Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (951
Hreitag, den 2. Januar
Nummer \
etwas Gähnendes und Kellerhaftss bekam.
seinem in natürlichen Ringeln den Kopf uinstehenden blonden Haar ein eti Bild für einen Maler. Nur durfte er die Lucia nicht aufstehen heißen, Nt>nn hnr Hi'h hli‘i --
unterschied aber at« sie in Kon —1
Giorgina
14
11
10
9
8
7
6
5
4
Z
£
17
S
9
L
8
6
xaoourett in
'M
hagere Frau
i
aller Länder pilgerten. Aber ihr Herz freute sich doch, und ihre Augen staunten, ohne es zu wissen, über das Leuchten, das vom Grün der Berghänge und Talwiesen und dem brennenden Blau des Himmels ausging, über die Macht dieser zwei Farben, gegen die weder das Staubgrau der Straßen noch das Silberweiß der Wasserfälle aufkam, und die an den Kämmen der Berge in einer duftigfeinen Grenzlinie geschieden waren. Lucia freute sich mit einer so großen Freude, daß sie 'aufhorte, mit der blonden Giorgina zu päppeln, die ihr gegenüber saß. Es war aber auch viel der Lust auf einmal. Wenn man bedachte, daß es jetzt in die Ferien heim ging nach Marogno di Sopra zur Nona, daß man em paar Wochen lang nicht in der Trattoria des Giorgio Bianchi zu Bellenz Böden zu kehren, Gläser zu waschen und Fenster zu putzen brauchte, daß die Giorgina mitkam, des Bianchi Tochter, mit der die Lucia sich so wohl vertrug, und daß — Santa Maria — jetzt konnte man schon bald die karge Alpe sehen, wo über dem Dorfe Marco die Schafe und Ziegen weidete. Marco! Marco! Die kleine Lucia jubelte nicht, aber es schwindelte ihr. Ob es vom ungewohnten Eisenbahnfähren kam oder vom langen in die Luft staunen? Sicher aber hatte Marco daran teil; denn es durchfuhr das Mädchen heiß und kalt, wenn sie an ihn dachte. An ihn nicht zu denken war jedoch hier, wo er zu Hause war, schwer.
Lucia war übrigens kein Kind mehr, obschon ihre kurzen Beine nicht von der Sitzbank auf den Boden reichten. Sie zählte achtzehn Jahre, ge
nau wie die Giorgina, die Wirtstochter. Im Rahmen des Fensters war ihr Gesicht mit seiner braunen Farbe, seinen pflaumenblauen Augen und
21 22
19 20
15 16 17 18
12 13
der Nähe des verfallenen Herdes saß eine mittelgroße, mit kohlschwarzem Haar, ebensolchen Augen und einem runzlichen Gesicht mit verdrossenem Ausdruck. Sie hatte ein schwarzes Kleid an, dessen Farbe ins Altersgrüne stach, und schälte Kartoffeln. Lucia legte ihr Bündel auf einen nahen Tisch, stellte den Handkoffer zu Boden und sagte zu Giorgina: „Ecco la nona"._
Giorgina war freundlichen Wesens. Sie lachte also die Alte an und
2 3
Ocm 1
, ,,«recpueji, meine orrumpfe, weitze Schuhe, ein weißes Kleid, auf
dem das rote Korallenkettlein am Halse wie Blutstropfen schimmerte. Sie rutschte immer auf ihrem Sitz; denn es lebte alles an ihr, aber jede Bewegung war voll angeborener Anmut. Sie hatte aschblondes Haar und weiche, etwas verschwommene Züge, deren Haut so glatt war, daß man versucht wurde, mit dem Finger daran zu tupfen. Vor allem aber hatte sie die merkwürdigen Augen. Sie waren blaßblau, aber sie schienen fast blond wie das Haar und so merkwürdig samthaft; man fühlte sich wie gestreichelt, wenn sie einen anschauten.
„Jetzt sind wir bann da", sagte Giorgina ausseufzend. Die Zeit war ihr lang geworden, und sie war es müde, dem jungen Signore, der auf der Bank'schräg gegenüber saß und sie seit einer Stunde angaffte, Augen zu machen. , „ v
Das Wort weckte Lucia. „Ja", gab sie zurück. Ihr Herz klopfte. Und plötzlich entfesselte sich die Flut ihrer Rede wieder. Ja, ja doch, dort sehe man ja schon Marogno. Die Kirche! Ob das nicht eine wundervolle Kirche sei für ein so kleines Dorf? Und die Brücke über die Moscia. Ob Giorgina sehe, wie sich das in hohem Bogen schwinge. Und dort, dort liege auch Marogno di Sopra zwischen den Kastanien.
