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ZahrgüNg
Samstag, den 10. September
Nummer 12
Sprich aies der Ferne . . .
Von Diemens Brentano.
Sprich ans der Ferne, heimliche Welt, die sich so gerne zu mir gesellt!
Wenn das Abendrot nisdergesunken, keine freudige Farbe mehr spricht, und die Kränze still leuchtender Funken die Nacht um die schattige Stinte flicht; Wehet der Sterne heiliger Sinn leis' durch die Ferne bis zu mir hin.
Wenn des Mondes still lindernde Tränen lösen der Nächte verborgenes Weh, dann wehet Friede. In goldenen Kähnen schiffen die Geister im himmlischen See. Glänzender Lieder klingender Lauf ringelt sich nieder, wallet hinauf.
Wenn der Mitternacht heiliges Grauen bang durch die dunklen Wälder hinschleicht und die Büsche gar wundersam schauen, alles sich finster, tiefsinnig bezeugt: wandelt im Dunkeln freundliches Spiel, still Lichter funkeln, schimmerndes Ziel.
Alles ist freundlich wohlwollend verbunden, bietet sich tröstend und trauernd die Hand, sind durch die Nächte die Lichter gewunden, alles ist ewig im Innern verwandt. Sprich aus der Ferne, heimliche Welt, die sich so gerne zu mir gesellt.
Irgend jemand
Dis ©olbtoaage.
Von Georg Hermann.
hat mir mal eine alte Goldwaage geschenkt. Weil er dachte, mir mache es Freude. Sie ist genau so, wie alte Goldwaagen sind, i und ruht in einem schwarzen Kästchen. Wenn man es öffnet, lieft man im Deckel: „Diese geächte Wag und Gewicht macht von ihro Churfürst Durchlaucht zu Pfalz-Bayern gnädigst privilegierter und geschworner Johann Daniel vom Berg in der Bergischen Hauptstadt Lennep." Also Lennep... ich wußte nicht einmal, daß es eine Stadt ist, geschweige denn eine Hauptstadt, sind wenn man mir erzählt hätte, Lennep wäre in den Hussitenkriegen zerstört worden, ich hätte es den Hussiten zugetraut. Man öffnet das Kästchen. Oben ruht die Waage. Sie entfaltet sich erst zu ganzer altmodischer Schönheit, wenn man sie hera-usnimmt, und in- der Hand spielen läßt, bis sie sich genau ausbalanciert mit ihren beiden Messing - । Aalen. Und um sie herum und unte rihr sind in millimetergenauen 1 Mchem die viereckigen Messinggewichte. So scharf ist die Arbeit, daß man nicht eins mit dem anderen auswechseln kann. Wenn man sie alle zusammen herausnimmt, ist es ein Geduldspiel, bis sie wieder richtig 1 eingepaßt sind. Louisdor, Guinee, Dukaten und Maxdukaten, Severs — ; was das ist, weih ich schon nicht! — Carlins und Krontaler, ganze, halbe und viertel Pistols steht auf den Gewichten. Pistols, die immer bei Cafa- j nova vorkommen, und die in Beuteln bei Bürger geschwenkt werden, um ; j?Ers Handwerker oder Lebensretter anzuspornen und zu belohnen. Unter besonderem Verschluß ruhen noch papierfeine Mesfingplättchen. Ich ' Tne fl'e- ]*e bestimmen, wieviel den Goldstückchen an Gewicht fehlt.
So ist die Goldwaage.
; jvj.r®jSentlidj hat sie gar keinen Zweck für mich, den es gibt heute weder I Älltols ,?och Krontaler, weder Severs noch Maxdukaten; und bei mir f .{SU err recyt nicht. Und doch nehme ich ab und zu die Goldwaage heraus, i"? „y1, rei,n‘r ästsieht, und tue das, was man gerade mit ihr nicht tun soll: ich lege „Worte" aus die Goldwaage.
Dann aber bin ich immer wieder erstaunt, wie wenig man doch davon H’ Eie schwer oder leicht ein Wort ist. Man kennt ihr Gewicht einfach oder überschätzt es stets. Da ist zürn Beispiel das Wort V. ,.„v *Lr j scheint ganz harmlos, federleicht, hanchfein. Ich nehme d werfe es in die Schale, und sofort reißt es sie eifenfchwer herunter.
