väterliche Wohlhabenheit samt Konserven- und Schokoladenfabrik und der Dahlemer Villa sank in sich zusammen.
Während sie ausstieg, ließ sie ihren Blick die Schloßfassade entlanggleiten: lange Fensterfronten, zweistöckig, Mansardendach, die Ecken betürmt, aber nicht etwa Zuckcrbäckertürme, sondern alte, massive Rundpfeiler, gebaut, um, wenn es not tat, auch eine Kugel abzuhalten. Ihr fiel das gotische Ehepaar im Naumburger Dom ein, das hatte wohl auch jo gehaust, und ihr Respekt wuchs.
Sie schritt mit Queis die Treppe hinauf, hörte, wie er zu dem alten Diener sagte: „Noch ein Gedeck mehr, Berstel, das gnädige Fräulein bleibt zu Tisch."
„Soll ein Fremdenzimmer gerichtet werden?"
„Nein, das gnädige Fräulein fährt nachher weiter. Das Gepäck bleibt auf dem Wagen, den Bretthauer bringt."
Sie kamen in eine Halle. Ein Mädchen in schwarzem Lüsterkleid und Hamburger Häubchen wartete, nahm Gertie Ledermantel und Kapp« ab, führte sie dann in ein Zimmer, wohl eines der Gastzimmer, drehte die Hähne der Wasserleitungen über einer eingebauten Waschschüssel auf, legte Handtücher zurecht, verschwand, kam wieder mit Seife, Kamm, Haarbürsten, knickste und verschwand aufs neue.
Wieder sah sich Gertie erstaunt um: durchweg alte flandrische Möbel, ein Säulenbett, ein wunderbar geschnitzter Stollenschrank, Truhen, hochlehnige Stühle, auf dem Boden lange, echte Brücken. Sie trat an das Fenster: ein weiter Blick ins Land — erst eine große Rasenfläche, die sich gegen einen Buchenschlag senkte, dahinter Thüringens Berge.
„Ist das schön", dachte sie und dann plötzlich: „Ist die Isa ein Schaf — Donnerwetter!" Und mit dem Gedanken hatte sie sich wieder, mußte lachen, eilte nun zum Waschtisch, steckte die Hände in das laue Wasser, wusch sich den Staub vom Gesicht, fuhr mit Kamm und Bürste über das Haar.
Als es klopfte, stand Gertie vor dem hohen Spiegel zwischen den Fenstern und hielt ihre Taschenpuderdose in der Hand, dies goldene Etwas, das ihr auch so jammervoll klein in den Ausmaßen dieser Umgebung vorkam. Aber sie konnte doch schon ganz klar: .herein!" rufen und sich die Meldung: „Es ist angerichtet, gnädiges Fräulein!" gelassen anhören.
Sie saß nicht mit Queis allein bei Tisch; es war da noch eine sehr schlanke, sehr große und sehr flach beabsatzte Hausdame, bis oben in stumpfes Schwarz gehüllt, die ihr als Fräulein Markus vorgestellt wurde, und die sie störend empfand. Der Diener mit dem weißen Bart stand vor der Anrichte, steif, stumm, nur mit den Augen winkend, ein anderer Diener, glattrasiert und noch sehr jung, reichte gemeinsam mit dem Mädchen im Lüsterkleid die Schüsseln. Nur einmal bewegte sich der Alte, als Queis sagte: „Bitte, etwas Fachinger", da nahm er die Flasche von der Anrichte hinter sich, kam leise und gemessen an den Tisch, schenkte erst Gertie und dann Queis ein. Das Fräulein Markus hielt die Hand über das Glas und sagte: „Ich danke".
„Spinöse Wachtel", dachte Gertie und sah auf Queis; er tat ihr plötzlich leid.
Es war ein wenig qualvoll, dies Esten zu brüt. Es wollte kein Gespräch in Fluß kommen. Dies Fräulein Markus wirkte eben wie ein Eiskübel; der Raum war zu groß«, die Dienerschaft erstarrt. Die Tradition lastete.
Erst als sie in Leo Queis’ Arbeitszimmer saßen, in tiefen Sesseln um einen kleinen Rauchtisch, und Berstel geräuschlos den Kaffee servierte, sanden sie den kameradschaftlichen Ton wieder. Gertie entdeckte, daß auf Leos Schreibtisch eine gewisse geniale Unordnung war; Stöße von Papieren beiderseits der Schreibunterlage, Zigarettenschachteln, Zeitungen, Bücher in friedlicher Nachbarschaft; das tat ihr wohl; sie sah: hier wurde gearbeitet, aber nicht kleinlich, nicht so dressiert, wie sonst der Haushalt war, den bas Fräulein in Schwarz, gestützt auf bie Autorität bes Hausherrn, unter der Fuchtel hielt.
Queis kam auf Peter zu sprechen. „Tante Treutsch sorgt sich um den Jungen", sagte er.
