Haus, auch aus Granitquadern, mit einem Schild. „Hotel du Pont” ist darauf gemalt. Hier soll Porto sein.
Wo? fragt man sich. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer und ein Hotel kein Dorf. Der junge Mann neben mir versichert, nach Porto sei es noch ein bißchen weiter. Er hat geschwindelt, aber aus Familienegoismus. Das Auto ist kaum angefahren, da stoppt es schon wieder. Ein paar Granithäuser links, darunter das „Hotel” Spinosi. Der junge Mann ist der Sohn der Wirtin. Ein braver Sohn.
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So kommt man ins Hotel Spinosi. Natürlich ist es gar kein Hotel, nicht einmal ein Gasthof. Zwischen einer Laube vorn und dem, was der Franzose „Cabinet" nennt, rückseits einsam an den Berg gezimmert, liegt ein Granitkästchen mit zwei, drei Zimmern. Hier ist alles aus Granit, der den Bauleuten sozusagen vor die Füße rollt. In dem weißgetünchten Raum steht ein riesiges Bett, offenbar für eine siebenköpfige Familie gemacht. Daneben ein Tisch mit einem Näpfchen. Dank angeborener Intelligenz kommt man bald darauf, daß dieses Näpfchen zum Waschen bestimmt ist.
Schräg gegenüber zur Rechten liegt ein niedriges Haus, und schräg gegenüber zur Linken liegt noch ein Haus. Das ist, abgesehen von ein paar halbverfallenen und nur teilweise bewohnten Gebäuden am Meer, der Weiler Porto. Bis zum Meer aber muß man, immer unter Eukalypten, etwa einen Kilometer weit gehen.
Die Küste--nun, was kann sie schon sein? Roter Granit. Mächtig
schäumt das Wasser empor. Baden ist hier unmöglich. Der Strand breitet sich jenseits eines Granitberges, auf dem die Genuesen vor 600 Jahren zu ihrem Spaß einen viereckigen Turm errichtet haben; er leidet sehr an Altersschwäche. Das Badezeug unterm Arm, sieht man sich gezwungen, zeitweise die Eigenschaften eines Maultieres zu entwickeln. Leider ist Der Paßgang eine schwierige Sache. Man springt, rutscht, biegt die Knie bis ans Kinn, und wenn der Berg überstanden ist, kommen die Klippen, und dann heißt es: über die Mündung des kleinen Flusses einen Doppelsalto schlagen — gerade so breit ist sie. Porto weiß noch nichts von internationalen Bequemlichkeiten, von Treppen und Stegen, und es wäre unrecht, deshalb zu schimpfen.
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Das Meer ist grandios. Das Eukalyptental berückend schön. Von oben blicken durch bläulichen Dunst die Granitschroffen herab, die bis zu 800 Meter aufsteigen. Ueberdies sind hier so gut wie keine Fremden. Also unbedingt ein Paradies.
Da verbreitet sich, unmittelbar vor dem Abendessen, das Gerücht, daß in diesem weltvergessenen Hotel Engländerinnen wohnen. Die Alte mit dem schwarzen Kopstuch, die Liebermann malen mußte, sagt was zu ihren Töchtern, und da ich Ohren mache wie ein afrikanischer Elefant auf offener Wildbahn, hör' ich aus dem Korsischen die Worte „les dames anglaises" heraus. Es werden auch drei Gedecke auf den Nebentisch unter der Laube gelegt.
Nun ist es gewiß idiotisch, gegen Engländerinnen voreingenommen zu sein, aber merkwürdigerweise haben reisende Damen Dieser Nation meistens das zulässige Mittelalter überschritten, und ein Schrcckschauer, der das Rückgrat entlangrieselt, ist daher deutlich zu spüren.
Ueberflüssige Angst. Die eine ist sogar jung und hübsch. Die beiden ihr zur Seite können reizend plaudern, und man ist schließlich kein Unmensch und drückt gern ein Auge zu, wenn das andere was zu sehen hat. Wir sind bald en famille, genießen den Abend und das Abendbrot.
Tomatensalat mit Anchovis, gebratene Gurken, Reis mit den traurigen Ueberreften eines ehemals lebenslustigen Huhns, Weintrauben, Ziegenkäse. Dazu schwerer roter Korsenwein. Leider trinkt man ihn mit Wasser vermischt. Um nicht aufzufallen, muß man dieser Gepflogenheit nachahmen. Es ist ja nicht gerade nötig, daß man das halbe Glas mit Wasser füllt, wie es die anderen tun.
