kennen gelernt. In seiner Eltern Hause gab es nicht~we( davon (sie sind alle stolz und hart, und seine Mutter ist seine Stiefmutter), und dann hat er Kameraden und Vorgesetzte gehabt und hat gehört, wie seine Kameraden und seine Vorgesetzten sprechen; aber wie Menschen sprechen, das hat er nicht gehört, das weiß er nicht recht. Ich denke mir das nicht aus, ich hab es von ihm, es sind seine eigenen Worte. Ja, Pauline, daran liegt es. Das ist der Grund, daß ich armes Ding ihm gefalle; nichts weiter. Er ist unglücklich In seinem Haus und feiner Familie. Vor allem aber denke nur nicht, er fei mein Anbeter oder Liebhaber oder wie du's sonst noch nennen willst. Ich sehe wohl, daß er mich lieb hat, aber das ist doch was andre», und das kann ich dir sagen, noch ist kein Wort über seine Lippen gekommen, dessen ich mich vor Goit und Menschen oder vor mir selber zu schämen hätte." ,
„Glaub es", sagte die Pittelkow. „Glaub es alles. Aber, meine liebe Stine, das ist es ja eben. Ich hab es mir so gedacht, gerade so. Gleich als ich ihn das erstemal sah, als die beiden Alten mit da waren und Wanda Holofernefsen toppte, da wußt ich es. Sieh, Kind, es sind mir viele Mannsleute zu Gesichte gekommen, un wenn ich welche sehe, na, so kenn ich sie gleich durch un durch un kann sie aussuchen wie Handschuh nach der Nummer, un weiß gleich, was los is. Un mit dem jungen Grafen is nid) viel los. Er is man schwächlich, un die Schwächlichen sind immer so un richten mehr Schaden an als die Tollen."
Stine sah die Schwester an.
„Ja, du siehst mich an, Kind. Aber es is wahr un wahrhaftig so. Du denkst Wunder wie du mich beruhigst, wenn du sagst: ,Es is keine Liebschaft/ Ach, meine liebe Stine, damit beruhigst du mich gar nich; konträr im Gegenteil. Liebschaft, Liebschaft. Jott, Liebschaft is lange nich das Schlimmste. Heut is sie noch, un morgen is sie nich mehr, un er geht da hin, und sie geht da hin, un den dritten Tag fingen sie wieder alle beide: ,Geh du nur hin, ich hab mein Teil/ Ach, Stine, Liebschaft! Glaube mir, daran stirbt keiner, un auch nich mal, wenns schlimm geht. Was is denn groß? Na, dann läuft ’ne Olga mehr in der Welt rum, un in vierzehn Tagen kräht nich Huhn nich Hahn mehr danach. Nein, nein, Stine, Liebschaft is nich viel, Liebschaft is eigentlich gar nichts. Aber wenns hier sitzt (und sie wies aufs Herz), dann wird es was, dann wird es eklig."
Stine lächelte.
„Du lachst, und ich weiß auch warum. Du lachst, weil du denkst, Pauline weiß nichts davon und kann auch nichts davon wissen, denn es hat ihr nie hier gesessen. Un das hat auch seine Richtigkeit damit. Ich bin mach so drum rumgetommen. Aber, meine liebe Stine, man erlebt nich bloß an sich selbst, man erlebt auch an andern. Un ich sage dir, von so was, wie du mit dem Grafen vorhast oder der Graf mit dir, von so mas is noch nie was Gutes gekommen. Es hat nu mal jeder [einen Platz, un daran kannst du nichts ändern, un daran kann auch das Gräschen nichts ändern. Ich puste was auf die Grafen, alt oder jung, das weißt du, hast es ja oft genug gesehen. Aber ich kann so lange pusten, wie ich will, ich puste sie doch nich weg un den Unterschied auch nich; sie sind nun mal da und sind, wie sie sind, un sind anders aufgepäppelt wie wir und können aus ihrer Haut nich raus. Un wenn einer mal raus will, so leiden es die andern nich und ruhen nich eher, als bis er wieder drin steckt. Un denn kannst du hier so lang in die Sonne kucken, bis sie morgens bei Polzins oder bei der Frau Privatsekretär wieder raustommt, er kommt doch nid), er sitzt erster Klasse mit Plüsch un hat noch ein Luftkissen bei sich, un sie hat 'nen blauen Schleier an’n Hut, und so geht es heidi! nach Italien. Un das is denn, was sie Hochzeitsreise nennen.“
„Ach, Pauline, so kommt es nicht."
„Ja, so kommt es, mein armes Stineken. Un wenn es nich so kommt, na, denn kommt es noch schlimmer, denn is er ein Eigensinn un will partout mit’n Kopp durch die Wand, und hast du denn den Kladderadatsch erst recht. Glaube mir, Kind, von "ne unglückliche Siebe kann sich einer noch wieder erholen un ganz gut rausmaufern, aber vons unglückliche Leben nich."
Elftes Kapitel.
