Jungblut nickte kräftig.Recht und so geschieht's."

Ich frage übrigens," fuhr Völlig fort,wie kommt es, daß Maul­fechter von der Straß' in unsere Beratung hineinfchwatzen?"

Maulfechter von der Straß'??" rief Junkersdorf, wahrend die an­deren Bürger' unwillig murrten.

Finnickel rief:Man sollte ihnen längeres Verweilen hier verbieten!" Maulfechter von der Straß'??" Hoho! So schimpft Ihr ehrliche Bür­ger! Ihr Dröppelbierbrauer! Ihr Maßbefchneider! Ihr Schaumschütter!"

Völlig blies die Backen auf; er konnte vor Zorn kaum sprechen.Herr Bürgermeister, das muß ich aber sagen da muß ich aber bitten"

Friede, Ihr Herren!" rief der Bürgermeister und hob die Hände. Friede! Draußen steht der Feind! Schiebt das Gezänks auf."

Gezänke??" wetterte Völlig.Ich und Gezanke?? Da muß ich aber bitten"

Da hörte man den Amtsdiener Zabel vom Mur her rufen:Platz! Platz! Herr Bürgermeister!!"

Er drängte sich' in aller Eile durch die an der Türe Stehenden.

Herr Bürgermeister!!"Was gibt es, Zabel?"Die Straß' herauf kömmt ein Franzos mit einem weißen Tuch, sozusagen also ein Parlamentär, geradenwegs aufs Rathaus zu."

Alles geriet in Bewegung, und der Bürgermeister, blaß vor Erre­gung, rief:Gott behüte! Ein Parlamentär! Zabel, rasch! Mein Amts- mantel! Meine Perücke!"

AMsmantel und Perücke!" wiederholte Zabel und ging an einen Schrank, öffnete ihn und holte beides heraus.

Um Vergebung, meine wertgefchätzten Herren!" sagte der Bürger­meister voller Hast, während er den Mantel anzog.Rasch, Zabel, die Perücke!"

Zabel setzte ihm die Perücke auf, aber verkehrt herum; die dicken, wei­ßen Locken hingen dem Bürgermeister ins Gesicht.

Stockfisch!" schimpfte der und setzte sich die Perücke richtig.

Unterdessen war auf dem Flur die Unruhe größer geworden; die Leute in der Türe machten eilig Platz und ließen einen französischen Offizier durch. Hinter ihm schlich sich der betrunkene Pampus wieder mit herein. Der Offizier, der sich trotz seines ziemlich abgerissenen und verwahrlosten Aeußeren als Vertreter derGroßen Nation" fühlte, trat mit rasselndem, nachschleppendem Säbel sogleich bis in die Mitte des Zimmers, so daß die Stadträte vor ihm zurückweichen mußten, und sagte:

Bonsoir, citoyens! Wo ist der citoyen Burkermeister?"

Der Bürgermeister, ganz verdattert, machte eine rasche Verbeugung. Der Bürgermeister bin ich."

Ah, cest juste" sagte der Offizier, ohne indes die Verbeugung zu erwidern.Jsch bin ofticier in die Armee von die Republiqüe Frangaise und ifch komme mit ordre von der general en chef Jourdan, comprenez- Vous?"

Wui, Mußjö," antwortete der Bürgermeister.

Nist m'sieur! Citoyen, sil vous plait! Citoyen comme nous tous! Eh bien, l'armee von die glorreiche Republiqu» ist auf die route nach diese Stadt und wird sein vor die Tore tout de suite. Le ci­toyen general Jourdan verlangen Uebergabe sofort und sans facon und ohne Bedingung und verlangen für contributions"

Hier zog er aus der Brusttasche einen Zettel und las ab:fünfmalhun- derttausend Livres"

Die Stadträte und Bürger, die bisher steif und stumm zugehört hatten, gerieten in lebhafteste Bewegung.

Der Offizier las weiter:Zehntausend Zentner Roggen, achßigtaufend Zentner Weizen, Gerst, Afer, zehntausend Zentner Eu, fünfundert Stück Ornvieh, sechsundert Schaf, zweitausend wollen Decken, vienmdßwanßisch- tausend Maß Rotwein, hwölftausend Maß Branntwein, zehntausend Pfund Reis, zehntausend Pfund schwarße Seid, viertausend Pfund Puder- ßücker, hweitausend Schue, tausend Pfund Kaffee, taufend Pfund Aar- puder. Voila tout."

