werden, ttnb' wie gern hört' ich ihr zu mit meinem kummerhaften Herzen. , Als sie um Mittag wieder ging, Hutt' ich von ihr erhalten, daß sie mir versprach, mit der Alten, so die das irgend vermöchte, heut noch zu mir herzukommen und hier zu beharren, bis, was Gott gäbe, die Fahr und Not vorüber märe. — . L <
Aber die Stunden gingen herum und der Tag neigete sich zum Abend, ohne daß sie wiedergekehret war. Zwar auch vom Feinde war nichts sichtbar geworden, und ich dachte, da ich ins Abendrot sah, das so gülden durch die weißen Blütenbäume glänzte: bleiben wir auch die Nacht verschonet, so behält wohl das Gretlein recht, und mit der geretteten Gemeinde sing' ich wohl morgen dem Wächter Israels Lob und Dank. — Die Betglocke anschlagen durst' ich nicht, weil der Schall einen Maroder oder Landstörzer vielleicht herbeigelockt hätte, so faltet' ich meine Hände:
Bor Schrecken, Gespenst und Feuersnot Bewahr' uns heint, o lieber Gott!
und dazu, wie ich immer tät abends und morgens, betet' ich für meinen Reinhold: Bewahr' ihn vor dem Argen und allem Unglück, und wenn er sich verirret hat, bring' ihn sein Engel wieder auf rechte Straß'; ach, wenn es sein kann, auch noch einmal zurück zu mir!
Horch, da hört' ich wie einen Schall von Rosseshufen, der kam näher, und als ich hinunter ins Dorf lugte, sprengten zween Reuter daher, die ich bald an ihren Montierungen Dragoner zu sein erkannte. Sie ritten darauf langsamer, lenkten hin und wieder gegen ein Haus, und schienen verwundert, da keiner Seele zu begegnen.
Nach einer Weile blickten sie empor zur Kirche, wiesen mit ihren Säbeln herauf nach meinem Hause, und ich sah, daß sie mich wahrnahmen und mit ihren Tieren den Kirchweg herauf zu mir einschlugen.
So ein Soldat ein Pferd unter sich hat, so läßt er noch eins so stolz. Zudem trugen die beiden hohe Federhüte und verbrämte Koller, und das Zaumzeug ihrer Gäule war nach hispanischer Art. Sie hielten am Garten- pförtlein und riefen mir zu.
„Potz Strahl," sagte der eine zu seinem Kameraden, „in was vor Berdrüßlichkeiten haben wir uns gestecket aus pur lauter gutem Willen. Da frage sich einer zurecht, wenn das ganze Nest ausgeflogen ist."
Unter diesem war ich vor sie getreten und verneigte mich. „Wir suchen hier den Schulmeister", rief mir der andere zu.
„Dann hat der Herr gefunden, nach dem er fraget," antwortete ich ihm, „und sein Diener versichert Ihn alles geneigten Willens."
„So kommt rasch, Alter," sagte der erste wieder, ,/setzet Euch hier vor mich auf mein Pferd, maßen wir Eil' haben!"
Er sprach die Worte nicht, als wenn sie ein mutwillig Soldatenstücklein mit mir treiben wollten, aber doch mit Ungeduld, und reichte mir all- bereits seine Hand entgegen, mir auf sein Roß zu helfen. Aber ich trat erschrocken einen Schritt hinter mich, durfte doch mich ihnen nicht widersetzen.
„He, Jobst, hurtig, daß wir fortkommen!" Dergestalt ermunterte der Dragoner seinen Kameraden, und eh' ich's mich versah, war der abgesessen und schwang mich auf des ersten Pferd. Was könnt' ich wider ihre Gewalt; ich fetzte mich fest, so wohl ich vermochte, und dachte dabei, in was vor einen seltsamen Handel ich so unversehens geraten wäre.
Schon ritten wir das Dorf niederwärts, gegen Abend gerade in den Wald hinein. Die Buchen, deren Gezweig überm Weg hing, machten ihn uns schier finster; Wurzeln liefen da auch genug querüber, und die Rosse muhten die beiden langsamer schreiten lassen. Zu mir hatten sie nichts fürderhin geredt als nur, mir sollt nichts Uebles widerfahren, und ich brauchte gang keine Furcht zu haben; auch hießen sie mich ihnen den Weg nach'm Golm weisen, das ist von Warberge eine Wegstunde entfernt. Jedennoch, daß dieser Ritt kein lustsamer war, könnt' ich aus ihrem Ge- fpräch miteinander bald abnshmen, unangesehen sie mit Worten kargten.
„Aus was Urfach' den Schulmeister, Franz, und nicht den Pfarrer?" fragte der erste.
„Schert uns nichts, Jobst," war die Antwort, „genug, wir tun ihm seinen Willen."
