der Koloß von Rodos. — „Sieben gegen Theben1 hecht bie Sage von der Belagerung Thebens durch sieben Helden, welche oeir von Eteokles vertriebenen Polyneikos wieder in seine Herrscherrechte einsetzen wollten. Aeschylos hat diese Sage in einer Dichtung behandelt. — Auch in der christlichen Zahlenshmbolik spielt die Sieben eine große Rolle: Die sieben Schöpfungstage, die sieben Wettalter, die sieben Gebote Roas, die sieben Worte Christt am Kreuz, die sieben Bitten des Vaterunsers, die sieben Sakramente, die sieben Schnrerzen Mariä, die sieben mageren und die sieben fetten Jahre, die Joseph von Aegypten prophezeit, die sieben Hauptsünden: die sieben christlichen Jünglinge (Siebenschläfer) von Ephesos, die von den Heiden in einer Hohle ein- gemauert wurden und dort 200 Jahre geschlafen haben sollen, um durch einen Zufall befreit zu werden (daher heute noch bet Ausdruck Siebenschläfer für einen Langschläfer). — Sieben ist die Anzahl der Kreuzzüge, Siebenbürgen ist daS Land der sieben von Deutschen erbauten Burgen im Südosten Ungarns. Sieben ist die Zahl der Welträtsel, welche Du Dois-Rehmond ausgestellt hat: Das Wesen der Kraft, der Ursprung der Bewegung, die erste Entstehung des Lebens, die zweckmäßige Einrichtung der Natur, das Entstehen der Sinnesempfindung und des Bewußtseins, das Denken und die Sprache und die Willensfreiheit. Das Siebengestirn ist die Bezeichnung des Sternhaufens. Bekannt sind die sieben Schwaben und ebenso die „böse Sieben. Dies mgr ursprünglich in einem Kartenspiel des 16. Jahrhunderts ein nicht stechbares Blatt mit sieben Sternen, aus dem ein böses Weib dargestellt war. Deshalb nennt man auch heute noch eine streitsüchtige Frau eine „böse Sieben".
Die Zahl Acht war im Altertum und auch bei den Kirchenvätern das Zeichen der Vollkommenheit. In der mittelalterlichen Symbolik spielt diese Zahl ebenfalls eine große Rolle. So z. B. in den acht in der Arche Noas geretteten Seelen und in den acht Seligkeiten. Auf den achten Dag der Deschnechung Christt wird die schon früh ausgebildete Anlage achteckiger Taiis- kapellen zurückgeführt. Außerdem ist acht die kleinste Kubikzahl (2 mal 2 mal 2). Die acht alten Orte der Schweiz sind die seit 1353 zum Bund vereinigten Kantone, Uri, Schwyz, .Unterwalden. Luzern, Zürich, Glarus, Zug und Bern. Acht ist die Zahl der geheimen Zimmer des Naturgebäudes, nämlich der Lapis pnilo- sophorum (der Stein der Weisen), liquor Alkahest, die Kunst, das Glas weich zu machen, das ewige Licht, die linea Hyperboie im Drennspiegel, longitudo maris, die Quadratur des Kreises und das perpetuum mobile.
Die Zahl Neun spielt eine ähnliche Rolle wie oie Dreiheit. Nach mittelalterlicher Anschauung ist sie teils verhängnisvoll (Zahl der Höllenstrahlen), zum Teil auch günstig (Zahl der Engelchöre, der Todesstunde Christi). Neun ist die Zahl der Musen. _
Zehn versinnbildlicht das Gesetz, scyon deswegen, well sich in ihr das göttliche Gesetz durch die zehn Gebote erfüllt. Auch das Gesetzbuch Hammurabis besteht aus zehn Teilen. Die als die zehn Märtyrer von Sebaste bekannten armenische Soldaten wurden unter Lieinius (320 n. Ehr.) auf einem gefrorenen Deich ausgesetzt und dann verbrannt. — Die zehn Manner, genannt Decemviri (451/450 v. Ehr.) gaben den Römern die 12 Tafel- g es ehe, die auf Erztafeln auf dem römischen Forum aufgestellt wurdsn. — Ein Dechant war im spätrömischen Heer em Unter» offizier, der zehn Wann befehligte: in den Klöstern war dies (auch Dekan genannt) ein Aufseher über zehn Mönche, in der Kirch- der Vertreter eines Kapitels. — Die Zahl Zehn ist m den meisten Ländern außerdem die Grundlage des Zahlensystems, wahrscheinlich, weil man sie bequem an den zehn Fingern der beiden Hände abzählen kann. Die Dekade ist die Zehnzahl von Jahren und Monaten, insbesondere aber von Tagen, der Zehnt die bekannte Abgabe der Bauern im Mittelalter an die Kirche und an den Adel. Aus dem Zehntgerichtebund ist der Kanton Graubünden entstanden.