Die Stadträte und Bürger sprachen erregt durcheinander.

Finnickel wiegte den Kopf.Fünfmalhunderitausend Livres!" murmelte er,hm, hm, hm."

Wir werden sie euch auf die Treppe legen!" rief Junkersdorf,da braucht ihr euch nicht zu bücken!"

Völlig sagte-Wir müssen paktieren, sag' ich. Besser ist besser. Wer weih, ob wir je so billig dran vorbeikommen."

Jungblut aber rief im Zorn:Ich sage, paktiert mit dem Teufel! Da steht Ihr Euch nicht schlechter!"

Stadtrat Stockebrand machte ein bekümmertes Gesicht.Das gibt ein unbeschreiblich Elend! An diesen Schulden zahlen unsere Kindeskinder noch."

Junkersdorfs Kindeskinder nicht!" Dafür kawier ich Euch!"

Straf mich Gott, Mußjö Zitojäng Offizier," rief der Bürgermeister und rang die Hände,wenn unsere arme Stadt das alles aufbringen kann! Das heißt ja Vernichtung."

Der Offiziex achtete weder auf das Stimmengewirr um sich herum noch auf die jammernden Worte des Bürgermeisters, sondern drehte gleichmütig das Blatt und las weiter:

Der General en chef wird den Einwohnern, die ihm Hilfsmittel lie­fern, und die Kontributionen pünktlich zahlen, Schutz und Sicherheit ver­künden, jedoch, wenn einige Städte oder Dörfer, wie das schon geschehen ist, die Waffen ergreifen, um sich dem Vorrücken des Heeres zu wider­setzen, so werden sie als Feinde der Republik erklärt und erschossen, und die Dörfer und Städte verbrannt. Die Vorsteher und Bürgermeister sol­len gegenwärtige Proklamation in ihren Bezirken bekannt machen. Ge­schehen in meinem Hauptquartier, den 11. Weinmonat im IV. Jahre der einzigen und unzerteilbaren französischen Republik. Der General en chef Jourdan."

Sa hört Jhr's!" rief Jungblut grimmig.Nun paktiert. Völlig!"

Bürger S^übben zeterte:Ich hab' meinen Geist schon gesehen, er­schossen und verbrannt!"

Finnickel entgegnete sanft:Tröstet Euch, Meister Stubben, Euren Geist trifft man nicht, und wenn hundert auf ihn zielen."

Die Nächsten lachten, und ©tübben fragte seinen Nachbar:Was hat er gesagt?"

Der Bürgermeister trat an den Offizier heran, und in seinen Worten zitterte die Angst, als er fragte:Mußie Zitojäng Offizier, sind das, mit Erlaubnis, die äußersten Bedingungen?"

Di« äußersten! Sie müssen danken für so billige."

Wir danken, Ihr Großmütigen!" rief Junkersdorf.

Di« Tore der Stadt müssen sein geöffnet in nierundzwanzig Stund, sonst wird bombardiert."

Bombardiert!" wiederholte Völlig mit weinerlicher Stimme.Und mein schönes neues Haus am Kölner Tor!"

Der general en chef akkordiert eine Frist von zwei Stund für Ent­scheidung. Ich werde warten solange hier."

Dabei stützte sich der Offizier auf seinen langen, krummen Säbel und blickte seelenruhig umher.

Die Stadträte und Bürger sprachen wieder in größter Erregung durch­einander. Junkersdorfs Stimme horte man heraus:Wollt ihr euch die zehntausend Zentner Roggen und die zwölftausend Maß Schnaps nicht hintereinander auf den Puckel packen und gleich mitnehmen?"

Euer Scheneralangschef hat es verdächtig eilig!" lachte Jungblut.

Der Bürgermeister schüttelte verzweifelt den Kopf.

Unmöglich, Mußjö Zitojäng Offizier, unmöglich ist ein Entschluß in so knapper Frist."

Ich habe ordre"

Wollen Sie gütigst im Namen unserer Stadt dem Herrn General die Bitte übermitteln, der Herr General mögen in wohlwollende Er­wägung ziehen, daß die Verteilung der Kontribution auf die einzelnen Bürger allein schon mehr als drei-, viermal so viel Zeit verlangt."

