zu tun ist.

(Fortsetzung folgt.)

Noch nicht gar lange mochte Viktoria auf ihrem Schemel gesessen haben, denn der Heilige Vater erkundigte sich eben erst nach dem Befin­den ihres Gatten, des Marchese von Pescara.Die Seitenwunde von Pavia macht sich nicht mehr fühlbar?" sagte er.

Der Marchese ist völlig geheilt , erwiderte Viktoria unschuldig.Die Seitenwunde ist vernarbt, sowie auch die schlimmere Stirnwunde. Er wird Eure Heiligkeit begrüßen, wenn er den Urlaub antritt, den ihm die Gnade des Kaisers zugesagt hat und der uns Glückselige sie sprach es mit jubelnden Augenauf unserer Meeresinsel vereinigen wird. Aber er selbst verweigert sich denselben für einmal noch, weniger des politischen Horizontes wegen, der nicht heller noch trüber sei als fonft so schreibt er, sondern weil er gerade jetzt das Heer ungern verlasse. Der Mörder", sagt« sie lächelnd,beschäftigt sich nämlich mit einer vervollkommneten Feuerwaffe und einem neuen Manöver. Das brächte er nun gerne erst zu einem Ergebnis. So hat er mich, die er anfänglich hier in Rom überraschen wollte, in sein Feldlager nach Novara beschieden, und ich reise morgen, nicht im Schneckenhaus meiner Sanfte, sondern im Sattel meines hitzigen türkischen Pferdchens. Hätte ich Flügel! mich verlangt nach den Narben meines Herrn, dessen Antlitz ich nicht gesehen seit jener berühmten Schlacht, die ihn unsterblich gemacht hat. Und jo bin ich zu der Heiligkeit geeilt in der Freude meines Herzens, um mich bei Ähr zu beurlauben: denn das ist der Zweck meines Be­suches." So redete Viktoria auswallend und überquellend wie ein römi­scher Brunnen. _ e r _

Ihre aufrichtigen Worte belehrten den Heiligen Vater, daß Pescara sein Tun und Lassen in dasselbe Zwielicht stelle, welches auch er liebte. Nur mit dem Unterschiede, daß der jung« Pescara im entscheidenden Augenblicke wie ein Blitz aus seiner Wolke hervorsprang, während Clemens unentschlossen, über sich selbst zornig, in der {einigen ver­borgen blieb, weit er aus greisenhafter Uberklugheit den Moment zu ergreifen versäumte. Er schärfte, in einem andern Bild« gesprochen, den Stift so lange, bis zu seinem Aerger die allzu feine Spitze abbrach. Jetzt trat er leise und tastete.

Einen Urlaub hat der Marchese verlangt?" verwunderte er sich. Ich dächte, seinen Abschied? Achilles zürnt im Zelte, so hörte ich."

Davon weiß ich nichts, und das glaube ich nicht, .Heiliger Vater", entgegnete Viktoria und warf mit einer stolzen Gebärd« das Haupt zurück.Warum seinen Abschied?"

Nicht wegen einer rosigen Briseis, Madonna", antwortete Clemens ärgerlich mit einem frostigen Scherz«,sondern geprellt um einen erbeu­teten König und um die Türme von Sora und Carpi."

Damit spielte der Papst auf zwei bekannte Tatsachen an. Der Vize­könig von Neapel hatte bei Pavia, Pescara zuvorkommend, den Degen des französischen Königs in Empfang genommen und damit die Ehre vorweggenommen, die erlauchte Beute nach Spanien führen zu dürfen. Und dann hatte der Kaiser Sora und Carpi den begehrlichen Colonnen, den eigenen Verwandten der Viktoria geschenkt, nicht seinem großen Feldherrn, welcher ebenfalls einen Blick danach geworfen.

Viktoria errötete unwillig.Heiliger Vater, Ihr denkt gering von meinem Gemahl. Ihr stellet Euch einen kleinen Pescara vor: gebet mir Urlaub, damit ich reise und mich überzeuge, daß Euer Pescara nicht mein Pescara ist. Ich habe Eile, vor den wahren zu treten."

Sie erhob sich und stand groß vor dem Papste, aber schon verbeugte sie sich wieder tief mit demütiger Gebärde, um seinen Segen flehend. 'Da bat er sie, sich wiederum zu setzen, und sie gehorchte. Clemens durfte sich die Gelegenheit nicht entrinnen lassen, Pescara durch den geliebten Mund seines Weibes zum Abfalle zu bereden. Daß aber mit Anspielungen und Vorbereitungen bei der Colonna, wie er sie vor sich sah, nichts getan wäre, begriff er leicht: entweder würde sie sich gegen das Zweideutige aufbäumen oder es als etwas Unverständliches und Richtiges unbefehen in den Winkel werfen. Er mußte dieser wahren und auf Wahrheit dringenden Natur die Sache in klaren Umrissen vorzeichnen und in ein volles Licht stellen, damit sie dieselbe ihres Blickes würdige. Das ging ihm gegen seine Art, und er tat einen schweren Seufzer.