Davor hat er sich auch als braver und tapfrer Kerl gehalten, ob er zwar unsers Gegenteils ist. — Wie schweigsam er sich anzeigt, seit sie ihn einbrachten! — Weißt, Kam'rad, 's muß doch besonderlich sein, zu wissen: jetzt muht dran mit deinem jungen, frischen Leben."
„Ah," rief der andere, „'s ist 'mal beim Soldatenhandwerk nicht anders, und mir sehen alltag diesen Weg vor uns!"
„Aber doch denkt jeder, du wirst heut durchkommen, wie gestern, und macht sich unterdessen Gedanken von Beut' und Ehr' und Glorie! Dann kommt ihm's Ende ungeüacht, wie eines Roßbuben Kugel aus ’ner Hecken den Feldherrn trifft. Ganz anders acht' ich, so frischauf sein und jung und mit Augen sehen, wie sie kommt, Stund' und Minut', da man zum Kehraus anfspielet."
Der so geredt hatte, schwieg und auch sein Kamerad. Nach ’ner Weil wollten sie ein Soldatenlied anheben, aber sie stunden bald wieder davon ab und waren nachdenklich.
Indessen nun vermerkt ich, daß der Wald vor uns sich lichtete, und dahin nahmen wir unfern Weg über eine Wiese, gegen einen breiten Baum zu, der da zur Seiten einer Anhöhe stund.
„Schulmeister", redete da mich der Soldat an, dessen Pferd mich trug, „was wir tun, das geschieht ’nem Soldatenblut zu lieb, ob es gleich wohl unfern Artikuln entgegen ist. Jedoch er hat zu hart uns darum angelegen; da sehet selber, wie ihr ihn beratet!"
Unter diesem waren wir nahe dem Orte gekommen, den ich bemeldet habe. Die beiden Dragoner saßen ab und halfen auch mir herunter. Darnach, während sie sich anschickten, ihre Tiere hinwegzusühren, red'ten sie ein weniges mit einem Musketier, der herzugetreten war, das ich nicht verstund, und sagten mir, daß ich dem folgte. Der geleitete mich um den Baum herum und wies mich auf eine Gestalt hin, die da am Stamme lehnete und die ich ein Soldat zu sein erkannte, obgleich es hier wegen des Laubdaches gar dunkel war.
Verantwortlich: Or. Hans Tyhriot. — Druck und
„Reinhold!" Ich rief den Namen wohl so laut, daß der, den ich nannte, ob er nun geschlafen oder in Gedanken versunken gewesen, als ein Erschrockner sich aufrichtete und mich steif ansah. Ach, mit der traurigen Miene so bleich, so bleich, wie ich sie im Traum gesehen hatte die letzte Nacht!
„Reinhold", weiter vermocht' ich nichts zu sprechen und bewegte meine Arme gegen ihn. Er aber lehnete sich gegen den Baum Hinter ihm, als wankten ihm die Kräfte, und jetzt erst ward ich's gewahr, daß er an Händen und Füßen in Ketten geschlossen war. — Ach, der Erzvater Jakob durste wohl klagen, da sie ihm den blutigen Rock seines liebsten Josephs brachten: aber was ich da sah, war das nicht noch viel kläglicher?
So sahen wir uns eine Weile an. „Ich meinte nicht," sprach er darnach, „daß Ihr mich wieder erkennen würdet, denn es ist lang her, seitdem ich entlaufen bin, und ich weiß, ich habe mich die Weile sehr verändert."
„Ich dich nicht wiedererkennen?" rief ich, „nach dem ich im Wachen und Träumen ausgesshen hab' voll Verlangen, all diese ganze Zeit?"
„Nein, Vater," sprach er wieder, und feine Stimme wandelte sich und wurde bittend, „redet nicht das, nicht das! Sagt mir lieber, daß, seit ich Euer unwert geworden bin, Ihr mich ganz hinausgetan habt aus Eurer Seele; sagt mir, daß Ihr von der Stund an, da Ihr von mir verlassen wart, meinen Namen habt weggewischt aus dem Gedächtnis Eurer Liebe!"
Ich sah, wie er zitterte, und wollt' hinzutreten, ihn zu halten mit meinen Armen. Er aber wich zur Seite, als scheute er, daß ich ihn berührte. —
„Reinhold," sprach ich, „kann Liebe vergessen?"
„Ach," rief er, „wenn sie's nicht kann, so ist der, so sie gekränket hat, desto elender, und wohnet ihm gleich das Lachen auf seinen Lippen — so hat er den Gift in seiner Seele!"
