berühmt durch seine Behandlung und Heilung der Wahnsinnigen, durch sein tiefere- Eingehen auf das psychisch« Prinzip, meines sogar oft körperliche Krankheiten hervorzubringen und wieder zu heilen vermag . Sv erschien Koreff denn auch den Parisern als leibhaftige Verkörperung Hoffmann eher Gestalten, und inan dichtet« ihn alsmedecin hoit- mannique an. Niemand war daher berufener, dem jungen loe e l" m a r s bei seiner Uebersetzung von Hoffmanns Werken (18291833) zu helfen und ihm die Umwelt des Dichters zu erklären. Wenn seitdem Hoff- marmsche Gestalten selbst im französischen Schrifttum auftauchen (so der Musiker Schmucke in Balzacs NovelleUne kille dEve), wenn Hoff­mann in Paris einen lange währenden Nachruhm erlebte, der feinen letzten Ausdruck in Offenbachs Oper fand, wenn Hoffmann, neben Goethe und Heine, den Franzosen bis heute als typischer Vertreter des deutschen Geistes erschien, so hat Koreff erheblich dazu beigetragen.

Aber damit ist Koreffs Mittlertätigkeit nicht erschöpft. Er erlief) einenAufruf an Deutschlands Aerzte", ihm die neuesten Ergebnisse ihrer Wissenschaft -mitzuteilen, und er veröffentlichte diese Angaben dann in einem französischen Fachblatt. Er half Philarste Chasles bei feiner Studie über Rahct Varnhagen, führte den jungen Philosophen Moritz C a t r i e r e in Paris ein und nahm sich wahrhaft rührend des launischen uni) scheuen Grillparzer an, als dieser 1836 nach Paris kam.

Bei seinen engen Beziehungen zu Heine und zu Meyerbeer ist er auch sicherlich in Beziehungen zu R. Wagner getreten, als dieser vergebens fein Glück in Paris zu machen suchte. Leider läßt uns Wagners Selbst­biographie in dieser Hinsicht im Stich, aber sein Schweigen braucht uns nicht zu verwmidern, denn auch Grillparzer hat Koreffs Namen in seiner Lebensskizze verschwiegen; nur in seinen Tagebüchern erkennt er dankbar an, was dieser für ihn in Paris getan hat. Dagegen besitzen wir zum Gluck einen Brief von Franz Liszt an Koreff, aus dem sich ergibt, daß beide viel bei Marie Duplessis verkehrt haben, dem Urbild der durch den jüngeren Dumas und durch Verdis unsterblicheTraviato bekannten Kameliendam«. Korsff war lange ihr Arzt und sr;chte sie umsonst durch eine Gewaltkur von der Schwindsucht zu heilen. Nach ihrem Tode hatte er einen ärgerlichen Prozeß mit ihren Erben um sein ärztliches Honorar, der zur Sensation ausgebauscht wurde und seine Wellen bis in die Berliner Zeitungen schlug. Man vertauschte die Akten, hängte seiner Forderung (1400 Franken) eine Null mehr an, kurz, man sucht« denpreußischen" Kon­kurrenten soviel wie möglich zu schädigen, was auch aufs beste gelang. Liszts Brief ist eine Ehrenrettung für Koreff, die freilich zu spät kam, denn das Fehlurteil des Pariser Gerichts war bereits gesprochen.

