Gietzener jamittenblätter
__Mterhaltmgrbeilage zum Gietzener Anzeiger
Jahrgang Samstag, -en 26. April ~™~ Nummer W
Die Bedeutung Kants für die Entwicklung der Philosophie.
Don Dr. August Messer,
o. Professor der Philosophie an der Universität Dietzen.
Seit dem Altertum tritt uns in der abendländischen Philosophie der Gegensatz der naturalistischen und der idealistischen Welt- und Lebensanschauung entgegen.
Aach dem AaturalismuS ist alle Wirklichkeit .Natur", d. b. ein zwar riesenhaftes, aber in seinem Grundbestand fertiges und von uns völlig erkennbares Ganzes von Massen und Energien. Alles Geschehen darin ist alS ein streng notwendiges zu fassen, Freiheit im eigentlichen Sinne gibt es nicht, ebensowenig wirkliche Aeuschöpfung; alles scheinbar Aeue geht nur aus Amgruppierunng schon existierender oder Entfaltung wenigstens keimhaft vorhandener Wirklichkeitsbestandteile hervor. Die Frage: Welchen Sinn hat denn das gigantische Aaturgeschehen, der Amlaiif dieser gewaltigen Weltmaschine? — wird als eine mit Anrecht gestellte abgewiesen. Der Mensch zwar könne seinem Tun „Sinn" verleihen, sofern er wertvolle Zwecke sich fetze und zu erreichen suche. Aber den Begriff „Zweck" und „Sinn" dürfe er nicht in das Weltganze und in sein nach Kausalgesetzen notwendig abrollendes Geschehen hineintragen, das fei eine vermenschlichende und damit verkleinernde Auffassung. Aeberhaupt müsse der Mensch auf seinen naiv-anmaßlichen Anspruch, über der Aatur oder gar int Mittelpunkt des Weltgeschehens zu stehen, verzichten. Dieses spiele sich vielmehr unbekümmert um ihr ab. Er sei weiter nichts als ein Stückchen Aatur, ein winziges Teilchen im Aniversum. Ja, die ganze Menschen- geschichte mit der gesamten Kulturentwicklung sei nur eine relativ rasch und spurlos vorübergehende Oberflächen-Erschsinung aus einem der kleinsten und unbedeutendsten Himmelskörper.
Demgegenüber hält der Idealismus an der Aeberzeugung fest: das, was wir als „Aatur" sinnlich wahrnehmen und denkend erfassen, ist nicht die g a n z e Wirklichkeit, nicht die „wahre Welt", sondern gleichsam mir eine Vordergrunds-Ansicht. „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis." Daß der Mensch für eine höhere Wirklichkeit bestimmt sei, das sagt ihm die tiefe Sehnsucht seines Herzens nach dem Vollkommenen, dem Idealen. Gewiß ist er a u ch Aaturwesen und er kann sich ganz naturhaften Strebungen überlassen, die ihn festhalten in der Region des Tierischen oder ihn wenigstens dauernd fesseln an materielle und vergängliche Güter. Aber vermöge seiner Freiheit und des Bewuhtseins sittlicher Verantwortlichkeit vermag er auch dem inneren Zuge nach einer höheren Welt zu folgen. And wenngleich auch er sich in Demut seiner Anvollkommenhstt und seines Abstandes vom Ideal bewußt bleiben wird, so darf er doch hoffen, wenn er „immer strebend sich bemüht", Erlösung zu finden von drnr bloß Aaturhaften, Irdischen und Vergänglichen, und feine „ewige Bestimmung", sein „wahres Heil" zu erreichen.
Schon im Al'ertum tritt uns die naturalistische Weltanschauung in Demokrit und den Epikureern, die idealistische in Plato, Aristoteles, den Stoi'ern, dem Aeuplatonismus entgegen. Unterstützt und geläutert durch das ihm wesensverwandte Christentum, hat der Idealismus im Mi tel ilter und weit darüber hinaus — wenigstens äußerlich und „offiziell" — die Oberhand behalten. Aber seit der Renaissance des 15. und 16. Jahrhunderts erstarkt im Zusammenhang mit der rasch sich entwickelnden modernen Naturwissenschaft (eines Galilei. Kepler, Aewion) wieder der Aaturalismus, und er tritt im 18. Jahrhundert in seiner radikalsten Form als Materialismus (vor allen: in der französischen Philosophie) uns entgegen. Jedoch hatte auch der Idealismus bei uns in Deutschland noch zu Anfang des 18. Jahrhunderts an Leibniz einen genialen Vertreter gesunden.
Mit dem Gegensatz von Aaturalismus und Idealismus berührt sich vielfach drr von Empirismus und Rationalismus. Freilich deckt er sich nicht mit ihm. Dort handelt es sich um letzte Aebev- zeugungen von der Wirklichkeit und ihrem Wert, hier um Ansichten über das Organ und die Tragweite unseres Erkennens. Der Empirismus sieht in der Erfahrung (Empeiria) die Quelle der Erkenntnis und er ist geneigt, anzunehmen, daß auch unser Erkennen nicht weiter reicht als unser Erfahren. .Run wird man aber leicht die unserer Erfahrung zugängliche Wirklichkeit mit der „Aatur" gleichsehen. So erklärt es sich, daß meist Empirismus und Aaturalismus Hand in Hand gehen. Dagegen erblickt der Rationalismus in der Erkenntnis in erster Linie eine Leistung des Denkens der Vernunft (Ration). Er ist aber überzeugt, daß
As Denken nicht gebunden sei an die Grenzen des unmittelbar Erfahrbaren, d. h. sinnlich Wahrnehmbaren, sondern daß es dies» Grenzen überschreite, und gleichsam in die Hintergründe der Wirklichkeit eindringen könne, daß das Denken jedenfalls in der Lag« sei, uns Gewißheit von jener „wahren Welt" zu erbringen, in der die idealistische Wirklichkeitsdeutung unsere echte Heimat und zugleich auch die Stätte unseres künftigen vollkommeneren Dasein» erblickt.
