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«M wenigen Begüterten zugänglich sind; nein, der Unglückliche ab«, der in manchen kleinen Speifewirtschaften gezwungen ist, täglich Würfelsuppe und Sauerbraten zu verzehren und daraus eine Mokkatasse Roggenbrühe herunterzuwürgen, der gibt den ausländischen Kritikern gerne Recht. Es gibt nun in der Welt­stadt Berlin für die Margarine- und magg unlustigen Ausländer eine Reihe zum Teil exotischer Speisehäuser, die bei billigen Preisen jedem Geschmack gerecht zu werden versuchen. Wir brau­chen z. B. bloh die Kantstraße hinunter zu gehen, so stoßen wir in der Nähe des Savignyplatzes auf eine Restauration der Söhne des Himmels, der Chinesen.

Der schmale Eingang zum Restaurant mit seinen halb ex­pressionistischen Verzierungen mutet fremdartig an. Die Jnnen- dekorationen stellen nichts Besonderes dar. Der höfliche Wirt, ein Chinese im Cut, spricht gutes Deutsch. Auch die Kellner scheinen die Spree besser als den Jang-tse-kiang zu keimen; sie waren lange in Tientsin beschäftigt gewesen. Aber nun kommt die Speisenkarte, und die ist eine äleberraschungl Sie ist zwar auf Chinesisch und Deutsch abgefaßt, aber man wird deshalb nicht klüger aus den Speisen, das heißt aus denen, die chinesischen Ur­sprunges sind, denn es gibt auch manche Gerichte, die inter­nationale Geltung haben und die überall serviert werden. Auf der Karte wird unter anderein ein Huhn in Würfeln angepriesen, aber wir bestellen lieber echt chinesische Speisen, z. B. Schezedan, Ganzawonza usw deren Zusammensetzung sich nur schwer erraten läßt, die aber ganz vortrefflich schmecken. Es sind Arten von ge- würzigen Fleischklößen mit einer prächtigen Tunke dazu, in der große, grüne Erbsen schwimmen. Die schönste äleberraschung aber ist eine Spezialsuppe. Sie ist wirklich eine Königin unter den; Suppen, etwas ganz Besonderes für den Gaumen. Es gehört aber ein Komitee von Forschern dazu, um herauszubekommen, was alles in dieser Suppe drin ist. Die flüssige Grundsubstanz ist jedenfalls Hühnerbrühe, in ihr tummeln sich, fein geschnitten, alle Sorten delikaten Fleisches, ferner gerührtes Ei, Pilze, Ge­würze und allerlei Arten von grünem, gelbem und rotem Ge­müse. Dazu kommt eine Schale mit Reis, ein Fläschchen Soja­sauce und ein kleiner Teller mit den bekannten Ehstäben. Die Tischnachbarn aus dem fernen Osten handhaben sie geschickt und ohne Mühe, man bemerkt außerdem, daß das Schlürfen bei ihnen nicht als eine Unart gilt. Nachher gibt es einen herrlichen See und vielleicht aus Wunsch auch Schwalbennester und Hai- fischflossen, aber das läßt sich nicht ergründen, da die chinesische Speisenkarte unentzifferbar ist. ,

Reben der chinesischen gibt es im Westen Berlins auch eine japanische Restauration, wo es aber ein wenig nüchterner aus- schaut. Ein Spirituskocher wird aufgetragen, dazu eine Platte mit rohem Fleisch und Gemüse, und der Gast bereitet sich mit Hilfe und unter Aufsicht des Kellners selbst fein Gericht zu. Dann wird ein Kübel mit schön gekochtem Reis herbeigetragen, und schließlich mundet das auf der Spiritusflamme brutzelnde Quod­libet wirklich ganz. gut. Dazu g'bt es allerdings auch Seltsam­keiten, z. B. Zucker zum Fisch, rohen Fisch und dergleichen mehr, aber man ist ja nicht gezwungen, davon zu kosten I

Einen ganz besonderen Stempel haben aber dem Berlin der letzten Jahre die verschiedenen russischen Restaurationen und Speisehäuser aufgedrückt. Berlin war ja zum bedeutendsten Mit­telpunkt der russischen Emigration geworden, es gab Straßenzuge im Westen, in denen mehr russisch als deutsch gesprochen wurde, und wenn auch mit dem Aufhören der Inflationszeit die Hoch­flut abgeebbt ist und die Kategorie der Spekulanten, die Übri­gens wenig mit der wirklichen Emigration gemein hatte, ins Ausland ausgewandert ist, so bleiben doch genügend Russen, um ihre eigenen Restaurationen zu füllen. Manche darunter gehören zu deii buntesten Luxusstätten der Hauptstadt und wer­den auch gerne vom deutschen Publikum besucht.