Sofort nahm Gertie Peters Partei. „Sorge ist, glaube ich, jetzt nicht mehr nötig. Er wird sich schon durchbeihen. An ihm ist nur zuviel gesündigt worden. Auch von Ihnen, Graf Queis."
Er war erstaunt. „Nanu? Wie kommen Sie auf bie Jbee?"
„Sie haben Peter Weihers Schwächen auch immer unterstützt, ihn, wie alle seine Freunde, auf bem falsche» Gleis gelassen. Hunbert ober taufenb Mark schenken ist oft leichter als Arbeit geben unb Pflichtgefühl wecken. Der Kern in Peter ist gut, er war nur in Gefahr anzufaulen."
Er sah sie an: Wie kgm dies junge Ding zu solcher Erkenntnis? „Sie haben recht, gewiß. Ich werde ihm nun auch weiter helfen."
Da fiel sie ein. „Um Gottes willen, helfen Sie ihm nicht. Lossen Sie ihn sich nur allein helfen. Er muß sich jetzt schinden und muß Freude an diesem Schinden haben. Er wird diese Freude bekommen, sowie er die ersten Erfolge sieht. Aber selbsterrungene Erfolge müssen es fein, nicht Protektionserfolge."
„Und Sie glauben, er wirb burchhalten?"
sowohl, ich glaube es. Hält er nicht durch, so soll er vor bie Hunbe gehen. Jetzt hat er eine Chance. Vielleicht bie erste in seinem Leben überhaupt. Läßt er bie sich entgehen, bann habe ich mich getäuscht: bann taugt der Kern auch nichts."
„Unb dann soll man ihn einfach fallen, abrutschen lasten?"
„Ja!" Gertie sagte es fest, säst hart.
Er horchte auf, hörte ben Ton wohl. „Würbe Ihnen bas nicht leib tun?"
Einen Augenblick zögerte sie, sah burchs Zimmer nach ben Fenstern hin, sah durch die Fenster auf die blauen Berge. „Mir leid tun..." gedehnt sagte sie es, „gewiß, aber man soll in unserer Zeit Weichlingen nicht nachtrauern, sie schaden nur sich selbst und der Allgemeinheit. Sollen sie untergehen."
Wieder hatte er nicht gleich eine Entgegnung. Er sah sie an, konnte sie unbemerkt ansehen, weil ihr Blick noch immer ins Weite ging. Was war das für ein Mädel? Sicher noch nicht zwanzig und sprach wie ein gereifter Mensch, war im Luxus ausgewachsen unb riß sich aus dem Luxus heraus, um Schauspielerin zu werden; hatte das vorhin auch „Arbeit" genannt, wollte ihr Auto abgeben, weil es nicht zu einer Anfängerin patzte, setzte sich für Peter Weiher ein, war aber ebenso bereit, ihn zugrunde gehen zu lassen, wenn er nicht tüchtig war. „Sie haben Peter gern?" fragte er.
Gertie wandte sich ihm wieder voll zu. „Er ist Isas Bruder, und Isa ist meine Freundin."
Da war wieder der Name. Ein Schatten flog über (ein Gesicht, sie sah es und faßte zugleich ben Entschluß, nun ganz ehrlich zu sein.
„Hören Sie, Gras Queis", sagte sie, „Sie müssen mir mein Auto abtaufen. Ich brauche bas Gelb. Nein — nein, unterbrechen Sie mich nicht, ich werde Ihnen alles auseinandersetzen." Unb sie berichtete: vom Streit mit ihren Eltern, von ihren Plänen, von ihren Aussichten. „Ich werde ganz bescheiden in Weimar leben, aber es wird trotzdem mehr kosten als meine Gage. Ich werde Garderobe brauchen, davon hängt viel ab für eine Frau. Ich kann mich auch nicht mit äußeren Sorgen im Anfang herumschlagen, wenn ich geistig arbeiten soll. Und ich will nicht bei meinem Vater betteln gehen."
Ruhig hatte er zugehört. „Gut", sagte er bann, „ich will Ihnen bas Selb borgen. Aber bet Wagen bleibt Ihnen. Keine Widerrebe. Sie lassen ihn als Pfand hier."
♦
Mutier Rose rief Isa an. „Wollen Sie nicht heute abend zu uns kommen? Wir möchten gern mit Ihnen über Gertie sprechen. Ja? Das ist lieb von Ihnen. Mein Mann holt Sie um halb acht ab. Er kommt ja fast bei Ihnen vorbei, wenn er vom Büro nach Dahlem fährt."
Ganz kurz war das Telephongespräch, so kurz, daß Isa gar keine Zeit blieb, nein zu sagen. Und sie hätte es gern gesagt, denn sie hatte sich vor dieser Auseinandersetzung mit ©erlies Eltern, die ja unausbleiblich kommen mußte, schon von allem Anfang an gefürchtet. Sie hatte ein schlechtes Gewissen.
