Ausgabe 
25.4.1930
 
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Eifel-Bilder.

Von Josef Friedrich P e r! o n i g.

Im Kloster Himmerod waren die Mönch« weltlichen Dingen ver- I fallen. Da kam eines Tages der betrübte heilige Bernhard selber, um! sie dem Himmel wieder zu gewinnen. Er betete m einer abgelegenen Relle Die Düfte des Gartens wehten in den Raum und unter dem en» j fter begann eine Nachtigall zu singen. Und auf einmal war der Garten voll des Gesanges ihrer Schwestern. Da geschah es, daß der Heilige, betrübt von den Liedern, die Vesperglocke überhörte und erst von dem I Chorgesang der Mönche aus seinem selbstvergessenen Traum erweckt | wurt^ Jetzt wußte er, wer seine Mitbrüder verführte, und er beschwor durch das Fenster die Nachtigallen, den Klostergarten zu meiden. Di« j erschreckten Vögel flogen zum Rhein nach Honnef, wo ein schattiger Waid i ihre^neue mn an einem Tage alle Nachtigallen nicht I

nur Kloster Himmerod, sondern die ganze Eisel verlassen. In den dunklen | Tannenwäldern singen die Bügel düsterer, aus bem^ lichten rhemlschen | Rebenlande kommt nur ein verwehtes Echo der fröhlichen Welt. Man I sieht von der Hohen Acht tief in sie hinein, wenn der herbe Eiselwrnd die Lust rein geblasen hat, bis hin zumhilligen Köllen, auf die Sieben Berge jenseits des Stromes, auf die lächelnden Moselberg« und di« dunklen j belgischen Ardennen. Dann fragt man sich wohl, wie es denn einmal möglich war, daß sich Leute buchstäblich schämten, aus derEifel zu stain- men: sie verleugneten ihre Herkunft so hartnackig, daß sich kein Geringe­rer als Ernst Moritz Arndt in heiligem Zorn über sie erboste. Fangt die Heimat nicht erst bei der Armut an? Domhafte Walder, von Quellen durchspült, tiefe Fernen, voin Atem Gottes durchzogen, sonnige Hügel voll Frucht zu lieben, dazu gehört wenig, sie heben sich von selber; aber dem nackten Stein zugetan zu sein, den ausgestorbenen Moorflacken, au denen sich der Himmel nur in dem gebrochenen Auge morastiger Tümpel spiegelt, Sturm und Schnee nicht zu verwünschen, wenn auf seligeren Ge­hängen der Frühling schon den Weinstock erweckt hat, das mutzte der Mensch der Eisel, in eine halbe Wildnis ausgesetzt, erft allmählich lernen.

Solche Liebe läßt sich lernen. Auch nach dem wilden Brausen des Sturmes, dem die Hochflächen eine glatte Bahn sind, kann man Heimweh haben, nach Regenschauern, nach dem Rauch von Nebeln, wenn sie lange ausbleiben. Und wer es einmal gewohnt ist, Frühjahrsfroste zu erwarten, die ein kaum Ergrüntes zu einer trübseligen Oede niederbrennen, wer aus den Höhen, die bis gegen sechshundert Meter hinausreichen, eme rechte Sehnsucht nach dem Schnee hat, weil Haus und Acker nun dafür bereitet sind, wer nach sommerlichen Gewittern Pflanzen auf den Feldern erfrie­ren, Frücht« verderben sah, den leidet es nicht mehr so leicht unter einer wärmeren Sonne. Es kommt nicht selten vor, daß Männer der Eifel aus der lauen Luft einer glücklicheren Gegend auf die rauhen Hohen zuruck-

wanderit, wo ihre Freiheit «rm, aber wahrhaft männlich ist. Denn dort müssen sie still und einsam sein, im steten Stampf mit der kümmerlichen, sich trotzig versagenden Erde. Sie haben kerne Weile zum Achten Getän­del des Herzens, kaum zum Gesang. Lieder und Lächeln sind nicht emmal das Geschenk ihres Feiertags. Gehören sie nicht der ehrwürdigen Arbeit, dann gehören sie Gott. Es ist ein ernster, unerbltterlicher Gott, den sie verehren, auch in seiner Stirne liegen die Falten b«r «arge. Er muß es von ihnen fordern, daß sie irdische Mühsal nicht scheuen, wenn sie wün­schen, ihn anzubeten. Sie gehen auf ihren häufig unglaublich wecken Kirchwegen an Kreuzen vorbei, die sie selbst aus Holz und Lavagestem aufrichteten, auf daß die Einöde tröstlicher sei. Und der dustere Eifel- qott lohnt es ihnen, indem er ihnen die Kraft verleihst, in der Enge zu dauern, und de n Frieden des Herzens, ohne den die Einsamkeit em ^töd­licher Wurm wird. So wissen sie kaum, wie ungewöhnlich arm ihr y-'yr an" Festen ist, und empfinden es nicht bitter, daß auf ihren Hügeln keine Trauben wachsen. Wie könnte man es auch fordern von einem Berg­land«, deffen einer Teil nicht umsonst'die Schnee-Eis«! heißt.