Wenn der Empirismus den Begriff der Erfahrung näher bestimmte zu dem der Wahrnehmung der Sinne (Sensus) so verengte er sich zum Sensualismus, wozu wir die Tendenz bet bem englischen Philosophen Hume bemerken. Andererseits konnte die einseitige Berücksichtigung der Vernunft, oder — was vielfach dasselbe bedeutet — des Verstandes soweit gehen, daß man auch m den sinnlichen Wahrnehmungen und ihren Elementen, den Empfindungen, nur eine unentwickelte Verstandesleistung, ein verworrenes Denken erblickte, wie wir das bei Leibniz finden.
Kants einzigartige Bedeutung in der Entwicklung unseres philosophischen Denkens besteht nun darin, daß er es unternahm, die alten Gegensätze: Aaturalismus und Idealismus. Empirismus und Rationalismus in einer groß und weit gedachten Synthese zu versöhnen. Fern von jeder Einseitigkeit und Voreingenommenheit lädt er die streitenden Parteien gleichsam vor den Richterstuhl seiner „kritischen" Philosophie, er prüft unparteiisch Recht und An- recht ihrer Ansprüche und kommt zu dem Ergebnis, daß Berechtigtes aus beiden Seiten vorhanden ist, dah aber dieses Berechtigte nicht in unausgleichbarem Gegensatz steht, sondern dah es in einer höheren Einheit ausgenommen und vereinigt werden kann.
Diese Synthese von weltgeschichtlicher Bedeutung gelingt ihm durch eine „Revolution des Denkens", die er selbst mit der Tat des Kopernikus verglichen hat. Dieser rückt die Sonne in den Mittelpunkt und läßt die Erde mit den anderen Planeten sich um die Sonne drehen. Kant rückt den Menschengeist in den Mittelpunkt und läßt das Gegenständliche und damit die ganze Natur sich gleichsam um den (Seift drehen. Anders aus gedrückt: während man bisher unter dem Einfluß des Sinneseindrucks und des Aa- tuvalismus fast allgemein angenommen hatte, daß die Aatur in der Gestalt, wie wir um sie wissen, — „an sich", ganz unabhängig vom erkennenden Geiste, fertig bestehe: entdeckt Kant, daß di« Aatur nicht in diesem Sinne „Ding an sich" ist, sondern daß die Art, wie sie sich uns darstellt, bedingt ist durch die Gesetzmäßigkeit des Erkennens. Das uns unmittelbar in der Wahrnehmung Gegebene, womit unsere Erkenntnis anhebt, nämlich die Sinnesein- drücke, die „Empfindungen", sie sind ja, für sich betrachtet, noch nicht die „Aatur", sie toerben erst für uns zur „Aatur", wenn wir sie als System von gesetzmäßig geordneten Erscheinungen auffasfen, wenn wir sie also gleichsam mit naturwissenschaftlichem, d. h. mit naturschafsendem Blick betrachten.
Der Gedanke des „Gesetzes", des „Systems" stammt aus dem Geiste, er ist nicht etwas, das uns durch Sinneseindrücke einfach gegeben sein könnte. Erst dadurch, dah mit solchen schöpferisch erzeugten Gedanken die Empfindungen geordnet und gedeutet werden. ersteht für unfer Bewußtsein eine Aatur und wird erst wissenschaftliche Erfahrung von ihr möglich. So erklärt sich der paradox« Grundgedanke Kants, daß nicht unser Vorstellen sich nach den Gegenständen, sondern die Gegenstättde sich nach unserem Vorst eilen richten. So erkennt man auch, wie er einem berechtigten Kern sowohl des Empirismus wie des Rationalimus in seiner Erkenntnistheorie eine Stelle anweisen konnte. — Der Empirismus ist int Recht, wenn er immer die Anentbehrlichkeit der anschaulichen Sinneseindiücke, der Empfindungen, für die Erfassung der Wirklichkeit betonte; der Rationalismus, sofern er die Notwendigkeit Denkender, d. h. begrifflicher Deutung des anschaulich Gegebenen einschärfte. Begriffe ohne Anschauungen find leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.
Man versteht nunmehr auch Kants Schiedsspruch zwischen dem Naturalismus und dem Idealismus. Auf naturalistischer Seite ist berechtigt: die Hvchschätzung naturwissenschaftlicher Betrachtungsweise und der durch sie geforderten Forschungsmethoden. Darum soll auch alles in der E^ahrung Gegebene, auch das menschlich« Seelenleben, nach naturwissenschaftlicher Art untersucht werden. Hiermit gewinnen wir wirkliche „Erkenntnis", nämlich Einsicht in Gesetzmäßigkeiten, die uns auch befähigt, Künftiges vorauszusehen. Aber naturwissenschaftliches Denken überschreitet seine Grenze uni wird damit zum „Naturalismus", wenn es meint, die von ihm untersuchte „Natur" sei „Ding an sich", sei die absolute Wirklichkeit in all ihrer Tiefe, und der Mensch sei darum nicht» wette«


