Montag, den Januar

Jahrgang (952

Zum neuen Lahre.

Von I. W. v. Goethe.

Die Jahre sind allerliebste Leute: Sie brachten gestern, sie bringen heute, Und so verbringen wir Jüngern eben Das allerliebste Schlaraffenleben.

Und dann fällt's den Jahren auf einmal ein, Nicht mehr, wie sonst, bequem zu sein:

Wollen nicht mehr schenken, wollen nicht mehr borgen, Sie nehmen heute, sie nehmen morgen.

Vergangenheit kommt an den Tag.

Von Josef Ponten.

Aus Josef Pontens soeben erscheinendem zweiten Band seines EposVolk auf dem Wege. Roman der deutschen Un­ruhe" entnehmen wir den folgenden Auszug. Das Buch erscheint unter dem TitelRhein und Wolga" (Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart). Der Wolgadeutsche Auswanderer kehrt an den Rhein, in die Heimat seiner Vorväter zurück. Rheinlandschaft, Schicksalsstunden deutscher Geschichte werden lebendig, denn eines Stammes find die Deutschen am Rhein und an der Wolga, deren Voreltern die brennende Pfalz zur Wegfackel wurde auf der Suche nach neuem Lebensraum.

Als dec neue Tag kam, grau, trübe und kalt, fand er eine veränderte Welt ein eingestürztes Stadtwesen, eine pockennarbige Stadtlanchchast vor, aus der es da und dort noch schwelte und rauchte, zum Husten reizender kalter Brandschmauch aufstieg und unter bedecktem Himmel träge einherzog.

Mit dem neuen Tage rückten die Pioniere ein auf die Brandstätte, um einzureiben, was sich nicht ohne weiteres der Majestät von Frankreich gefügt hatte: die stehengebliebenen Mauern der Gebäude aus totein und die wie kleine Türme aus der Brandflur noch aufragenden Kamine der Holz- und Fachwerkhäuser. Die Werksoldaten kamen mit Brech- und Stemmeisen, mit Picken, Hebeln und den fahrbaren Essen. An den Aus­fallstraßen der Stadt wurden Schilder errichtet, Zuoberst in französtscher, darunter in deutscher Sprache wurde denehemaligen Bewohnern der gewesenen Stadt Speyer" bei Guts- und Lebensstrafe verboten das Gelände der Stadt wieder zu besiedeln und auch nur zu betreten. Denn ein königlicher Wille verordne, daß dieses Stadtgelände in Zukunft als ein verfemtes anzusehen sei, und der König wünsche nicht, aus einer neu errichteten Hütte und nicht einmal aus einem wiederbenutzten Keller Herdrauch aufsteigen zu sehen.

Der Alistädtmeister und Ratssenior Christian Heinsberg, gefolgt von Leitzingen, dem Handwerksmeister Plappert, Paul Läppchen, dem Fah- schwefler, dem Käser Reiser und anderen ging an der Tasel vorüber in die Stadt, ohne das Brett und die Wache dabei eines Blickes zu würdigen. Der Posten schaute verdutzt den Leuten nach und ließ sie gehen Die Speyerer schritten ernst, wie man einen Friedhof besucht. Angekohltes Holz, das abscheulich roch, abgesprengte »teilte und die verwickelten Drähte, an denen die Lampen der Straßenbeleuchtung gehangen hatten, versperrten den Weg. Der Altstädtmeister hob einen Draht mit [einem Stabe hoch und man schlüpfte darunter durch. Eine Wolke von Dunst ausgelaufenen Weines kämpfte säuerlich riechend mit hkm Brandgeruch. Tote Hunde mit angesengtem Fell lagen im Wege. Die Pwniere rissen die Reste der Häuser ein. toie lösten von ihren Wagen die Deichseln, steckten deren eisernen Schuh in eine Mauerfuge und legten den Schaft über einen dicken Stein in der Straße: wenn dann das schäftende mit der Kraft und der Last von vier oder sechs Mann niedergewuchte.t wurde, fiel die Mauer nach innen auf die Hausstelle. In den todesstillen Gassen, wohin die Einreißer noch nicht gekommen waren, strichen Katzen um die Stätten ihrer Heime. Manchmal hielten die Speyerer sich die flache Hand vor Mund und Rase, denn es stank entsetzlich aus den Rumen. »ie beschleunigten den Schritt. Sie sahen Plünderer, »oldaten und Bauern der Nachbardörfer, verstohlen um die Ecken schleichen und in ben et leit Ruinen noch vergessenen und verschonten Werten stochern. Erschüttert von den Schritten des Dutzends Menschen fiel in der Armbrustgasse eine Mauer zusammen. Die Münner kamen aus Markt und Breite ^Llta^e, der Ort des Domes leitete ihre Schritte.

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Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger yQkJ/

Die werkelnden Soldaten und die ein« oder andere Straßenwache hatten die Zivilisten vorbeiziehen lassen, denn es ist schwer, gegen den Ernst, und die Würde des Unglücks aufzutreten. So kamen die Männer bis zum Domplatz. Ei schau, der Speyerbach, durch die in ihn gestürzten Haustrümmer und den Brandunrat gestaut, hat sein Bett verlassen, seinen Lauf verlegt und sich durch die Ruinen des Reichskammergerichts, durch das Gäßlein zur Hölle und die große und kleine Himmelsgasse seinen Weg quer über die Breite Straße gesucht, läßt den Dom, den er früher zu seiner Rechten hatte, zu seiner Linken und fließt durch die Ueberreste des Fischtors hinaus in den Rhein!

