Oie drei heiligen Könige.

Von Richard d. Schaukal.

In Mitternacht erstand ein großer Stern, hielt still erstrahlend überm Dach des Herrn.

Und war sein Licht von solcher Helligkeit wie keines andern je seit aller Zeit.

Weithin drang in die Welt der starke Schein und lud mit Macht ihm nachzugehen ein.

So haben sich denn auch in dieser Nacht drei Könige fern auf die Fahrt gemacht.

Und wußten keiner von dem andern nicht und sanden sich zusammen vor dem Licht und gingen unterm niedern Dach ins Haus: da lag der Herr, sah wie ein Kindlein aus. In einer Krippe lag es nackt und arm, der Hauch von Ochs und Esel hielt es warm. Da beugten die drei Könige das Knie, und hoch durchs Fenster sah der Stern auf sie.

Schaltjahr und Schalttag.

Von Albin Michel.

Das Jahr 1932 ist wieder ein Schaltjahr. Gewöhnlich wird ange­nommen, daß der 29. Februar der Schalttag sei. Dies ist jedoch falsch. Denn der Schalttag fällt nicht auf den 29. Februar, sondern aus den 24. Februar. Davon kann sich auch jeder durch einen Einblick in den Kalender überzeugen. Der Matthiastag, der sonst auf den 24. Februar fällt, wird im Schaltjahr stets auf den 25. Februar verschoben und an dessen Stelle tritt eben der Schalttag. So lange sich die Menschen Kalen­der geschaffen haben, so lange gibt es bereits Schalttage. Denn genau nach dem Jahresablauf läßt sich kaum ein Kalender einrichten, und bei de» geringeren Kenntnissen in den ältesten Zeiten war dies noch weniger möglich. Die alten Aegypter z. B. hatten jedes Jahr fünf Schalttage, die den Schluß des Jahres ausmachten. Dazu mußten von Zeit zu Zeit noch einmal besondere Schalttage eingesetzt werden. Andere Völker wie die alten Inder, die Perser, Griechen und Israeliten, die nach Mond- j a h r e n zu je 354 Tagen rechneten, mußten sogar alle paar Jahre einen Schaltmonat einlegen. Im alten Indien wurde die jährlich hervortretende Zeitdifferenz von je mehr als elf Togen aus die Weise ausgeglichen, daß jedes Mal in einem Zyklus von fünf Jahren zwei Schaltmonate fielen. Die alten Perser hatten später ein Jahr von 365 Tagen, schoben aber jedesmal in einem Zyklus von 33 Jahren acht Jahre mit Schalttagen ein. Bei den alten Israeliten wurde die Zeitdisserenz, die bei dem Mondjahr von 354 Tagen entstehen mußte, so beglichen, daß jedes Mal in einem Zyklus von neunzehn Jahren sieben Jahre mit Schaltmonaten kamen. Daß der 24. Februar als Schalttag bestimmt wurde, ist noch aus den ältesten Kalender der Römer zurückzuführen. Die alten Römer hatten einen Gott Terminus, das war der Gott des Grenz- und Marksteins. Diesem Gott war ein Fest geweiht, die Terminalien, die jedes Mal aus den 23. Februar fielen. Unmittelbar nach diesem Festtag, also am 24. Fe­bruar, wurde der Schalttag eingelegt. Dies blieb auch so, als im Jahre 46 vor unserer Zeitrechnung der Kalender Julius Cäsars eingeführt war. Ebenso hat der gregorianische Kalender den 24. Februar als Schalttag beibehalten.

Schaltjahr und Schalttag haben auch in alten Volkssprüchen, in Volks­meinungen und in alten Volksrechten eine gewisse Bedeutung. Eine ganz eigenartige Rechtslage hatte der Schalttag vom 11. Jahrhundert an für unverheiratete Frauen und Männer in England, Schottland, Irland und auch in Italien geschaffen. Heiratsfähige Mädchen und Witwen hatten nämlich das Recht, am Schalttag jedem unbeweibten oder noch nicht zur Ehe versprochenen Mann einen Heiratsantrag zu machen. Der Mann brauchte zwar einen solchen Antrag nicht anzunehmen, er mußte jedoch in diesem Falle dem abgewiesenen Mädchen oder der ab- gewiesenen Witwe eine Entschädigung bezahlen. Das klingt beinahe wie ein Volksmärchen. Aber noch heute läßt sich in Schottland ein Gesetz aus dem II. Jahrhundert nachweisen, in dem das skizzierte Recht der Frauen und Mädchen am Schalttag festgelegt war. In diesem Gesetz aus dem 11. Jahrhundert war auch ausgesührt, daß sich die Entschädigung, die eine abgewiesene Frau zu erhalten habe, nach den Vermögensverhält- nissen des abweisenden Mannes richte, daß sie jedoch bis aus 2000 Schil­linge gehen könne, für damalige Verbältnisse eine gewaltige Summe. Aehnliche Gesetze wurden in anderen Ländern nicht mehr aufgefunden, wohl aber wurden in italienischen Städten alte Prozeßakten ermittelt, die mit absoluter Sicherheit beweisen, daß derartige Gesetze auch in Italien bestanden haben müssen. Weiter wurde in England eine behörd­liche Bestimmung ausgefunden, wonach die Frauen und Mädchen, die am Schalttag aus Freierssühen gehen wollen, in einer bestimmten, weiterhin sichtbaren Kleidung auf der Straße zu erscheinen haben. Aus diese Weise sollten alle Männer, die keinen Heiratsantrag anzunehmen gedachten, Ge­legenheit haben, sich rasch zu entfernen.

