Ausgangspunkt aus der toten Körperlichkeit nehmen zu lassen, dte man ? da vor sich sah. Der Mann war gewiß nicht ätherischer in seinem zu s strammen und abgetragenen Frack, aber er war beweglich und sogar ener- gisch, Lazu verzweifelt unbefangen wie ein Schauspieler, der weih, daß er s schlecht ist, aber jeden Zuhörer zu beschäftigen sucht, damit er nicht merkt, s daß alle sich ebenso langweilen. Die Causerie war übrigens kurz, und er ging zu den Experimenten über. Im Handumdrehen hatte er Madame eingeschläfert, wenn sie es nicht schon vorher war. Und nun begab er sich zu den Zuschauern hinunter, um zu zeigen, wie ehrlich es zuging, und Fragen von ihnen zu erhalten. Das wurde recht interessant, wenn auch wenig abwechslungsreich. Er wählte feine Objekte auf das Geratewohl unter dein Publikum und ließ sie irgendeinen Gegenstand vornehmen, eine Uhr oder einen Brief, oder was zur Hand war, und ihn genau ansehen. Madame mußte sagen, was es war, und alle möglichen Einzelheiten an­geben. Di« eingravierten Ziffern auf dem Deckel oder die Adressen und Unterschriften der Briefe. Selbst stand er getreulich zwischen ihr und ihnen und vernichtete durch seine ganze fette Solidität jede Möglichkeit des materiellen Sehens, wenn diese überhaupt eine Rotte hätte spielen können. Es haperte nie mit der Richtigkeit der Angaben. Doch das einzige eigentliche Phantasieanregende war die Stimme, die sie gab. Madame hatte bisher nichts gesagt, und man erwartete eine ganz andere Stimme als die, die kam. Sie war seltsam kindlich, ja mehr als kindlich. Es war, als hörte man Kinder an Stelle der Puppe sprechen ober die Puppe selbst durch irgenbefne mechanische Vollellndung einen Wortvorrat beherrschen. Es war etwas klagend Sprödes und Müdes in jedem Laut, und man muhte daran benten, daß in diesem schlummernden und stumpfen Wesen einmal eine Seele gelebt hatte wie bei anderen und nun wieder zurück­gekommen war, gehorsam in ihrem Spiel, aber erstaunt und traurig. Wenn sie nicht so rasch und ausdruckslos gesprochen hätte, würde es ein wenig unheimlich gewirkt haben. Der Mann war erst jetzt Herr der Situation, ruhig und feiner Sache sicher, mechanisch scherzhaft, diskret und sein in der Behandlung der Briefe. Ein Magus, aber zugleich ein Gentle­man, der nichts anderes zur Sprache brachte, als was sich schickte! Zu­weilen ließ er das Versuchsobjekt nur an etwas denken, gleichviel, wie weit weg. Und Madanie mußte dann sagen, was sie sah. Das ging nicht so gut, denn die meisten konnten überhaupt nicht denken, vermutlich, weil sie ihre Gedanken bedeutend und merkwürdig machen wollten. Eine Dame versuchte es mit Casablanca, wo die Franzosen gerade damals Krieg zu bekommen schienen vielleicht hatte sie ihren Mann da. Aber was in ihrer Phantasie spukte, war wohl nur ein Farbendruck aus demPetit Paristen", denn Madames Worte gaben nicht mehr als einen solchen. Der Magnetiseur begann bedenklich zu werden und sah sich nach einer Glanznummer um. Sein Blick fiel auf Miß Maud und leuchtete beim An­blick der schönen Erscheinung auf.

Er steuerte galant auf sie zu, seine Schweinsphysiognomie war ganz lächelnde Verbindlichkeit.

Sie schien schon lange nicht gefolgt zu sein und war ein wenig ver­wirrt, so als hätte man sie aus einem Traum geweckt.

Was soll ich nehmen," sagte sie,ich habe ja gar nichts."

Er deutete mit einer Verbeugung auf die Blume, sie löste sie und sah sie an. Im selben Augenblick vergaß sie alles andere und saß da, den Blick in die Rose verloren, den Mund halb geöffnet wie ihre Blätter.

Was ist das hier?" fragte der Mann mit feinem kurzen Kommandoton.

Aber nun war es eine andere Stimme, die antwortete. Alle merkten es, und eine Welle des Flüsterns und Raschelns ging durch den Saal.

Cest une rose, uns rose fraiche et rouge.

