GiehenerAmilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

3 rhrgang (951

Freitag, den 20. Februar

Nummer 15

Winter.

Von Leo Sternberg.

Ein blauer Wintertag. Von feinem Schnee bestäubt die rote Blätterstreu der kahlen Wälder, die Ackerfurchen und die Saatenfelder... Kropsweiden glühn, den goldnen Schopf gesträubt, am spiegelnden Bach... Luftschiffe, ziehn die violetten Wolken fern am Rande.

Wie klar die Gipfel!... Wie ich das Verwandte nun liebe, seit ich selber Winter bin.

Die drei gerechten Kammacher.

Erzählung von Gottfried Keller.

Die Leute von Seldwyla haben bewiesen, daß eine ganze Stadt von Ungerechten oder Leichtsinnigen zur Not fortbestehen kann im Wechsel der Zeiten und des Verkehrs; die drei Kammacher aber, daß nicht drei Gerechte lang unter einem Dache leben können, ohne sich in die Haare zu geraten. Es ist hier aber nicht die himmlische Gerechtigkeit gemeint oder die natürliche Gerechtigkeit des menschlichen Gewissens, sondern jene blutlose Gerechtigkeit, welche aus dem Vaterunser die Bitte gestrichen hat: Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unfern Schuldnern! weil sie keine Schulden macht und auch keine ausstehen hat; welche niemandem zuleid lebt, aber auch niemandem zu Gefallen, wohl arbeiten und erwerben, aber nichts ausgeben will und an der Arbeits­treue nur einen Nutzen, aber keine Freude findet. Solche Gerechte werfen keine Laternen ein, aber sie zünden auch keine an, und kein Licht geht von ihnen aus; sie treiben allerlei Hantierung, und eine ist ihnen so gut wie die andere, wenn sie nur mit keiner Fährlichkeit verbunden ist; am liebsten siedeln sie sich dort an, wo viele Ungerechte in ihrem Sinne sind; denn sie untereinander, wenn keine solche zwischen ihnen wären, würden sich bald abreiben, wie Mühlsteine, zwischen denen kein Korn liegt. Wenn diese ein Unglück betrifft, so sind sie höchst verwundert und jammern, als ob sie am Spieße stäken, da sie doch niemandem was zuleid getan haben; denn sie betrachten die Welt als eine große wohl­gesicherte Polizeianstalt, wo keiner eine Kontraventionsbuße zu fürchten braucht, wenn er vor seiner Tür fleißig kehrt, keine Blumentöpfe unvek- wahrt vor das Fenster stellt und kein Wasser aus demselben gießt.

Zu Seldwyl bestand ein Kammachergeschäft, dessen Inhaber gewohnter­weise alle fünf bis sechs Jahre wechselten, obgleich es ein gutes Geschäft war, wenn es fleißig betrieben wurde; denn die Krämer, welche die umliegenden Jahrmärkte besuchten, holten da ihre Kammwaren. Außer den notwendigen Hornstriegeln aller Art wurden auch die wunderbarsten Schmuckkämme für die Dorfschönen und Dienstmägde verfertigt aus schönem, durchsichtigen Ochsenhorn, in welches die Kunst der Gesellen (denn die Meister arbeiteten nie) ein tüchtiges braunrotes Schildpatt- gewölke beizte, je nach ihrer Phantasie, so daß, wenn man die Kämme gegen das Licht hielt, man die herrlichsten Sonnenanf- und Niedergänge zu sehen glaubte, rote Schäfchenhimmel, Gewitterstürme und andere gesprenkelte Naturerscheinungen. Im Sommer, wenn die Gesellen gern wanderten und rar waren, wurden sie mit Höflichkeit behandelt und bekamen guten Lohn und gutes Essen; im Winter aber, wenn sie ein Unterkommen suchten und häufig zu haben waren, mußten sie sich ducken, Kämme machen, was das Zeug halten wollte, für geringen Lohn; die Meisterin stellte einen Tag wie den andern eine Schüssel Sauerkraut auf den Tisch, und der Meister sagte:Das sind Fische!" Wenn bann ein Geselle zu sagen wagte:bitt um Verzeihung, es ist Sauerkraut!" sa bekam er auf der Stelle den Abschied und mußte wandern in den Winter hinaus. Sobald aber die Wiesen grün wurden und die Wege gangbar, sagten sie:Es ist doch Sauerkraut!" und schnürten ihr Bündel. Denn wenn dann auch die Meisterin auf der Stelle einen Schinken auf das Kraut warf und der Meister sagte:Meiner Seel'! ich glaubte, es wären Fische! Nun, dieses ist doch gewiß ein Schinken!" so sehnten sie sich doch hmaus, da alle drei Gesellen in einem zweispännigen Bett schlafen mußten und sich den Winter durch herzlich satt bekamen wegen der Rippenstöße und erfrorenen Seiten.

