Da und dort flackert eine offene Gasflamme. Dann herrscht wieder völlige Dunkelheit. Aus einem Fenster bricht ein wenig Helligkeit und macht die winkeligen Architekturen undeutlich sichtbar. Man ahnt da eine barocke Fassade, Wasser rauscht, ein Mädchen geht vorbei.

Hier ist ein illuminierter Schlächterladen, die Kunden sitzen an derben Tischen und verspeisen gleich ihre Wurst. In einer Gewölbehöhle hat ein fliegender Händler seinen Stand aufgeschlagen und verkauft beim Ge­flimmer eines Oellämpchens den Hausbewohnern Zukost fürs Abendbrot, Zwiebeln, Lauch, Speck, Gemüse und Leckereien.

Wie ich einen Augenblick in einem Hof stehen bleibe, rutscht ein Krüppel auf den Knien herbei und klopft an eine Tür, ein Mann mit einer Balalaika kommt heraus, die beiden reden leise miteinander, ein Hausierer gesellt sich hinzu, ich weih nicht, wo er mit einem Male her­gekommen "ist. Rach einer Weile klappt die Tür zu, der Krüppel rutscht wieder davon, der Hausierer schleicht sich nach der anderen Seite weg. Was bedeutet das? Nichts.

Nachher sehe ich in einem Gang ein Mütterchen vor einer glatten Wand stehen und beten. Sie starrt die Wand an, als ob da ein Heiligen­bild hinge, und betet. Aber ich sehe nur grauen Putz.

Oder ich komme an einem verhängten Fenster vorbei, hinter dem eine zaghafte Musik erklingt, Ziehharmonika und etwas Getrommel. Einige Paare tanzen. Kein Wort wird gesprochen. Ich bleibe lange Zeit vor dem Fenster stehen. Der Tanz nimmt kein Ende. Ein lautloser, un­heimlicher Tanz.

Und so stellt sich die ganze Prager Altstadt dar. Geheimnis an Ge­heimnis, fremde Laute, verhaltenes Geflüster, flackernde Lichter, dunkle Gänge und Höfe. Was für Geschichten sich da Nacht für Nacht begeben mögen! Ein ferner Schrei, eine nahe Musik, eine Mutter ächzt, ein Kind wird geboren.

Dan« und wann läuten von einem Kirchturm langsame Glockenschläge über all diese Wohnhöhlen und Dumpfheit. Zehn Uhr ... elf Uhr . . . Mitternacht...

Edi Stevens.

Novelle von Alfred Bock.

(Fortsetzung.)

Soll ich dir was vorleisen, Peppi? Vielleicht von Schiller?"

Nein, weißt du, das ist mir zu klassisch. Aber wenn du von Hackländer was da hättet"

Ei freilich, dieNamenlosen Geschichten".

Ach, da drin kommt der Schneider Dübel vor, der hernach zum Ballett geht. Das ist sehr drollig."

Edi begann mit dem ersten Kapitel. Sie machte sich's auf dem Sofa bequem und lauschte. Aber er las so geschäftsmäßig schnell und monoton, daß sie darüber einnickte. Betrübt ließ er das Buch sinken.

Es geht über ihre Kräfte," sagte er vor sich hin,was sie im Geschäft leisten muß. Auf Händen sollt' ich sie tragen, das kleine, liebe Geschöpf. Ja, wenn ich der Mann dazu wäre, müht' ich so viel verdienen, daß sie gar nichts zu schaffen braucht! Aber ich bleib' mein Leben lang ein armer Schlucker." Und schon quälte ihn der Gedanke, daß sie zu gut für ihn sei, die kleine Frau. Behutsam näherte er sich der Schlummernden, hauchte einen Kuß auf ihre Stirn und blieb mit feuchten Augen in ihren Anblick versunken stehen.

Herr Martinius litt an asthmatischen Beschwerden. Halbe Nächte brachte er, nach Lust ringend, außer Bett zu. Tagsüber war er matt und hinfällig. Der Arzt verordnete einen längeren Aufenthalt in einem Schwarzwaldbad. Die Haushälterin, die Herr Martinius nach Peppis Verheiratung in Dienst genommen hatte, begleitete ihn dorthin. Nach vier Wochen kehrte er zurück, aber man bemerkte, daß sich sein Zustand eher verschlechtert, als gebessert habe. Seine Tage waren gezählt. Und es ge­schah, daß der Hausbursche des Geschäfts mitten in der Nacht Edi aus dem Schlafe weckte. Dem Herrn Martinius gehe es schlecht, er habe nach Herrn Stevens verlangt. Herr Stevens solle doch gleich 'mal hinkommen. Edi warf sich in die Kleider und stürzte fort. Ms er in das Schlafzimmer feines Chefs trat, faß Reser schwer atmend mit wachsbleichem Gesicht im Lehn­stuhl.