Die Worte waren ja nicht besonders merkwürdig. Es war eine rote Stofe, das hatten die meisten schon früher gesehen. Was neu war, war der Ton. Es war wie ein Rauschen und eine plötzliche Freude darin, so, als käme er aus einem ganz neuen Raum voll Duft und Frische. Die Puppen- ftinune war nicht mehr mechanisch und ausdruckslos dünn, und alle beugten sich vor, um sich zu überzeugen, ob sie denn wirklich von Madames ge­schminkten Lippen kam. Daran konnte jedoch kein Zweifel fein, denn die Lippen bewegten sich ganz wie früher. Die ganze schwere Gestalt auf dem Stuhl war auch ebenso starr. Man wendete sich nun dem Mädchen zu, als wäre die Erklärung da zu finden. Sie allein war regungslos gesessen, lächelnd, als lauschte sie einem Gesang. Aber für mich war es, als spräche sie. So war es ja auch, es waren ihre Gedanken, die auf diesem wunder­lichen Wege durch die zwei fremden, widerwärtigen und gleichgültigen Wesen hinausflogen, Stimme erhielten und wieder zurückkehrten. Und gerade der Kontrast zwischen dem Weichen und Zarten, das berührt wurde, und der groben Vulgarität, die das Instrument war, hatte etwas mystisch Unheilverkündendes.

Sage noch etwas darüber", befahl der Mann. Und mit derselben Gewißheit und derselben Verwunderung in der Gewißheit kam die Antwort.

Cest la plus belle des roses sie ist rot wie Blut, sie ist ganz vollkommen, da ist kein welkes Blatt. Sie hat einen so herrlichen und fröhlichen Duft, sie ist so neu und jung. Erst heute ist sie so schön ge­worden, denn bis her wußte sie nicht von sich.

Der Magnetiseur sah auf und schüttelte den Kopf. Was waren das für Unbegreiflichkeiten? Er befürchtete offenbar. d»ß ihr Ansehen unter derartigem Geschwätz leiden könnte.

Sage etwas Bestimmtes darüber", sagte er.

Sie ist fo frisch, als wäre sie eben erst gepflückt, das macht die Regenluft. Sie hat noch Tropfen zwischen den Blättern, und die leuchten."

Ja, wirklich, es ist so, nicht wahr?"

Aber das Mädchen achtete nicht auf bi# Frage, und er mußte dem Publikum die Angabe selbst bestätigen.

Ist noch etwas darüber 31t sagen?" sagte er dann in dem Ton, der für die Frau bestimmt war.

Aber nun kam eine neue Veränderung. Die Stimme, die antwortete, war unkärperlich wie zuvor, aber der Jubel entwich, wie ein Glitzern vor einem gleitenden Schatten. Es kam etwas Gespanntes und Suchendes

in jeden Laut, etwas von erschrockener Ahnung, von einem Schauen, das sich vertiefte, aber die Augen schließen wollte, ehe es zu spät war.

Ach nein, lieber sie lassen, wie sie ist. Ach nein, laßt sie sein!"

Das war nicht das rechte Programm für einen Herrscher in der Welt des Verborgenen. Der Magnetiseur nahm eine Miene berufsmäßiger Strenge an und kam gleichzeitig auf eine Idee, einen dankbaren Ein­fall, die Kunst der Telepathie zu erproben.

Wo wurde diese merkwürdige Blume gepflückt?"

Jetzt war gleichsam ein Kampf, ein abgerungenes Bekenntnis in der Antwort.

Sie wurde oben gepflückt, am Anfänge des Dorfes. Nicht sie allein, zwei gleiche, und wer kann wissen, welche die rechte war."

Wer kann wissen? Sage es gleich, tatet) richtig nach!"

Ja, jetzt sehe ich, jetzt sehe ich." Das war keine Angst mehr, die nach einer Ausflucht suchte, es war ein Schrei, der zart und hilflos klang. Diese ist nicht die rechte. Sie leuchtet nicht mehr, sie ist nicht mehr fröhlich. Sie ist auch nicht frisch, sie wird sterben. Das Rot ist wie Blut, es ist eine Wunde innen, und sie wird aufbrechen. Jetzt ist es auch schon gleich."

Niemand verstand etwas davon und am allerwenigsten Monsieur, der bekümmert und geärgert zugleich aussah, über so viel Unbegreiflichkeit.

Meine Frau ist offenbar müde," sagte er,es ist am besten, die Seance zu schließen." Er ging auf sie zu und weckte sie, und sie stand auf, bleich und schlaff, wie sie gekommen war, mit derselben Miene, so als gehörte sie nirgends hin, als wüßte und verstände sie gar nichts. Ihre matten und gleichsam gekochten Augendälle starrten glanzlos in das Publikum, und der Mann allein verbeugte sich für den spärlichen Applaus, während man aufbrach.

Miß Maud saß still mit der Rose in der Hand da, aber betrachtete sie nicht mehr. Sie war ganz ruhig und beherrscht, aber sah müde aus und war sehr bleich. Die Schwester und der Freund stellten ihr Fragen nach ihrem Befinden. Sie schüttelte den Kopf, antwortete kurz und beftimmt und lächelte. Ihre Augen blickten sie fdjarf und dunkel an. Ich verließ sie und zog Basilics mit mir hinaus. Er war in Ekstase über das, was er mit angesehen hatte, und namentlich über das letzte Experiment.