Baron Papageno (niemanden über sich) wohnte von alter Zeit her drei Treppen hoch, teils roeib er das seiner Meinung nach erst in etwa Dachhöhe beginnende Ozon auch in seiner Berliner Abschwächung nicht missen wollte, teils weil er einen Widerwillen hatte, bei jeder über ihm ftattfinbenben Mahlzeit ein halbes Dutzend Menschen und Stühle herum- poltern zu hören. Namentlich war ihm das Hin- und Herschrammen in den Tod verhaßt, das seiner in früheren Wohnungen gemachten Erfahrung nad) überall da blühte, wo Kinder mit zu Tische saßen, Kinder, die noch nicht alt genug waren, ihren Stuhl manierlich heranzustellen und fid) deshalb aushilfsweise zum Schieben gezwungen sahen. Neben dem Griffelgequietsch auf Schiefertafeln gab es nichts, was ihn so nervös gemacht hätte wie solche Stuhl- und Rutschfahrten ihm zu Häupten.
Aber freilich, seine der gesamten Wohnungsfrage geltenden Sorglich- feiten beschränkten sich nicht auf Luftschicht und Hausruhe, sondern zeigten fid) beinah mehr noch in dem Raffinement, mit dem er bei der Wahl der Stadtgegend verfahren war und Zietenplatz- und Mohrenstraße-Ecke gewählt hatte. Wie sich denken läßt, hielt er diese seine Kastell-Ecke für nicht mehr und nicht weniger als den schönsten Punkt der Stadt und lag darüber mit dem alten Grafen in einer beständigen Fehde. Dieser seinerseits zog die Behrenstrahe weit vor, unterlag aber bei den sich darüber entfpinnenben Streitigkeiten jedesmal, weil er in der üblen Lage war, mit bloßen legitimistischen Sentiments gegen Tatsachen fechten zu müssen. „Ich bitte Sie, Graf", sagte bann Papageno mit einer von vornherein überlegenen Miene, „was haben Sie, Hand aufs Herz, in der BehreN- ftrafje? Sie sehen nun schon sieben Jahre lang in das Portal der Kleinen Mauerstraße hinein, ohne je was anderes herauskommen zu sehen als eine Kutsche mit einer alten Prinzessin oder einer noch älteren Hofdame. Das ist mir aber, offen gestanden, trotzdem die Kutschen zu sind, als Point de vue nicht anziehend genug. Und nun vergleichen Sie damit
meine Mohrenstraße-Ecke! Sag ich zuvtel, wenn ich behaupte, daß mir, von meinem Ausguck aus, ganz Berlin, soweit es mitspricht, zu Füßen liegt? Was ich jeden Morgen zuerst zu begrüßen in der Lage bin, ist der alte Zielen auf seinem Postament. Als er noch weiß war, war er mir freilich noch lieber, und wenn ich ihn damals fo marmorblank in der Morgensonne bastehen und leuchten sah, dacht ich mitunter, er werde reden wie der selige Memnon aus seiner Säule. Nun, das hat er schon damals unterlassen, und seitdem er erz- und olivenfarben geworden ist, ist es vollends damit vorbei — die bessern Tage liegen ihm und andern zurück. Aber besser ober nicht, der alte Zielen ist überhaupt nur Vorposten an dieser Stelle, hinter dem ich (die Menge muß es bringen) an jedem neuen Tage nach links hin die Gamaschen des alten Dessauers und nad) rechts hin die Fahnenspitze des alten Schwerin blinken sehe. Vielleicht ist es auch fein Degen. Und en arriere meiner Generäle türmen sich die Ministerien aus und Pleß und Borsig, und wenn ich mich noch weiter vorbeuge, sehe ich sogar das Gitter von Radziwill, jetzt Bismarck, und durchdringe mich mit dem patriotischen Hochgefühle: hier Preußen unter dem Alten Fritz, dort Preußen unter dem Eisernen Kanzler."
So liebte Baron Papageno zu perorieren und schloß bann in bet Regel mit Zitaten aus der ersten Strophe des ,Ring des Polykraies', womit sich feine Kenntnis der Ballade, wie bei vielen andern, erschöpfte.
Der Baron lag auch heute wieder im Fenster, aber nicht nach dem Zietenplatze, sondern nach der Mohrenstraße hinaus, und beobachtete die Sperlinge, die gerat» gegenüber in der Dachrinne saßen und sich unter beständigem Gepiep und Gehupf, dem bann ein abschüttelndes Flügelschlagen folgte, den Extravaganzen eines geordneten oder vielleicht auch ungeordneten Familienlebens Hingaben. Er sann eben darüber nach, ob er sich nicht aus moral-pädagogischen Gründen ein kleines Pustrohr anschaffen und durch Hinüberschiehen kleiner Lehmkugeln etwas mehr Aszese heranbilden solle, als er draußen auf dem Flur die Klingel gehen hörte. Seine Wirtin mußte, der Tagesstunde nach, eigentlich noch zu Hause sein, und so hielt er vorläufig ruhig auf seinem Beobachtungsposten aus, bis das mehrfach wiederholte Klingeln ihn veranlaßte, nachzusehen, was es sei.