Für die Russen liegt zwischen dem Früher und dem Heute eine unübersteigbare Mauer, aufgebaut vom Krieg und vom Grauen, von Zerstörung und Blut. Ein Teil der Gesellschaft, die sich heute in Berlin versammelt hat. war auch damals dabei, als Petersburg die glänzendsten Restaurationen Europas be­saß, als auf dem Palastquai am Rewauser die schnellen Lichtatschi dahinjagten, als die Glühlampen vor dem Winterpaüift ihr Licht über das Eis der Rewa warfen, und als unter Den goldenen Turmspitze der Peter-Paul-Festung noch alle die ge­fesselt saßen, die heute die Herren in Rußland geworden sind .... Die Schlitten fuhren in langen Reihen zur Troihki-Drncke, vor­über am Marmorpalais des Großfürsten Konstantin, hinaus auf den Kamentzostrowsky Prospekt zu Ernest, zu Felicien oder nach der Billa Rode oder Samarkand zu den Zigeunern. Manche der Damen, die den Zigeunern damals Goldstücke in die gefüllten Sektgläser streuten, sind heute gezwungen, selbst im bunten Zigeunerkostüm in den Berliner Luxusrestaurants aufzutreten und sich Goldmark schenken zu lassen. Sie, fingen: Wir sind Zigeuner, wandern ohne Rast und Ruh, tuja, tufa, tusa..., oder:Ruits glaciales, nuits de reve! Amts de demence Bauches nuits d'amour". Schwermütig klingt das Lied:

O leuchte leuchte mir mein Stern, du Stern der alten frohen Zeit." Man spricht dort von der al en verlorenen Heimat, von ver­sunkenen Zeiten, und man träumt von der Zukunft. Es gibt auch hübsche Dalalaikaorchester, die sich aus früheren, rußls^n Offizieren zusammensetzen, und die sich prächtig eingespielt haben,

Aber der Winter ist von klingender Kälte. Der Schnee singt Unter den Schlitten. Das Eis lockt. Mies schnallt die Schlitt­schuhe an. Bäuerinnen bringen die Feldfrüchte aus dem Winter- Mler über das Eis, bringen Milch und Butter. Bäckerjungeni schleifen mit den Frühstückssemmeln einher, Dauernburschen wan- dern aus fernen Dörfern vorbei. Kleine Mädchen, rotglühend tm Gesichtchen, sitzen im Schiebeschlitten. Kinder befinden sich auf einer Befuchsreise. Landschaften werden durchwandert. An man­chen Dörfern wird der einsame Schlittschuhläufer von einer Kette lachender Mädchen eingefangen, entflieht den holden Fesseln und zieht weiter in die Ferne. Mädchen begegnen uns. das blonde Haargelock von goldcneii Radeln gehalten, Matrosen und Schifss- knechte in dunklen Pluderhosen, schwarzen Jacken, die Pelzmütze aus der Stirne geschoben. Dort ein improvisierter Tanz auf den Schlittschuhen. Bor einem bäuerlichen Krug tanzen schwer« Dauernburschen, drehen dralle Mägde im Kreise zu den Klan­gen einer Ziehharmonika. Manchmal steht verträumt eine ra­stende Windmühle im weißen Feld. Immer aber bewegt ist das blanke Eis, fortwährend gibt es Schlittschuhläufer, verworren durcheinander und doch nach einem Gesetze geregelt. Das Sinn» Wlb dieses Winters ist der Schlittschuh. In den Hauptstädten, in Rotterdam, Amsterdam, im Haag wird er in das Kino, in daS Theater, in die Konzertsäle mitgenommen. Kein Ehrgeiz, keine Technik beherrscht diese Schlittschuhläufer. Er ist in das Praktische übersetzt. Der Holländer ist ein ausdauernder Läufer, ein Läufer, der endlose, lange Wege spielend zurücklegt. Der Pastor hat keine Lust Spiralen und Kreisel zu tanzen, das Ge­müseweib kein Vergnügen daran, wunderschöne Bogen zu lausen, und der Däckerjunge keine Verlockung, seine Semmeln im Walzer­tanz dahinzutragen. Sechser und Achter zu laufen bleibt der Spieljugend überlassen .... #