Wein hat der Boden niemals geschenkt. Erz hat er einmal gegeben. Es war ein patriarchalisck)er Eisenbau; kleine Hutten schmolzen das> Erz, klein« Hämmer schlugen das Roheisen, und das Holz für die Oefen wuchs rundum im Walde. Aber Ofen um Ofen erlosch, Hammer nach Hammer verstummte, Knappen, Hütten- und Hammerleute wanderten.fort mch überließen die Eisel dem Bauern. Er hat sich, wie das überall im Wald- land so ging, den Säger geholt. Und jetzt treiben die Eifelwasser nur noch bi« Räder der Gatter. Die Bauernarmut mutzte vollständig werden, auch die kleinen Städte ließen das Land im Stich. Es hat tiM:tieferen, weh­mütigen Sinn, wenn in dem ehemaligen Tuchmacherstadtchen Monschau, in dem fast jedes Haus ein Schlößchen ist, weil dl« Baumeister sur reiche Herren bauen durften, ein Gasthaus, das für viel mehr Mensen Raum touf als heute bei den besten Gelegenheiten darin Platz nehmen, noch jetzt 'Zur alten Herrlichkeit" genannt ist.

Die alte Herrlichkeit liegt tot auch in Ruinen von Burgen und Dor- 1 fern Nicht nur die Zeit, auch die Franzosen haben hier gehaust. Man will' Stellen auf der einschichtigen Hochfläche wissen, wo sich bie Ei el- bauern über Nachzügler und Versprengt« hermachten. Diese Oedeni sind wie geschaffen für Totschlag und Raub Em einze ner Baum - immer wieder steht irgendwo einer wie em geheimnisvolles Zeichen »ft ein Hohn auf die Leere. Es blüht zur Versöhnung wohl ^r Glnster um chn Goldbrokat der Landschaft, im Herbste leuchtet die Enka^ im Fruhlmg I Schlehdorn, jedes auf seine Weise, und der Zwergwacholder steht als I ein dichtes Gebüsch, als treibe der Boden dunkelgrüne Blasen empor. I Und daß ein heiterer Klang in dieser Molltonart nicht fehle, blühen Ane­monen, Narzissen und Mohn.

Wenn die Eberesche ihre Korallen für den Nebel reifen laßt, dann. die Zeit der Maare gekommen. Unter einer ungetrübten Sonn« sind sie runde Kraterseen Dinge der Wissenschaft, ein merkwürdiges Nichts, me I 2tuaen ohne Wimpern, ohne Brauen. Unter Wolken aber werden sie | plötzlich ein Unnennbares, Blick einer bodenlosen Traurigkeit. Durch ihre I uerkbteierte Linse bricht der Strahl eines Schmerzes, den tief unten das I Herz der Erde leidet. Denn ist jedes der Maare eine Klage, dann brauchte 1 von ihnen keines Totenmaar zu heißen und an em er Fnebhofsmauer M Kein Totenacker im schweigenden Gebirge, fein Kircyyos am Meer, so melancholisch die ohnehin feierlich traurige Urftille dort auch tnerben maa kommt der Begräbnisstätte am Totenmaar gleich .Es i|t eht wunderbares Gestorbensein unter erwachsenen schattenden Baumen, nm diese Kirche, die aus einem Gedicht getragen Weint, konnten laute Erbbegräbnisse von Dichtern und Leuten liegen, denen es nicht gleuy gültchch wo sie dem jüngsten Tag entgegenschlafen; und es ruhen dch nur Dörfler hier, Eifelbauern und ihr Gesinde, denen dieErde allem i'ckion aenüat die sich über ihrem Grabe keinen Vorzug wünschten un lischt wußten' daß sie in einen der schönsten Friedhöfe gebettet sem wur den zu dem 'man sie im Bauernwagen hinauffuhr. Vielleicht werden h - einzelne Trauergäste, aus der Mauerpforte tretend, die letzten Tranen den Augen wischend, des riesenhasten Gewölbes auf dem gezahntenhon zonte gewahr, den immer wieder kleine vulkanische Kegel überhöhe , l Püfbt unter bertiefen Kuppel auf sanft rinnenden Limen, aus denen M NeuGipfelempmzuck/n und nie^rsinkei', auf den seltsam gezaM Wipfelstrich der Wälder, das ist die Eifelheimat, von der Hohe g dem am Friedhoftor Stehenden sonderbar entzogen.