Er griff sich bei solchen Worten mit den Händen ans Herz, daß die Ketten erklirrten. Davor schien ihm zu schaudern und er ließ seine Arme wiederum sinken, die er auch, wie ich vermerkte, fürderhin nicht mehr bewegte. Wohl nahm ich ab, wie groß sein Leid war; darum gedacht' ich ihm zuzureden und sagte: „Reinhold, laß derlei trostlose Gedanken! Was du unrecht an mir getan hast, ich vergeb' dir; und denk: Gott ist gnädig dem, der bereut."
„Gott?!" rief er wieder, „Gott richtet streng. Vater, wir sehen uns heut zum letzten Male!"
Auf solche Rede erstarb mir jed' Wort auf der Zunge und ich könnt' nur mit einem tiefen Seufzer antworten.
Er aber winkte mir, daß ich mich niedersetzte ins Gras, und er tat auch gleich also.
„Die Zeit geht geschwind herum, Vater," sagte er, „wir werden bald auf die Längst zusammen gewesen sein; darum so höret, was ich wollte, daß Jhr's wüßtet, bevor ich sterbe."
Darnach erzählete er mir, daß den Frevel auf'm ,verlorn Host verübet, allein der Melzer vollbracht hätte; er selber aber wäre zufallens dazu- gekommen, wie der Bauer des Hauptmanns Pferd, so wirklich in den gewohnten Stall zurückgelaufen, erschlagen. Sonst aber wäre niemand auftm Hof gewesen, auch Gretlein nicht. Als aber der Melzer ihn gesehen, so wär' der ganz grimmig geworden und hätte sich wie hirnfchellig cmge- stellt mit Toben und Drohen, so er, Reinhold, von der Sach' das geringste ausbrächte. Hätte ihm auch gesagt, daß von der Straf', die alsdann den Melzer treffen würd’, nicht allein Armut, sondern auch Verachtung und Schänd' auf Gretlein fallen tät als eines Gehenkten Tochter. So würd' er gleicherweis auch ihr gewiß fluchen, so sie mit dem Angeber ihres Vaters ihr Leben lang sich wieder freundlich hielte, wovor sie selbst auch eine Abscheu haben würde. Ueberdas würd' er ihn, Reinhold, ohnschwer (und er hätt' einen greulichen Schwur dazu getan) dann in die L-chand' und Straf' mit hineinziehen und ihm gewißlich den größten Teil der Schuld zudrehen, was gar nicht schwer Jein würde, maßen alle feine Zu- täppifchkeit zu Holmers Pferd, auch seine Soldatengedanken genugsam wüßten. r <
„Da hab' ich denn, Vater," sprach Reinhold weiter, „was er forderte, zu halten versprochen und hätt' ihn ohnedas nicht angeben können, des armen Gretleins wegen, auch mit keinem Worte nicht. Aber so im Verdacht stecken müssen, ein Dieb zu fein und mit dem Melzer zusammen eine Heimlichkeit haben, die ich auch Euch, Vater, nicht durfte offenbaren, darzu wenn fürderhin auf die Sach' die Red' oder Frage käme, -die Augen nicht frei aufheben können und je länger, desto vielmehr in des Untäters Gewalt mich gegeben sehn: das alles machte mir Feuer unter die Füße, daß mich’s daheim nicht länger litt. Und fo bin ich davongegangen; ich sah wohl, daß ich nun alle Schuld tragen würd’, aber doch blieb das Gretlein verschonet.
„Ich lieh mich bei den Weimarischen anwerben, die darzumal wider den Grafen Götzen agierten, und nahm darnach, als unser Fähnlein aus- einanderging, schwed'sche Dienste. Das Soldatenleben hatte mich ganz eingenommen, seine Gefahren und Unruhe waren mir ganz recht. Ich hielt mich so, daß ich nach der Zeit eine Kornettstelle überkam. Aber so stolz ich manchmal daherprangte, auch unterm Bankettieren und Gastieren so wir in guten Quartieren von unsrer Beute zehrten: in Wahrheit hab ich doch.mein Herz von den schweren Gedanken an Euch, den ich heimlich verlassen, nicht abziehen können, noch schlug sie das gute Lob, so ich mir im Kriegshandwerk machte, nieder, noch verscheucht ich sie mit hoffärügem Leben. Auch war mit dem Gretlein, wie ich wohl an mir selber erftchr, mein guter Engel mir von der Seiten, und Gott vergeb' mir alle Torheit, in die ich mich nach andrer bösem Exempel habe verstricken lassen! —
„Unterdessen führten uns die Kriegsläufe hieher, wider den Gallus zu fechten. Jedoch die Kaiserlichen warfen uns zurück und vor Neuburg, allwo ich mich im Scharmützel zu weit wägete, wurde ich gefangen.
(Fortsetzung folgt.)
Verlag: Brühl'sche Aniversitats-Buch- und Steindruckerei, V. Lange, Gießen.


