Gießener Zamilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Giehmer Anzeiger
Jahrgang (925 Samstag, den 24. Januar Nummer 7
Deutsche Gedanken.
Ein Volk ist ein ausdauerndes Gewächs in dem Garten Gottes, es überlebt manchen traurigen Winter, der es seiner Zierden beraubt, und oft wiederholt es seine Blüten und Früchte.
Friedrich Schleiermacher.
Gibt cS irgendeinen Gedanken, der heute einen rechten Deutschen lauter noch als Gebot der allgemeinen menschlichen Pflicht zu sittlichem Mute mahnen kann, so ist es dieser Gedanke: was du auch tun magst, um reiner, freier zu werden, du tust cs für dein Volk. H. v. Lreitschke.
Der Welt mehr geben, als sie uns gibt, Die Welt mehr lieben als sie uns liebt; Vie um den Beifall der Menge werben, Macht ruhig leben und selig sterben.
Bvdenstedt.
Die neue Welt jenseits des Meeres ist wohl schön und lustig für Menschen ausgelebter und ausgehvffter Länder. Alles wird von vorn angefangen, die Leute sind gleichgültig, und das Abenteuer des Werdens hält sie zusammen; denn sie haben keine gemeinsame Vergangenheit und keine Gräber der Vorfahren. Solange ich aber das Ganze unserer Volksentwicklung auf dem alten Boden haben kann, wo meine Sprache seit fünfzehnhundert Jahren erschallt, will ich dazugehören, wenn ich es irgend machen kann. GottfriedKeller.
Aber die Dacht, die auf Deutschland liegt,
Birgt im Schatz einen Wunderstern:
Immer wieder geboren wird
Einmal in Deutschland «in Dietrich von Bern.
Wenn sich in röchelnder Todesnot
Auf das Siechbett die Menschheit streckt, Schreitet herauf aus germanischem Mut Einer, der neue Menschheit weckt.
Ernst von Wildenbruch.
Optimisten und Pessimisten.
Don Artur Brausewetter.
Cs gibt Menschen, die wollen überall positive, unanfechtbare Ergebnisse, wollen, was sie mit ihrem Forschen gefunden, mit allen daran geknüpften Folgerungen als unwiderleglich und lückenlos dastehende Tatsachen anerkannt und gewertet sehen.
Es gibt andere: die sehen hinter dem Erforschten nur das Anerforschliche, gelangen immer tiefer zu der Ueberzeugung, dah in den Argrund des Seins kein suchendes Auge dringt, und erkennen auch in den bedeutendsten Errungenschaften der wissenschaftlichen Forschung nichts als technische Hilfsmittel, die das Einzelne wohl mechanisch lösen, dem Ganzen und Trotzen aber ohnmächtig gegenüberstehen.
Die ersten sind die „Wisser",
Die zweiten sind die „Sucher".
Aur von den Suchern soll die Rede sein.
Sie teilen sich nämlich in zwei Gruppen.
Die einen verzweifeln bei all ihrem heißen Suche» an einer irgendwie gültigen Lösrmg, verzweifeln damit am Sinn und Zweck des Lebens überhaupt. Was sie erfahren und erleben — es ist so wenig sinnvoll, so wenig lebenswert. Was geschieht — es hat so selten einen Zweck, ist meist täppischer Zufall. Was sie erleiden — es waltet nie eine Gerechtigkeit darin, ist meist grausame -Ungerechtigkeit. Was sie erstreben — es ist im letzten Grunde eine Kette von Enttäuschungen und nutzlosem Ringen. Die Entstehung und Entwicklung des ganzen Daseins erscheint ihnen als einziges Anglück, und mit dem Geiste der Verneinung sagen sie:
„Denn alles, was entsteht. Ist wert, daß es zugrunde geht.
Drum besser wärs, datz nichts entstünde."
Das sind die Pessimisten.
Die anderen aber sind die Optimistmr. And weil sie oft verkannt werden und der Optimismus durchaus nicht so klar aus her Hand liegt wie der Pessimismus, müssen wir uns mit timen beschäftigen.
Die Optimisten sind nämlich keineswegs die Menschen, die alles durch die rosige Drille sehen, die Welt herrlich und der, Menschen als das beste aller Wesen erkennen.
Sv blind Und töricht sind sie nicht.
Rein, auch sie vermögen sehr oft nicht den rechten Sinn in das Geschehen und Erleben dieser Welt zu bringen. Auch fte sehen Willkür und Angerechtigkeit ihr Wesen auf der armen Erde treiben, sehen den Guten leiden, den Schlechten triumphieren.
