SiehenerZamilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Mrgang \9S2

Zreitag, den 6. Mai

Nummer 55

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Das Klavier.

Bon Wilhelm Busch.

Ein gutes Tier Ist das Klavier, Still, friedlich und bescheiden, Unb muß dabei

Doch vielerlei

Erdulden und erleiden.

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Ich saß im Münchener Hosbräuhaus beim Maibock.

Ein Ehepaar setzte sich an meinen Tisch. Er war klein, zart, schmächtig und sehr schüchtern. Sie war groß, breit, vollbusig, gewaltig und sehr "selbstbewußt.

Wir kamen ins Gespräch.

Der Mann pries die Qualität des Maibocks in den höchsten Tönen; es gebe nichts Besseres; ein herrlicherer Genuß sei nicht auszudenken.

Ich bemerkte aber, daß der Mann sehr lange Pauseck im Trinken machte, und dann, dem Anschein nach, immer nur einen einzigen Schluck nahm.

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Der Virtuos

Stürzt darauf los

Mit hochgesträubter Mähne.

Er öffnet ihm Voll Ungestüm Den Leib, gleich der Hyäne.

Und rasend wild. Das Herz erfüllt

Von mörderlicher Freude, Durchwühlt er dann. Soweit er kann. Des Opfers Eingeweide.

Wie es da schrie. Das arme Vieh, Und unter Angstgewimmer Bald hoch bald tief Um Hilfe rief. Vergeb ich nib und nimmer.

Oer Maibock und die pfeife.

Von Wilhelm v. Hebra.

Um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts lebte in Steiermark ein Aann namens Irenaeus Atz.

Atz war ein ausgezeichneter, vielgesuchter Arzt, rührend gut, nie an leinen Vorteil denkend, wohltätig und hilfsbereit. Jin ganzen Lande war tr jedermann bekannt. Er wurde in fast religiöser Art verehrt, wie ein heiliger, der er wirklich war, wenn auch nicht im kanonischen, so doch im I) umanen Sinne.

Dieser wahrhaft altruistische Mensch hatte nur eine einzige Privat- »affion, die aber in höchstem Maßet die Pfeife. Er rauchte, wann und eie er nur konnte, und in seiner kärglichen Freizeit kannte er nur ein 3ergnügen und nur eine Erholung, die allerdings wieder eine Arbeit Dar: er schnitzte Pfeisenköpfe aus Holz, und auf jeden Kopf ein kleines Relief. Alle Reliefe stellten immer wieder dasselbe dar, immer wieder, chne Ausnahme, nur verschiedenartig gesehen und aufgefaßt: seine einzige -achter, die märchenschön in Antlitz und Gestalt und in der Seele engel- t leid), int Alter von siebzehn Jahren gestorben, des Vaters unsäglich ^liebtes Kind gewesen und nun das edelste Bild für eine unsterbliche Sehnsucht war.

In den Reliefs war nicht große Kunst, aber ein seltsamer Reiz. oie. nzählten vom reinsten Empfinden, von untröstlicher Trauer und von ikliger, seligster Erinnerung. , ,

Atz schnitzte auf die linke Seite jedes Pfeifenkopfes seine Initialen, ITofj und deutlich, die Initialen l A, was zur Folge hatte, daß die luftigen Steierer, die in einem Witzwort nie etwas Böses und nie etwas Adträg- 1 ches sehen, auch dann nicht, wenn es dem höchstgeschätzten Menschen gilt, Ätzens Pfeifen den Beinamen dieEselspfeisen" gaben.

*

Ich habe eine Pseifensammlung. Ich sammle mit Begeisterung.

Ich sammle die Pfeifen nicht vom Gesichtspunkt der Schönheit, |ondern lon dem der Kuriosität, welcher Art immer diese sein mag

*

EineEselspfeife" hat keinen Marktwert. Für mich aber hat sie einen lohen Wert. Sie fehlte in meiner Sammlung. Sie^ schien mir besonders, sonz besonders begehrenswert, als eine in Hinsicht auf das rein Menschliche ungewöhnlich interessante und ungemein anziehende Kurio­sität wegen der Persönlichkeit des Schnitzers und wegen der traurig- ftonen Herzensgeschichte, deren Ausdruck die Reliefs waren. *

Ich war feit langem auf der Suche nach einerEselspfeife .

