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»Patz auf, ich schleudere!"
Wir horchen beide---Kein Saut!
„Haft du nichts gehört?" r
„Nein!"
„Wir sind schön hineingeraten !Gs mutz an hundert Klafter sein."
„Wirf noch einmal."
Swiatecki findet einen größeren Stein und läßt ihn fallen. Kein Widerhall.
„Ist denn da unten kein Grund, zum Kuckuck?" ruft Swiatecki.
„Es hilft nichts, wir müssen bis morgen früh hier sitzen bleiben."
Wir bleiben. Swiatecki wirft noch einige Steine. Alles vergebens. Es verrinnt eine Stunde, und noch eine; da höre ich Swiateckis Stimme:
„Wladek! daß du mir nicht einschlummerst!... Hast du keine Zigarette?"
Es stellt sich heraus, daß ich wohl Zigaretten besitze, daß wir aber keine Streichhölzer bei uns haben. Verzweiflung.
Es mag wohl kaum ein Ahr nach Mitternacht sein.
Ein feiner Regen beginnt zu fallen. Ringsherum undurchdringliche Finsternis. Es wird mir klar, daß wir, die wir immer unter Menschen leben, gleichviel ob in der Stadt oder auf dem Lvnde. gar keinen Begriff haben von dem, was Stille ist. Denn die Stille, welche uns jetzt umgibt, dröhnt geradezu in unseren Ohren.
Ich höre fast, wie mir das Blut in den Adern kreist, und das Pochen meines Herzens vernehme ich ganz deutlich.
Zu Anfang interessiert mich die ganze Situation. 3n stockfinsterer Nacht, dicht an einem tiefen Abgrund auf einem Fels- rücken wie zu Pferde sitzen, das könnte nicht einmal einem Pechvogel aus Krähwinkel passieren.
Aber bald wird es kalt, und noch dazu fängt Swiatecki an zu philosophieren:
„Was ist das Leben? Das Leben ist einfach eine Schweinerei. Man sagt: die Kunst! — Die Kunst! Daß mich samt der Kunst... Eine reine Nachäffung der Natur und überdies eine Niederträchtigkeit ... Ich habe doch zweimal den „Salon" gesehen. Da haben sie so viele Bilder eingeschickt, daß man aus all dieser! Leinewand Strohsäcke für die Sudenschaft der ganzen Welt verfertigen könnte. And was war das alles? Ein Fressen nach dem Geschmack der Krämer! Eine Spekulation zum Anfüllen der Tasche und des Magens! Eine Anarchie der Kunst! Nichts weiter! Wäre die Kunst, die echte Kunst dabei gewesen, es hätte sie der Schlag gerührt! Aber zum Glück ist die echte Kunst auf der Welt gar nicht vorhanden... es gibt bloß Natur. Möglich, daß Natur auch nur Schweinerei ist... Am besten wäre es schon — hinunter- springen und basta. Ich täte es schon, wenn ich Schnaps hätte. Da ich aber keinen habe, so unterlasse ich es; denn ich habe geschworen, daß ich nicht nüchtern enden werde."
Ich war immer an das Geschwätz Swiateckis gewöhnt, jedoch hier inmitten der Stille, in der Verlassenheit, Kälte, Dunkelheit, und am Rande des Abgrundes, stimmten auch mich feine Worte duster. Zum Glück hatte er sich ausgetobt und wurde still. Er warf noch ein paar Steine, wiederholte noch, einigemal: „kein Ton" und von da ab schwiegen wir stundenlang.
Da schien es mir, daß es bald dämmern müsse; wir hörten plötzlich über unseren Köpfen ein Krächzen und ein Rauschen von Flügeln.
war immer noch dunkel und ich konnte nichts erspähen. Ader ich war überzeugt, daß es Adler seien, welche über dem Abgrund kreisten; das Krächzen verstärkte sich immer mehr in der Finsternis. Es wunderte mich, daß so viele Stimmen verwehm- bar waren, als wären da Legionen von Adlern. Jedenfalls be- bedeutete es das Herannahen des Morgens.
So konnte ich bald meine Hände sehen, die sich auf dem Felsrund stützten, dann zeichneten sich vor mir die Schultern Swiateckis ab, ganz wie eine schwarze Silhouette auf einem weniger schwarzen Hintergründe. Dieser Hintergrund verblaßte zusehends. Es begann ein herrlicher blaßgrauer Ton durch die Felsen zu schimmern, welcher sodann auf die Schultern Spiateckis überging, und die Finsternis immer mehr durchdrang, gleichsam als wäre über dieselbe eine silberne Mifsigkeit ausgegossen, welche sie durchtränkte, sich mit ihr vermischte, sie von Schwarz in Grau und von Grau ins Perlfarbene überführte. Zugleich herrschte über dem Ganzen eine feuchte Herbheit; nicht bloß der Felsen, auch die Luft war nah.
Es ward immer heller und heller.
Ich schaue und bemühe mich, die Veränderungen in den Farbentonen festzuhalten, und sie im Geiste nachzumalen. Da unterbricht mich ein Ausruf von Swiatecki:
„Pfui, wir Esel!"
Sein Rücken entschwindet meinen Augen.
„Swiatecki," rufe ich, „was tust du?"
„Schreie nicht, sieh her!"
Ich beuge mich vor, und was erblicke ich? Da sitze ich auf einer Felskante, welche an eine fast um einen Meter tiefer liegende Wiese angrenzt.