Da fand er eine Auskunft, die nicht ohne Geist und List war. Er fragte Viktoria mit einer harmlosen Miene, während er die Hand mit dem Fischerring auf ein in_ blauen Samt gebundenes Buch mit ver- goldenen Schlössern legte:topinnft du wieder etwas Poetisches, geliebte Tochter? Wahrlich, ich bin ein Verehrer deiner Muse, weil sie sich mit dem Guten und Heiligen beschäftigt. Und ich liebe sie insbesondere, wo sie moralische Fragen stellt und beantwortet. Aber das schwerste sittliche Problem hast du noch in keinem deiner Sonett« behandelt. Weißt du, welches ich meine, Viktoria Colonna?"

Diese wunderte sich nicht über den plötzlichen Einfall des Heiligen Vaters, weil sie hier auf dem eigenen Boden stand und, bei ihrem schon gefeierten Namen, Gelehrte und Laien wohl nicht selten ähnliche Fragen an sie richten mochten. Sie fühlte sich und erhob den schlanken Leib kampflustig, während sich ihre Augen mit Licht füllten.Der größte sittliche Streit", sagte sie ohne Besinnen,ist der zwischen zwei höchsten Pflichten."

Jetzt hatte der Heilig« Vater Fahrwasser gewonnen.So ist es", bekräftigt er mit theologischem Ernste.Das heißt: scheinbar höchsten, denn eine der beiden ist immer die höhere, sonst gäbe es keine sittliche Weltordnung. Ich flehe zu Gott und seinen Heiligen, daß sie dir dei- stehen und dich die höhere Pflicht erkennen lassen, damit du sie der geringem vorziehest, du und dein Gatte, denn siehe, dieser große und schwere Kampf wird an euch herantreten."

Viktoria erblaßte, da ihr die akademische Frage plötzlich in das lebendige Fleisch schnitt, der Heilige Vater aber redete feierlich:Höre mich, meine Tochter! Alles, was ich dir jetzt zu jagen habe, ist auch dem Marchese gesagt, den meine Worte durch dich erreichen. Vernimm es: der Heilige Stuhl trennt sich zu dieser Stunde von der Kaiserlichen Maje­stät und bietet ihr die Spitze. Ich handle so als Fürst und als Hirte. Als Fürst: weil heute die Schicksalsstunde Italiens ist. Lassen wir sie

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch. und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.

verrinnen, so verfallen wir itallenischen Fürsten all« auf Jahrhunderte hinaus dem spanischen Joche. Frage, wen du willst, so urteilen alle Ein­sichtigen. Aber auch als höchster Hirte. Ersteht in jenem rätselhaften Jüngling, der Völker in feinem Blut und auf feinem Haupte Kronen ver­einigt der alte Kaisergedanke, so ist die ganze leidenvolle Arbeit meiner heiligen Vorgänger umsonst gewesen, und die Kirche wird durch die neue Staatskunst enger gefesselt und tiefer gedemütigt, als von den eisernen Fäusten jener fabelhaften germanischen Ungetüme, der Salier und der Staufen. So steht es. Blieb dir fremd, was Italien mit Furcht und Hoff­nung erfüllt?" , m.

Der Marchese will es nicht glauben , sagte Viktoria, nut einem schnellen Erröten. Der Heilige Vater lächelt.Heiligkeit vergesse nicht", lächelte sie ebenfalls,ich bin eine Colonna, das ist eine Gibellinin.

Du bist eine Römerin, meine Tochter, und eine Christin", wies sie Clemens zurecht. . m

Es entstand eine Pause. Dann fragte sie:Und Pescara ?

Pescara", anwortete der Papst und dämpfte die Stimme,ist eher mein Untertan als derjenige des Kaisers. Denn er ist ein Neapolitaner, und ich bin der Lehensherr von Neapel. Glaube nicht, Viktoria, daß ich leichthin rede. Wie dürfte ich es, da ich das Gewissen der Welt bin? Wahrlich, ich sage dir: in schlaflosen Nachten und bekümmerten Früh- stunden habe ich mein Recht auf Pescara geprüft. Meiner politischen Vernunft mißtrauend, habe ich die zwei größten Rechtsgelehrten Italiens zu Rate gezogen, AccoUi und ... hm ... den zweiten."