In Deutschland dürsten derartige Gesetze nicht bestanden haben, wenig­stens ist noch keine daraus abzielende Bestimmung gesunden worden. Eine letzte Erinnerung an dieses alte verbriefte Recht der Frauen und Mädchen am Schalttage läßt sich noch heute in Schottland, England und Irland Nachweisen. Arn Schalttage werden nämlich in diesen Ländern noch heute überall Festlichkeiten abgehalten, bei denen die Frauen die Veranstalterinnen sind. Die Schalttagsfestlichkeiten stehen ganz unter der Oberherrschaft der Frauen. Frauen bringen bei diesen Festlichkeiten die Trinksprüche aus, sie allein bestimmen die Speise- und Weinfolge. Die Männer sind dabei immer nur die Geduldeten und die Eingeladenen.

Im Volksglauben der Völker haben Schaltjahr und Schalttag eine ver­schiedene Ausdeutung erhalten. In Deutschland gilt das Schaltjahr nach

altem Volksglauben als ein Jahr mit schlechten (Ernten. Das kommt in verschiedenen Aussprüchen zum Ausdruck, an die man zwar heute nicht mehr glaubt, die aber doch noch öfter zu hören sind. Dagegen gilt das Schaltjahr nach dem Volksglauben der Russen als ein Glücksjahr. Der Schalttag dagegen gilt bald als Glückstag, bald als ein Unglückstag.

Wer hat meine Bücher?

Von Dr. Eugenie Schwarzwald.

Ich habe eine Bibliothek. Das heißt, ich hatte eine Bibliothek. Von jung an habe ich Bücher getauft und Bücher geschenkt bekommen. Aber jetzt sind sie weg. Leider nicht alle.

Wenn man nämlich gar keine Bücher hätte, so wäre das wenigstens originell und jedensalls keine Quelle des Mergers. Wenn ober in der Weimarer Goethe-Ausgabe der Band Faust I seh», in der Beuchot-Aus- gabe von Voltaire das Philosophische Diettonaire, in der schönen Vor- friegsausgabe von Dostojewski derIdiot", von Hamsun dieMysterien", von Fontane dieKinderjahre", wenn die Hebbel-Tagebücher, die so wunderschön in Wildleder gebunden waren, weg sind, so geht einem das ans Herz. Der Frank Heller aber, den man für schlaflose Rächte stehen hatte, ist zu allererst weggekommen.

Was ist mit meinen Büchern geschehen? Meine Freunde, berühmte und unberühmte, halten alle auf das siebente Gebot. Aber meine Bücher sind doch fort. Auf verschiedene Arten kommen sie aus dem Haus. Ent­weder sind sie eines Tages spurlos verschwunden. Oder es kommt einer und fragt in fliegender Eile:Du, darf ich mir die Gedichte von Georg Trakl auf die Elektrische mitnehmen?" Bedächtig und ordnungsliebend kommt ein anderer:Bitte, trag in dein Vormerkbüchlein ein, daß du mir Bernhard Shaw,Sozialismus für die Frauen" für vierzehn Tage geborgt hast". Es gibt noch viele Arten, einem Bücher auszuführen. Aber auf alle Arten kommen sie nie wieder.

Der BücherejKentümer kann nichts dafür. Es versteht sich ja von selbst, daß man Bücher verborgt. Das befiehlt der Gemeinschaftssinn. Wenn schon nicht alle materiellen Dinge allen gemeinsam gehören können, müssen es wenigstens die geistigen. Der eine Freund sagt: ,Lch habe, wie du weißt, nur wenig Geld und kann mir nicht viele Bücher kaufen. Leih mir das Buch, damit ich sehe, ob es mir eine Anschaffung lohnt". Der andere:Da ich mir gar keine Bücher kaufen kann, so ist deine Bibliothek einfach die meine*. Der dritte:Jetzt in der Nacht kann ich mir das Buch nicht kaufen. Ich muß es aber durchaus noch heute lesen". Es gibt nur sehr wenige Menschen, die in diesen Fällen den Mut haben, nein zu jagen oder sich gar auf Grundsätze zu berufen, die ihnen das Bücher- verborgen verbieten.

