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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (928

Montag, den |0. Dezember

Kummer 98

Alter Matrose.

> Von Edmund F i n ke.

Woher ich bin? Mich trug das blaue Meer Bon tausend fernen Horizonten her, die Brandung bin ich. wo an buntem Strand ich lebe m i ch. bin selbst mein Vaterland, der Möwe Flug, der wilden Wellen Schaum, der Sehnsucht tiefster, letzter, fernster Traum.

Woher ich bin? Das Wehn des Südwinds frag, Die blasse Wolke hoch im trüben Tag, der Palmen leises Rauschen im Passat ... o glücklich der, der keine Heimat hat und weiß nicht Grenze, Stein noch Tor und Herb, warum er lebt, warum er führt ...

Ach, um den gelben Mond im Urwaldbaum, indigoblaue Nacht um seinen Saum, stürmische See, Lagune im Atoll, ein Menschenleben süß und unruhvoll, vier Asse schwer in einem Pokerblatt, ein Spiel, das niemand je verloren hat.

Ein Mann und doch an allen Fernen krank« lockt mich der Schiffe Holz, der Schenke Stank und unbekannter Inseln schlanke Frau'n, die Lippen heiß, i rs Antlitz sanft und braun; doch trug mein Herz nach keiner noch Begehr, nur nach dem Abschied und der Wiederkehr, Woher ich bin? Vom Rand der Kimmung her trug mich die Ferne über jedes Meer, ich bin die Brandung um den engen Raum, tropischer Sehnsucht zettenlofer Traum, der Palme leises Rauschen im Passat, ihr Lied: Wohl dem, der keine Heimat hat ...

Die Räuber.

Eine Geschichte vom Baitau.

Von Robert R e u m a n n.

Wir waren damals alle vier ohne Essen Stjepan, Bogumil, der Mohammedaner und ich. Es war fünf Tage her, sell wir aus der Kaserne davongelaufen waren, dennlieber krepieren als für den Fremden die Flinte tragen", sagt schon das Lied. Wir zogen über die leeren Karst- kämme, und dem Mohammedaner mußte Bogumil seine anderen Schuhe geben, denn er hatte wunde Füße bekommen. Oberhalb von Ragusa, am alten Berg, sagt Stjepan:Brüder, fressen müssen wir, und betteln können wir nicht dort drunten, sonst wirft uns der Kaiser ins Ge­fängnis. Wir müssen einen suchen, der Geld in der Tasche hat und den Müssen wir dann erschlagen".Nein", sagt der Mohammedaner, den» er fürchtet sich, und er meinte, daß es fürs erste genug sei, wenn wir aus einem der Gutshöfe Brot und Käse stehlen.Wenn ihr einen er­schlagt und der Kaiser fängt euch, dann wirst er euch nicht ins Ge- fängnis, sondern er hängt euch an einen Strick." Da hörten wir auf ihn und versuchten zu stehlen. Aber in der Gegend haben sie scharfe Hunde, und obgleich Stjepan einen von ihnen mit der Pistole erschoß, war es doch vergebliche Mühe. Tagsüber lagen wir droben hinter der Mauer des alten Forts und schliefen, aber am Abend stiegen wir wieder hin­unter zur Küste auf der anderen Seite, wo die Insel Lacroma ist. Was ist das?" sagt Bogumil, der die Gegend von früherher kannte. Hatten sie da im letzten Jahr taufend Meter außer der Stadtmauer an der Straße gegen Trebinje zwei von jenen großen Wirtshäusern für die Fremden gebaut. .Hotels ersten Ranges", sagte der Mohammedaner. Wir gingen hin es war Nacht und als wir zu dem zweiten Haufe kamen, sahen wir, daß es ein kleineres Haus vor sich hatte wie eine Kuh ihr Kalb. Das war hinausgebaut auf den Felsen über der Küste, und man konnte sehen, daß es aus einem großen Saale bestand, in dem Lichter brannten und hinter den gelben Vorhängen die Schatten von Menschen sich drehten.

Der Mohammedaner stieg mit Bogumil über das seitliche Gitter des Gartens und schlich unter Palmen an eines der Fenster. Dann ging er weiter nach hinten, und nach zwei Minuten kam er aus der anderen Seite zurück.Es ist ein Kasino", sagte er. ,Lm vorderen Saal wird getanzt. Kommt nach hinten." Wir gingen mit ihm. Da war auf der Seite gegen das Meer zu ein kleinerer Saal. Das Fenster stand offen. Es waren aber nur wenig Menschen dort. An einem langen grünen Tisch faß einer mit einem schwarzen Anzug, der hatte schönes, ausgezogenes