An diesem jungen Bach stand eine Postenkette, Rücken zu den An­kömmlingen und Gesicht nach dem Dome. Die Sargwände des Lang­hauses, durch Minen, die in die klotzigen Pfeiler gebohrt worden waren, erschüttert, kamen soeben unter furchtbarem Krachen und Donnern zur Erde nieder. Eine Wolke von Kalkstaub stieg auf, und alle, Soldaten und Bürger, rieben sich die Augen. Als die Staubwolke sich davongehoben hatte, sahen die Soldaten die Bürger.

Marsch! Fort da, ihr deutschen Lauskerle!" riesen die Soldaten und meinten das saft gutmütig. Die Speyerer wichen ein wenig zurück.

Es war aber auf Augenblicke so still in der toten Stadt, daß Heins­berg und Plappert die flüsternd geführte Unterhaltung von ein paar Soldaten hörten:Sie haben die Gräber ausgebrochen ... Gräber? Wo» ... Im Dom ... Gräber von was? ... ihrer Kaiser ... Ei, Kaiser! Haben sie was drin gefunden? ... Alte Lumpen. Ein paar blinde Steine. Nichts von Wert ... Nicht zu verwundern. Was soll denn so ein schäbiges Volk auch seinen Kaisern mitgeben? Denkt, tot ist tot, er merkt doch nichts mehr ... Ja, ja, warum sich noch Kosten machen, wenn's schons 'ganze Leben kostet? ..." ,

Die Generale Melac und Monclar standen mit ihrem Stabe tm brockenbesäten Hof des Domkreuzgangs. Ihnen wurden ein paar Soldaten zugeführt. In der Nacht hatten sie sich in den Dom geschlichen und die auf der Chorempore liegenden Gräber von der Krypta her angebohrt. Die Generale blickten streng. Ein Hauptmann erklärte:Nichts von Bedeutung gefunden. Zwei Gräber erbrochen mit diesen den Leichen beigefügten Steintäfelchen: Adolf von Nassau, Albrecht von Oester­reich *.."Kennen wir nicht", sagten die Generale ...Ein anderes: Rudolf von Habsburg ..."Kennen wir nicht", sagten die Generale ...Hier ist sein Schädel", sagte der Hauptmann.Eine Schramme darin. Der Kaiser war vor seiner Wahl ein streitbarer Land­graf ..."Die Deutschen waren immer Raufbolde, schlagen sich die Köpfe ein ..."... Landgraf im Elsaß ..So? Also in Frank­reich! Ein französischer Graf! Rasch, anständig wieder begraben!"Noch zwei Frauengräber, einer Beatrix, Kaiserin, und eines Kindes, Agnes, Frau und Tochter von Friedrich Barbarossa ..."Aha, kennen wir, Barberousse! ..."Und hier ist das Gehirn des Kindes, der Kerl da hatte es in der Tasche." Der Hauptmann reichte dem General Melac das zur Gröhe eines Aepfelchens zusammcngetrocknete und hartgewordene Gehirn.Haben Ball damit gespielt", fügte der Hauptmann hinzu, denn ec war in Wut über die Ruchlosigkeiten.

Aber Melac überhörte das, er sah zerstreut das Gehirn des Kaiser­kindes an, und halb verlegen ließ er es ein paar Mal in seiner Hand tanzen. Dann gab er es eilig dem Hauptmann zurück und flüsterte bei­nahe:Alles schnell wieder verscharren! Zuschütten und dann Maul hatte,/' Und was werde ich mit euch machen?" wandte er sich streng an die Uebeltäter.Eine halbe Stunde in ein Loch!" verurteilte er die Grabräuber.Wenn es aber aufkommt, was ihr gemacht habt, und Europa des Königs Majestät deswegen Stank macht, dann gibt es die Galeere! Werde also erfahren, ob ihr Maul halten könnt." Und entließ die Räuber und den Hauptmann.

.Peinliche Geschichte das!" sagte er zu seinen Stabsoffizieren.Den Deutschen mag man's gönnen. Was ist es denn schon groß mit ihren Königen und Kaisern? Alles Bauernkaiser und Raufbolde! Schramme im Schädel! Hat man je so was gehört? Kann man sich einen französischen König mit einer Schramme im Schädel denken? Aber den Wilhelm von Oranien mag es gegen Frankreich aufbringen, unsere Majestät sürchtet ohnehin eine europäische Koalition. Und außerdem, unseres Königs legi­timer Sinn könnte sich verletzt fühlen. Wenn es auch nur Deutsche waren, es waren doch Könige ... Also" statt der Aufforderung: Schweigen! die der General nicht aussprach, legte er, sich im Kreise umsehend, den Knopf seiner Reitpeitsche an die Lippen, und der ganze Stab sichrle lächelnd den Zeigefinger an den geschlossenen Mund.

Der Hauptmann kam eilig und geradezu atemlos wieder daher. ,,-Vcein General! Die Mine, die in' den Hauvtpfeiler gebohrt wird um die Kuppel und ihre Türme niederzulegen die Pioniere haben eine Grabplatte gefunden mit dem Namen: Karl..."Karl? Karl der Große» Liegt er nicht in Aachen begraben? Aber die verfluchten Deut­schen könnten unfern Karl ihren Strauchkaisern hier an die Seite gelegt haben . . Charlemagne! Erster Kaiser der Franzosen! Sofort alle Zec- störungsarbeiten einstellen! Der Rest der Ruine mag erhalten bleiben!"