Baron Papageno hatte draußen den Postboten erwartet und war nicht wenig Überrascht, statt seiner den jungen Grafen vor fid) zu sehen. „Ah, Waldemar! Herzlich willkommen! Wie Zeit und Jugend sich ändern! Ich schlief immer noch um elf, und Sie sind schon auf und gestiefelt und gespornt und machen Ihre Visiten. Aber bitte, geben Sie mir Ihren Ueberzieher! Oder wenn Sie meine Dienste verschmähen, auch gut; auch das alte «Selbst ist der Mann' hat seine Vorzüge. Hier an diesen Riegel, wenn ich bitten darf. Und nun lassen Sie mich vorangehen und den Führer machen ... Soll ich das Fenster schließen?"
„Ich denke", sagte der junge Graf, „wir lassen es, wie's ist."
„Gut. Oder vielmehr, desto besser. Nichts über frische Luft. Ich war eben naturhistorischen Betrachtungen hingegeben, und zwar dem Liebesleben einer Sperlingsfamilie drüben in der Dachrinne. Nichts interessanter als solche Betrachtungen. Und warum? Weil wir Urnen entnehmen dürfen, baß auch bas tierweltlich Jntrikateste feine Parallelftellen in unserem eigenen Leben findet. Glauben Sie mir, Waldemar, nichts falscher als die Vorstellung, daß es mit der Gattung homo was gans Besonderes sei."
Der junge Graf nickte zustimmend. Der alte Baron aber, ohne sich im geringsten um Anzweiflung oder Zustimmung zu kümmern, fuhr in dem ihm eigenen jovialen Tone fort: „Sehen Sie, Waldemar, die Sperlinge! Meine Passion! Jedes Alter hat feine Passionen, und die Sperlinge repräsentieren am Ende nicht die schlimmste. Hübsch freilich sind meine Freunde drüben nicht und auch nicht wählerisch, eigentlich in nichts, im Gegenteil, immer amüsant, und das ist für mich das Entscheidende. Denn die meisten Tiere — wiederum ganz nach höherer Analogie — sind herzlich langweilig, darunter selbst solche, die für bevorzugt gelten und, fast möcht ich sagen, den Vortritt haben. Nehmeir Sie beispielsweise den Hahn! Er denkt sich Wunder was und ist dock) eigentlid) nur ein Geck. Außer dem Amte, bas ihm obliegt und über das ich in so früher Stunde nicht gern sprechen möchte, was tut er sonst noch, das der Rede wert wäre! Nichts. Er hält sommers von drei Uhr ab seine Dienststunden. Aber das ist mir zu wenig. Und nun vergleichen Sie damit den Sperling! Immer guter Laune, gesprächig, fidel. Ueberall guckt er rein, alles will er wissen, alles will er haben — die reinen Preußen in der Weltgeschichte der Vögel... Aber ich verschwatze mich, die Sperlinge sind nun mal mein Steckenpferd, ein etwas sonderbares Bild. Und nun nehmen Sie Platz, wenn ich bitten darf... Zigaretten? Oder einen Morgenkognak?"
Und er fuhr im Zimmer hin und her, um zunächst ein Kistchen Zigaretten und dann Aschbecher und Feuerzeug vor den jungen Grafen hin- zustellen. Als er aber endlich damit zur Ruhe war, nahm er selber Platz und blickte mit seinen freundlich-grauen Augen, die pfiffig und unbedeutend in die Welt hineinsahen, feinen Besucher an.
„Id) komme", begann dieser, „in einer etwas diffizilen Angelegenheit ..."
„Also Geldsache“, warf Papageno dazwischer. und versuchte zu lachen. Denn feine Finanzlage war nicht die beste.
„Nein, nicht das, lieber Baron. Es handelt fid) vielmehr um eine Herzens- und Standessache. Rundheraus, ich habe vor, mich zu verheiraten."
„Ah, scharmant. Eine Hochzeit. Wahrhaftig, ich wüßte nicht, lieber Waldemar, was Sie mir Lieberes sagen könnten. Ich hab es verpaßt und stecke nun in meinen Junggesellenpantofseln. Aber wenn ich höre, daß ein anderer es wagen will, da faßt mich immer ein heftiger Neid, und ich höre nichts als Orgel und Tanzmusik und sehe nichts als Buketts und kleine weiße Atlasschuhe Die sind auch eine Passion von mir, beinah noch mehr als die Sperlinge. Und aus allen Backöfen werden dann Sudjen gezogen, und abends steigen Raketen aus dem Park in den schwarzblauen Himmel auf, und im Kruge, was immer das Interessanteste bleibt, gibt es nichts als Friesröcke, Brustlatz und Zwickelstriimpfe.“
(Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: Dr. Hans Thhriol. — Druck und Verlag: Drühl’sche Llniversitäts-Vuch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


