bekannt mar, in Paris ein Farbenklavier, bei dem feder Klang mit einer bestimmten Farbwiedergabe in origineller, wenn auch primitiver Weise kombiniert war. Auch der Erfinder eines sog. „elektrischen Klaviers", Le Pere de la Borde, war ein französischer Jesuit. Dieses merkwürdige Instrument erinnert, wenn auch sehr von ferne, an die heutigen Versuche elektrischer Tonerzeugung, wie sie besonders weit an der Berliner Hochschule für Musik von Dr. Trautwein ausgebildet sind. Ein Klöppel, der an einem seidenen Haken hing, wurde mit Hilfe elektrischer Ströme so zwischen zwei Glocken zum Schwingen gebracht, daß ein klarer und fast einheitlich wirkender Ton entstand, über dessen Charakter die Zeitgenossen begeistert waren. Leider blieb das Instrument in seiner Merkwürdigkeit völlig vereinzelt; man hat später kaum noch etwas davon gehört, daß Versuche gemacht wurden, um wieder auf die gleiche Weise, Töne zu erzeugen.
Man wird also zwar nicht mit dem seligen und sehr banalen Ben Akiba sagen dürfen: „Es sei alles schon dagewesen"; nein, Rundfunk, Schallplatte und Tonfilm sind wirklich noch nie dagewesen, wohl aber haben ähnliche Fragen künstlerischer und technischer Art, wie sie jetzt vorliegen, schon Jahrhunderte vor uns beschäftigt; ein neuer Beweis dafür, daß sie keineswegs ganz fernliegend und nicht von außen aufoktroyiert worden find, sondern ihre Begründung in der Entwicklungsgeschichte des künstlerisch-schöpferischen Geistes haben.
pole Poppenspäler.
Erzählung von Theodor S t o r Ni.
(Fortsetzung.)
— — Der Erzähler schwieg, und in seinem schönen, männlichen Antlitz sah ich einen Ausdruck stillen Glückes, als sei das alles, was er mir erzählte, zwar vergangen, aber keineswegs verloren. Nach einer Weile begann er wieder:
Meine Schularbeiten machte ich niemals besser als in jener Zeit, denn ich fühlte wohl, daß das Auge meines Vaters mich strenger als je überwachte, und daß ich mir den Verkehr mit den Puppenspielerleuten nur um den Preis eines strengen Fleißes erhalten könne. ,Es sind reputierllche Leute, die Tendlers', hörte ich einmal meinen Vater sagen; ,der Schneiderwirt drüben hat ihnen auch heute ein ordentliches Stübchen eingeräumt; sie zählen jeden Morgen ihre Zeche; nur, meinte der Alte, sei es leider blitzwenig, was sie draufgehen ließen. — Und bas', setzte mein Vater hinzu, .gefällt mir besser als dem Herbergsvater; sie mögen an den Notpfennig denken, was sonst nicht die Art solcher Leute ist.' — —Wie gern hörie ich meine Freunde loben! Denn das waren sie jetzt alle; sogar Madame Tendier nickte ganz vertraulich aus ihrem Strohhute, wenn ich — keiner Einlaßkarte mehr bedürftig — abends an ihrer Kaffe vorbei in den Saal schlüpfte. — Und wie rannte ich jetzt vormittags aus der Schule! Ich wußte wohl, zu Hause traf ich das öifei entweder bei meiner Mutter in der Küche, wo sie allerlei kleine Dienste für sie zu verrichten wußte, oder es faß auf der Bank im Garten, mit einem Buche oder mit einer Näharbeit in der Hand, lind bald wußte ich sie auch in meinem Dienste zu beschäftigen; denn nachdem ich mich genügend in den inneren Zusammenhang der Sache eingeweiht glaubte, beabsichtigte - ich nichts Geringeres, als nun auch meinerseits ein Marionettentheater einzurichten. Vorläufig begann ich mit dem Ausschnitzen der Puppen, wobei Herr Tendier, nicht ohne eine gutmütige Schelmerei in seinen kleinen Augen, mir in der Wahl des Holzes und der Schnitzmesser mit Rat und Hilfe zur Hand ging; und bald ragte auch in der Tat eine mächtige Kasperlenase aus dem Holzblöckchen in die Welt. Da aber andererseits der Nankinganzug des „Wurstl" mir zu wenig interessant schien, so mußte indessen das Lisei aus „Fetzeln", die wiederum der alte Gabriel halte hergeben müssen, gold- und silberbesetzte Mäntel und Wämser für Gott weiß welche andere künftige Puppen unfertigen. Mitunter trat auch der alte Heinrich mit seiner kurzen Pfeife aus der Werkstatt zu uns,"ein Geselle meines Vaters, der, solang ich denken konnte, zur Familie gehörte; er nahm mir dann wohl das Messer aus der Hand und gab durch ein paar Schnitte dem Dinge hie und da den rechten Schick. Aber schon wollte meiner Phantasie selbst der Tendlersche