Wie lange er mit seinen Gedanken und Selbstoorwürfen dagesessen ! hatte, wußte er nicht, als er plötzlich ausschaute und sah, die eine der Kerzen war im Verlöschen, zuckte in langer roter Flamme aus, ward blau, schwand und hinterließ einen üblen Dampf. Er reckt sich Loas war das gewesen mit diesen drei Frauen in Halle? Sie waren hinein- , gewachsen in sein Leben durch ein Ungefähr, und nun waren sie heratzs- gewischt aus seinem Leben durch ein Ungefähr. Hatten sie überhaupt gelebt? Er las noch einmal diese Zeilen, und — seltsam — sie klangen, als wären sie in längst vergangener Zeit geschrieben, als gingen sie ihn gar nichts an, und er schalt sich wegen seines Herzens Härtigkeit. Aber aas war da zu schelten?
Er dachte seines Vaters, schloß seine Hände zum Gebet und bat jenen, der alles weiß und über alles richten darf, um Vergebung, wenn er iwas Böses unwissentlich begangen, lieber diesem Gebet, das er stumm gesprochen, verlosch auch die andere Kerze.
Müde und zerschlagen ging er zur Ruhe. Nach wenigen Stunden ward er von seinem Husaren geweckt. Obwohl sein Kops wie taub war, begab er sich wieder an seine Arbeit. Er hatte keine Zeit mehr, eigenen Gedanken nachzuhängen. Sein Amt war zu schwer, neuer Dienst war ihm : aufgetragen: Für das Jahr 1760 sollte er die Festung Kolberg verproviantieren. Ein starkes russisches Heer von zwölftausend Mann unter dem General Demidow war im Anmarsch.
In Kolberg ließ sich Heinrich nur so viel Zeit, die kranke Mutter zu umarmen und Dorchen, die ihm an den Hals flog, zu beruhigen. Dann ging er sofort in den Dienst und stellte sich dem Kommandanten vor, einem alten Obersten von Heiden, den er noch von seiner Jugendzeit auf dem Dorfe her kannte, da es der damalige Hauptmann liebte, wenn er zur Jagd bei den Wedells eingeladen war, Sonntags des Vaters Predigt zu besuchen.
> „Die Russen sollen uns Pommern kennenlernen!" grollte der alte Herr. „Die Garnison ist nicht mehr wie früher; die Offiziere haben alle Felderfahrung und tun nur hier Dienst, um die Narben und Verwundungen zu verschmerzen. Aber der Geist ist der gleiche wie draußenl Die Wachisoldaten stehen auch ihren Mann, und die Gesinnung der Bürger ist pommersch. Sorge Er, mein Sohn, nur dafür, daß die Leute das Töppchen voll haben! Solange die Mägen nicht knurren, murren die Geister auch nicht!"
Allüberall wurde gearbeitet. Denn, wie es bei einer so abgelegenen Festung nun einmal ist, Wälle und Gräben waren nicht in allerbester Ordnung viel Buschwerk hatte sich angesetzt — es muhte geschafft werden, daß das Glaeis klar war.
In der Stadt gab's genug Aufregung. Denn die älteren Garnisonsoldaten waren als Handwerker verwandt worden, um Uniformen auszusticken, Stiefel zu befohlen, Gewehre zu schäften; jetzt sollten sie auf - einmal wieder reglementsmäßigen Dienst tun. Heinrich rüstete Wagenkolonnen aus, die hinaus mußten, um die Lebensrnittel der nahen Dörfer ' zu räumen, die ja doch fönst in Feindeshand gefallen wären. Viel Aengst- liche strömten auch in die Stadt; darunter die alte Frau von Wedell in Begleitung Christinens. Sie nahmen Wohnung in einem der schönen Bürgerhäuser.
So war am dritten Abend nach dem Einzug Heinrichs die Familie im kleinen wieder einmal im Hause der Mutter vereint. Der alten Pastorin ging es gar nicht gut. Die Schule war zusammengeschmolzen, trotz der Bemühungen Dorothees. Auch war sie zumeist bettlägerig. Mit Christine verstand sie sich nicht; denn die war ganz ein Edelfräulein geworden, bas die Rase über den dürftigen Haushalt rümpfte.
Friedrich Wilhelm war nach der Schlacht von Leuthen Offizier geworden und kommandierte ein Freikorps. Er war nie ein guter Schreiber gewesen; die Mutter erhielt nur kurze Nachricht von ihm. Und Theodor war fern, wie Joachim Nettelbeck berichtet hatte, in Indien Kaufmann. Ihn noch einmal um sich zu haben, war die Sehnsucht der Mutter.