Nicht so unschuldig war Koreff in einem anderen Sensationsprozeß gegen den Herzog von Hamilton, der ein paar Jahre vorher gespielt hatte. Er und ein Hilfsarzt hatten in monatelangen Anstrengungen eine magnetisck-e" Wunderkur an der aufgegebenen Tochter des englischen Herzogs, Lady Lincoln, vollbracht. Als sie aber genesen war, ver­schloß man Koreff die Tür und reiste ab, ohne das -Honorar zu bezahlen. Durch diese Behandlung erbittert und durch häusliches Unglück eine Fehlgeburt, die seine Frau tat, verwirrt, ließ Koreff sich von seinem Anwalt zu einem unsinnigen Schritt verleiten. Er klagt« ein Honorar von 400 000 Franken ein und ließ Graf Lincoln bei seinem Wiederersche-inen in Paris verhaften. Der Prozeß wirbelte ungeheuren Staub auf und führte zur Verurteilung Koreffs und seines Gehilfen. Sein Ansehen sank seitdem rasch, und der Prozeß mit den Erben der Kameliendam« gab ihm den Rest. Dann kam die Revolution von 1848 mit ihren wirtschaftlichen Folgen; die Honorare mürben nicht mehr gezahlt, die Patienten blieben aus. Ver­suche, durch Berliner Zeitungsbericht« Geld zu verdienen, schlugen gleich­falls fehl, denn auch hier blieb man ihm die Honorare schuldig. Um das Unglück vollzumachen, verlor er noch seine kleine preußische Pension, und seine Schwester starb, ohne ihr Testament zu unterzeichnen, worin sie ihn reich bedacht hatte. Kurz, sein Alter war Not und Sorge und der Tod eine Erlösung.

Sein Altersgenosse Beyle-Stendhal, der neun Jahre vor ihm gestorven war, hatte sich stets einen raschen und schmerzlosen Tod gewünscht, und dieser Wunsch war ihm erfüllt worden. Auch Koreff starb plötzlich am Schlag«, am 15. Mai 1851, mitten zwischen zwei Krankenbesuchen. Sein« Witwe blieb in verzweifelten Umständen zurück; seine Möbel und Instru­mente, seine kostbare Bibliothek wurden um einen Spottpreis los­geschlagen, und was die rückständigen Honorare betraf, so sagte der An­walt der Witwe achselzuckend:May bezahlt die Aerzte schon bei Leb­zeiten nicht; wie viel schwerer ist es, die Honorare nach ihrem Tode ein­zutreiben "

Die Pariser Presse widmete ihm einige Nachrufe, von denen aber nur der von Philarete Chasles imJournal des Debats verständnisvoll auf fein Wesen und Wirken einging. In Deutschland war er schon nahezu ver­gessen. Auch ein schöner Nachruf seines Jugendfreundes Varnhagen, aus dem später dessen liebevollesBiographisches Porträt" (1871) hervorging, ver­mochte nichts daran zu ändern. Erst neuerdings ist Koreff unwürdiger Ver­gessenheit entrissen worden. Aber auch das neueste französisch« Buch von Marietta Martin steht noch teils im Banne alter Vorurteile, die nur durch gründliches Quellenstudium zu widerlegen sind. Immerhin zeigt diese Ver­öffentlichung, daß man Koreffs Bedeutung auch in Frankreich zu erkennen beginnt, und in der Tat gchört er zu den eigenartigsten Erscheinungen, sowohl im Berlin der Biedermeierzeit wie im Paris der Restaurations­epoche und des Bürgerkönigtums.

Die Eroberung Mexikos.

Von Egon Friedell.

Als Hernan Cortez im Jahre 1519 den Boden Mexikos betrat, fand er dort eine hochentwickelte, ja überentwickelte Kultur, die der europäischen weit überlegen war; als Weiher und Katholik vermochte er sich jedoch nicht zu dem Gedanken zu erheben, daß Wesen von anderer Weltanschau­ung und Hautfarbe ihm auch nur ebenbürtig seien. Es ist tragisch und grotesk, mit welchem Dünkel diese Spanier, Angehörige der brutalsten, abergläubischsten und ungebildetsten Nation ihres Weltteils, eine Kultur betrachten, deren Grundlage sie nicht einmal ahnen konnten. Gleichwohl läßt sich der Gestalt bes Cortez eine gewisse Größe nicht absprechen; er

