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Noch Offen fiel das Sand gleich von feiner Weide weg hinab, und dicht an seiner Grenze wuchs ein kleines Wäldchen auf, in dem ein Elsternparar hauste. Das schrackelte öfters auf; der Laut siel hart auf Hans Paulsens Trommelfell. • Er hörte es gern, freute sich und segelte mit der Karre auf dem Laufbrett nach der Gun! donnernd hinab.
Nachbar Thießen wohnte ettvas weiter nach Norden hin und war kein so ganz kleiner Bauer, .hielt aber doch an der 'alten Mode fest, wollte keine Maschine und drosch mit der Hand. Die ganzen Tage, wo Hans gekarrt hatte, war er nicht mehr aus der Melodie der Dreschflegel herausgekommen. Vormittags hieben bei Thießens drei ein, das gibt immer was Gehacktes; nachmittags tat die Tochter Grete mit, das gab die rechte Melodie. Hnb das Geklapper hörend, schaufelte und schaufelte Hans Paulsen die Karre voll und schob und schob.
„Vadder, dat 's Merra!" hatte Anna gerufen.
„Dat 's good, ik kam."
Es gab Erbsensuppe. Hans Paulsen ah wie ein gesunder Arbeiter, der den ganzen Vormittag mit Gottes Erdboden geschoben hat, ißt. Und nachmittags ging er wieder in die Karre.
Am folgenden Tag fünf Minuten vor halb zwölf lief Anna wieder über die Hof stelle, diesmal war keine Henne da; die schwarze Hauskatze ging wie eine feine Dame mit feinen Pfötchen über den Hof nach dem Backhaus zu.
„Vadder, dat 's Merra!"
„Good, Kind."
Es gab Mehlbeutel und Speck und Nauchfleisch und braune Tunke und Pflaumen darin.
„Nun," fragte Trien, „hilft's bald mit dem Berg?"
„Ja, wenn das Wetter so bleibt und ich mich dranhalte, kann es diesen Herbst glücken. Aber ich weiß nicht, vielleicht muß ich mal abbrechen."
„Nu?"
„Ja, Stiem, ich glaub, ich muß nach Hohenwichel."
Trien legte den Löffel weg und sah ihren Mann verwundert an. „Nach Hohenwichel, Hans, zu Klaus?" *
„So dacht ich." ,
„Hans, was hat das zu bedeuten? Vergessen kannst du 's doch nicht haben! Klaus hat gesagt, du solltest ihm nicht wieder ,übern Drüssel' (= Türschwelle) kommen."
„Das stimmt, Trien. Aber übermorgen sind's zehn Jahr, wo Mutter starb, lind wenn ich auch nicht hineinkomme, daß ich mal vorbeigehe, kann Klaus mir nicht wehren."
Trien schwieg.
„Lind wer weiß . . . Wer weiß, wozu es gut ist."
„Du mußt wissen," erwiderte feine Frau. Sie fing an ab- zuräumen.
„Sieh, Trien! Wenn ich auf dem Berg stehe und mein Tragseil um den Nacken lege und die Karre hebe und dann in den Nebel hineinsehe, dann ist mir immer, als sähe ich Hohenwichel und sähe zwei Männer, die Arm in Arm auf das Haus zugehen. Und ich will mir immer einreden: es sind Klaus und ich."
Hohenwichel, in andrer Landschaft gelegen (man ging ein paar Stunden dahin), hieß die Landstelle, auf der Hans groß geworden war. Der Vater war früh verschieden, die Mutter hatte die Wirtschaft fortgesetzt: ein Krieg hatte sein struppiges Haupt erhoben, die Verhältnisse hatten sich verschlechtert. Die Mutter starb zu einer Zeit, als Hans und Trien die Kate auf Jmmenheiderfeld bereits mit dem Geld, das sie sich bei Bauern verdient, zu eigen) erworben hatten. Die Mutter hinterlieh ein verschuldetes Erbe, und es war fraglich, was mit Hohenwichel werden solle. Da verheiratete sich der einige Bruder von Hans, Klaus, so günstig, daß er die Stelle mit .Schuld und Unschuld' übernehmen konnte.
