Eichener Zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (925 Samstag, den (2. September Nummer 75

Regentted.

Bon Klaus Groth.

Walle, Regen, walle nieder, wecke mir die Träume wieder, die Ich in der Kindheit träumte, wenn das Raß im Sande schäumte!

Wenn die matte Sommerschwül« lässig stritt mit frischer Kühle, und die blanken Blätter tauten, und die Saaten dunkler blauten.

Welche Wonne, in dem Fliehen dann zu stehn mit nackten Füßen! an dem Grase hinzustreifen und den Schaum mit Händen greifen.

Oder mit den heißen Wangen kglte Tropfen aufzufangen, und den neuerwachten Düften seine Kinderbrust zu lüsten!

Wie die Kelche, die da troffen, stand die Seele atmend offen, wie die Blumen, düftetrunken in den Himmelstau versunken.

Schauernd kühlte jeder Tropfen tief bis an des Herzens Klopfen, und der Schöpfung heilig Weben drang bis ins verborgene Leben. Walle, Regen, wall« nieder, wecke meine asten Lieder, die wir in der Türe sangen, wenn die Tropfen draußen klangen.

Möchte ihnen wieder lauschen, ihrem süßen feuchten Rauschen, meine Seele sanft betauen mit dem frommen Kindergrguen.

Die Dritte.

Eine heitere Erzählung aus dem Künstlerleben.

Von Heinrich Sienkiewicz.

1.

Das Atelier, in welchem ich gemeinschaftlich mit Swiatecki wohnte und malte, war nicht bezahlt, weil wir beide zusammen im ganzen etwa fünf Rubel besahen, und zweitens, weil wir gegen das Bezahlen von Miete einen aufrichtigen Widerwillen

1, Maler nennt man sonst Verschwender, und doch ziehe ich «s vor, )eld zu vertrinken, als es an den Wirt für Miete zu txetßcuben.

Was unseren Wirt betrifft, so war er kein böser Mensch: und überdies wußten wir uns ihm gegenüber Rat zu verschaffen.

So oft er nämlich zu uns heraufkam, um zu mahnen, was meistens am frühen Morgen geschah, richtete sich Swiatecki halb empor von seinem Lager, einem auf der Diele liegenden Strohsack, -em als Decke ein türkischer Vorhang diente, welcher bei uns sonst als Hintergrund fiir Porträts fungierte und sprach im Grabestone:Gut, daß ich Sie sehe, denn ich träumte, Sie wären gestorben." Der Wirt, welcher abergläubisch war, und augen­scheinlich den Tod fürchtete, wurde sehr verwirrt,' Spiatecki aber warf sich rücklings auf den Strohsack, streckte die Deine aus, kreuzte die Hände auf der Brust und sprach weiter:So sah ich- Sie, wie jetzt, Sie hatten weihe Handschuhe an mit sehr langen Ungern und Lackstiefel, im übrigen waren Sie nicht sehr ver­ändert."

Dann pflegte ich hinzuzufügen:Bisweilen gehen solche Träume nicht in Erfüllung." , ,

Diesesbisweilen" brachte augenscheinlich den Wirt tu Ver­zweiflung. Die Sache endete damit, daß er zornig wurde, die Sitten geräuschvoll zuwarf; und fluchtend di« Treppe hinunter- tolterte. .

Die gute Seele konnte sich doch nie dazu entschließen, uns Ven Gerichtsvollzieher auf den Hals zu schicken.

Allerdings war zum Wegnehmen nicht viel vorhanden, und Lirrfte unser Wirt berechnet hohen, daß, wenn er das Atelier

nebst dem anliegenden Küchenraum an andere Maler vermieten würde, er dabei ebenso schlecht, wenn nicht noch schlimmer fahren würde.

werde ich

Swiatecki sachte den

sagt Swiatecki.

Anders war es auch nicht

Jedoch verlor das Mittel mit der Zeit seine Kraft. Der Wirt machte sich mit dem Gedanken an den Tod vertraut. Swiatecki beabsichtigte gerade, drei Gemälde im Genre Würtz auszuführen, benannt:Der Tod".Die Bestattung" und dasErwachen aus der Lethargie". Natürlich sostte der Herr Hausbesitzer in allen dreien figurieren.