war zwar ein Equistador -wie alle anderen: roh, verschlagen, gierig und ohne höhere moralische Hemmungen, aber es fehlte ihm nicht an planvollem Mut, politischer Klugheit und einer gewissen primitiven Anständigkeit; auch tat er nie etwas aus bloßer Blutgier, ja, er hatte sogar einen gewissen Ab­scheu gegen das Blutvergießen, wie er ja auch die Schlachtopfer der Azteken äbgeschafft hat: vielleicht die einzige eines Kulturmenschen wür­dige Handlung, die im Laufe der ganzen spanischen Cönq-uista begangen worden ist. Seine Umgebung bestand jedoch mit wenigen Ausnahmen) 5u denen vor allem die Geistlichen gehörten, aus Subjekten niedrigster Kategorie, Rowdys und Verbrechern, die ihr Mutterland ausgestoßen hatte: deklassierten Spaniern, also dem Abschaum des Abschaums des da­maligen Europas. Das Motiv der ganzen Expedition war ganz gemeine Goldgier:Die Spanier", sagt Cortez nicht ohne eine gewisse überlegene Ironie zu dem Statthalter, den ihm Kaiser Montezuma entgegenschickte, leiden an einer Herzkrankheit, gegen die Gold ein besonders geeignetes

Mittel ist."

Di« Kultur Mexikos haben wir uns ungefähr auf einer Entwicklungs­stufe vorzustellen, die von der der römischen Kaiserzeit nicht allzuweit entfernt war. Sie war offenbar schon in jenes letzte Stadium getreten-, das Sp-mgler alsZivilisation" bezeichnet und das durch Großstadtwesen, raffinierten Komfort, Imperialismus, autokratische Regierungsform, Massigkeit der Kunstbauten, gehäufte Ornamentik, ethischen Fatalismus und B-arbarisierung der Religion charakterisiert ist. In der Hcmpfftadt Tenochtttlan, die auf Pfählen in einem wunderschönen See gebaut war, sahen die Spanier riesige Tempel und Spitzsäulen, große Arsenale, Krankenhäuser und Kriegerasyle, Menagerien und botanische Garten, Barbierläden, Dampfbäder und Springbrunnen, Teppicl)e und Gemälde aus prachtvollem Federmosaik, köstliche Goldschmiedearbesten, kunstvoll gearbeitete Geräte aus Silber und Schildplatt, -herrliche Baumwollmantel und Lsderrüstungen, Plafonds aus wohlriechendem Schnitzwerk, Termo- phore für Speisen, Parfümzerstäuber und Warmwasserleitungen. Auf Den von Hunderttaufenden besuchten Wochenmärkten war eine tfülle aller er­denklichen gediegenen Waren zum Kauf a-usgebreitet. Eine bewunders- wert organifierte Poft beförderte durch Schnelläufer auf sorgfältig aus- q«bauten Wegen und Stufengängen, die -das ganze Land durchzogen, jede Nachricht mit unglaublicher Geschwindigkeit und Präzision; Polizei und Besteuer-ungsapparat -funktionierten mit der größten Genauigkeit und Zu- verlässi-gkeit. In den Küchen der Wohlhabenden dufteten die erlesensten Speisen und Getränke: Wildpret, Fische, Waffeln, Eingemachtes, zarte Brühen, pikante Gewürzgericht«; dazu -kamen noch eine Re,he Genüsse, die der alten Welt neu waren: der delikate Truthahn; Chocolatl, das Lreb- lingsgericht der Mexikaner, kein Getränk, sondern eine seine Creme, die, mit Vanille und anderen Spezereien gemischt, kalt gegessen wurde; Pulque, ein berauschender Trank aus der Aloe, die den Azteken außerdem ein schmackhaftes artischockenähnttches Gemüse und ausgezeichneten Zucker lieferte; und Yeti, der Tabak, der entweder, mit flüssiger Ambra ver­mischt, aus reich vergoldeten Holzpfeifen oder in Zigarrenform aus schönen silbernen Spitzen geraucht wurde. Die Sauberkeit der Straßen war so groß, daß, wie ein spanischer Bericht sagt, em Mensch, der fie passiert, sicher fein konnte, sich die Hände ebensowenig wie die Fuße zu beschmutzen; ebenso erstaunlich war die Ehrlichkeit der Bevölkerung: alle Häuser standen vollkommen offen; wer feine Wohnung verlieh, legte zum Zeichen seiner Abwesenheit ein Rohrstäbchen vor die Turmato, und me- m-als gab dies Anlaß zu Diebstählen; überhaupt sollen die Gerichte tot niemals genötigt gewesen sein, über Eigentumsdelikte zu indizieren. Die Auszeichnungen geschahen aus piktographischem Wege, das heißt mit Hilfe einer sehr ausgebildeten Bilderschrift; außerdem gab es Si^rell- maler, die mit unglaublicher Geschwindigkeit alle Ereigmsse sprechend ähnlich festzuhalten wußten. Der mathematische Sinn der Azteken muh sehr entwickelt gewesen sein, 'beim ihr arithmetisches System war m.s dem schwierigen Prinzip der Potenzierung aufgebaut: die erste Grundzahl war 20, die nächsthöhere 20 = 400, bie nächste 20--8000 und so weiter; auch sollen sie Maya, unabhängig von den Indern, die Null «rsunden haben, encn ebenso fruchtbaren wie komplizierten Begriff, der sich in Europa nur sehr langsam durch die Araber eingebürgert hat.

