Gießener ZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang <928 Dienstag, den <9- Juni Nummer <9

Die Nachtigall.

Bon Theodor Storm.

Das macht, es hat die Nachtigall dte ganze Nacht gesungen: da Md von ihrem süßen Schall, da sind in Hall und Widerhall die Rosen aufgesprungen.

Sie war doch sonst rin wildes Blut, nun geht sie tief in Sinnen, trügt in der Hand den Sommerhut und duldet still der Sonne Glut, und weiß nicht, was beginnen.

Las macht, es hat di« Nachtigall dte ganze Nacht gesungen: da sind von ihrem süßen Schall, da sind in Halt und Widerhall Die Rosen aufgesprungen.

Die Hochzeit der Uskoken.

Novelle von Alfons v. C z i b u l k a.

Im Jahre 1603 war der Karneval in Venedig besonders ausge­lassen und fröhlich, weil der vorangegangene statt des tollen, in ganz Europa berühmten Mummenschanzes nur die Maske des schwarzen Todes gesehen hatte. So furchtbar war die Zeit gewesen, daß niemand mehr an sie erinnert fein wollte, man nun über die Wochen der Lust der Toten vergaß und sich dem Rausche der Stunde, dem Taumel der Freiheit ungehemmt hingab. Um so ungezügelter und toller, als heim- kehrends Galeerenkapitäne erzählten, daß in Syrien und auf Kreta, in Smyrna und auf Rhodos die Pest von neuem ausgebrochen fei, und der Dortrab der apokalyptischen Reiter schon in einzelnen Städten von Morea sich zeige.

Also nahm man die Feste wie sie fielen, denn es konnte ja morgen schon geschehen, daß wieder der Schreckensrufdie Pest!" kreischend durch die Kanäle und Lagunen hallte. In keiner dieser wilden Nächte wgr man sicher, daß nicht die Maske des Grauens unsichtbar schon durch das bunte Gewoge des Karnevals wandle.

Am ersten Februarabend schwül strich die Luft nach einem warmen Tage vom Lido her begann um die neunte Stunde das Feste des Dogen. Zu Hunderten glitten die Gondeln über das träge, nach Fischen und Netzwerk riechende Wasser des Canale Grande.

An der Piazetta brandete eine Springflut von Masken Possen­reißer, Harlekine und lustige Zwerge voran lärmend über die stei­nernen Stufen der Ufermauer. Aus allen Gassen quollen Vermummte.

Pünktlicher als sonst flutete das bunte Treiben über die Goldene Stiege des Dogenpalastes. Denn es war das Gerücht aufgeflogen, daß es beim Feste des Dogen etwas Besonderes zur Belustigung geben werde, wie man es selbst im venezianischen Karneval noch niemals gesehen.

Und es erschien wie ein Auftakt des nächtlichen Scherzes, daß ent- E aller Gepflogenheit die Gondeln, die ihre Narrenfracht ausge- , nicht an der Piazetta warten durften, sondern in den Canale Grande und an die Riva bei Schiavoni gewiesen wurden. Auch sorgten die Sbirren des Rates dafür, daß das neugierig drängende Volk, das "om Palaste nicht weichen wollte, einen Streifen zum Meere hin frei W. Eine breite Gasse, die sich zwischen den Gondeln und ankernden Galeeren fortsetzte und sich in mondloser Nacht im schwarzen Wasser des tzasens verlor. So dauerte es nicht lange, bis unter den Gaffenden das Gerücht entstand, es werde um Mitternacht der Meergott Neptun mit Antonen und Nereiden, oder irgendein anderes Seevolk der Herrin der äona seine Staatsvisite abstatten.

. Gs vernahm dieses Gerücht, das die Leute einander unter ausge- Wenen Scherzen zuriefen, indes schon Flöten- und Lautenspiel aus oem Palaste zu hören war, auch der kaiserliche Gesandte, der als einer »nm' en Gäste seiner mit dem doppelten Adler geschmückten Gondel

So würdevoll er auch sein schwarzes, spanisches Kleid zu tragen Sri ,toenn er in Staatsgeschäften vor der Signorie erschien, so war der noch junge Herr, wenn er sich als Privatmann in k; Gesellschaft Venedigs bewegte. Es runzelten die Schranzen in Wien fonkt , 1.1' löenn sie von den Abenteuern und Liebeshändel ihres Ge- oiihr >n "ei der Republik von San Marco hörten. So wenig die Re- eta[) un" der Kaiser einander liebten, und so oft der Gesandte auch QU1 ['io drohende Worte vor den Prokuraten zu sprechen hatte und Zu hören bekam, so gern gesehen war er als Gast.

Sttnr k^111 ,!nnc er erstaunt, daß in dem Augenblick, da er den großen owrat, wo Mastentreiben schon im Geflimmer der Kerzen wogte,

der Prokurator, der den auswärtigen Angelegenheiten vorstand, auf ihn zuschritt und ernsten Antlitzes um eine Unterredung bat. Noch ver­wunderter aber war er, als der Venezianer ihn in eine kleine Galerie führte, wohin das Lärmen des beginnenden Festes nur als ein ferne« Brausen drang. Und betroffen sah er auf, als der Prokurator zu rede« begann:Es hat die Signorie mit Befremden gehört, daß der Kaiser entgegen aller feierlichen Zusage immer noch nichts Ernstliches gegen die dalmatischen Piraten, die Uskoken, unternommen habe. Immer noch stoßen sie wie die Seeadler aus ihren Felsnestern von Buccari und Zengg nach unseren friedlichen Schiffen ..."