Einstmals aber kam ein ordentlicher und fünfter Geselle angereift aus irgend einem der sächsischen Lande, der fügte sich in alles, arbeitete wie ein Tierlein und war nicht zu vertreiben, so daß er zuleßt ein bleibender Hausrat wurde in dem Geschäft und mehrmals den Meister wechseln sah, da es die Jahre her gerade etwas stürmischer herging als sonst. Jobst streckte sich in dem Bette so steif er konnte und behauptete seinen Platz zunächst der Wand Winter und Sommer; er nahm das Sauerkraut willig für Fische und im Frühjahr mit bescheidenem Dank ein Stückchen von dem Schinken. Den kleineren Lohn legte er so gut zur Seite tme den größeren; denn er gab nichts aus, sondern sparte sich alles auf. Er lebte nicht wie andere Handwerksgesellen, trank nie einen Schoppen,

verkehrte mit keinem Landsmann noch mit anderen jungen Gesellen, sondern stellte sich des Abends unter die Haustüre und schäkerte mit den alten Weibern, hob ihnen die Wassereimer auf den Kopf, wenn er beson» ders freigebiger Laune war, und ging mit den Hühnern zu Bett, wenn nicht reichliche Arbeit da war, daß er für besondere Rechnung die Nacht durcharbeiten konnte. Am Sonntag arbeitete er ebenfalls bis in den Nachmittag hinein, und wenn es das herrlichste Wetter war; man denke aber nicht, daß er dies mit Frohsinn und Vergnügen tat, wie Johann der muntere Seifensieder; vielmehr war er bei dieser freiwilligen Mühe niedergeschlagen und beklagte sich fortwährend über die Mühseligkeit des Lebens. War dann der Sonntagnachmittag gekommen, so ging er in fernem Arbeitsschmutz und in den klappernden Pantoffeln über die Gaffe und holte sich bei der Wäscherin das frische Hemd und das geglättete Vorhemdchen, den Vatermörder ober das bessere Schnupftuch, und trug diese Herrlichkeiten auf der flachen Hand mit elegantem Gesellenschrckt vor sich her nach Hause. Denn im Arbeitsschurz und in den Schlapp­schuhen beobachten manche Gesellen immer einen eigentümlich gezierten Gang, als ob fie in höheren Sphären schwebten, besonders die gebildeten Buchbinder, die luftigen Schuhmacher und die seltenen sonderbaren Kammacher. In seiner Kammer bedachte sich Jobst aber noch wohl, ob er bas Hemd ober bas Vorhemdchen auch wirklich anziehen wolle, denn er war bei aller Sanftmut und Gerechtigkeit ein kleiner Schweinigel, ober ob es die alte Wäsche noch für eine Woche tun müsse und er bei Hause bleiben und noch ein bißchen arbeiten wolle. In diesem Falle setzte er sich mit einem Seufzer über die Schwierigkeit und Mühsal der Welt von neuem dahinter und schnitt verdrossen seine Zähne in die Kämme, ober er wandelte bas Horn in Schilbtrökschalen um, wobei er aber jo nüchtern und phantafielos verfuhr, ba0 er immer die gleichen drei trostlosen Kleckse daraus schmierte; denn wenn es nicht unzweifelhaft vorgeschrieben war, so wandte er nicht die kleinste Mühe an eine Sache. Entschloß er sich aber zu einem Spaziergang, so putzte er sich eine ober zwei Stunden lang peinlich heraus, nahm fein Spazierstückchen uni) wandelte steif ein wenig oors Tor, wo er demütig und langweilig herum- ftanb