Hans war damit einverstanden; er bat sich nur die Truhe, die immer in der Hörn (--Wvhnecke) an der Kellerwand gestanden hatte, als Andenken an seine Mutter aus. Die Mutter stammte aus der Buchholzkate (die liegt etwa in Wegesmitte zwischen Jmmenheiderfeld und Hohenwichel, wo jetzt ihr Brudersvhn Mars Schütt wohnt) und hatte die Lade als Aussteuer mitbekommen.
Die Truhe war immer hochgehalten worden, nicht so sehr wegen der trefflichen Schnitzereien, die kannte und wertete man nicht, sondern weil ein Urältervater der Mutter sie selbst gemacht und geschnitzt haben sollte. Uebevall waren Figuren und Blattwerk und Laubwerk. Löwenköpfe und Löwenfüße und Adlerflügel sprangen an den Ecken heraus. Die Vorderseite war in zwei Felder geteilt, und die waren durch Grttppenbilder geziert, die man als Kain und Abel und David und Jonathan erkannte. Und an der unteren Leiste längs war quer über beide Felder weg frei nach Matthäi 5, 23/24 ein Spruch hingeschnitzt: ,Und hat ein Bruder etwas gegen dich, gehe hin, versöhne dich! Und dann zu mir, zu deinem Gott!'
Die Lade bat sich Hans aus. Aber Klaus wollte nicht. Nicht aus Eigennutz, beide Brüder hatten weder von dem materiellen noch von dem Kunstwert des alten Stückes eine Ahnung — nein; aus Ehrfurcht gegen das Andenken der Mutter, die er ebenso tief und verschlossen geliebt hatte wie fein Bruder Hans.
„Laß sie mir, Klaus!" bat Hans. „Mutter hat mir zugesagt, daß ich sie haben solle."
Da war das unselige Wort heraus, das die beiden Männer, die so ehrlich waren und so ehrlich liebten, vor der Welt und auch vor sich selbst zu bitteren Feinden machte. Denn auch Klaus gtaubte von der Mutter die gleiche Zusage erhalten zu haben.
Die Mutter kann nicht falsch gewesen sein. Das war der Vordersatz, von dem beide ausgingen. Daher, folgerten beide Brüder, kamt sie nur einem das Versprechen gegeben haben; einer von uns muß lügen, muh unglaublich gemein und falsch fein. Und da ich die Wahrheit auf meiner Seite weiß, so ist mein Bruder der Lügner und Lump.
Natürlich waltete ein Mißverständnis bei einem von ihnen oder bei beiden vor. Aber wer hätte diesen ehrlichen und heftigen Männern von Mißverständnissen reden wollen?
Wenn sie nur nicht so heftige Leute gewesen wären, wie es die Paulsens von Hohenwichel, die immer wegen ihres gerechten Sinnes in hohem Ansehen gestanden hatten, von jeher gewesen waren . . . Wenn sie nur ein bißchen weniger rechtlich und ehrlich und sittlich hätten denken können . . . etwas geringer geradeaus und folgerecht . . . Wenn nur ein bißchen bei ihnen anders gewesen wäre, als es war . . . dann wären sie vielleicht selbst auf den Gedanken gekommen, daß doch wohl ein Irrtum vorlieg«, oder sie hätten es nicht so hochernst genommen, hätten sich erzürnt und wieder vertragen, oder der eine hätte sich von dem andern auskaufen lassen.
Aber da sie das alles nicht waren und das alles nicht kannten, so war jeder bereit, den lang bewährten rechtlichen Sinn feine» Bruders für nichts zu achten, zu vergefsen, daß er immer ehrlich gewesen fei. Jeder war bereit, das alles lieber für eine Täuschung zu halten als die Falschheit, die er jetzt mit Händen greifen zu können glaubte. Jeder glaubte an eine Charakterverkehrung seine- Bruders und hielt ihn für einen ganz erbärmlichen Menschen. So flammte ihre sittliche Empörung auf.