Ich packe alle, auch alle Metallguadrate der Taler und Goldstücke herauf aus die andere Schale, aber nichts mag das scheinbar so bescheidene Wcm „Letzter" zu heben. Und dann sehe ich es mir doch einmal genau an. Ein schweres Wort, ein bitteres Wort. Ein Wort, in dem tausend Aengste stecken, hinter dem das Nichts, das Grausen und die Trostlosigkeit wohnt, die Auslösung alles Bestehenden lauert. Der letzte Tag, die letzte Stunde . . . der letzte Seufzer ... und das letzte Blatt am Baum. Noch hält es sich, zuckt in der frostscharfen Lust. Ein Windstoß wirst es herunter, und die Menschen trampeln darüber hin. Oh, den Letzten beißen immer die Hunde. Der letzte Sonnenstrahl und der letzte Zahn ... die letzte Mark und der Letzte in der Klasse, der nie versetzt wird, und dem der Lehrer täglich anrät, doch Schuster zu werden ... ein ehrliches HandwerkI Der letzte Mann, der fällt eine Minute vor Waffenstillstand . . . der letzte Matrose aus dem untergehenden Schiff ... Die letzte Liebe, die nur noch frieren macht und unser Herz mit Tränen füllt. Der letzte Kuß, wenn wir zum zehnienmal voneinander Abschied nehmen, und nun endlich die Tür ins Schloß fällt, und wir wieder auf uns selbst zurückgeworfm werden, in unsere Einsamkeit hinab geschleudert werden, als ob wir in einen Fahrstuhlschacht stürzen. Selbst „der letzte Mohikaner", ein Wort, dast einst wie ein Alpdruck unsere junge Seele belastete ... Der letzte Schritt, vor dem Hemmungen niederbrachen, wie ein Gartenzaun vor einem wilden Elefanten . . . „die letzte Rose", an der Sentimentalität dick wie Tautropfen hängen ... der Letzte, der im Rennen durchs Ziel geht, und dem niemand mehr zujubelt („Ferner liefen . . ."). Der letzte reine Kragen im Schrank ... die letzte Zigarre, wenn alle Läden geschlossen sind . . . und das letzte, Streichholz, das nie brennt ... Sie Essenz, die Wucht, die Last aller dieser Dinge und tausend ungesagter noch liegt in dem einen kleinen Wörtchen, das die Schale meiner Goldwaage 1)«runter» zieht. Und wenn ich zehn Quadersteine aus dem Pflaster noch bräche, und drüber hineinwürfe, ich würde sie doch damit nicht nach oben schweben machen.
Und vorsichtig nchme ich das Wort Letzter" herunter und stecke es wieder in die Westentasche. Und wie ich da so zwischen Bleistiftenden, abgerissenen Hosenknöpsen, zerknüllten Straßenbahnbilletts gedankenlos wühle, bleibt mir ein anderes Wort an den Fingern hängen. Ich ziehe es heraus und betrachte es von allen Seiten, „Hingegen" . . . Wieviel mag „Hingegen" wiegen?
Es scheint mir noch schwerer, als „Letzter", kommt im Dreischritt daher. Und doch ... mein Freund war fort, hingegen traf ich feine Frau zu Hause ... das Knie war heil . . . hingegen war die Hose hin . . . meine Freundin hat mich zwar versetzt, hingegen habe ich dann in einem vor- nehmen Weinlokal sehr gut zur Nacht gespeist . . . das Souper war zwar ein besser^ Hundesutter, hingegen habe ich vierzig Mark im Skat gewonnen . . . zum Kostümfest konnten wir leider nicht gehen, hingegen starb meine Schwiegermutter ... 2a ... ein paar Metallstückchen, nur anderthalb Pistols drüben hinein, und schon schwankt „hingegen" in seiner Schale langsam hin und her, weiß nicht, ob es schon nachgeben soll aber noch nicht ... er landet zwar einen Magenstoß, hingegen habe ich ihm da» Nasenbein eingeknickt . . . seinen Benz hat er nicht mehr, hingegen eine Sommerwohnung in Plötzensee ... Minister war er unter Cuno, hingegen bezieht er noch heute Pension . . . meine Frau kann von dem Kind nicht fortkommen, hingegen hat der Arzt mir vier Wochen Riviera verordnet ... einen Preis hat unsere Mia im Turnier nicht bekommen, hingegen hat sie sich verlobt . . . mein Stück macht Kasse, hingegen war . die Kritik hundsmiserabel. Oder wie Goethe ungefähr sagt: Was ich er» ! hoffte, kam nie, was kam, erwartete ich nicht, trotzdem ist der Saldo mit gewogen geblieben. Noch ein Messingplättchen, päpter-bürm, und da gibt - das Zünglein an meiner Goldwaage den Ausschlag.
i Und jenes Wort hier, dunkel, schwarzbraun, behaart wie Esau . . . i wie schwer mag das sein? „Unbekümmert". Aber, während ich « \ so näher betrachte und beklopfe, da sehe ich, das Wort ist gar nicht so dunkel. Es ist lichtblau, wie ein Februarhimmel im Schweizer Buchenwald . . . Es ist Wanberstimmung... Es ist ganz losgelöst von allem ... Es kann wie ein Schmetterling über einer Kleewiese spielen . . . Es kennt nur sich selbst, niemand sonst, nicht Vater, Mutter, Kinder, nick» Bank, Börse und Finanzamt ... Es sieht keine Wolken am Horizont auf»
i steigen . . . Es ist wie ein Lerchentriller über einem Kornfeld; man hört i ihn nur, sieht die Keine Sängerin gar nicht dort oben ... Es hat ; flatternde Locken und Wind nm die Stirn . .. Es ist achtzehn Jahre, s höchstens fünfundzwanzig, lieft Novellen von Ti eck und singt Cichendorff- i fche Verse von Schubert. Es fürfttet sich nicht in der Dunkelyeit und J glaubt an feinen Sieg in der Schlacht. . . „Unbekümmert", es kenn- i zeichnet einen gasförmigen Zustand der Seele. Cs kann ein Müdchen jein, das in Bergamo aus der Seidenspinnerei kommt (Pippa geht vorüber). Ein Junge beim Fußball ... Mn kleiner Hund, der über den Rand seines Korbes stolpert. . . und ein Kind, verschmiert bis über beide Ohren, das mit einem Stöckchen im Rinnstein nach SchätzM fischt.
„Unbekümmert", ich nÄ>me das allerfeinste, 'seKienpapierbünne Mesfingplättchen und lege es drüben in die Schale. Doch sofort schnellt auf