Giorgina lächelte. Sie wußte eigentlich nicht so recht, warum ste sich entschlossen, mit der kleinen Magd hierher zu kommen, und erwartete nicht viel von ihrem Aufenthalt. Ein wenig reute sie die Fahrt schon;
Sius White
Yellow
Grey 3
Magenta Black
Green
Grey 2
Neujahr.
Von Conrad Ferdinand Meyer.
Cölöur & Grey Control Chart
Cyan
Grey 1
wünschte ihr guten Tag.
Da stand diese auf, setzte die Schüssel beiseite und ließ die Schalen, die ihr auf der Schürze ^gelegen, zu Boden fallen. Sie war stolz, daß die Padrona der Lucia zu Besuch kam, wenn es auch lange gedauert hatte, dis sie sich zu einer Begrüßung bequemte. Sie sagte auch zu Giorgina, was für eine Ehre es für Lucia fei und fragte, ob die Eltern gesund feien. Es fei gewiß immer viel zu tun in der Wirtschaft, fuhr sie fort. Sie wisse es von Lucia, welch eine Goldgrube der Bater habe. Durch ihr von Natur aus mürrisches und wortkarges Wesen brach angesichts des ihrer Armut bedeutungsvollen Besuchs eine eifrige Liebenswürdigkeit. Lucia gegenüber aber blieb sie kurz angebunden und verdrossen, so daß Giorgina fast erschrak und mehrmals verstohlen nach der häßlichen Alten blickte.
Diese hieß die Enkelin den Kaffee vom Herde nehmen und Tassen aufsetzen. „Spute dich", fuhr sie sie an.
' Bald sahen die zwei Mädchen am Tisch.
Red
Grey 4
!benn es schien ihr gar zu still tn der Gegend. Aber sie liebte Lucia, weil sie anhänglich und dienstfertig und drollig war, weil man über sie lachen und sie verspotten konnte, ohne daß sie böse wurde, und bann hatte der ' i la, der mit ihrem Vater befreundet war, diesem geraten, ' ze zu schicken, weil sie bleichsüchtig sei.
ist etwas sonderbar, du mußt nicht erschrecken", sagte jetzt inem Augenblick plötzlichen und ängstlichen Ueberlegens. wichtig, Giorgina noch oorzubereiten, da die Lokomotive )ri Marogno entgegenpfiff.
mf hielt der Zug.
i Mädchen fliegen aus. Sie schritten, die Giorgina im nmerschuhwerk, die Lucia auf ihren klappernden HolzpaN- Straße entlang und über die schlanke, hohe Brücke. Die und erwiderte Grüße, die ihr von ihnen begegnenden oder ren stehenden Frauen geboten wurden. Giorgina schaute imher. Männer waren nur ganz wenige sichtbar; denn aus über Sommer die ganze männliche Bevölkerung als nienoertäufer ober Früchtehänbler in bie Stäbte bes Nor- Zas Dorf hinter ihnen. Auf einem schmalen, ber Moscia
ZU Seiten durch Wiesen und Weinreben hinführenden Sträßlein fliegen sie Marogno di Sopra entgegen.
Giorgina hob bie feine Nase; bie Ortschaft leuchtete ihr nicht recht ein. Sie lag wie ausgeftorben ba und war mehr ein Steinhaufen benii ein Dorf. Alle Häuser waren klein, aus rohem, unverputztem Mauerwerk aufgerichtel, auch bie Dächer mit einer Art von bünnen Steinplatten bedeckt. Man sah kein Holzwerk, das Wärme und Wohnlichkeit gegeben hätte. Nur ein grüner Baum da und dort, ein Holunderstrauch brachten Abwechslung in bas nackte Grau ber Mauerhaufen. Beim Näherkommen bemerkte bann allerbings Giorgina, baß es hier ebenso wie in Bellenz kleine Höfe, versteckte Loggien unb winzige verwilberie Gärten gab, um beren Steinbaluftraben und rohe Säulenpfosten sich Rosen schlangen, Rosen, bie üppig blühten, obgleich keine Hanb sich um sie mühte.
Die zwei Mäbchen waren schweigend und jedes mit seinen Gedanken beschäftigt dahingegangen. Die Lucia trug nicht nur ihr Bündel, sondern auch noch den schweren Handkoffer ber Giorgina. Niemanb regte sich im Orte. Kein Hund bellte. Nur ein weißes Huhn schlüpfte irgenbroo burch ein Gesträuch. Lucia stapfte voraus in bie Dorsgasse, ihre Halzschuhe trommelten hell auf ben runben Steinen. Es war eng unb heiß in ber Straße unb bunkel. Giorgina buchte, sie würbe bald roieber Heimreisen. Ader bann tat ihr bie kleine Lucia leib, bie sichtlich stolz war, Heimzukommen.
„Ecco", sagte Lucia jetzt unb blieb, wo bie Gasse am engsten war, vor einer Hausöffnung stehen, in ber keine Tür hing unb bie infolgebessen