Derartige Leichengeschichten waren die Spezialität Swiateckis, welcher, nach seinem eigenen AusspruchGroßkadaver, Klein­kadaver und Mittelkadaver" malte. Wohl deshalb will niemand feine Bilder kaufen, denn er hat sonst Talent. Jetzt hat er gerade zum PariserSalon" zweiGroßkadaver" abgesandt, und auch ich schickte dahin meineJuden an der Weichsel, die der Katalog desSalon" in dieJuden an den Flüssen von Babylon" um­getauft hat. .Und so erwarteten wir mit Ungeduld das Urteil der Jury.

Aatürlich wußte Swiatecki im voraus, daß alles aufs schlimmste enden würde: die Jury bestehe aus den vollendetsten Idioten, und wenn dies nicht der Fall ist, dann fei ich ein Idiot, oder er ein solcher, unsere Bilder seien idiotenmäßig und deren Prämiierung würde der Gipfel des Idiotismus fein!

Wie sehr dieser Kerl mit mein Leben während unseres zwei­jährigen Zusammenwohnens vergällt hat, entzieht sich jeder Be­schreibung. Sein höchster Ehrgeiz besteht darin, für einen mora­lischen Großkadaver zu gelten. So spielt er sich z. B. auf den Trunkenbold heraus, was er übrigens keineswegs ist. Er stürzt zwei oder drei Schnäpse herunter und blickt empor, ob wir es merken, und ist er dessen nicht gewiß, so stößt er den andern mit dem Ellbogen an, und uns mit einem tiefen Blick ansehend, fragt er mit Grabesstimme:

Din schon tief gesunken, was?"

Es wird ihm darauf geantwortet, er fei närrisch

Nun wird er erst wütend: denn nichts kann ihn mehr ärgern, als ein Bezweifeln feines moralischen Niederganges.

Dabei ist er eine grundbrave Haut.

Einmal hatten wir uns in den Bergen des Salzkammer­guts bei Zell am See verirrt.

Da die Nacht herannahte und man sich leicht den Hals brechen konnte, so sagte Swiatecki:

Höre Wladek, du hast das größere Talent, es wäre also um dich mehr schade. Ich gehe voraus... Flieg« ich hinunter, so bleibst du unbeweglich hier bis zu morgen, und dann wirst du dir schon weiter zu helfen wissen."

Nicht i&u wirst vorausgehen, sondern ich werde es tun/ antwortete ich,denn ich habe bessere Augen."

Darauf Swiatecki:

Wenn ich mir heute nicht den Hals breche, so auch so im Graben enden: mir ist alles Wurst." Wir fangen an zu streiten.

Unterdessen wird es stockfinster.

Endlich beschließen wir zu losen. Es geschieht, zieht den Knoten und geht voran. Wir bewegen uns Dergsattel entlang. Anfangs ist der Weg ziemlich breit, wird aber allmählich enger. Soviel wir merken können, liegen rechts und links Abgründe, die wohl sehr tief sind.

Der Bergrücken wird noch enger und, was noch schlimmer ist, es bröckeln unter unseren Füßen Stücke des verwitterten

, , möglich: wir setzen uns auf all«

Viere und wandern fürbaß wie zwei Schimpansen.

Bald merken wir aber, daß auch das nichts nützt. Der Fels­rücken ist jetzt kaum so breit wie ein Pferdesattel. Swiatecki setzt sich rittlings, ich hinter ihm, und indem wir uns vorne mit den Händen ausstützen, schieben wir uns vorwärts, zum großen Schaden unserer Gewänder.

Nach kurzer Zeit häre ich Swiateckis Stimme:

Wladek?"

Felsens ab...

Ich krieche nun auf allen Vieren: es geht nicht anders!

Was denn?"

Der Rücken geht zu Ende.

And was nun?

Wie es scheint, kommt ein Abgrund.

Nimm einen Stein und wirf ihn hinab... Wir wollen hören, wie weit er fliegt. .

Ich höre Swiatecki im Finstern nach einem losen Felsstuck tasten. Nun sagt er: , >