Zu diesen Leuten gehöre ich nicht. Die Folgen davon sind die schmerz­lichen Lücken in meiner Bibliothek. Wo ist StormsJmmensee", das mir mein Vater zum 15. Geburtstag geschenkt hat? Auf das Vorsatzblatt hatte er ein selbst verfaßtes Gedicht geschrieben, welches mir damals wunder­schön schien. Wo ist BurckhardtsRenaissance in Italien"? Dieses Buch war mein erstes Honorar für Unterricht im Mittelhochdeutschen. Ach, wie war ich stolz daraus! Und wie viele Quellen der Heiterkeit sind mir ver­schüttet. Wo sind die Gedichte von Friederike Kempner hingekommen, die fie mir als einem Landmädchen mit einer so schönen Widmung geschenkt hatte:Sogar schon auf dem Lande beim Mist und bei der Kuh gedenkt man meiner Muse;' was sagt ihr Neider nu?" Und wo soll ich nun DedekindsRosa" suchen, ein Trauerspiel, dessen Held ein Einjährig-Frei­williger namens Oskar Weiß, im ersten Akt lebend, im zweiten, dritten und vierten Akt ausdrücklich alsGeist des Oskar Weiß" auftrat. Es schloß mit den Worten:Noch nie ward solche Greueltat erhört ...", und wir vergossen Kübel voll Lachtränen. Alles ist weg.

Aus den verschiedensten Quellen fließt mein Schmerz um die ent­schwundenen Bücher. Ich trauere um jene, die ich zu lesen versäumt habe, um manche, die ich allzu flüchtig las, um solche, denen ich durch Anregung und Freude zu bleibendem Danke verpslichtet bin, um alle, an die sich irgendwie eine Erinnerung knüpst. Und wie viele von ihnen sind auch materiell unersetzlich! Erstdrucke waren dabei, Bücher, di« nun für immer vergriffen sind, sorgsam behütete Jahrgänge verschollener Zett- schriften. Aber das schlimmste bleiben doch die in der Jugendzeit unter . Entbehrung angeschafften Gesamtausgaben, denen jetzt ein Einzelband fehlt. Wie ein ausgebrochener Zahn.

Merkwürdigerweise waltet über Büchern, die einem von den Ver­fassern selbst, mit Widmungen versehen, geschenkt wurden, ein ganz be­sonderer Unstern. Je berühmter der Name des Autors und je intimer die Widmung, desto sicherer geraten fie in Verlust. Letzthin wurde mir eine schwere Zahnoperation durch ein kleines Erlebnis im Wartezimmer des Zahnarztes versüßt. Ich fand dort auf dem Tisch zwischen einem muffig riechenden Jahrgang derMeggendorfer" und einer abgegriffenen Anpreisung van Nauheim ein schönes langvermißtes Buch wieder, mir teuer durch eine zärtliche eigenhändige Zueignung des Verfassers.Wo haben Sie das Buch her?" fragte ich die Assistentin.Ein dicker älterer Herr hat es einmal hier vergessen." Sie nannte mir einen unbekannten Nomen.

Noch schlimmer ging es mir mit SchessauersWenn ich Deutscher wäre". Er hatte es mir kurz vor (einem Tode mit guten Worten zu- geeignet. Kürzlich sand ein junger Mensch das Buch im Geheimgemach eines Kaffeehauses: er sandte es mir mit einigen roten Rosen, um den Fundort vergeßen zu machen.

Von den Menschen, die Bücher entlehnen, sind zwanzig vom Hundert ordentliche Leute. Die weiteren achtzig vom Hundert (diese Statistik ist so salsch wie die meisten Statistiken) sind es nicht. Viele von ihnen haben einjach kein Verhältnis zum eigenen Buch. Achtlos nehmen sie es weg, sorglos geben sie es weiter. Geistige Werte sind ihnen keine Lebensnot­wendigkeit. Bei ihrem Mangel an Phantasie können sie nicht begreifen, wie sehr sie den Bücherfreund berauben. Es ist vielleicht kein Zufall, daß selten arme Leute Büchermarder sind. Menschen, denen Geldbesitz wichtig ist, scheint manchmal Buchbesitz nicht wichtig. Menschen, die in einem Hauje, das nicht das ihre ist, feine Blume aus der Vase nehmen, um sie sich ins Knopfloch zu stecken, nicht einen Bonbon vom Tablett und nicht