und langweilige Gespräche führte mit andern Herumständern, die auch nichts Begeres zu tun wußten, etwa alte arme Seldwyler, welche nicht mehr ins Wirtshaus gehen konnten. Mit solchen stellte er sich bann gern vor ein im Bau begriffenes Haus, vor ein Saatfelb, vor einen roelterbetoäbigten Apfelbaum ober vor eine neue Zwirnfabrik und tüf­telte auf das angelegentlichste über diese Dinge, deren Zweckmäßigkeit und den Kostenpunkt, über die Jahreshoffnungen und den Stand der Feldfrüchte, von was allem er nicht den Teufel verstand. Es war ihm auch nicht darum zu tun; aber die Zeit verging ihm so auf die billigste und kurzweiligste Weise nach seiner Art, und die alten Leute nannten ihn nur den artigen und vernünftigen Sachsen, denn sie verstanden auch nichts. Als die Seldwyler eine große Aktienbrauerei anlegten, von der fie sich ein gewaltiges Leben versprachen, und die weitläufigen Funda­mente aus dem Boden ragten, stöckerte er manchen Sonntagabend darin herum, mit Kennerblicken und mit dem scheinbar lebendigsten Interesse die Fortschritte des Baues. untersuchend, wie wenn er ein alter Bau- verständiger und der größte Biertrinker wäre.Aber nein!" rief er ein­mal um das andere,des is ein famefes Wergg! des gibt eine groß- artigte Anstalt! Aber Geld kosten duht's, na bas Geld! Aber schade, hier mißte mir des Gewehlde doch en bißgen dieser sein und die Mauer um eine Idee ftärgerl" Bei alledem dachte er sich gar nichts, als daß er noch rechtzeitig zum Abendessen wolle, eh' es dunkel werde; denn dieses war der einzige Tort, den er seiner Frau Meisterin antat, daß er nie das Abendbrot versäumte am Sonntag, wie etwa die anderen Gesellen, sondern daß sie seinetwegen allein zu Hause bleiben ober sonstwie Be­dacht auf ihn nehmen mußte. Hatte er fein Stückchen Braten ober Wurst versorgt, so rourmifierte er noch ein Weilchen in der Kammer herum und ging bann zu Bett; dies war bann ein vergnügter Sonntag für ihn gewesen.

Bei all btefem anspruchlosen, sanften unb ehrbaren Wesen ging ihm aber nicht ein (eifer Zug von innerlicher Ironie ab, wie wenn er sich heimlich über bie Leichtsinnigkeit und Eitelkeit der Welt luftig machte, unb er schien bie Größe unb Erheblichkeit ber Dinge nicht unbeutlich zu bezweifeln unb sich eines viel tieferen (Bebantenplanes bewußt zu fein. Ju. ber Tat machte er auch zuweilen ein so kluges Gesicht, befonbers wenn er bie sachverständigen sonntäglichen Reden führte, daß man ihm wohl ansah, wie er heimlich viel wichtigere Dinge im Sinne trage, wo­gegen alles, was andere unternahmen, bauten und aufrichteten, nur ein Kinderspiel wäre. Der große Plan, welchen er Tag unb Nacht mit sich herumtrug, unb welcher fein stiller Leitstern war bie ganzen Jahre lang, während er in Seldwyl Geselle war, bestand darin, sich so lange feinen Arbeitslohn aufzufparen, bis er hinreiche, eines schönen Morgens das Geschäft, wenn es gerade vakant würbe, anzukaufen unb ihn selbst zum Inhaber unb Meister zu machen. Dies lag all seinem Tun unb Trachten 1 zugrunde, da er wohl bemerkt hatte, wie ein fleißiger unb sparsamer