An einem Draht unter dem Laubendach hängt eine Karbidlampe. In den Eukalypten oder irgendwo sonst zirpen die Grillen. Mrs. Turner meint, daß wir absolut die Staffage für „Cavalleria Rusticana" abgeben.
Diese Illusion wird nachher etwas abgeschwächt. Die Wirtin stellt ein Grammophon auf den Tisch; es schmettert mit krächzender Stimme „Ramona". Battiste, der Hund, kriecht unter einen Stuhl. Er würde vermutlich auch den Schwanz einziehen, wenn er einen hätte.
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Was man so den ganzen Tag hier tut? Nichts, und das auf die glücklichste Art und Weise.
Da ist vor allem der Eukalyptenwald im Tal, der sich bis unmittelbar an den Strand erstreckt. Stundenlang kann man, vom süßen Geruch der Bäume leicht benommen, auf einem gefällten Stamm sitzen und wie Buddha meditieren, in dem man auf ein und denselben Punkt starrt. (Es braucht ja nicht der eigene Bauchnabel zu (ein.) Wenn die Brise aussetzt, brütet hier eine sengende Stille. Eidechsen und Ameisen sind die einzigen Lebewesen rundum. Zuweilen trampelt ein Esel auf Nahrungssuche durchs Farnkraut. Die Buddha-Pose des schweigenden Menschen muß auf ihn ansteckend wirken. Er bleibt stehen und döst. Unglaublich dämlich sieht so ein Esel aus, wenn er auf dem Fleck verharrt und den Kopf ins Leere steckt ...
Hat man Lust, die Beine zu bewegen, läuft man eine Stunde weit nach dem Dörfchen Ota. Dort ist ein uralter Priester, aus dessen wasser- blauen Augen kindlichster Friede leuchtet. Er weiß ganz genau, daß der Fremde beim Herrn Spinoza in die Schule gegangen ist (nicht zu verwechseln mit dem seligen Gatten der Inhaberin des Hotels Spinosi), aber er nennt ihn trotzdem „mon ami", plaudert mit ihm und empsiehlt, einen „Cap Corse" zu trinken, wofür der Fremde größtes Interesse bezeugt. Nock) vor dem Abendbrot wird der Cap Corse probiert. Es ist ein süßbitterer Wein von roter Farbe, die ins Schwärzliche übergeht. Das Glas kostet 16 Pfennig. Man- kann hier mit bestem Willen kein Geld ausgeben. Die junge Engländerin behauptet, man habe sogar die
Belustigung umsonst, denn man träume so schön, und das sei Kino otynt Entree.
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Als heute abend wieder das Grammophon in Tätigkeit gesetzt wird, fassen sich zwei junge Bauern, die in einer Ecke still ihre Nudeln ge- geffen haben, graziös unter die Arme und tanzen einen Tango. Sie machen das hervorragend, aber warum tanzen sie miteinander, wo doch die beiden Wirtstöchter, die leidlich hübsch sind und nur einer durch- greifenden Veimnassage ermangeln, in der Tür stehen?
Ein wandernder französischer Student, der mit uns gespeist hat, gibt die Erklärung: Wenn ein korsisches Mädchen eine Viertelstunde allem mit einem Manne spricht, geschweige denn mit ihm tanzt, muß der Mann es heiraten.
Ein peinlicher Brauch. Für Landesunkundige geradezu katastrophal. Ich hatte am Sonntag auf der Sttaße nach Ota so viele Pärchen gesehen und heiter die Internationalität des Flirts gesegnet. Jetzt stellt sich heraus, daß alle diese Pärchen schwer verlobt sind.
Am nächsten Morgen will mich Maria, die jüngere Wirtstochter, „einen Augenblick" sprechen. Ich rufe schleunigst die ehrsame Mrs. Turner als Kronzeugin. Maria klagt, dos Grammophon sei kaputt
Ich bin furchtbar traurig, Mademoiselle Maria, aber reparieren Sie sich bitte Ihr Grammophon selber ...
»
Mrs. Turner hatte eine Heuschrecke im Bett. Porto ist ihr verleidet, und sie reift ab. Die anderen folgen
Nun ist man ganz mutterseelenallein. Den ganzen Tag will es scheinen, als sei dies angenehm. Aber schon am Tag drauf sehnt man sich — hol's der Teufel! — nach reisenden Engländerinnen. Die Stimmung sinkt um mehrere Grade. Die untergehende Sonne gibt sich alle Mühe, diese Stimmung zu heben, hat aber kein Glück. Knallig rot vor Wut zischt sie ins Meer.
Da kommt Maria und stellt mit einem verschämten Sehnsuchtsblick den Cap Corse auf den Tisch.
