Feuer. In seiner Familie trat er nach dem jähen Tode seines ältesten Sohnes minder schroff und rücksichtslos auf. Seine Frau, die Lifekathrin, war die Tochter des Talmüllers in Friedborn. Als junges Mädchen hatte sie in Herleshausen die Predigten eines Missionars gehört und war entschlossen, ihn nach Südamerika zu begleiten. Dem widersetzte sich ihr Vater. Ein langer Zwist endete damit, daß sie die Waffen streckte und den Mann heiratete, den ihr die Patin zusührte. Das war der Melchior Wallenfels. Sobald sie ihre Pflicht als Hausfrau erfüllt hatte, zog sie sich in ihre Kammer zurück und las erbauliche Schriften, opottete ihr Mann: „Ei, du Mucker- sche, gelle, du willst mit Schuh' un Striimpf' in den Himmel?" ließ sie das ruhig über sich ergehen. Des Bürgermeisters Zweitgeborener, der Philipp, verursachte dein Vater viele bittere Stunden. Zum Landwirt hatten ihm Neigung und Fleiß gefehlt. Als Sägemüller hielt er zwar auf einen flotten Betrieb, doch fehlte ihm die Geschäftsfertigkeit, das Unternehmen nutzbringend zu gestalten. Bei seiner Unfähigkeit kehrte er noch den Großhans heraus. Wenn er — was mehrmals in der Woche der Fall war — in der Kreisstadt erschien, traf er mit Kumpanen zufammen, die ihm schmeichelten und sich von ihm freihatten ließen. Die Mädchen spielten in seinem Leben eine große Rolle. Er knüpfte Nerhätt- nisse an, die nicht ohne Folgen blieben, und fein Vater mußte den Beutel ziehen. Die Annegret, des Bürgermeisters Tochter, hatte ein Jahr lang die Haushattungsschule in her Stadt besucht und hatte dort mancherlei angenommen, was ihr im Dorf den Beinamen „Die Fiirnehme" eintrug. An Burschen, die sie umwarben, fehlte es nicht, dach dachte sie noch nicht daran, das fxiratsbrot zu backen. Der Bürgermeister machte nach keiner Seite hin seinen Einfluß geltend. Einmal war die Aufsicht der Annegret auf dem Hof schwer zu entbehren, dann hatte sie eben erst die Zwanzig überschritten. Kam die Zeit, würde er schon für den Bräuern sorgen. — lieber alles, was auf dem Hof und in der Amtsstube des Bürgermeisters vorging, waren die Pariser aufs genaueste unterrichtet. Ein glücklicher Zufall arbeitete ihnen in die Hände. Das 'Kreisamt hatte die Gemeinde aufgefordert, zwei Straßen anzulegen, die die Verbindung mit öen umliegenden Ortschaften verbessern sollten. Vom Staat war eine Beisteuer unter der Bedingung versprochen worden, daß die Arbeit bis zu einem gewissen Zeitpunkt vollendet sein müsse. Der Bürgermeister rührte sich nicht und ließ die Frist verstreichen. Die Gemeinde, war seine Rede, könne das Geld sparen. Er hatte sich gründlich verrechnet, denn nun ließ die Regierung die Straßen bauen und legte her Gemeinde hie Kosten aus. Das machte böses Blut im Dorf. Von her Anhängerschaft des Bürgermeisters schwenkten viele zu seinen Gegnern ab. Bei den Gemeinderatswahlen, die bald darauf stattsanden, brachten die Pariser zwei ihrer Kandidaten durch. Das war ihr erster, namhafter Erfolg.
Fortan sah sich Wallenseis zwei unabhängigen Männern gegenüber, die seine Amtshandlungen überwachten und sein rechtswidriges Verfahren, soweit sie es nicht verhindern konnten, aufs schärfste brandmarkten. Und doch war sein Einfluß noch so groß, daß die einen meinten, es würde vieler Hiebe bedürfen, eh dem alten Baum die Axt bis ans Mark dränge, die andern seinen Sturz gar für unmöglich hielten.
Zu jener Zeit hatte er zwei miitelschlägige Bauern, die sich wegen eines Fetzens Ackerland stritten, zu einem Sühneversuch geloben. Als er sah, daß feine Vermittlung zwecklos war, faßte er die Protokollmacher beim Kragen und wamste sie gehörig durch. Das half, denn nun verglichen sie sich. Der Vorfall wurde viel besprochen. „Der Bürgermeister", hieß es, „spannt den Gewattsmenfch vorn hin, das is wahr, aber ein Mordskerl is he doch!"
(Fortfetzung folgt.)
'Bttanltxortltdy Dr. Hans Thyriok. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Universitäts-Vuch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