Dorchen hatte sich zurückgezogen; Bruder und Schwester waren bei der Mutter allein, aber das Gespräch stockte, denn die Mutter tat die alte Frage: „Was soll aus dir werden, Christine? Einen Bürger magst du nicht heiraten, aber du bist jung und brauchtest einen Mann!"
Christine zuckte die Achseln. „Es wird ja einmal wieder Friede werden", meinte sie, „und ich habe mir gedacht, ich werde bann nach Paris gehen ober einer anberen großen Stabt. Es gibt vornehme Damen genug, bic eine Reisebegleiterin brauchen, bie Französisch unb Italienisch zu reben versteht unb auf dem Cembalo ober mit ber Gitarre begleiten kann."
Die Mutter schüttelte ben Kopf. „Also wirft bu nicht viel Besseres als eine Zofe sein", sagte sie, „während bu als Frau eines rechtschaft en Prebigers, Professors ober Doktors ein Leben im Familienkreis führen könntest!"
Christine zuckte bie Achseln. „Was ist das schon, Mutter? Ein Tag eirund unb gleich wie ber anbere; jebes Jahr ein Kinb — bas heißt Verunstaltung auf brci ober vier Monate. Vorschnell wirb man alt unb schwach!" Unb bade! sah sie bie Mutter mit einem so bezeichnenben Blicke an, baß Heinrich ihr barsch gebot: „Hör auf!"
„3a", erroiberte Christine, „ich sehe es ein: Wir passen nicht mehr zusammen!" Unb sie erhob sich unb ging.
Heinrich begleitete sie durch die unruhige Stadt bis zum Wedellschen Hause. Zum Abschied reichte er ihr die Hand:
„Warum mußt du die Mutter so kränken?"
„Ich wollte es nicht", jagte Christine, „aber kann ich dafür, daß sie mich bei Fremden hat aufwachsen lassen? Bin wie ein verpslonztes Aprikosenstämmchen; du versetzt es in ben alten Boben nicht roieber zurück!"
Zu Hause klang Heinrich eine schöne Stimme ins Ohr, bie zur. Laute bas Lieb fang: „Befiehl bu deine Wege..." Er trat ans Fenster und sah neben dem Bett ber Mutter Dorchen sitzen Der Schein ber Kerze weckte Lichter in ihrem goldenen Haar, bas, nicht gepubert, ben Kops umrahmte wie bas Christinens. Er sah, wie das Mäbchen bie Mutter
aufbettete und ihr eine Tasse mit heißem Getränk brachte. Ja — Dorchen war ber Ersatz für Christine geworben. Er betrachtete sie bewegt. Wie schön war bas Mäbchen: kräftig und stark unb dabei doch in. ber Bewegung zart unb gehalten! In ihrer Stille erinnerte sie an Emma — nur, baß sie blonb war unb bie anbere braun gewesen. Unb er gebuchte ber anberen Schwester Klara, mit der er immer noch verlobt war, für bie er sich verpflichtet fühlte unb bie sich aufgelöst hatte, wie ein blauer Dunst in der Ferne.
Die Russen hatten inzwischen die Stadt eingeschlossen unb schickten einen Parlamentär, der, ein weißes Tuch schwenkend, begleitet von einem blasenden Trompeter, zum Stadttor angeritten kam. Dem Offizier wurden, während er durch die Kasematten geführt wurde, die Augen verbunden. In der Stadt selbst ward er von ber Binde befreit und zum Rathaus geleitet.
Hier empfing ihn der Oberst Heiden und hörte das Versprechen mit an, bie Stadt solle geschont werden, die Garnison freien Abzug erhalten mit Säbeln und Fahnen, ohne Gewehre. Heiden erwiderte mit fester Stimme: „Solange mir das Hemd nicht auf dem Leibe brennt, ein Stein in Kolberg noch auf dem andern steht, meine Soldaten noch ein Stück Kommißbrot zu essen und eine Patrone zum Feuern in der Tasche haben, übergebe ich die mir vom König anvertraute Festung nicht!"
„So gegenwärtigen Sie", erwiderte der Offizier, ein Fürst Gagarin, „daß wir die spröde Festung im Sturm gewinnen!" Es war ein schöner, hochgewachsener blonder Mann, der liebenswürdig sprach, als stände er auf dem Parkett eines Schlosses.
Er grüßte und ging. Zwei Offiziere geleiteten ihn. Heinrich folgte nach Vor dem Rathaus standen viele Bürger und ihre Frauen, um den fremden Offizier zu betrachten, „den Feind"; auch Heinrichs Schwester Christine war gekommen. Sie sah schön aus, wie immer, in einem lavendelblauen Kleid mit Tiillspitzen.