Maria, du bist doch ein Engell Deine Sehnsuchtsblicke zwar sind nicht exportsähig, im übrigen aber wird deine freundliche Geste dankbar akzeptiert.
Und nach einer Stunde fühlt man sich gar nicht mehr so einsam. Vermutlich macht das die milde Abendluft.
Oie drei gerechten Kammacher.
Erzählung von Gottfried Keller.
(Fortlegung.;
Aber sie machten nichts aus, sondern standen da bleich wie der Tod und lächelten einer den andern an; dann gerieten sie in eine furchtbare Aufregung, da dies die verhängnisvollste Stunde war; denn die Ankündigung des Meisters war ein sicheres Zeichen, daß er es nicht lange mehr treiben und das Kammfabrikchen endlich wieder käuflich würde. Also war das Ziel, nach dem sie alle gestrebt, nahe und glänzte wie ein himmlisches Jerusalem, und zwei sollten vor den Toren desselben umkehren und ihm den Rücken wenden. Ohne alle fürdere Rücksicht erklärte jeder, dableiben zu wollen, und wenn er ganz umsonst arbeiten müsse. Der Meister konnte aber auch dies nicht brauchen und versicherte sie, daß zwei von ihnen jedenfalls gehen müßten; sie fielen ihm zu Füßen, sie rangen die Hände, sie beschworen ihn, und jeder bat insbesondere für sich, daß er ihn behalten möchte, nur noch zwei Monate, nur noch vier Wochen. Allein er wußte wohl, worauf sie spekulierten, ärgerte sich darüber und machte sich über sie luftig, indem er plötzlich einen spaßhaften Ausweg vorschlug, wie sie die Sache entscheiden sollten. „Wenn ihr euch durchaus nicht einigen könnt", sagte er, „welche von euch den Abschied wollen, so will ich euch die Weise angeben, wie ihr die Sache entscheidet, und so soll es dann sein und bleiben! Morgen ist Sonntag, da zahle ich euch aus, packt euer Felleisen, ergreift euren Stab und wandert alle drei einträglich zum Tore hinaus, eine gute Halde Stunde weit, auf welche Seite ihr wollt. Alsdann ruhet ihr euch aus und könnt auch einen Schoppen trinken, wenn ihr mögt, und habt ihr das getan, so wandert ihr wieder in die Stadt herein und welcher dann der erste fein wird, der mich von neuem um Arbeit anspricht, den werde ich behalten; die anderen aber werden unausbleiblich gehen, wo es ihnen beliebt!" Sie fielen ihm abermals zu Füßen und baten ihn, von diesem grausamen Vorhaben abzustehen, aber umsonst; er blieb fest und unerbittlich. Unversehens sprang der Schwabe auf und rannte wie besessen zum Hause hinaus und zu Züs Bünzlin hinüber; kaum gewahrten dies Jobst und der Bayer, so unterbrachen sie ihr Lamentieren und rannten ihm nach, und die verzweifelte Szene war alsobald in die Wohnung der erschrockenen Jungfrau verlegt.
Diese war sehr betroffen und bewegt durch das unerwartete Abenteuer; doch faßte sie sich zuerst, und die Lage der Dinge überschauend, beschloß sie, ihr eigenes Schicksal an des Meisters wunderlichen Einfall zu knüpfen, und betrachtete diesen als eine höhere Eingebung; sie holte gerührt ein Schatzkästlein hervor und stach mit einer Nadel zwischen die Blätter, und der Spruch, welchen sie ausichlug, handelte vom unentwegten Verfolgen eines guten Zieles. Sodann ließ sie die aufgeregten Gesellen aufschlagen, und alles, was diese ausschlugen, handelte vom eifrigen Wandel auf dem schmalen Wege, vom, Vorwärtsgehen ohne Rückschauen, von einer Laufbahn, kurz vom Laufen und Rennen aller Art, so daß der morgende Wettlauf deutlich vom Himmel vorgeschrieben schien. Da sie aber befürchtete, daß Dietrich als der jüngste leicht am besten springen und die Palme erringen könnte, beschloß sie, selbst mit den drei Liebhabern auszuziehen und zu sehen, was etwa zu ihrem Vorteil zu machen wäre; denn sie wünschte, daß nur einer der zwei älteren Sieger würde, und cs war ihr ganz gleichgültig, welcher. Sie befahl daher den Wehklagenden und sich Bezankenden Ruhe und Ergebung und sagte: „Wisset, meine Freunde, daß nichts ohne Bedeutung geschieht, und so merkwürdig und ungewöhnlich die Zumutung eures