Don Gertie hattc sie nur eine Postkarte bekommen: „Gut gelandet. Schreibe vorläufig Weimar hauptpostlagernd, wenn Du was von ben Eltern hörst. Herzlick st Deine Gertie." Sonst nichts. Die Karte steckte sie in ihr Täschchen, als sie sich abends fertigmachte. Dann war sie ein wenig enttäuscht, als Vater Rose nicht im Auto saß. „Der Herr wäre verhindert, liehe sich entschuldigen", meldete der Chauffeur, „er führe direkt nach Dahlem "
So stieg Isa ein endlos lang kam ihr heute der Weg vor. Sie mußte daran denken, wie oft fie ihn mit Gertie gefahren war: Den Hohenzollern- damm herunter, am Roseneck vorbei und bann links in bie Villenstraßen hinein. Gertie hatte immer geschwatzt unb gelacht; jetzt saß da vor ihr der Chauffeur und zeigte ihr seinen breiten Rücken, der große, geschlossene Wagen war ihr fremd, der kleine Roadster war ihr vertraut gewesen.
Dann mußte sie im Salon auf Mutter Rose warten, ging unruhig zwischen ben neuen Chippenbale-Möbeln hin unb her. Stanb vor der Vitrine unb blickte auf bas viele Porzellan, auf bie Meißener Schäfergruppen und die Berliner Känigin-Luise-Tasse und sah eigentlich doch nichts. Und wußte auch nichts zu sagen, als Mutter Rose eintrat, brauchte auch nichts zu sagen, denn Frau Rose überschwemmte sie sofort mit einem Redestrom: „Ach, Kindchen, bas war doch nicht recht von (Bertie, so fortzulaufen. Das hatten wir boch nicht um sie aerbient. Alles haben wir für sie getan. Und nun dankt sie es so. Ich wollte es ja zuerst nicht glauben, als mein Mann mir es erzählte. Aber er hat wohl recht: Jetzt muß sie die Suppe allein ausessen, bie sie sich eingebrockt hat. Wenn wir nur erst wüßten, wie es ihr geht."
Isa zog ihre Karte hervor. Sie wollte Frau Rose beruhigen. Aber bie Mutter war nur von neuem außer sich. „Sehen Sie, Ihnen schreibt sie unb uns nicht. Das tft boch unbankbar." Sie ließ sich in einen der Chippenbalestühle fallen, bie Kiffen quollen nach beiden Seiten auf. Die Karte hielt sie in ben Hänben, aber sie las nicht, sie sagte nur wieder und immer wieder: „So undankbar."
Und Isa stand neben ihr und wußte nichts zu erwidern. Sie hatte Mitleid mit der Frau da vor ihr, aber auch das Gedenken an Gertie tat ihr weh. Es war schon eine verkehrte Welt. Draußen vor der Tür in der Halle, in der auch sie vor kurzem ihren Mantel abgelegt hatte, hörte sie Stimmen. Die Stimme bes Mädchens, bie Vater Roses und eine dritte, bie sie auch kannte. Aber ehe sie ben Gedanken zu Ende denken konnte: „Das ist boch nicht möglich, wie soll er hierher kommen?" hatte sich Mutter Rose erhoben. „Mein Mann soll mich nicht zu verzweifelt sehen. Zeigen Sie ihm die Karte, Isa, er wird sich sicher freuen. Gott, er vermißt ja Gertie auch so."
Da traten sie ein: Vater Rose unb Doktor Büchner — Ulrich. Isa hatte ihn nicht wiedergesehen, seit sie ihm bie Hand geküßt, seit sie von ihm geflohen. Sie fühlte, wie ihr das Blut hochstieg.
„Also bas ist Herr Doktor Büchner", sagte Vater Rose vorstellend zu seiner Frau und dann zu Isa: „Wie lieb von Ihnen, daß Sie gekommen, nun haben wir doch ©erlies Freunde zusammen hier." Er reichte Isa die Hand, und sie buchte: „Er spricht ja, als ob ein schweres Unglück geschehen sei", und weiter: „Wie kommt Büchner her, was will er hier?"
Das Mädchen öffnete bie Flügeltür zum Eßzimmer. Die große Krone brannte mit allen Birnen, bie Wandarme neben bem Blumenstück über bem Büfett unb bem Stillcben über der Anrichte brannten. Es war sehr hell; viel zu hell, empfand Isa, und auch bie Tafel schien ihr für den kleinen Kreis viel zu festlich gedeckt: eine Schale voll Rosen in der Mitte und grüne Ranken bis zu ben Tellern; — und bas für Büchner und fie.
„Nun müssen Sie uns viel vom Theater erzählen", sagte beim Niedersetzen Mutter Rose zu Büchner.
(Fortsetzung folgt.)
Derantwortlich: vr. Hans Thhriot. — Druck und Der lag: Brühl'sche Univ er fitäts-Ducb-und kteindruckerestR. Lange, Gi eben.