Haupt- und Prinzipalkasperl nicht mehr genügen; ich wollte noch ganz etwas anderes leisten; für den meinigen ersann ich noch drei weitere, nie dagewesene und höchst wirkungsvolle Gelenke, er sollte seitwärts mit dem Kinne wackeln, die Ohren hin und her bewegen und die Unterlippe auf und ab klappen können; und er wäre auch jedenfalls ein ganz unerhörter Prachtkerl geworden, wenn er nur nicht schließlich über all seinen Gelenken schon in der Geburt zugrunde gegangen märe. Auch sollte leider weder der Pfalzgraf Siegfried noch irgendein anderer Held des Puppenspiels durch meine Hand zu einer fröhlichen Auferstehung gelangen. — Besser glückte es mir mit dem Bau einer unterirdischen Höhle, in der ich an kalten Tagen mit Lisei auf einem Bänkchen zusammensaß und ihr bei dem spärlichen Lichte, das durch eine oben angebrachte Fensterscheibe fiel, die Geschichten aus dem Weiheschen Kindersreunde vorlas, die sie immer von neuem hören konnte. Meine Kameraden neckten mich wohl und schalten mich einen Müdchenknecht, weil ich, statt wie sonst mit ihnen, jetzt mit der Pupperspielertochter meine Zeit zubrachte. Mich kümmerte das wenig; wußte ich doch, es redete nur der Neid aus ihnen, und wo es mir zu arg wurde, da brauchte ich denn auch einmal ganz wacker meine Fäuste.
--Aber alles im Leden ist nur für eine Spanne Zeit. Die Tend- lers hatte ihre Stücke durchgespielt; die Puppenbühne auf dem Schützenhofe wurde abgebrochen; sie rüsteten sich zum Weiterziehen.
Und so stand ich denn an einem stürmischen Oktobernachmittage draußen vor unserer Stadt auf dem hohen Heiderücken, sah bald traurig auf den breiten Sandweg, der nach Osten in die kahle Gegend hinausläuft, bald sehnsüchtig nach der Stadt zurück, die in Dunst und Nebel in der Niederung lag. Und da tarn es herangetrabt, das kleine Wägelchen mit den zwei hohen Kisten darauf und dem munteren, braunen Pferde
in der Gabeldeichsel. Herr Tendler saß fetzt vorn auf einem Brettchen, hinter ihm Lisei in dem neuen, warmen Mäntelchen neben ihrer Mutter. — Ich hatte schon vor der Herberge von ihnen Abschied genommen; dann aber war ich vorausgelaufen, um sie alle noch einmal zu sehen und um Lisei, wozu ich von meinem Vater die Erlaubnis erhalten hatte, den Band von Weißens Kinderfreunde als Angedenken mitzugeben; auch eine Düte mit Kuchen hatte ich um einige ersparte Sonntagssechs- linge für sie eingehandelt. — .Halt! Halt!' rief ich jetzt und stürzte von meinem Heidehügel auf das Fuhrwerk zu. — Herr Tendier zog die Zügel an, der Braune stand, und ich reichte Lisei meine kleinen Geschenke in den Wagen, die sie neben sich auf den Stuhl legte. Als wir uns aber, ohne ein Wort zu sagen, an beiden Händen griffen, da brachen wir armen Kinder in ein lautes Weinen aus. Doch in demselben Augenblicke peitschte auch schon Herr Tendier auf sein Pferdchen. ,Ade, mein Bub! Bleib brav und dank aa no schö dei'm Vaterl und bei’m Mutter!!'
,Ade, Abe!' rief das Lisei; bas Pferdchen zog an, das Glöckchen an seinem Halse bimmelte; ich fühlte die kleinen Hände aus den meinen gleiten, und fort fuhren sie, in die weite Welt hinaus.
Ich war wieder am Rande des Weges emporgestiegen und bli<fte_un* verwandt dem Wägelchen nach, wie es durch den stäubenden Sand dahinzog. Immer schwächer hörte ich das Gebimmel des Glöckchens; einmal noch sah ich ein weißes Tüchelchen um die Kisten flattern; bann allmählich verlor es sich mehr in den grauen Herbstnebeln. — Da fiel es plötzlich wie eine Todesangst mir auf das Herz: du siehst sie nimmer, nimmer wieder! — — ,Lisei!' schrie ich, .Lisei!' — Als aber dessenungeachtet, vielleicht wegen einer Biegung der Landstraße, der nur noch im Nebel schwimmende Punkt jetzt völlig meinen Augen entschwand, ba rannte ich wie unsinnig auf bem Wege hinterdrein. Der Sturm riß mir die Mütze vom Kopse, meine Stiefel füllten sich mit Sand; aber so weit ich laufen mochte, ich sah nichts anderes als die öde, baumlose Gegend und den kalten, grauen Himmel, der darüber stand. — Als ich endlich bei einbrechender Dunkelheit zu Hause wieder angelangt war, hatte ich ein Gefühl, als sei die ganze Stadt indessen ausgeftorben. Es war eben der erste Abschied meines Lebens.