Und die fünfmalhunderttausend Livres!" bemerkte Finnickel.

Allmächtiger, woher diese Summe nehmen so, mit Erlaubnis, im Handumdrehen??"

Die Kasse von die Stadt kann ja vorschieß das Geld einsweilen." Soviel ist in bar nicht vorhanden."

Und überbem, mein Lieber," fiel Jungblut ein,weiß man ja noch nicht, was der Magistrat befchlieht. Ob er eure Forderungen bewilligt. Meine Stimme beispielsweise hat er nicht."

Meine auch nicht!" rief Junkersdorf.

Der Bürgermeister winkte ängstlich mit der Hand.Nicht so heftig, Meister Jungblut!"

Paktieren! Paktieren!" rief Völlig, und Professor Nägele stimmt« zu, indem er fick) schneuzte:Ja, ja, ja, ja."

Der Herr General," sagte der Bürgermeister,möge uns Zeit bis morgen mittag lassen. Wir würden Ihnen, Mußjö Zitojäng Offizier, aufs tiefste obtigiert fein, wenn Sie uns Ihr« Fürsprache leihen wollten."

Finnickel raunte dem Offizier händereibend zu:Ein kleines Doußär- chen, wie?"

Gewiß!" stimmte der Bürgermeister eifrig bei,wir werden uns er­lauben, ein Douceur hm"

Der Offizier tat, als ob er überlegte und mit einem Entschlüsse ringen müßte.

Eh bien, ich will versuch, aber nix verspreche. Mors bis morten mittag. Aber morten, ich muß in nächste Stadt, um ßu parlamentier. Morten wird kommen eine andere Dfficier, ist nich so öflich, eine böse und strenge Mann. Sie müß fein rasch bei die Hand und nicht machen viel äh" er suchte nach dem Ausdruckviel Schweif herum."

Gewiß!" antwortete der Bürgermeister voller Eifer,bis morgen mittag werden wir"

Bonsoir citoyens!" unterbrach ihn der Offizier, grüßte nachlässig von oben herab und stelzte ab, den langen, krummen Säbel rasselnd hinter sich schleppend.

Als er fort war, ging das Durcheinandersprechen und Lärmen von neuem los.

Pampus schrie begeistert:Verbrüderung mit den freien Franzosen! Demokratie!"

Der Bürgermeister, vollständig kopflos, stotterte:Meine Herren, meine wertgefchätzten Herren! Ich bitte"

Pampus überschrie ihn:Die Steuern müssen aus der Mode kom­men! Keine Abgaben mehr! Keine Bastillje mehr!"

Jungblut drehte sich zu dem Schreier um.Schäumt da der Seifen­sieder noch? Raus mit ihm!"

Junkersdorf, Stübben und einige andere packten Pampus und dräng­ten ihn unter derben Püffen hinaus. Man horte ihn noch draußen schreien:

Krieg den Palästen! Friede den Hütten! Freiheit und Gleichheit!

Tugend und Großmut!"

Die Bürgersleute drängten ihnen lärmend nach. Nur die Stadiräte blieben im Zimmer. Nach einem tiefen Seufzer sagte der Bürgermeister: Meine Herren, Sie sehen mich außerstande, augenblicklich in dieser bösen Sach' einen Entschluß zu fassen. Ich glaube, in Ihrem gütigen Einver­ständnisse zu sprechen, wenn ich Sie bitte, morgen früh um neun Uhr zu einer Konferenz zu kommen. Ein jeder überlege bis dahin in Ruhe, was zu tun ist."

Wozu einen Entschluß aufschieben?" entgegnete Jungblut,der morgen nicht anders fein kann wie heut'? Die Forderungen werden nicht bewilligt! Nicht einen Stüber, nicht ein Quentchen Mehl kriegt das Ohne- hofengesindel!"

Es sind fünftausend Mann!" sagte der Bürgermeister.

Laßt sie kommen, die Strauchdiebe, die schlappen Kerls! Wenn die ein paar Tag' vor der Mauer liegen und wir füttern sie nicht, fressen sie uns nachher aus der Hand samt ihrem Scheneralangschef."

Und uns mit Haut und Haaren!" rief Ballig» und Professor Nägele gab ihm recht mit:Ja, ja, ja, ja." " (Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Aniversitäts-Duch- und Steindruckerei, N. Lange, Gießen.