Eiskalt bin ich," stöhnte er.Noch so'n Tourchen, Stevens, und ich bin hin."

Wer wird denn so sprechen," versuchte ihn Edi zu beruhigen.Sie sind von Herzen gesund. Nur die Atemnot. Und das gibt sich schon wieder."

Fräulein Distler," wandte sich Herr Martinius an seine Haushälterin, ich hab mit dem Herrn Stevens etwas allein"

Das Fräulein schob dem Kranken sanft ein Kissen unter den Kopf und verließ das Zimmer.

Kommen Sie näher, Stevens."

Ja, Herr Martinius."

Der Alte deutete auf feine heftig arbeitende Brust.

Da fitzt's, Stevens, Luft möchf ich -haben, nur Luft."

Soll ich Sie 'n bißchen aufrichten, Herr Martinius?"

's geht schon so. Eh' ich's vergess', Stevens. Sie müssen meinem Sohn schreiben."

Gern, Herr Martinius."

Noch diese Nacht, Stevens. Schreiben Sie ihm, was ich aushalt'! Und ob er kein Mitleid hat mit seinem alten Baker. Gott, o Gott, -das hab' ich doch nicht verdient! Wenn ich tot bin, Stevens, muß der Paul das Geschäft übernehmen. Die alte Firma und die treue Kundschaft! Es kann doch nicht alles drunter und drüber gehen. Für den Paul hab' ich mich müd' und lahm geschafft. Und so vergilt mir's der Bub!"

Das Sprechen fiel ihm fchwer. Kraftlos sank fein Kopf zurück und er schloß die Augen. Edi schlich auf den Zehen hinaus und bat Fräulein Distler, den Arzt rufen zu lassen. Dann nahm er seinen Platz an der Seite

Les Kranken wieder ein. Dieser richtete sich von einer plötzlichen Angst ergriffen auf und sprach wie im Delirium vor sich hin.

Nein, nicht wortbrüchig, himmlischer Baier! Bor deinem Thron will ich besteh'«. Vergib mir. Mach auch, daß mein Sohn mir vergibt. Als recht­licher Mann will ich ins Himmelreich. Und hab' ihn betrogen aus schnöder Habsucht. Herr du mein Heiland!"

Er sah mit stieren Blicken um sich. Die volle Besinnung kehrte ihm zurück.

Was hab' ich gesagt?"

Nichts, Herr Martinius, gar nichts."

Doch, ich weiß. Ach, Sie sind ja ein guter Mensch, Stevens. Ich will mirs leicht machen, eh' ich hinübergeh', Stevens, ich brauch' einen Beich­tiger. Nur leis, Stevens, nur leis."

Edi beugte sich zu dem Allen herab und ergriff seine feuchtkalte Hand.

Sie dürfen sich jetzt nicht aufregen, Herr Martinius."

Gott wird mir die Stärke geben."

In diesem Augenblick schien er wirklich neue Kräfte gewonnen zu haben. Seine Augen verloren -den'starren Ausdruck und ein Zucken um die Mundwinkel verriet, daß es ihn nach Aussprache drängte. Langsam, aber stetig floß ihm Wort um Wort von den Lippen und er bekannt« die Schuld, die seine Seele bedrückte.

Der Arzt kam und traf seine Anordnungen. Edi wankte wie ein Trun­kener hinaus. Auf der Straße angelangt, stürmte er vorwärts, überschritt das Weichbild der Stadt und sand sich, dem Laufe des Flusses folgend, nach einer halben Stunde an eben der Stelle wieder, wo er vor Jahr und Tag zitternd und zagend Peppi das Geständnis feiner Liebe gemacht hatte.

Die Nacht war mild. Am Himmel schwamm Re Sichel des zunehmen­den. Mondes und übergoß Re Landschaft mit magischem Licht, lieber dem Flusse wallten silberne Schleier, und die Wellen plätscherten leise ans Ried.

Edi warf sich zu Boden und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen. Was er nicht auszudenken gewagt, war ihm jetzt zur fürcksterlichen Klar- heit geworden. Herr Martinius hatte seinen Sohn aufs schmählichst« hintergangen. Nichtsahnend war er der Mitschuldige seines Chefs ge» worden. Das Lebensglück seines Freundes war zerstört. In stummer Qual hatte er die Beichte des Alten hören müssen. Mit dem Sterbenden halt« er nicht rechten können. Wie Schuppen fiel es ihm von den Augen. Darum also Pauls unerklärliches Schweigen. Darum fein Fernbleiben von der Heimat. Darum das Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn.