Er wird freilich aus einer der Eifelstädte stammen, tataig aufgetane Fern« in solchem Bewußtsein an f'chre'ßll D,e Bauew sck nur in die Höhe, wenn sie Regen rtedjen und Wind wittern. Friedhof treten sie, den Kopf gesenkt haltend Man gewohnt sch d wenn alles, was zmn Dasein gehört, so unaufhörlich ini Me «rje W weist, die Jahre, die Kraft des Leibes^ Hoffnung und Ban«ms, da-M Sein Strohdach reicht o t bis zum Boden. Und d'° Wetterhecken Ost- und Nordseite wach en nicht in den Himmel, fonbwn in fen in die Wolken hinein; ie sind ein Trotz gegen die Absage der Sieht man das jämmerlich zerzaust« Laub so einer Hecke, hort m - w der Wind sie anrennt, dann könnte man glauben, daß noch Urstier auf den Eifelhöhen schreit und der Wolf bis m den Lchtch^ ul# Häuser streift. Es ist nur natürlich, daß sich Riatronen, Fra Mädchen in den Hausspinnereien nut den holden Gewalten

| und Sage rüsten, wenn an den Fenstern die Bosen der ewigen o

Die Bäume kommen noch", erklärt« Netschke.Sehen Sie die dunklen blecke auf dem Bilde? Das find die Löcher, die wurden schon ausgehoben, T? im MaMrat strecket man noch darüber, ob Obstbäume oder Pap- ^Jedenfalls"kaufte ich^dte beiden Ansichten und fragte sodann^nach dem vornelunsien Gasthof der Stadt, denn ich hatte Durst. Netschke gab bereit- willig Auskunft.Da gehn Sie nur in denTreuen Preußen, sagte er, I immer die Görlitzer Straße runter. Sie können gar nicht ^fehlgehen.cim I Hoftor hängt noch ein Theaterzettel, ,,Fanchoil0derdasLeierma^)en | im vorigen Jahr mar mal eine Trupp« hier, die zog aber gleich weiter, I weil bloß fünf Zuschauer da waren..." .. I

Ich sockte also los, will aber nicht erst erzählen wieso ganz unmöglich es roar im , Treuen Preußen" meinen Durst zu loschen. Vor dem Bier warnte'derTreue Preuße" mich selbst. Vorgestern sei freilich ein Fäß­chen angestochen worden, da sei Erntedankfest gewesen, em b'ßchen lause es auch noch, aber das Bier sei doch wohl schon schal geworden. Selter- I wasser oder Fürstenbrunn gab es nicht, weil es nicht verlangt wurde. Ob ich nicht einenWuppdich" haben wollte, einen eigenen gebrannten Korn, ko gut wie der beste Nordhäuser. I

Das riskierte ich indes doch nicht. Inzwischen war mir an der Wand eine große Photographie ausgefallen, um deren schwanen Holzrahrmn ein verwelkter Kranz hing. Das Bildnis stellte einen alteren Herrn dar, be" von der einen Seite wie Martin Luther und von der anderen wie der alte Dessauer aussah.Ist das der Herr Pastor? fragte ,

3 nein," entgegnete der Treue Preuße,das ist ja Friedrich Funk, unter Dichter! Aber er ist schon tot." ,

Diese hübsche Art, ein« lokale Berühmtheit zu ehren, hatte fast etwas Rührendes.Kann man hier feine Bücher nicht kaufen, fragte ich weiter.

Der Wirt schüttelte den Kopf.Bücher hat er nicht geschrieben, ant­wortete er.er dichtete bloß. Er dichtet« immer, wenn was los war, zu Weihnachten und zum Erntesegen, Su Kaiftrs Geburtstag und«zujeber Hochzeit und jeder Taufe, er hat prachtvoll schon gedichtet, manchmal m Reimen und manchmal ohne. Er sehlt uns sehr. Im Rathause, oben mi Sitzungssaal, hängt auch ein Bild von ihm, das ist nach dieser Photo­graphie gemacht worden, aber in Del und beinah lebensgroß, von einem Künstler aus Görlitz. Es hat viel Geld gekostet, dafür ist es auch recht ähnlich. Ja, das kann man wohl sagen..."

7 Und nun frage ich: muh dieser Friedrich Funk nicht em glücklicher Poet gewesen sein? Ich habe nach ihm geforscht, doch steht in keinem Konversationslexikon, auch nicht im Brummer und im Kürschner. Aber eine Gedenktafel in seiner Vaterstadt kündet feinen Ruhm, cm Delbi b von ihm hängt im Rathaus, «in Boulevard ohne Baume wurde nach ihm genannt.. Welchem großstädtischen Dichter werden so bedeutende Ehrun- Sen@rübelnb fuhr ich mit dem nächsten Personenzug wieder nach Berlin und beachtete auf dem Bahnhof abermals das Stationsschild nicht. So weiß ich leider auch heute noch nicht, wie der Ort heiß, m dem Fnednch Funkgelebt und gewirkt" hat. Immerhin: von dem Obern seines Nach­ruhms trug ich einen belebenden Hauch an meinen eigenen Schreibtisch.

schäft rütteln. ,. h

Ein höchstes Lob bleibt noch zu sagen übrig. Auch hier sin , und Natur eins, er ist nur em Stuck m ihr. Viele Aeubemng n ^ Lebens huldigen ihren Mächten Das Jahr endet mit den Mart i 6 im November. Hinter ihnen, die von den Hügeln und Bcrg^ noch einmal den Glanz der gestorbenen Sommersonne ten, liegen Winternacht und Schnee. Ein Dreiklang i ut fchw Seele bleibt über den Hochflächen; von den verstreuten 7°'jon[Citsrt die Dreschflegel; der Wind saust durch seine weitgespannten unb feierlich liegen auf diesem.Winde die eintönigen Gesänge ocr