Der Fürst Gagarin machte vor ihr halt, verbeugte sich: „Was für eine Schönheit! Sie allein ift's wert, daß wir Russen Kolberg nehmen müssen! Auf Wiedersehen, Mademoiselle!" rief er und warf ihr eine Kußhand zu.
Heinrich war entrüstet, aber die beiden Offiziere verständigten sich mit einem Blick, verbanden dem Fürsten Gagarin die 'Augen, unb ber eine sagte: „Es ist nicht gut, Herr Oberst, daß Sie sich vor der Bataille in Kolberg' bie Augen verbrennen!"
So wurde der unverschämte Mensch'hinausgeführt, und Heinrich ging auf feine Schwester zu, um sie aus dem Blickseuer der Anwesenden zu führen. Aber zu feinem Erstaunen fand er sie nicht entrüstet. Seife fugte sie, als sie eine stille Straße ereichten: „Was für ein schöner, galanter Mensch!" —
Daß es nun Ernst wurde, ersahen die Belagerten daraus, daß die Russen anfingen, zu schanzen und Batteriestützpunkte zu bauen für das Belagerungsgeschütz. Die Bürger traten zusammen, um die Ernährung auch der iMermeren sicherzustellen. Da zeichnete sich besonders der alte Braumeister und Bürgerworthalter Nettelbeck aus, der seine Braukessel zum Suppekochen zur Verfügung stellte. Jeder Familienvorstand der Aermeren erhielt eine Nummer, und die Leute konnten einmal am Tage Nahrung von den Nettelbecks holen.
Die Magazine für die Soldaten waren gut gefüllt, aber es blieb ein Geheimnis zwischen Heinrich und dem Obersten von Heiden, daß es mit der Munition knapp bestellt war. Ein Schiff, das von Stettin im letzten Moment Ersatz herbeibringen sollte, war von den Schweden gekapert worden.
Eines Morgens langte aus Königsberg zu Schiff Joachim Nettelbeck an. Heinrich war erstaunt, was für ein hübscher, stattlicher und kräftiger Seemann er geworden war. Er versammelte sosort an vierzig andere preußische Seeleute um sich und ließ sich mit ihnen zu einer Feuerlösch- tompanic ausbilden.
Die Dächer aller Häuser wurden auf Befehl des Obersten von Heiden hoch mit Mist und Erde bedeckt; damit die Geschosse der Feinde nicht so leicht durchschlagen sollten. UeberaU war Wasser bereitgestellt auf den Böden und Speichern. Die Einwohner selbst hatten sich für die Stunden der Beschießung auf Befehl in den Kellern wohnlich eingerichtet, und alles wartete nun in Angst und Bangen ab, was kommen würde.
Am 29. August eröffneten die russischen Batterien ihr Feuer. Die Granaten zischten; die schweren, großen Brandbomben brausten im rauschenden Fluge daher. Im 91 u waren alle Straßen verödet. Vorsichtig schauten aus der Deckung die Menschen nach oben. Die schweren Bomben konnten sie mit bloßen Augen erkennen. 9iun krachte es. Gleich zu Anfang durchschlug eine der großen Bomben das Haus eines Schusters vom Boden bis zum Keller. Wie durch eine Fügung Gottes fiel sie in ein Wassec- faß und tat keinen Schaden. Diese Geschichte lief von 'Mund zu Mund. Ein Kornspeicher fing Feuer. Da kam die Seemann Löschkompanie herangeeilt, mit Nettelbeck an der Spitze; wie die Katzen kletterten sie hinauf und löschten zum guten Glück den Brand. Von den Dächern der Häuser prasselten die Steine, als wäre es ein schwerer Hagelschlag Aus den Kellerluken jammerten die Kinder und Frauen; hier und da schrie ein Getroffener auf und bat mit Wehgeschrei um Hilfe.
Heinrich, zu dessen Obliegenheiten auch die Verwaltung eines großen Lazarett; gehörte, eilte auf bie ersten Nachrichten von Verwundungen dahin, um zu Helsen. Wie erschrak er, als er mitten auf dem Marktplatz, wo sich doch selbst beherzte 9)länner an die Mauern drückten, Dorchen mit einem großen Tragkorb am Arm dahingehen sah! Er hastete heran und fragte sie, weshalb sie sich nicht in den Keller geflüchtet habe.
Sie aber antwortete schlicht: „Ich stehe überall in Gottes Hand! Ohne seinen Willen fällt kein Sperling vom Dach! Ich mußte diesen Gang unternehmen, um der armen Frau Glaserin, die vor Schreck niedergekommen ist, einige Srquictungsmittet zu bringen."
(Fortsetzung folgt.)
verantwortlich: l)r. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Brühl'sche Univer!itäts-Duck- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