Die Richterin.
Von Conrad Ferdinand Meyer.
(Fortsetzung.)
„Bruder und Schwester", verkündigte sie und sich auf die andere Seite wendend noch einmal: „Schwester und Bruder.
So ungefähr hatten es sich Knechte und Mägde schon zurechtgelegt, denn die Aehnlichkeit Wulfrins mit dem steinernen Comes war unverkennbar, nur daß sich der Vater in dem Sohne beseelt und veredelt hatte, des Hifthorns an der Seite Wulfrins zu g^chweigen, das anschauliches Zeugnis gab von seiner Abstammung. z
Nur das runzlige stocktaube Mütterchen, die Sibylle, hatte nichts vernommen und nichts begriffen. Sie trippelte kichernd um das Mädchen, zupfte und tätschelte es, grinste zutulich und sprudelte aus dem zahnlosen Munde: „O du mein liebes Herr- göttchen! Was für einen hat dir da die Frau Mutter gekramt! Zum wieder jung werden. Von Paris ist er verschrieben, aus den Buben, die dem Großmächtigen dienen. Krause Haare, prächtige Ware!"
.Halt das Maul. Drud!" schrie dem Mütterchen der Knecht Dionys ins Ohr, „es ist der Bruder!" und sie versetzte: „Das tage ich ja, Dionys: der Gnadenreich ist ein tröstlicher und auferbaulicher Herr, aber Der da ist ein gewaltiger stürmender Krie
ger! O du glückseliges Pälmchwi!" und so unziemlich schwatzt« sie noch lange, wenn man sie nicht zurückgedrängt und ihr den frechen Mund verhalten hätte. Denn die Morgenandacht begann und von einer entfernteren Gruppe wurde schon die Litanei an- gestimmt. Wie von selbst ordnete sich der Frühdienst, einen Halbkreis bildend, in dessen -Mitte die Richterin den schleppenden Gesang leitete, der, dieselben Rhythmen und Sätze immer dringender und leidenschaftlicher wiederholend, den Himmel übet Malmort anrief. . . . . „ <
Wulfrin, welcher, er wußte nicht wie, an das eine Ende des andächtigen Kreises geraten war, erblickte sich gegenüber die Schwester. Alles hatte sich niedergeworfen er und die Dichterin ausgenommen. Seine Blicke hingen an Palma. Auf beiden Knien liegend, die Hände im Schoß gefaltet, fang sie eifrig mit den jungen rätischen Mägden. Aber das Freudefest, das sie in der vollen Brust mit dem endlich erlangten Bruder, dem neuen und guten Gesellen feierte, strahlte ihr aus den Augen unb jubelte ißr auf den Lippen, daß die Litanei darüber verstummte. Dw geöffneten gaben durch die Lüfte den Kuß des Bruder» zuruck. And jetzt sich halb erhebend, stteckte sie auch die Arme nach ihm. Nur eine flüchtige Gebärde, doch so viel Gluck und Jugend ausströmend, daß Wulfrin unwillkürlich eine abwehrende Bewegung machte, als würde ihm Gewalt angetan. „Der Wildling! lachte er heimlick. „Aber die wird dem wackeren Gnadenreich zu schaffen machen! Ich muß ihm das wilde Füllen noch zchmen und schulen, daß es nicht ausschlage gegen den frommen ->ung- ling! Warte du nur!“ . , , ..
