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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang Ml Montag, den 5.Januar Kummer 2

Oie drei Könige.

Von Peter Bauer.

Am Himmel ihrer Träume stand der Stern, Bis sie in heiliger Nacht ihn selber sah'n.

Da reisten sie, wie sie im Traum getan. Beglückt, zu dienen heimlich einem Herrn.

So fanden sie, aus Welten fremd und fern, Den einen Weg. Stumm strahlten sie sich an Und fühlten sich vom gleichen Glanz umfah'n. Die Herzen brannten, und sie eilten gern.

Bald war der Wind voll Sang und Saitensxiel. Schneeflocken dufteten wie Blütenfall.

Die Vogel zwitscherten vom dürren Ast.

Dann sahen sie herzklopsend sich am Ziel: Da st: ,tb besternt der weißverwehte Stall, Sie traten ein und knieten: Gottes Gast.

König Kaspar. z

Erzählung von Paul B u s s o n.

Copyright 1930 by I. L. A. Wien.

Das war ein weiter Weg gewesen. Von der. Pöllwiese auf den Habichtskogel, von dort durch die Brunnstube zum Zöhrerwald, dann übers Gereuth zu den Vibergräbcn. Und zürn' Schluß kannte ich mich nicht mehr aus und war froh, als ich auf der anderen Seite ins Tal kam und den Steig nach Edlau fand, bloch immer fiel der Schnee in großen Flocken, ließ Hang und Steige unter weißen Daunen verschwinden und verwandelte Strauch und Baum in sonderbare hockende und ver­hüllte Gestalten. Als ich bas Haus des mir bekannten Pfarrers erreichte, mischte sich schon ein weiches Dunkelgrau ins vergehende Licht des Tages. Und so war das freundliche Angebot eines Nachtlagers hochwillkommen, um so mehr, als eine Fahrgelegenheit vor dem nächsten Morgen nicht zu bekommen war.

Als ich in der behaglichen warmen Stube des Pfarrherrn saß, war es draußen ganz finster geworden, und ich dachte mehr als einmal daran, wie es wäre, wenn ich nun noch da oben am Kreuzbrückenschlag oder in den nassen Bibergräben ginge. Dann kam mir das gewölbte Zimmer im uralten Hause noch einmal so freundlich vor. Die Stieglitze im Käfig schliefen, die brave Steinöllampe sang leise, und hinter dem Gitter des gewaltigen Kachelofens sprangen rote und gelbe Feuerkoboide mit Schnal­zen und Krachen um die Holzscheiter. Die Schwarzwälderuhr mit den bleiernen Tannenzapfen tickte, und hinter jeder flüchtigen Viertelstunde schrie ein kleiner, frecher Kuckuck her, der seinen Schnabel wippend aus dem offenen Türlein streckte. Ich kannte diese Stube gut, kannte die Heiligenbilder und das schöngeschnitzte, altersblanke Kreuz im Winkel, den festen, grätschdeinigen Tisch und die bequemen, eigenartigen Stühle. Und draußen trieb der Wind die Flocken ans Fenster.

Heut' ist so eine Nacht wie dazumal", sagte der Pfarrer zu mir. Ja, damals bin ich vierspännig in die Stadt eingezogen, wie es mir gsweissagt worden war. Da schauen Sie halt! Nach dem Essen erzähl ich Ihnen die ganze Geschichte", fügte er hinzu, als die Wirtschafterin mit dem einfachen Mahl ins Zimmer trat.

Als die Teller wieder abgetragen waren, ging der alte Herr wählend zu einem Wandbrett und brachte eine Pfeife mit, auf der fehr schön in Farben und Gold die heiligen drei Könige abgebildet waren. Ich sah gleich, daß dies ein echtesMeißner Köpfet" war, sehr fein und unter der Glasur bemalt. Und auf der Rückseite stand in zierlich feiner Schrift: Melchior und Balthasar ihrem lieben König Kaspar zur Primizfeier".

Wir tränten aus geschliffenen Stutzen einen guten, leichten Wein, und um die grüne Lampenglocke zogen blaue Rauchringel.

Sind beide schon tot", sagte der weißhaarige Greis und nickte.Der Doktor Steinbichler und der Fleidinger. Ist schon sehr lange her. Buben waren wir halt damals und die Pfeife haben mir die Freunde geschenkt, wie ich ausgeweiht worden bin. Aber jetzt will ich Ihnen die Ge­schichte erzählen. Also: Einmal hat mir eine Zigeunerin aus der Hand gedeutet, wie ich ein kleiner Knirps war, und die hat zu meiner Mutter gefagt, ich würde einmal in einem vierspännigen Wagen in die Hauptstadt einziehen. Geglaubt hat meine gute Mutter das wohl nicht, aber so einen gewissen Stolz hat sie doch darüber gehabt. Wir waren fehr arm, meine Mutter und ich. Der Vater war Drechsler gewesen, hatte sich beim Drehe» mit dem Geißfuß an der linken Hand verletzt, und gleich war Blutver­giftung dazu gekommen. So hat er sterben müssen, wie ich noch in den Windeln war. Und die Mutter hak mich und sich halt so durchgebracht, wie es eben gegangen ist und bis ich den Freiplatz im bischöflichen Semi­nar hab bekommen. Der Tag und dann später die Primiz, das war wohl

ihre größte Freud I Bis dahin hat sie sich aber schwer geplagt und abge­rackert und manche Bitternis hinuntergeschluckt und viele heiße Tränen Wie ich in die Schul gegangen bin, hab' ich schon ernstlich dazugeschaut, daß ich was verdien und ihr ein bißerl helfen kann, hab' Botengänge getan für die Bauern, Vieh gehalten, im Frühjahr Veigerl gesucht und de» Frauen verkauft, die zum Markte fuhren, hab' Maikäfer gefangen für die Gemeinde, tausend Stück um einen alten Kreuzer, Reisig ge­sammelt und was sonst noch ein Abc-Schütze leisten kann.