Hans sagte es zuerst. „Klaus," sagte er, „wat büft du för'nj legen (--schlecht) Kerl!"
Klaus wurde bleich und schwieg eine halbe Minute, dann spie er vor seinem Bruder aus. „Pfui Deibel, dat seggt ml.en Lump! Jä, en Lump. Und dat man mit so'n Lump ünner een Dack flirt mutt!"
Solch harte Worte fielen auf der Diele, wo die alte Truhe stand und an der unteren Leiste der fromme, sanfte Spruch: ,Unb hat ein Bruder etwas gegen dich, geh hin. versöhne dich . . / Die Zornentbrannten sahen ihn nicht, wollten ihn nicht sehen, oder hatten vergessen, was die alte Lade sagte.
„Daß man mit so einem Lump unter einem Dache Hausen muß!" hatte Klaus gerufen.
„Dat schall ni lang duern," entgegnete Hans. „Dat ward jo doch Tiid, na’n Asiaten (— Rechtsanwalt) to gähn." Er nahm Stock und Mütze und ging nach der Tür.
„Dat du mi ni Weller äwer'n Drüssel kommst!" schrie KlauS ihm nach
„Hett niks to feggn!" antwortete Hans, da war er schon draußen.
Das ist das letzte Wort gewesen, das sie zusammen gesprochen haben.
Als Hans toegging, hatte er die Absicht, gleich nach der Stabt zum Advokaten zu gehen. Der Weg nach seinem Heim zweigte ungefähr in der Mitte des Weges ab. Da stand er an der Scheide. Und gerade an dieser Stelle (ein Bach schwatzte still durch ein Buchenwäldchen) tag die Kate, wo die Mutter groß geworden war. Mars Schütts wohnten drin, es waren gute Leute.
Hans ging hinein und sog den Schmerz um feine Mutter und um seinen Bruder noch einmal in allen Winkeln des alten Hause» ein. Er ließ sich den Platz zeigen, wo die alte Lade gestanden hatte. Jetzt war da blankgescheuertes Messinggeschirr auf einer gemauerten Platte, die das alte Stück würdig gehoben und präsentiert hatte . . . ,Und hat ein Bruder etwas gegen dich, geh hin, versöhne dich! Und dann zu mir, zu deinem Gott!'
Hans ging weiter, nach Jmmenheiderfeld zu. Er konnte den Weg zum Advokaten nicht finden; die alte Truhe sollte bleiben, wo sie war, aber feinen Zorn wollte er behalten.
Zehn Jahre waren dahingegangen, und Hans Paulsen hatte von feinem Bruder nichts gesehen und auch nichts gehört. ■ Gr hatte noch immer geglaubt, den alten Groll in seinem Herzen zu tragen; in Wahrheit trug er aber an der Stelle eine Leere und eine nie verstummende Klage um eine verlorene Liebe. Freilich, in der Regel konnte er feinen Schmerz in dem allgemeinen Gleichgültigkeitsmeer ertränken, aber es kamen Stunden, wo es anders war.
Nun hatte er bei feiner Arbeit Hohenwichel im Nebel gesehen, und auch die beiden Männer Arm in Arm . . . Gr brauchte gar nicht hinzusehen; wenn er die Augen schloß, war es beinah m>ch besser und deutlicher. Namentlich auch Hohenwichel. Sieh mal an! Ordentlich das Haus und der Kreuzbau, worin das Metz anfgeftattt wird, daran. Die hohen Linden am Weg und die Goldweiden am Kuhhaus. Goldweiden auf den Knicken. Es war etrt Haus, so recht in Goldweiden eingebettet, hieß darum auch Hohenwichel
(Schluß folgt.)
Schriftleitung: Dr. Friedr, Wilh. Gange. — Druck und Verlag der Vriihl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei. R. Gange, Gießen.


