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auch von Schopenhauer geschrieben, nichts Besseres gelesen habe. Aehnliche Erinnerungen leben in mir. Wenn Hans und mein Bruder Jörn (auch ein Vollbruder von mir) und ich unsere Pfeisen rauchten, dann ging das Philosophieren über Gott und Änsterblichkeit und über den Zweck der Welt los, daß die Fenster klirrten. Ünfer ältester Bruder Johann (aus erster Ehe unseres Vaters, er hatte einen eigenen Hof im Dorf) gab das attische Salz dazu, denn er war ein Kopf von ganz seltener satirisches DeMibung. Traf sichs nun, dah Schneider-Ohm, wenn wir aus den Fenstern sahen, über die Hauskoppel von Dithmarschen her yeranmarschiert kam, dann war ein Kollegium beisammen, das aus Höhenluft herab über die Welt hinwegredete.
Die folgenden Jahrzehnte meines Lebens machen für meine schriftstellerischen Versuche wenig aps.. Ich hatte immer das Gefühl, dah die mütterlichen Ahnen in mir das Wort führten, wenn ich mir einredete, Dichter zu sein, und den Drang spürte, es vor der Welt zu beweisen. Bestritt ich mir dagegen die Dichter- Herrlichkeit, dann hörte ich die Stimme der Kröger-Sievers-Sippe heraus. Merkwürdigerweise befand ich mich Samt am besten im Gleichgewicht, wuhte ich doch, dah die Äatur um keinen der Zwecke betrogen werde, wozu, meine Menschwerdung hatte dienen sollen.
Ich habe die Rechte studiert, weil man mir sagte, dah das seinen Mann ernähre, und weil zur kritischen Zeit die nüchterns Vernunft mein Ohr hatte. Ich glaube zuweilen, es wäre besser gewesen, wenn ich es mit der Theologie versucht hätte. Dazu brachte ich gewisse Fähigkeiten mit, die sich auf der Kanzel nicht schlecht ausgenommen hätten. Ich hatte auch eine religiöse Anlage. Ich wäre vielleicht dazu gekommen, wenn ich nicht jedem positiven Bekenntnis entfremdet gewesen wäre, im wesentlichen verschuldet durch die äleberfütterung mit Religion in der Volksschule. Ich komme auf jährlich etwa 600 bis 800 Stunden religiöser Unterweisung. Es war zur dänischen Zeit ein genauer Stundenplan nicht vorgeschrieben, die Lehrer hatten vielfach freie Hand. Die Qual war groh. Reben Luthers kleinem Katechismus wurde oer grohe LanDeskatechismus des Kieler Professors Cramer (138 Fragen und Antworten mit Sprüchen und Anmerkungen) auswendig gelernt. Ich habe freilich keinsn Menschen kennen ger lernt, der das Kunststück, in Cramer zu genügen, fertig gebracht hätte. Dazu das Leiden der Bibelsprüche, der Religionsstunden, der Dibelflunden, das täglich viermalige Gebet, die frommen Gesänge, auch, viermal am Tag, und die Geographiestünden von Palästina. Und die düstere Prophezeiung, dah man für jeden flräftichen Gedanken ewig in der Hölle braten müsse, es sei denn, man werde der Gnade Gottes teilhaftig. Alles das hat mich viele, viele Jahre ungerecht gegen Religion und Christentum gemacht, und wenn ich mich nicht wieder zurecht und den grohen, von allen trüben Dogmen befreiten Gott wieder gefunden hätte, dann wäre ich als Gottesleugner in die Grube gefahren, und die. Haaler Volksschule hätte einen Teil der Schuld gehabt. . . . Und eher als Jurisprudenz hätte ich, ein Fach der philosophischen Fakultät, vielleicht Kunst- und Literaturgeschichte, wählen sollen. Ich habe aber alle Irrtümer meines Lebens selbst auskosten müssen. Es fehlten mir Gönner und Bekannte und Freunde und Ratgeber, es fehlte mir Familienanschluß, alles, was die Ge- lehrtenfchule dem jungen Mann so viel besser für das Leben mitgibt. Es war niemand da, der mir die Hand reichte, weil niemand eine Ahnung von meinen inneren Röten hatte.