ER meinte laut auf. War es denn möglich, weiterzuleben? Vor ihm lag Re rettende Flut. Ein Sprung und er war aller Pein ledig, ein Sprung und Peppi war frei. War er denn während seiner Che mit Blindheit geschlagen, war er taub gewesen? Jetzt fand er für alles Sinn und Deutung, was all Re Zeit her achtlos an ihm vorübergeglitten. So oft sie Pauls Namen nannte, verklärte sich ihr Gesicht. Hatte fies neu­lich nicht ausgesprochen:Seit der Herr Paul fort ist, lassen sie alle Re Köpfe hängen im Geschäft. Ja, der Herr Paul hat doch für manchen Spatz gesorgt. Da ging einem die Arbeit noch einmal so schnell von der Hand. Das war ein luftig Leben." Und dabei hatte sie ganz glückselig gelächelt. Gestand er sich's doch, sie hatte Paul sehr lieb gehabt sie liebte ihn noch! Sein Herz krampfte sich in wildem Schmerz zusammen. Sie hatte ihm ihr Jawort gegeben, aber ihr Fühlen und Denken gehörte einem anderen. War das nicht falsch, nicht schlecht von ihr? Er erschrak vor dem Borwurf, den er gegen sie erhob. Wer gab ihm das Recht, sie anzuklagen? War sie ihm nicht eine treue, sorgsame Frau? War ihr je ein rauhes Wort gegen ihn entschlüpft? Es war die Leidenschaft, Re ihn verblendete. Denn wie wenig hatte er in feiner plumpen Art ihr zu gefallen gewußt. Wie wenig hatte ers verstanden, ihr das Leben zu erheitern. Und doch hatte sie ihn nie etwas entgelten lassen. Wie oft mochte sie ihn mit Parst verglichen haben. Und doch war sie stets gut und freundwillig gegen ihn geblieben. Nun durste er nicht mehr zweifeln. Auf Paul hatte sie verzichten müssen. In die Ehe mit ihm hatte sie Re Hinterlist des Prinzipals ge­trieben. Es war ein Martyrium, das sie sich auf erlegt. An ihm war es jetzt, sie zu befreien.

Er näherte sich dem Uferrand. Der lockere Boden gab nach. Schon neigte er den Körper vor. Da riß ihn eine geheime Gewalt zurück.

Ist es nicht Frevelmut, daß du dein Leben fortwirfst? Tor der du bist! Gibt es kein anderes Mittel, das Band zu lösen, das deine Frau an dich kettet? Und hieße es nicht sich schuldig fühlen, wenn du dich wie ein Feig­ling fortstiehist? Wisse, daß es jetzt deine heilige Pflicht ist, deinem Freund alles zu enchüllen, daß es dein höchstes Anliegen fein muß, rein vor ihm dazustehen. Dann mag die Entscheidung fallen."

Als er bei dämmerndem Morgen sein Heim erreichte, war er ruhiger und gefaßter. Sogleich schrieb er an Paul. Und die Feder hatte Mühe, schnellflüchtig hinzuwerfen, was sich aus dem Schacht seines Herzens em« porrang. Er empfand es wie eine innerliche Befreiung, da er sah, daß sich Seite um Seite rasch füllte.

Du weißt nun alles", schloß er.Peppi ist mir vor Gott und den Menschen angetraut. Und doch gehört sie mir von Reser Stunde an nicht mehr zu eigen. Ich erwarte Dich sehnlichst, daß ick Auge in Auge mit DU sprechen und meinen Frieden wiederfinden kann/

Er faltete den Brief zusammen, horchte in das Schlafzimmer hinüber, aus dem die ruhigen Atemzüge der schlummernden Peppi drangen, dann öffnete er geräuMos die Tür und machte sich auf den Weg zur Post.

VII.

Wenige Tage später war Herr Martinius dem Tod verfallen. Paast war von London eingetroffen, noch eben rechtzeitig, feinem Vater Re Augen zuzudrücken. Der Kaufmann ward zu Grabe getragen und eine ansehnliche Menge gab ihm das letzte Geleite. In feiner LeichenpreRgt knüpfte der Geistliche an die Worte der Schrift an:Siehest du einen Mann, rüstig in seinem Geschäfte, der wird vor den Königen stehen."

(Schluß folgt.)

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steinbruckerei, N. Lange, Gießen.