Längst war dar Lächeln aus den Zügen des Deutschen verschwunden. Sein Bück wurde bart, und gemessen kam seine Antwort:Es wird der Signorie nicht entgangen sein, daß erst im Herbst dreihundert gute deutsche Söldner im Kampfe gegen die Uskoken vor Zengg geblieben sind. Und ini übrigen scheint mir hier nicht der rechte Ort, von Geschäften zu reden. Ich bin erstaunt, daß ein Prokurator von San Marco für ein solches Gespräch keine bessere Stunde zu wählen wußte."

Seinen Zorn mit Mühe bekämpfend, trat der Deutsche ans Fenster. Hinter sich hörte er die Stimme des Prokurators:Erstaunter noch werdet Ihr sein, wenn Ihr vernehmt, daß wir heute noch Eure dalma­tischen Freunde als Gäste hier bei uns begrüßen sollen ..

Verblüfft wandte der Gesandte sich um. Da sah er das fröhlich« Lachen des andern und verstand. Sein Zorn war verflogen, und nur ein leiser Spott blitzte aus seinen Worten:Vergebt, wenn ich über Eure ernste Rede vergaß, daß im Karneval die Republik sogar über den ttskokenschrecken zu scherzen vermag. Oder habt Ihr am Ende Frieden mit den Piraten geschlossen, die auch die Signorie zu ihren Freunden rechnete, als die Türken bis vor dem Lido kreuzten?"

Der Venezianer nahm das Wortgefecht auf, in dem Scherz und Ernst sich seltsam vermengten.Friede mit den Uskoken? Vielleicht! Doch da die deutsche Majestät der Korsaren nicht Herr wurde ..."

Die Majestät hat keine Schiffe. Für die Kriegsflotte Benedigs aber wäre es ein leichtes, die Piratenstädte auszuschwefeln wie Wespennester."

Das Korsarenland ist österreichisches Gebiet!"

Run, ich bin bevollmächtigt," erwiderte der Deutsche,Euch morgen schon, wenn Ihr wollt, die Erlaubnis zu geben, in Zengg und Buccari nach Uskoken zu jagen. Aber Ihr wollt eben nicht. Ihr meint, es sei gescheiter, der Kaiser verbrenne sich dort die Finger als Ihr selbst. Doch nun sagt, welcher Spaß steht uns bevor. Ich hörte auf der Pia­zetta, daß Gott Neptun oder sonst ein Meerwuiider uns um Mitternacht besuchen werde."

Der Karnevalsrat, die Compagnia della Calza", gab der Broku- rator zur Antwort,ist verschwiegener denn der Rat der Zehn. Und so weiß ich selbst nicht mehr zu sagen als was die Gerüchte mir zugetragen. Doch Gott Neptun scheint es nicht zu sein. Ihr habt doch gehört, daß vor etlichen Wochen die Uskoken am hellichten Tage über die Insel Curzola herfiele» und sich die schönsten Weiber fingen. Nicht, um nach Piratenart mit ihnen zu verfahren, sondern um sie als rechtmäßige Ehe­frauen in ihre Räuberstädte zu führen. Nun dieserBrautraub der Uskoken" soll uns als Maskenscherz vorgeführt werden."

Der Spaß ist gut", lachte der Gesandte.Doch um wieder von politicis zu reden, so ersehe ich daraus, daß Ihr das Gelichter nicht allzu­sehr mehr fürchtet, sonst würdet Ihr den Teufel nicht an die Wand malen. Denn was in Curzola geschah, könnte eines Tages auch in Vene­dig sich ereignen."

" Der Prokurator schüttelte den Kopf und deutete hinaus auf den Hafen, wo schwaches Mondlicht über den Mastenwald rieselte:Hundert­dreißig Galeeren liege» kampfbereit auf der Reede ..." Er schob den Arm unter den des Deutschen und sprach weiter, indessen sie hinüber zum Saale schritten:Und so müßt Ihr Euch für heute mit dem Masken­scherz begnügen, so lieb es Euch vielleicht auch wäre, die Uskoken In natura hier zu sehen."

Lachend tauchten die beide» in de» Trubel des Festes.

*

Mit jeder Stunde stieg die Erwartung. Vergebens versuchte man näheres zu erfahre». Niemand wußte Antwort. Selbst die Mitglieder der Compagnia della Calza schüttelten verwundert die Köpfe. Den» auch sie hatten den Scherz nicht ausgedacht. Und so mußten es wohl Spaß­vögel aus der Schar der jungen Nobili fein, die diese Uskokenhochzeit ausgeheckt hatten.

Da und dort drängte» sich Vermummte an die schönsten Frauen heran und raunten ihnen zu, daß nun bald die Uskokengaleeren heran« fliegen mürben, um die Venezianerinnen zu rauben wie die Fifcher- weiber von Curzola.

Die Erwartung wurde zum Fieber. Trotz Flöten und Lauten ruhte der Tanz. Das Schwirren der erregten Stimme» übertönte das Spiel.

Mitternacht war vorüber. Da stieg von der Piazetta ein brausender Schrei. Im Saale drängte man zu den Fenstern und auf die Balkone.