Im Jahre 1863 fing ich an, mich auf ein gelehrtes Studium vorzubereiten. 1869 bestand ich die erste juristische Prüfung, 1873 das große Staatsexamen, ein paar Jahre war ich anfangs Richter, dann Staatsanwalt, von 1876 bis 1903/04 Rechtsanwalt und Rotar. Die Kröger-Sievers-Sippe führte in mir das Wort, ohne dah der Widerspruch, der Bornholts verstummte. Jene muhte wohl die Herrschaft behalten, da mich nicht allein! der innere Zwang der Pflicht, sondern auch die äuhere Rot des Lebens streng an die Kandare nahm. Es gibt Leute, die vormittags Bankgeschäfte treiben un& nachmittags Gedichte schreiben können. Solche Kunst ist mir mein Leben lang fremd geblieben. So lange der Aktenknecht nicht leer war (und er wurde eigentlich niemals leer), war meine Nugkrast gelähmt. Eine Zeitlang träumte ich noch von einer Poesie freier Ferien, dann aber nur noch von ein wenig Musendienst im Alterstuskulum.
Am besten ging das Dichten auf der älnipersität, wo ich Herr meiner Zeit war. Es entstanden damals auch, Gedichte und eine größere Erzählung in Versen. Diese Werke sind nicht mehr. Rachdem ich ihre Leere erkannt hatte und auch die fromme Scheu, die wir gegenüber poetischen Jugendsünden hegen, überwunden worden war, übergab ich sie der reinigenden Flamme.
Rach 1864 lernte ich Goethe genauer kennen und auch allmählich verstehen. Darauf kam Heinrich Heine an die Reihe; er hat mich lange festgehalten, dann bin ich ihn aber los geworden und ziemlich gründlich. Das Schwanken und Streiten in mir dauerte fort. Meine Versuche waren jetzt meistens in Prosa gehalten, wobei Storm mir als Muster vor Augen stand, obgleich das, was Gestalt gewann, ganz was anderes wurde als Stormsche Poesie. Von dem Wenigen ist nur Eines übrig geblieben, das eigentlich, nichts als das Anfangskapitel einer längerer Erzählung sein sollte. Man kann die Skizze jetzt noch, in meinem Novellenband „Eine stille Welt" lesen, sie heiht „Die Rohtrappe von Reudvrf".
Nächtig kannte ich Liliencron, den Kirchspielvogt von Kellinghusen, seit Anfang der achtziger Jahre, 1888 kamen wir unS persönlich näher. Er schickte mir den Erstdruck seiner wundervollen Rovelle „Die Mergelgrube", ich gab ihm „Die Rohtrappe", die ich dann noch im Herbst desselben Jahres in der Zeitschrift „Die Gesellschaft" las, nachdem mehrere früher darum ersuchte Familienblätter mir den Eintritt in die deutsche Literatur versagt hatten.
Lil.encrons Ermutigung habe ich es zu verdanken, dah ich von da an mir und meiner amtlichen Beschäftigung die Zeit zu gelegentlichen literarischen Arbeiten einfach wegnahm und teils skizzenhaft, teils in längeren und kürzeren Erzählungen das aufschrieb, war mir am Herzen lag, immer und immer wieder auf meine Heimat und auf gewisse Erinnerungen zurückgebogen.
Die Bekanntschaft von Tolstoi, Maupassant und Daudet, denen ich mehr oder weniger, wenn auch weniger in der Stofs- wahl als in der Form, Anregung verdanke, habe ich erst im Laufe der achtziger Jahre, zu einer Zeit, wo ich für fremde Einflüsse nicht mehr empfänglich war, gemacht. Ich war zu alt un& zu selbständig geworden, die Quellen, die für mich lebendiges Wasser gaben, lagen fest und waren schwerlich zu vermehren, was auch wohl, da ich mich inzwischen zu einer Art Spezialisten ausgebildet hatte, nicht nötig war.
Die alte Truhe.
Von Timm Kröger.