Das ist ja wunderbar", sagte er.Betrug ist doch ganz ausgeschlossen, ober was glauben Sie? Früher konnte er ja noch irgendwelche Zeichen geben, aber woher die Rose war, bas konnte er nicht wissen. Es war, als wäre auch in dem anderen, was sie sagte, eine Art Sinn. Wenigstens zuerst. Haben Sie gesehen, wie schön Miß Maud war? Sie ist den ganzen Tag so gewesen und so übermütig und vergnügt. Die Schrvester fügte auch zu mir, daß sie erst jetzt so recht wie früher ist. Das ist, weil sie gesund ist, die Welt ist wieder ganz neu für sie. Das war der Ausflug nach La-Düle, sehen Sie wir hatten es so vergnügt. Ach, was gäbe ich doch darum, diese Rose zum Andenken zu haben!"

Der Regen hatte aufgehört, und die Luft war klar unter den Sternen, die größer und sanfter als sonst in ihrer Feuchtigkeit leuchteten. Basilics war nicht von der Stelle zu bringen. Ader er konnte nicht still stehen und warten, er ging über den Kies und sah zu den Fenstern auf. Die waren jetzt geöffnet, und es war oben noch Lichtschein. Eine weiße Mädchen­gestalt kam einen Augenblick, sah hinaus, machte eine rasche Bewegung mit der Hand und verschwand. Etwas sehr Leichtes und Weiches schlug zu Boden, es war natürlich Miß Mauds jetzt so wertlose Rose. Basilics war ganz nahe der Stelle, wo sie fiel, und tauchte so rasch nieder, als wären alle Knochen in seinem Körper weich geworden. Ader als er auf mich zukam, war er elastisch wie eine Stahlfeder und schwebte In einem Rausch von Glück.

Der Boden ist doch recht feucht," sagte er,ich habe nachgesehen." Er nahm an, daß ich nichts gemerkt hatte.Ich glaube nicht, daß es ratsam ist, länger draußen zu bleiben", fügte er hinzu, und auch bei diesen listig gleichgültigen Worten konnte er das Zittern der Stimme nicht unter­drücken. Er glaubte offenbar, daß sie ihn gesehen, daß sie ihn erkannt hatte, und daß diese fortgeworfene Blume, die fo viel schwere Enttäuschung trug, eine ganze Welt von Verheißungen für ihn bedeutete.Jetzt gehe ich heim und lege mich schlafen", sagte er und schüttelte mir warm die Hand. Aber natürlich ging er nicht heim, und schlafen war bas letzt«, woran er dachte.

Wo und wie lang er in dieser Nacht herumgestreist sein mochte, weiß ich nicht, aber nicht der Wanderung wegen trat er mir am nächsten Tage ganz bleich entgegen.

Es ist furchtbar," sagte er,können Sie sich denken Miß Maud ...' Sie ist krank?"

Haben Sie es schon gehört? Ja, ihr Leiden ist ausgebrochen. Sie hat heute nacht eine Lungenblutung gehabt, gleich nachdem sie von der Seance nach Hause kam. Es ist nicht tödlich, versichert man, aber doch sehr ernst. Sie wird sich hier nicht mehr zeigen, solange ich bleiben kann."

Er war vernichtet. Seine naiven Augen strahlten nicht mehr und ver­bargen ihre Tränen nicht.

Wie unheimlich," grübelte er,wird nun das, was das Medium gestern sagte, obgleich ich es damals nicht verstand. Sie sprach ja von Blut. Wie konnte sie es wissen? Und warum mußt« es gerade jetzt kom­men? Sie war ja so frisch und vergnügt, sie ahnte gar nichts. Vielleicht war gerade dieser Ausflug zuviel für st«, oder die Vorstellung am Abend? Es war etwas so Wunderliches darüber, und ich begreife nicht .

Aber er war nicht danach veranlagt, sich in Grübeleien zu versenken. Seine sanguinische Natur sand einen Gedanken als Sprungbrett und war sogleich zum Sprung in die gewöhnliche Welt bereit.

Sie wird bald wieder gesund werden", sagte er und leuchtete auf. Und er griff instinktiv nach der Brust es war leicht zu erraten, nach welchem verborgenen Schatz.

Ja, ja, dachte ich, alles ist in irgendeiner Weise bestimmt, aber es ist gut, nicht allzuviel davon zu wissen. Unbewußt tragt man die Wahrheit in sich, wie er feine verwelkte Rose, und glücklich ist nur, wer nicht ahnt, was sie zu erzählen hat.

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Vrühl'jche Univerf itäts-Vuch- und Steindruckerei.». Lange, Gießen.