Höchstwahrscheinlich war der amerikanische Kulturkreis ein Glied jenes großen Kulturgürtels, der in für uns prähistorisiher Zeit die ganze be­wohnte Erde umschlang, indem er sich von Aegypten und Vorderasien über Indien und China bis nach Mittelamerika erstreckte und vermutlich auch die beiden vorantiken europäischen Welten, die etruskische und die ägäische in sich schloß: eine Hypothese, die unter dem NamenPanbaby- lonismus" viel Widerspruch und Anerkennung hervorgerufen hat Und m der Tat zeigen die Azteken in ihrem Kalenderwesen, Gr«r Bilderschrift und ihrem Gestirnkult eine große Verwandtschaft mil den Babylomern, während andererseits eine ganz« Reihe von Eigentümlichkeiten sehr leb­haft an die Aegypter erinnert: ihr« Regierungssorm, die eine Verbin­dung von Gottkönigtum und Priesterherrschaft darstellt; ihr Bureaukra- tismus der in der pedantischen Bevormundung der breiten Volksinassen eine Hauptaufgabe der Verwaltung erblickt; das sorgfältig abgezirkelte Zeremoniell ihrer Verkehrsformen; die Fratzenhaftigk-eit und TiergÄtair ihrer Götterbildnisse; ihre große Begabung für das naturalistische Po^ trat, verbunden mit einem starken Hang zur Stilisierung der höheren Kunstformen; die verschwenderische Pracht und ausschweifende Kowtza- Ittät ihrer Bauten. x . .

Am frappantesten sind jedoch die Aehnlichkeiten zwischen der ReliSion der Mexikaner und dem Christentum. Die Krone ihres Kaisers, der, zu­gleich der höchste Priester war, hatte fast dieselbe Form wie die päpst­liche Tiara; ihre Mythologie kannte di« Geschichte von Eva und Der Schlange, der Sintflut und dem babylonischen Turmbau; sie besaßen m - etwas transformierter Gestalt das Institut -der Taufe, der Beichte und des Abendmahls; sie hatten Klöster mit Mönchen, die ihr Leben mit VigiUen, Fasten, Geißelungen verbrachten; -sie erblickte im Kreuz ein heiliges Sym­bol und hatten sogar eine Ahnung von der Dreieinigkeit und der Inkar­nation. Einige ihrer Sittengebote zeigten eine fast wörtliche lieberem« stirnmung mit der Bibel. Eine ihrer Lehren lautet:Halte Frieden nut allen, ertrage Schmähungen mit Demut: Gott, der alles sieht, wird dicy