„Anna," sagte Trfen Paulfen zu ihrem Töchterchen, „dat 'S Werra (---Mittag), roop Dadder!" _
Bei Seien ging es immer auf den Glvckenschlag. Fünf Minuten vor hach zwölf wurde Vater gerufen; wenn er in die Küche gekommen war und fich die Hände wusch (die Hache Stunde war inzwischen voll geworden), dann trug sie die Suppe auf.
„Roop Vadder!" sagte Trien Paulsen zu Anna.
Anna lief, so hurtig wie die flinken Füße nur wollten, über die Diele und aus dem Dielentor über die Hofstelle. Eine gelbe Henne flüchtete und verschwand mit großem Geschrei um die Hausecke zwischen Streudiemen und Schweinekoben. Anna aber sprang auf den Wall, der Hofstelle und Koppel trennte, und rief in den Rebel hinein: „Dadder, dat 's Merra!"
„Js good," klang es von einer Stelle her, wo der Rebel am dichtesten war.
Man hörte, wie jemand eine Karre niedersetzte, einen Spaten einsteckte; dann trat Vater aus dem Rebel heraus und ging auf I,rt§ang Paulsen war ein kräftiger, bäurischer Mann in den besten Jahren. Er trug die kleidsame Tracht von Dlauleinen, die Hosen in die kurzen Schäfte feiner Stiesel gesteckt.
Er verließ seine Arbeit wie einer, dem die Mahlzeit eine unliebsame älnterbrechung ist, der sich freut, bald wieder anfangen zu dürfen. Er war dabei, wie er sich auszudrücken pflegte, mit Gottes Erdboden herumzukarren, und mit Gottes Erdboden karren tat er gern.
Wenn in den Ländern an der Wasserkante die Wintersaat bestellt worden ist, wenn es keine dringenden Arbeiten mehr gibt, wenn die Üblichen Herbstnebel (sie ziehen in der Regel bis Weihnachten hin) die Ratur grau anstreichen, dann fing Hans Paulsen an, mit Gottes Erdboden herumzuwirtschaften. Denn das Vieh besorgen und was sonst im Hause zu tun war, machte das Frauenvolt spielend ab. ' .
Hans Paulsen gehörte zu den Dauern, die für gerade Linien schwärmen Seine Weide hatte an Lerchs Koppel einen Buckel und in der Mitte eine ,Lunk', das heißt ein Loch, eine Vertiefung, worin sich zeitweilig Wasser ansammelte. Run war es seit Jahren sein Vorsatz gewesen: der Buckel soll verschwinden und auch das Loch der Buckel soll das Loch ausfüllen, lind nun war er schon ein paar Jahre jedesmal ein paar Wochen dabei, den Buckel in &ie Tiefe zu karren. Die gute Ackererde wurde dabei hüben wie drüben zurückgelegt und auf die Ebene wieder aufgelegt, damit nichts mnkomme un& alles fruchtbar und tragend bleibe.
Wenn Hans die Arbeit in Tagelohn durch fremde Leute hätte ausführen lassen sollen, so würde es sich kaum gelohnt haben. Run alber, da er es selbst tat, kam es ihm geschenkt.vor. Den dicken, grauen Rebel liebte er und hielt ihn für gesund, darin Mlte er sich frisch und wohl. Im Rebel beschwerte ihn weder die Külte die im strengen Winter allem um ihn her einen tönernen Klang gab, noch die Hitze, die sich immer unter den Kleidern aufstaute.
.Und dann liebte er das, was der Rebel mit sich bringt: die Stille, die Einsamkeit. Wenn er nicht weiter als zwanzig Schritt sah, wenn er mittendrin steckte in dem grauen Wvlkengerinnsel, dann ging bei ihm die Gleichung auf, die in jedes Menschen Brust nach Losung sucht.
,JnnnenHeide' hieß der noch wenig angebaute Sandrücken, auf dem'Hans Paulsens Kate lag. Änd an der lang ausgedehnten! Landstraße war durchschnittlich alle fünf Minuten Wegs ein einsamer Katenbesih hingestreut.
Ruhig und versonnen war auf solchem Fleck das Leben immer; im Herbstnebel tarn es, wenn er den Buckel toegftirrte, zu Hans tn ganz kleinen Pulsschlägen her.