» Der Papst zerdrückte den Namen klüglich auf der Zunge, da ihm noch zur rechten Zeit einfiel, dieser zweite Rechtsgelehrte, der Bischof von Cervia, genieße des Rufes der schamlosesten Käuflichkeit.Beide" Clemens klopfte mit dem Fischerring auf das blaue Buchstimmen zusammen, daß Pescara, nach strengem Rechte betrachtet, viel mehr mein Mann sei als der des Kaisers, und beide erinnern mich daran, daß ich überdies, kraft meines Schlüsselamtes, jetzt, da der Kaiser mein Feind wird, die Macht besitze, den Marchese eines Eides zu entbinden, den er einem Feinde des Heiligen Stuhles geschworen hat."

Der Papst hatte sich langsam erhoben.Und jo tue ich!" sagte er priesterlich.Ich löse Ferdinand Avalos vom Kaiser und zerbreche seine Treue. Ich ernenne den Marchese von Pescara zum Gonfalonier« der Kirche und zum Feldherrn der Liga, welche die heilige heißt, weil Christus in der Person seines Nachfolgers an ihrer Spitze steht." Der Papst hielt inne.

Jetzt hob er die recht« und die Unke Hand in gleicher Höhe, als hielten sie eine Krone über dem Haupte der Colonna, die, von Staunen über­wältigt, auf die Knie sank, und sprach mit lauter Stimme:Die Ver­dienste meines Gonfaloniere um mich und die heilig« Kirche voraus belohnend, kröne ich Ferdinand Avalos Marchese von Pescara zum Könige von Neapel!" Die junge Königin erbebte vor Freude. Sie glaubte eine Krone zu verdienen. Sprachlos, mit brennenden Wangen empfing sie den Segen. Dann stand sie auf und ging, in gemessenen, aber eiligen Schrit­ten, als könne sie es nicht erwarten, dem erhöhten Gemahl seine Krone zu bringen. , , ,

Der Heilige Vater, selbst aufgeregt, folgte ihr so hastig, daß er bei­nahe einen Pantoffel verloren hätte. An der Schwelle erreichte er sie und wollte ihr den Band von blauem Samt bieten.Für den Marchese', sagte er.

Da erblickte er hinter ihr Guicciardin mit Moräne, die vielleicht em bißchen an der Türe gehorcht hatten. Viktoria mit strahlenden Augen voll glühender Wonne erschien dem Kanzler als ein solches Wunder, daß er fast von Besinnung kam. Rasch gesammelt aber flehte er den Papst an: Die Heiligkeit mache mich Unheiligen bekannt mit der himmlischen Vik­toria!" worauf Clemens ihm einen kleinen Klaps auf die Schulter gab und ihn mit den Worten vorstellte:Der Kanzler von Mailand, ein Weltkind, auf das sich der Heilige Geist herabzulassen beginnt!" Dann wisperte er Mktorien ins Ohr:Morone, Buffone."

Dies« verschwand in der Verwirrung ihres Glückes, während der Papst in der feinigen das wichtige blaue Buch zurückbehielt, denn er war noch ganz berauscht von der kühnen symbolischen Tat, zu welcher ihn der Anblick der schönen Frau hingerissen hatte. Nun fühlte er doch, daß er das Gleichgewicht verloren: er wies mit einer Handbewegung de" Besuch des Florentiners und des Lombarden ab und trat in die Rof- faelifche Kammer zurück.

Die beiden nicht Empfangenen sahen sich einen Augenblick an, dann ergriff Guicciardin lachend den Arm des Kanzlers und zog ihn fanft« gestufte Treppen hinunter in die vatikanischen Gärten, deren Schatten- gänge sie nicht akrfzusuchen brauchten, denn der Himmel hatte sich mit schwarzen Wolken bedeckt.

Eigentlich", plauderte Guicciardin,mag ich den Alten leiden. So fein er spinnt und so bedacht er redet, ist er doch innerlich ein leiden­schaftlicher, ein zorniger Mensch wie ich, und jetzt aufgeregt, weil er der Colonna unsere gefährliche Heimlichkeit geoffenbart hat. Du in deiner Verzückung hast es freilich nicht gesehen, wie er ihr die Gutachten des Accolti und des Angelo de Cefis in die Hand drücken wollte. Zwei käuf­liche Schurken, die den Meineid mit Bibelstellen belegen! Uedrigens ist es ein starkes Ding, daß Clemens in seinen alten lagen so Kühnes und Folgenschweres unternimmt, und noch mehr, er unternimmt es mit tiefem Mißtrauen gegen sich selbst, ohne Glauben an seinen Stern, denn er hält sich heimlich für einen Pechvogel. Das ist schlimm. Da war denn doch der Leo ein anderer, immer strahlend und triumphierend, und darum immer glücklich, während die gegenwärtige Heiligkeit, wie sie mir neulich im Tone des Jeremias prophezeite, die ewige Stabt schon geplünder- und aus diesen Dächern" er wies auf den VatikanRauch und Flamme steigen sieht. Dennoch beginnt er den Kampf gegen den Kaiser, und das rechne ich ihm hoch an, ob es ihm auch zuerst um fein Florenz