Wenn in den nun folgenden Jahren der Herbst wiederkehrte, wenn die Krammetsvögel durch die Gärten unserer Stadt flogen und drüben vor der Schneiderherberge die ersten gelben Blätter von den Linden- bäumen wehten, dann saß ich wohl manchesmal auf unserer Bank und dachte, ob nicht endlich einmal bas Wägelchen mit bem braunen Pferde wie damals wieder die Straße heraufgebimmelt kommen würde.
Aber ich wartete umsonst; das Lisei kam nicht wieder. *
Es war um zwölf Jahre später. — Ich hatte nach der Rechenmeister- schule, wie es damals manche Handwerkerföhne zu tun pflegten, auch noch die Quarta unserer Gelehrtenschule durchgemacht und war dann bei meinem Vater in die Lehre getreten. Auch diese Zeit, in der ich mich, außer meinem Handwerk, vielfach mit dem Lesen guter Bücher beschäftigte, war vorübergegangen. Jetzt, nach dreijähriger Wanderschaft, befand ich mich in einer mitteldeutschen Stadt. Die Frau Meisterin, bei der ich in Arbeit stand, tpar eine Witwe, deren Sohn gleich mir in der Fremde arbeitete, um die nach den Zunstgesetzen vorgeschriebenen Wanderjahre bei der späteren Bewerbung um das Meisterrecht nachweisen zu können. Ich hatte es gut in diesem Hause; die Frau tat mir, wovon sie wünschen mochte, daß es in der Ferne andere Leute an ihrem Kinde tun möchten, und bald war unter uns das Vertrauen so gewachsen, daß das Geschäft so gut wie ganz in meinen Händen lag. — Jetzt steht unser Joseph dort bei ihrem Sohn in Arbeit, und die Alte, so hat er oft geschrieben, hätschelt mit ihm, als wäre sie die leibhaftige Großmutter zu dem Jungen.
Nun, damals saß ich eines Sonntagnachmittags mit meiner Frau Meisterin in der Wohnstube, deren Fenster der Tür des großen Gefangenhauses gcgeniiber!agen. Es war im Januar; bas Thermometer stand zwanzig Grade unter Null; draußen auf der Gasse war fein Mensch zu sehen; mitunter kam der Wind pfeifend von den nahen Bergen herunter und jagte kleine Eisstücke klingend über bas_ Strahenpflaster.
.Da bchagt 'n warmes Stübchen und 'n heißes Schälchen Kaffee', sagte die Meisterin, indem sie mir die Tasse zum dritten Male vott- schenkte.
Ich war ans Fenster getreten. Meine Gedanken gingen in die Heimat; nicht zu lieben Menschen, die hatte ich dort nicht mehr, das Adfchied- nehmen hatte ich jetzt gründlich gelernt. Meiner Mutter war mir noch vergönnt gewesen, selbst die Augen zuzudrücken; vor einigen Wochen hatte ich nun auch den Vater verloren, und bei dem damals noch so langwierigen Reisen hatte ich ihn nicht einmal zu seiner Ruhestatt begleiten können. Aber die väterliche Werkstatt wartete auf den Sohn ihres Heimgegangenen Meisters. Indes, der alte Heinrich war noch da und konnte mit Genehmigung der Zunftmeister die Sache schon eine kurze Zeit lang aufrecht halten; und so hatte ich denn auch meiner guten Meisterin versprochen, noch ein paar Wochen bis zum Eintreffen ihres Sohnes bei ihr auszuhalten. Aber Ruhe hatte ich nicht mehr, das frische Grab meines Vaters duldete mich nicht länger in der Fremde.
In diesen Gedanken unterbrach mich eine scharfe, scheltende Stimme drüben von der Straße her. Als ich aufblickte, sah ich das schwindsüchtige Gesicht des Gefängnisinspektors sich aus der halb geöffneten Tür des Gefangenhauses hervorrecken; feine erhobene Faust drohte einem jungen Weibe, das, wie es schien, fast mit Gewalt in diese sonst ge- sürchteten Räume einzudringen strebte.
.Wird wohl was Liebes drinnen haben', sagte die Meisterin, die von ihrem Lehnstuhle aus ebenfalls bem Vorgänge zugesehen hatte; .aber brr alte Sünder drüben hat kein Herz für die Menschheit.'
.Der Mann tut wohl nur feine Pflicht, Frau Meisterin', sagte ich, noch immer in meinen eigenen Gedanken.
.Ich möcht nicht solche Pflicht zu tun haben', erwiderte sie und lehnte sich fast zornig in ihren Stuhl zurück. (Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: Dr. San» Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Buch« und Steindruckerei. 5L Lange, Gießen.