Dichtes Moos hatte den Widerhall der Steine gedämpft, die Wiese ist glatt wie ein Teppich; in der Ferne auf einem Wege ist ein Schwarm von Krähen, die itf> für Adler gehalten hatte. Wir hatten bloß die Deine von der Felskante hinabgleiten zu
Mfen, um auf die einfachste Weife «ach Haufe gu gdanaat And wir hatten die liebe lange Nächt zähneklappernd auf dem Steine zugebracht I
Sch weiß nicht, warum mir gerade jetzt nach anderthalb Sahren jener Vorfall so Kar und deutlich vor Augen stand, während ich mit Swiatecki im Atelier die Ankunft des Hauswirts erwartete.
Diese Erinnerung gab mir besonders frischen Mut und fo sagte ich beherzt zu Swiatecki:
„Weiht du noch Antek, wie mir damals glaubten am Rande eines Abgrundes zu sitzen und es sich herausstellte. daß vor uns der ebene Weg lag? So kann es auch jetzt kommen. Setzt sind wir arm wie die Kirchenmäuse, der Wirt will unS aus dem Atelier hinausfegen, und doch kann noch alles andevS werden. Kann sich uns nicht eine Schleuse mit Ruhm und Gold öffnen?"...
Swiatecki saß gerade auf dem Strohsack und zog den einen Stiefel an, wobei er vor sich hinbrummte, daß das Leben aus dem Anziehen der Stiefel am Morgen und dem Ausziehen derselben am Abend bestehe, daß nur derjenige vernünftig sei, der den Mut hat, sich aufzuhängen, und daß, wenn er selbst dies noch nicht getan habe, so käme es bloß davon, daß er nicht nur der allergrößte Dumpfkopf, sondern auch eine feige Memme fei.
Meine optimistische Äeußerung unterbrach seine Betrachtungen, er blickte mich mit seinen Karpfenaugen an:
»Du hast ja auch guten Grund, dich zu freuen; vorgestern hat dich Suslowski aus seinem Hause und dem Herzen feiner Tochter gewiesen, und heute wird dich der Wirt aus dem Atelier hinausschmeitzen."
Swiatecki hatte — Gott sei's geklagt — nur zu recht.
Vor drei Tagen noch war ich der Verlobte von Kazia Suslowski, und am Dienstag früh... richtig! am Dienstag erhielt ich folgenden Brief von ihrem Vater:
„Werter Herr!
Den elterlichen Vorstellungen Rechnung tragend, willigt unsere Tochter in die Lösung eines Verhältnisses ein, welches ihr Anglücr herbeigeführt hätte. Wohl würde sie immer am Dusen der Mutter und unter dem Dache des Vaters eine Zufluchtsstätte finden, doch liegt es gerade uns Eltern ob, einem ‘ solchen äußersten Falle vvrzubeugen. Nicht bloß Ihre materielle Lage, sondern auch Shr leichffinniger Charakter, den Sie trotz aller Ihrer Bemühungen nicht verbergen konnten, bewegen uns und unsere Tochter, Ihnen Shr Wort zurückzugeben und alle toeiteren Beziehungen mit Sh neu abzubrechen, was übrigens unsere Wohlgeneigtheit für Sie keineswegs vermindert.
Hochachtungsvoll
Vorsteher a. D. der einstigen Schatzamtskommission das K. P."
Heliodor Suslowsfi,
Dies der Brief...
Daß man mit meinen Finanzen keinen Hund vor den Ofen locken könnte, mutz ich allerdings halb und halb zugeben. Was aber dieser pathetische Affe von meinem Charakter wollte, begreife ich wirklich nicht.
Kazias Köpfchen erinnert an den Typus der Direktoirezeit, und es würde ihr ganz wunderbar gut stehen, wenn sie sich nach der damaligen statt nach! der jetzigen Mode frisieren würde. Sch hatte sogar versucht, sie darum zu bitten, jedoch vergebens, denn fie versteht so was nicht. Hingegen ist ihre Gesichtsfarbe von einem so warmen Ton, als wäre sie von Fortuni gemalt.
(Fortsetzung folgt.)
Der Stichling kommt zum Neft.
VonHans Friedrich Blunck-Oldemaren.
Das wißt ihr wohl alte, daß der Kuckuck seine Eier in fremde Nester legt. Die einen sagen, es kommt davon, d et einmal eine Weile lang die rosenrote Brille trug. Andere agen für gewiß, daß er fein Nest dem Stichling verkauft hat und das ist so gekommen:
Einmal ist mit dem Sommer wieder der gute Fro in unferm Land gewesen. Die Bäume und Blumen und Felder haben ihn zu Gast gebeten und überall umhergeleitet und ihm ihre Frucht- barkeit gewiesen und sich segnen lassen. Danach haben ihm dis Tiere ihre schönsten Kinder gewiesen, alle Vögel haben den großen Sommerlichen zu ihren Nestern gerufen. Selbst der Kuckuck, dessen Brut gerade flügge war, hat diesmal ein Lob bekommen, obschon er eigentlich ein leichtsinniger Tunichtgut ist.
A-eber diese Belobigung ist der Kuckuck nun so eingebildet geworden, daß er gespreizt im Gefolge des gütigen Fro- geblieben ist, als habe er jetzt mitzusagen. Er hat jedermann gute Ratschläge gegeben und wenn einem die Küchlein erfroren waren oder wenn sonst jemand mit seinen Kindern vom Anglück verfolgt gewesen ist, hat er zu allem andern auch noch! ein paar mahnende Worte des Grauens zu hören bekommen.
Bon den Vögeln ist Herr Fro dann zu den Eidechsen gegangen und die haben ihm ihre kleinen erdfarbenen Sungen wiesen. Die Kammolche und Krähen sind aus den Erdspalten mit ihren Kindern gekommen und dann haben sich die Fische weisen wollen. Mit dem Stichling fing es an, aber er, der sonst einer der tüchtigsten Kerle im Drakwaffer ist, hatte Anglück, all feine Brut war ihm gerade vorher in das weite Wasser