Und um die Erziehung zu Beginnen, wendete er sich, da die Rickterin das Amen sprach und Palma gegen ihn aufsprang, von ihr ab, geriet aber an Frau Stemma, die seine Haiw ergriff, ihn feierlich in die Mitte führte und mit eherner Stimme zu reden begann: „Meine Leute! Wer von euch, Mann oder Weih so alt ist, daß er vor jetzt sechzehn Jahren hier stand wahrrnd ich den Comes empfing, der davon herkam, euren erschlagenen, Herrn, den Judex, zu rächen — wer so alt ist und oabei gegenwärtig war, der bleibe! Ihr Jüngern, lasset uns, aucy, du, ^a(1@ie gehorchten. Palma zog sich schmollend in den äußersten Burgwinkel zurück, eine halbrunde Dastei, die, ein paar Stufen tief« als der Hof, über dem senkrechten Abgrunde ragte, durch welchen die Bergflui i n ungeheurem Sturze zu Dalefie. Sie setzte sich neben die Mauer der Brüstung, blickte, den Arm vorgestützt, in den schneeweißen Gischt hinein, der ihr mit^ seinem seinen Regen die Wange kühlte, und hörte tn dem.Dumulte der Tiefe E wieder den Jubel und die Ungeduld des eigenen
Hofe hinter ihr ging inzwischen die rechtliche Handlung ihren Schritt, und Rede und Gegenrede folgte sich, rasch und hoch dein cf feit, nd<6 bem CBMnfe ö-ev Q£id)tcrin.
„Hier steht der Sohn des Comes. Ihr seid ihm die Wahrheit schuldig Saget sie. Habet ihr das Bild jener Stunde.
„Als wäre es heute" — „Ich sehe den Comes vom Rosse springen“ - „Wir alle" - „Dampfend und keuchend — „Du fre&enjteft“ - „Drei lange Z^e» " „Mit einem „leerte er den Becher" — „Er sank" — „Wortlos — „Er lag.
„Bei eurem Anteil am Kreuze?" fragte sie.
„So und nicht anders. Bei unserm Anteil am Kreuze! antwortete der vielstimmige Schwur. . „
„Wulfrin, ich bitte dich, du blickst zerstreut! Wo bist du? Nimm dich zusammen!"
Hastig und unwillig erhob er die Hand.
Die Dichterin faßte ihn am Arm. „Kein Lelchtfinn. a»rnte fie. „ Frage, untersuche, prüfe, ehe du mich freigibst! Du begehs eine’emfte, eine wichtige Tat!" .
Wulfrin machte sich von ihr los. Ich gebe die Richter' frei von dem Tode des Comes und will verdammt fein, wenn ich je daran rühre!" schwur er zornig. . , „
Der Burghof begann sich zu leeren. Wulfrin starrte vor sich hin und vernahm, so überzeugt er von der -Unschuld der Richterm war und so erleichtert, mit einer häßlichen Sache fertig zu fein — dennoch vernahm er aus seinem o'nnern einen hätte er den Vater durch feinen Unmut und feine Hast preis- gegeben und beleidigt. So stand er regungslos, wahrend die Richterin langsam aus ihn zutrat, sich an fein erBrust empor- richtete und ihm Kette und Hifthorn leicht über das Haupt hob. „Als Pfand meiner Freigebung und unseres Friedens , sagte sie freundlich „Ich kann seinen Ton nicht leiden Andle törit durch den Hof die Stufen hinunter und hinaus auf bie Bastei und schleuderte das Hifthorn mit ausgestreckter Rechten m die b0'Xn3eM6tarn Wulfrin zur Besinnung und eilte ihr nach, das väterliche Erbe zurückzufordern. Er kam zu spat. In den betäubenden Abgrund blickend, der das Horn verschlungen hatte, hörte er unten einen feindlichen Triumph wie Tuben und Ross^ gewieher. Sein Ohr hatte sich in den Ebenen der lauten Rede entwöhnt, welche die Dergströme fuhren. Als er Meder auf-- schauie, war die Richterin verschwunden. Nur Palma stand neben ihm, die ihn umhalste und herzlich auf den Mund küßte.
„Laß mich!" schrie er und stieß sie von sich.
Drittes Kapitel.
An einem Fenster von Malmort, durch welches der Talgrund mit seinen Türmen und Weilern als duftige tferne herein-