Haar auf der Lippe und einen Bart vor dem Sinn, der sah aus wie eine kleine schwarze Zwiede! mit einem Schwanz. Ein alter daneben und zwei anoere Männer, die nicht schöner anzusehen waren als irgend­welche Kaufleute aus Sibenik oder Spllt, schauten stumm vor sich auf den Tisch. Ganz unten aber, am anderen Ende der Tafel, saß ein kleiner, straffer Mann ohne Bart und neben ihm eine Frau, die war so schön wie eine Heil.ge und hatte nackte Arme und Schultern, und ein Kleid um den Leib, das leuchtete und glitzerte bei jeder Bewegung. Das w.chtigste aber war, daß Geld auf dem Tisch lag. Bor jedem lag ein ganzer Haufen, und sie gaben einander davon und nahmen einander, aber ohne Streit und mit ruhigen Worten in einer fremden Sprache, indes der Mann mit dem Zwiebelbart einen Drehkreise! vor sich auf dem Tisch hatte und damit spielte, wie bei uns zu Hause die Kinder. Und der Haufen, der vor der Frau lag, war der größte von allen.Sie ge­winnt", jagte der Mohammedaner. Seine Kiefer klapperten gegenein­ander, und ich fragte ihn:Hast du Angst?" Er antwortete nicht, aber dann flüsterte er:Wenn wir ein Zehntel dessen hätten, was vor ihr auf dem Tisch liegt, kämen wir alle über die Grenze." Stjepan sagte:Ich wollte wohl daß Milieu so aussähe wie die". ,Lst nicht alles Gold, was glänzt, sagte der Mohammedaner.Sind auch nicht alle auf Daunen geboren. Sind vielleicht mehr Betrüger und Gauner unter denen als unter uns."

Da stand die Frau drinnen auf, und der kleine Man« neben ihr stand auf. Sie nahm einen schwarzen Mantel und er nahm einen Hut und einen Spazierstock.Das Stäbchen wird auch nicht stärker sein als seine Faust", brummte Stjepan und drückte sich als erster übers Gitter auf die Straße hinaus. Wir folgten ihm, stellten uns hinter den Bäumen auf. Da traten die beiden Fremden auch schon aus der hellen Tür und gingen langsam gegen die Stadt. Wir stiegen in den langen Gemüsegarten des zweiten Hotels, liefen neben der Straße her. Über­holten die beiden und rannten dann noch auf der Straße selber vier oder fünfhundert Meter weiter voraus, bis zum gesprengten Felsen, wo man nicht ausweichen kann.Wie machen wir es?" fragte ich. Der Mohammedaner sagte:Ich stelle mich hier hinauf auf öen Ab­hang und schaue, ob jemand kommt".Du bist ein Feigling," jagte Stjepan,aber wir werden auch ohne dich fertig." Er zog die lange Pistole hervor.Dem Hahn wird eines aufgebrannt, und das Hühnchen nehmen wir mit." Aber Bogumil, der aus der Gegend war, sagte:Da­mit wir den Strick bekommen? Damit sie uns in Ragusa auf dem Kasernenhof an die Wand stellen?" Und so beschlossen wir, mit ihnen tn aller Freundschaft zu reden. Ich hatte noch ein Stück Talglicht In der Tasche, das stellten wir inmitten der Straße, gleich nach der Biegung, auf einen Stein, der Mohammedaner entzündete es, wir setzten uns auf die Straßenbrüstung gegen das Meer hin und warteten.

Es war spät, zwei oder drei Uhr, kein Mensch, große Stille. Der Mohammedaner klapperte mit den Kiefern. Stjepan summte.D Heimat, o trautes Heimatland!" und legte die Pistole neben sich auf den Stein. Bogumil schwieg. Plötzlich Schritte, die beiden Stimmen, die Frau lacht, da kommen sie auch schon um die Ecke. Wie sie das Licht sehen, bleiben sie stehe». Wir sind im Dunkeln. Die Frau wundert sich, lacht. Aber der Mann riecht Lunte, schaut daher und dorthin.

Bogumil geht hin, zieht die Kappe, verbeugt sich, fragt nach der Zeit. Sie reden ein paar Worte, da geht auch schon Stjepan m:t der Pistole. Darauf schreit die Frau und fällt um. Sagt der kleine Mann zu mir: Dummer Teufel, hilf tragen!" Tragen wir die Frau auf die Seite und legen sie ins Gras. Auch der Mohammedaner hilft. Ohnmacht", agt er. Stjepan steht mit feiner Pstole und überlegt, ob er schießen oll. Sagt der Fremde:Dummer Teufel, was willst du? Siehst nicht, > wir ziehen an dem gleichen Strick? Die Frau gehört nicht dir und die Frau gehört nicht mir. Ist die Frau des Bezirkshauptmanns, die dort liegt. Hab ich mich angeschmissen, hab sie hergelockt. Ist die Ver- fluchte nicht ohne Schmuck gekommen? Ich bring sie jetzt nach Hause und hol den Schmuck. Was müßt ihr dummen Teufel dazwifchenkommen?"

Stjepan erwidert: .Laben gesehn durch Fenster. Gib her Geld und Halts Maui". Lacht der Kleine:Geld! Hast noch nicht Spielgeld gesehn dummer T-use!? Geht auf die Straße mit der Pistole und kennt nicht Geld und Spielgeld! Gib mir fünf Dinar Silber, geb Ich dir Papier was du wüst'. Daraus zieht er grüne Scheine heraus und zeigt sie uns:Ist das Geld? Ist das Geld? Und bann:Glaubst du, wenn das Geld ist, bring ich sie noch nach Hause und hol ihren Schmuck?"Das ist richtig", sagt BogumilDas ist nicht Geld, verstehst du? Sonst braucht er den Schmuck nicht!" Stjepan versteht, auch ich versteh, nur der Moh-immedaner tritt von einem Fuß aus den andern und 'sagt: Was werden wir bekommen von. dem Geschäft?"3a, schreit der Stjepan.wirst du Gold und Perlen haben, du Hund, und wir werden nichts haben?" Ueberlegl der Mann.Wenn ich euch sage. Ich bringe euch her"Sann lügst du. So dumm sind wir nicht. Bruder. Wir gehen mit dir. Und die Hälfte gibst du uns, sonst bekommst du den Handschar