Einmal, am Tag vor Dreikönig das ist jetzt, ja, neunundfünfzig Jahre ist es her, sind meine zwei Kameraden, der Fleidinger Matthies und der Steinbichler Johann gekommen und haben gefügt, ich soll mit Ujnen als Heiliger Dreikünig Sternsingen geh'n. Und weil ich gekrauste Haar hab, soll ich den Mohrenkönig, den Kaspar, machen. Ich war gleich voller Freud dabei und hab die Mutter so lange gebettelt, bis sie mir das Mitgehn erlaubt hat und mir ein weißes Uebergewand und eine Krone aus Goldpapier hergerichtet hat. Und am Dreikönigtag haben wir uns im Stadel vom Stembichlerbauern angezogen. Der Matthiesl hak den goldenen Stern von Bethlehem gehabt und der Johannes den Sack in i den wir die Sachen hineintun wollten, die wir bekommen würden, denn das Sternsingen war damals ein recht einträgliches Herumwandern voii Hof zu Hof, und die Leut' waren nicht karg gegen die singenden Buben. Der Johann hat sich noch einen langen Bart aus Flachs umgebunden und wir haben noch recht gelacht über ihn. Mir haben sie das Gesicht und dw Hände recht mit Ruß eingerieben, damit ich einem Mohrenkönig gleichscyau. Und bann sind wir fort, sind in die Häuser und haben schön gesungen.

Wach aus, wach auf, mein lieber Christ, Und horch, was nun geschehen ist: Für alle Sünder und alle Frommen Ist der Herr Jesus zur Welt gekommen Als armes Kindlein auf dürrem Stroh, Und doch find Maria und Josef so froh. Zu ihm weist uns in weiter Fern' Ein schöner, goldener Himmelsstern.

Und wie halt das Liedei weitergeht. Ueberall haben uns die Bauern freundlich aufgenommen, und bekommen haben wir grab genug: Silber- sehner und Zwanziger, Kletzenbrot, Mehl, Schmalz, Gebackenes und Ge­selchtes. Der Sack ist immer schwerer geworden und wie es zu dämmern angefangen hat, haben der Matthiesl und ich gemeint, jetzt wär's recht zum Heimgehn. Aber der Johann hat gesagt, daß wir noch nicht beim ' Ueberbacher waren, bei einem großen Bauernhof, der allein auf der Höh' steht, und daß wir dort am meisten bekommen und dazu der Ueberbacher beleidigt wäre, wenn die Sternfinger überall gewesen wären, nur bei ihm nicht. So sind mir hin und haben wirklich eine Menge gekriegt, und die Bäuerin hat uns wollen über Nacht behalten, weil es zum Stürmen und zum Schneien angefangen hat. Aber wir haben uns nicht gefürchtet und sind wieder davon.

Aber draußen wir es ärger geworden, als wir uns gedacht hatten Der Sturm hat uns den dicken Schnee ins Gesicht getrieben, so daß wir nichts mehr gesehen haben. Und der Johann hat zum Weinen angefangen und den Sack nicht mehr tragen wollen. Wir haben uns auch im Wald gar nicht mehr ausgekannt, wo wir find. Ich hab dem Johann den Sack abgenommen, und bann hält' ihn sollen ber Matthiesl nehmen. Immer dunkler ist es geworben, und auf einmal bin ich ausgerutscht, und, hui, ist es mit mir auch schon über einen steilen Hang hinuntergegangen. Wie ich wieder aufgestanden bin und mich zusammengeklaubt hab', war von meinen Kameraden nichts mehr zu sehen. Da hab' ich voller Angst ge­rufen und gepfiffen, aber Antwort ist keine gekommen. Zuerst habe ich geweint, aber bann habe ich doch eingesehen, baß bamit nichts getan ist. De» Sack habe ich auch nicht liegen lassen wollen. Dann bin ich aufs Geratewohl weiter unb habe fo beiläufig die Richtung zu finben ver­sucht. Aber wie ich unten im Tal war unb mich umgefchaut habe, so weit bas im Schneefall möglich war, ist mir alles wildfremd erschienen. Schließlich habe ich eine breite Straße gefunden und bin auf ihr fort« gegangen. Alles war still, der Wind hat aufgehört, und nur die Flocken haben ganz fein gesungen. Eine Zeitlang ist ein Fuchs neben mir ge­laufen. Ich habe ihn im Dunkeln ganz gut gesehen und feine Augen haben grün und rot geleuchtet. Ich weiß nicht, wie lange ich mit meinem Sack bafjergeftolpert bin. Aber schließlich habe ich meine Füße gar nicht mehr gespürt unb habe mich niedergesetzt zum Rasten. Unb auf einmal habe ich einen hellen Stern gesehen, unb der ist immer näher gekommen, immer näher und so groß geworden wie die Sonne. Und mit ihm find die heiligen drei Könige gekommen, denen er voraus geleuchtet hat.

Sie waren prächtig gekleidet in Samt und goldene Tressen unb trugen funfelnbe Kronen auf bem Kopfe. Und einer rauchte aus einer langen Pfeife. Sie schüttelten mich unb fragten mich, woher ich sei, aber ich konnte nicht reden. Andere leuchteten ihnen dazu mit großen Sternen, die sie in der Hand hielten. Und dann nahmen sie mich, wickelten mich in