Durch die Winterschleier klopfen gedämpft die Glocken der Stadtkirchen. 3m Winterhafen werden die Schiffe geputzt, Segel- blätter ausgebessert. Lieber den Dächern liegt ein eigenartiger dunkler Schall. , . . _

Stundenlang, während der Fahrt, ist man etnfam. Der Feldwind schlägt über den Kopf hinweg. Die Baumaste singen. Städte dämmern ferne in fiibergrauer Seide. Felder drehen ßch, Kanal schiebt sich in Kanal. Ein Mädchen kommt, leistet Dir eine Stunde lang Gesellschaft, und wenn du soweit bist, ihr verliebte Augen zu machen und einen fragenden Blick zuzuwerfen, biegt es ab und verschwindet über einen Kanal einem Dorfe zu. das seinen Ätrdjturm wie eine Rasenspitze über das dichte Daum-

Mttagessen bei einem Dauern. Weißes Brot, Milch. Speck mb®am wieder die Wanderung. Dörfer versinken, Masten stechen in die Winterhimmel, ferne Städte, verschollen, fremd, unbekannt, gleiten vorbei. Manchmal kommt man nahe heran, fängt ein Glockenspiel auf, nimmt es m't auf die Weiterreise. Dieses Lied, das dir der Ratsturm aTS Geschenk überreicht, ist von langsamem, bedächtigen Hammerwerk geschlagen und er­zählt in alter milder Weisheit und Klugheit Dinge, die man längst vergessen; eine alltägliche Mahnung; edel, brav und gut zu fein, keusch und rein zu leben, ehrlich und arbe'tfam zu sein. Wie seltsam solch ein Klang, von fremden, uralten Glocken ge­spielt und gesungen, dem einsamen Wanderer am Herzen han­gen bleibt, cmgeschrniegt an die Seele, eingefchlichen in die Ge- b^älnb man spürt die Beständigkeit, die dieses alte Lied auf­weist wenn man mit seinen Gedanken allein in weiten ungestör­ten Feldern ist:Lieb' immer Treu' und Redlichkeit . . .

Spielerisch bleiben die Lieder in dir haften. Und du findest von -Seit zu Zeit immer ein Körnlein Klugheit in ihnen . . .

Durch die zarten Schleier, von Gold durchsponnen, dunkelt die heimatliche Stadt. Die Türme w-nken, noch ein wenig ferne zwar, aber bald wachsen die Giebelsluchten deutlicher auf, Straßen dehnen sich. Bäume stehen da, und die Stadt bringt dir ihr Leben entgegen. . _ ,

Unter den Drücken hindurch, hältst du knapp am Hafen. Du nimmst die Wanderschuhe fort und bist vom Seewind er­frischt, vom Lauf erwärmt. Von gehörten Glockenliedern em wenig verträumt. Und gehst unsicheren Schrittes, der harten Erde ungewohnt, zwischen den Häusern dahin.

Glücklich und vollgetrunken von der Freiheit, d>e durchwan­dert wurde. Die klare frische Luft in Mund und Lunge.

Hinter dir noch immer e;n Schattenspiel. Vom blassen Mond überglänzt. Ein Schattensviel frischer, froher Jugend und müd- loser, heiterer Schlittschuhläufer.

Chinesischs Ragouts und russische Borschtsch Von E. v. Ungern-Sternberg.

Richt jeder Ausländer, der Deutschland liebt, liebt die deutsche, und im besonderen die Berliner Küche. Wenn deut­sches Mer auch die Herrschaft über die Welt gewonnen hat, so zweifeln doch viele an der Güte der Berliner Saucen und Suppen. Es ist hier nicht von gewissen Restaurationen die Rede, wo «Ne Äünfte des Lukullus gepflegt werden, die aber