*

Ich sagte:

Sie trinken aber langsam."

Natirli", erwiderte er,bal ma mit eim Maß ausfomma muaß, die zwoa Stund, die mir wolln dableiben."

Sie trinken in zwei Stunden nur eine Maß?"

Nia net mehra net."

Die Frau fügte hinzu:

Mehra gibt's net."

Die Zeiten sind schlecht", sagte ich,da müssen viele auch bei be­scheidenen Freuden Beschränkung üben. Auch ich habe mir schon vieles abgewöhnt."

Die Frau erwiderte protzig:

A so is net. Mir Harn a Göld. Gnua Göld Ham mir. Drei Häuser hab i gerbt, vo nie im Vatern. I bin aber net fiern Leichtsinn unb fiers Drauslosleben. 'S Göld aussahaun, söll mag i net, unb söll erlaub i net."

Da geschah es ganz unwillkürlich, daß meine Augen, ^vohl mit einem erstaunten Ausdruck, ihren Leibesuinfang betrachteten. Sie bemerkte es und sagte:

S Essn, dös is was anders. Essn muaß ma, und, bat mans muaß, ko ma auch guat essn. Aber saufn, dös is a Luxus und fünft nix. Sis eh gnua, bal er ane Maß derf saufn oo dem teirigen Maibock."

Der Mann schlug erschreckt und verlegen die Augen nieder. Er schien ratlos, wie er sich verhalten solle. Er nahm, vielleicht um Ablenkung zu haben, die Pfeife aus dem Rock und stopfte sie.

Ich erblickte auf der Pfeife des Tifchnachbarn die Initialen ! A.

Ich bat sofort, die Pfeife betrachten zu dürfen.

Als ich die Pfeife in der Hand hielt, war ich mir dessen klar, daß sie eine echteEselspfeife" war. Ich erkannte das typische Relief. Ich er­innerte mich noch genau der Beschreibung und der Abbildungen in einem alten Buche überMerkwürdige Pfeifen".

Der Tischnachbar erzählte, daß er die Pfeife bei einem Trödler zu Admont in Obersteiermark gekauft habe. Nun hatte ich keinen Zweifel an der Echtheit mehr.

Der Instinkt des Sammlers, dem des Jägers wohl, vergleichbar, die Sammlerleidenfchaft, die Sammlerwut erwachten in mir, und, je schwie­riger es sich in der Folge erwies, die Pfeife zu erwerben, desto heftiger wurde mein Verlangen, desto eifriger und scharfsinniger suchte mein Ge­hirn nach Mitteln und Wegen, mein Ziel doch zu erreichen:

Ich fragte:

Was haben Sie für die Pfeife bezahlt?"

Sie war net teier. Drei Schilling hads kost. Dös fan net amal zwoa Markt."

Wollen Sie sie mir für drei Mark verkaufen?"

Na net."

Ich biete Ihnen vier Mark."

I gebs net her."

Ich biete fünf Mark."

I mag net."

Warum?"

Weil i net mag."

Die Pfeife ist doch keine fünf Mark wert."

Söll woaß i."

Warum nehmen Sie bann nicht bie fünf Mark bafür?

Weil i net mag."

Lieben Sie diese Pfeife so sehr?"

Na. Mir is wurscht, ob i aus bera Pfeifn rauch ober aus anct anbernen."

Warum geben Sie sie dann nicht her."

Weil i net mag."

Ich sah: da steht, in typischer Form, der Eigensinn des schwachen, unterjochten Menschen vor mir, dieser Eigensinn, der gerade die törichtsten Gelegenheiten nutzt, Selbständigkeit und Willenskraft zu zeigen.