Aber das gerade läßt sie bei dieser Welt der Anerklärlichkeiten nicht stehen bleiben. Ein unbestimmbares, aber sicheres Gefühl sagt ihnen, datz das Sinnlose dieser Erde eine Lösung in einer anderen Welt finden, datz das Bruchstück Gebliebene irgendwie aufgehen und aller Disharmonie eine ausgleichende Harmonie befreiend zugrunde liegen mutz.
Sv sind die Optimisten die Idealisten des Lebens, die religiösen Genrüter. Denn was anderes ist Religion in ihrem letzten Grund als der Optimismus der Weltanschauung? And zwar ein Optimismus, aufgebaut auf dem Pessimismus.
Zu welchem Schluss« kommen wir damit?
Datz Optimismus und Pessimismus keineswegs Gegensätze sind, wie man meistens behauptet, sondern wesensverwandte Ergänzungen.
Es ist doch nicht zu leugnen, datz die meisten Religionen, am offenbarsten der Buddhismus, aber auch das Ehristentum, auf dem Grunde einer pessimistischen Weltanschauung aufgebaut sind.
Die ganze christliche Lehre von der Verderbtheit des Menschen. insbesondere die düstere, aber nur zu wahre von der Erbsünde, ist so ausgesprochen pessimistischer Aatur, dah die Geburt der Religion aus dem Pessimismus genau wie aus dem Optimismus auf der Hand liegt.
And welches ist der Weg, den die Religion zu gehen hat?
Die Aeberwindung des Pessimismus der Weltanschauung durch den Optimismus der Gotteserkenntnis und der grotzen Gvttesliebe.
Holländischer Winter.
Bon Franz Friedrich Oberhäuser.
Ein Winterbild von Dreugh.-ll
Eisflächen, schimmernde Kanäle, schwärzliches Baumgeflecht, dralle Mädchen und stämmige Jungen. Schlitten, Tanz, Ziehharmonika. Wintermelvdie, Lust und Wonne, Frohsinn blinkt im Saale heiteren Lebens. Kleine, rotgegiebelte Dächer säumen Kanäle, die Schiffe schlafen in den Winterhäfen, die Sirenen rasten. Der Wind kommt von der See herüber, über den stürmisch bewegten Waalhafen, dort, wo der Baier Rhein, der Atem Europas, am stärksten ist: in Rotterdam. Er jagt durch die engen Gäßchen, springt den Fußgeher an, fährt launisch in die Glockenspiele der alten Rathäuser. Matrosm sitzen an den Meilensteinen, die kurze Stummelpfeife zwischen den Zähnen, die Hände in den abgrundtiefen Hofensäcken vergraben. In glücklichen Augenblicken spucken die behäbigen Faulenzer kunstvoll an der Pfeife entlang; in den Schenken gießen sie den scharfen Oude Hols, den Genever achter die Binde. Sie nennen es hier: „Een schvran jejimpi achter de kiezen slaan . .
Indessen treibt sich die Jugend und das Alter auf der» Eise umher. Derschiedcnartig sind die Winterbilder: Holländisch. Drabantniederländisch. Die Mädchen mit den weißen Flügelhauben findet man ganz oben, im nördlichsten Teile Hollands, hinter dem Zuidersee, an den Küsten, Monikendam, Dolendam und Edam, dem Museum der holländischen Volkstrachten. Aber nicht von friesländischen Häuserinterieurs, Bolendamer Dörfern unter dem Spiegel der See, nicht von Scheveninger Fischermädchen und Middenburger Jungfrauen, deren große golden« Haarnadeln die weihe Haube halten, soll hier erzählt werden: aber von einer Reise auf Schlittschuhen, endlos durch die Kanäle, vorbei an winterlichen Dörfern.
Wenn es keine Kälte gibt, bann strömen die Wasser über die Dämme, wachsen die Kanäle gefahrdrohend, reißen Dreschen und lockern die hohen Stiitzwälle. Sturmdurchorgelte Rächte gibt es; Rächte ohne Rast und Ruhe, Wasserlärm, dumpf grollend; Straßen, Felber, Dörfer stehen unter den Fluten. Das ist das „Wintermeer", wie es der Brabanter zu nennen pflegt. Einige Stunden Bin ich einmal in einem vom Wasser bedrohten Bauernhause gesessen, während jenseits der hohen Straße das Wasser von Minute zu Minute stieg; die Männer besserten die Straßen aus, bauten neue Dämme, hielten Wache. Jeder Augenblick konnte den Wassern Macht geben . . . And die Mutter saß bei ihren Kinder» wnb half bei dm SHulaufgabm und la- ans bec Bibel vor . , .


