Seiten des Weges schufen geschickte Maurer eine Siedlung; schon warteten freunäiche Häuser auf künftige Bewohner. Masten wurden errichtet und Bohre gelegt, um die neue Kolonie mit Elektrizität und Wasser zu versorgen.
Dieser Rhythmus eifriger Arbeit, der heilige Ernst in den Gesichtern der schaffenden Männer behagten Dattel wenig. Ja diese strenge Pflichterfüllung mißfiel ihm geradezu. Besah er sich eine arbeitende Gruppe, so flogen ihm Spottworte an den Kopf; Werall war er im Wege.
Schließlich landete er in der Kantine. Hier fand er kneipende Gesellen. Da er ihnen Brot und Wurst anbvt, wurden sie redselig. Sie hatten ihre Stellen aufgegeben, schimpften auf die Derivat- tung, schalten auf die Dorarbeiter und warnten Dattel, hier Arbett anzunehmen. Eifrig tranken sie ihm zu.
Am nächsten Morgen erwachte Dattel in einer ihm unbekannten Baracke. Er hatte einen Kater, ein schlechtes Gewissen, keine Ahr und kein Geld mehr. Ernstlich überlegte er, ob er sich in den nächsten Fluß stürzen solle. Da die Gegend wasserarm ist, gab er diesen Plan wieder aus. Dafür fing er an, bitterlich zu schluchzen.
So fand ihn ein Landjäger. Der merkte bald, daß Dattel kein Landstreicher oder Betrüger sei, und erfuhr des Geprellten Geschichte. _.
„Darm wird es wohl das Beste sein," meinte er, „wenn Sre wieder nach Hause fahren. Dort sind Sie besser am Plahe alS hier in der Kolonie."
„Das wird wohl sein," entgegnete Dattel und schluchzte noch immer Er folgte dem Landjäger zur Wartestelle und erhielt dort eine Fahrkarte in seine Heimatstadt. Bald trug ihn ein Zug von dannen. 1
Nachmittags war Dattel wieder daheim. Etwas beklommen schlich er nach Hause und fand zum Glück die Wohnstubentür nur angelehnt. Niemand war im Zimmer. Nur eine Schüssel Kartoffeln stand' einsam auf dem Tische. Da setzte sich Dattel wieder auf das wacklige rote Plüschsofa und schälte sie säuberlich, immer eine um die andere. ,
3d trafen ihn die abends heimkehrenden Kinder und jubelten, daß er wieder zu Hause war. Die Frau sah ihn eigen an; doch meinte sie schließlich: „Na, 's ist gut, daß du wieder da bist, Dattel."
Don dein neuen Kleide und den Spielsachen war keine Rede. Zu den Abenderzählungen hatte sich ein neuer Programmpunkt gesellt, die Aeise in die Grenzkolvnie. Doch davon erzählte Dattel am liebsten, wenn er mit den Kindern allein war.
Daß ihn die Frau des Maschinenschlossers ein jämmerliches Faultier schimpfte, ertrug er mit männlicher Gelassenheit und verspeiste am nächsten Sonntage mit diel Freude und ohne jeden Gewissensbiß das größte Stück von dem zur Feier seiner Heimkehr geschlachteten Kaninchenbock.
Peperl.
Don Albert Kann-Rottach.
Meine Frau und ich wohnen auf dem Lande. Da freut man sich bekanntlich auf Besuch, besonders auf liebe Derwandte.
Seit Jahren habe ich meinen Bruder, meine Schwägerin und den Stolz und die Hoffnung unserer sonst kinderlosen Familie, den mir bis dahin unbekannten, zweijährigen kleinen Josef, genannt Peperl, nicht gesehen.
Jetzt sind sie endlich zu uns herausgekommen, rn die Berge, an den See. \ ,
„Willkommen", von grünem Tannenkranz umrankt, hrng über der Haustür, Blumen standen auf dem Tisch — Festesstimmung.
Das Wiedersehen war freudig, herzlich die Begrüßung.
Dann erkundigten wir uns, d. h. wollten uns, wie es so üblich ist, nach Freunden und Bekannten erkundigen.
Lin möglich! Nur von Peperl war die Rede.
„Wie gefällt euch unser Peperl?"
Wenn ich der Wahrheit die Ehre gegeben hätte, so hätte ich sagen müssen: Gar nicht, denn der Familienspröhling war für meinen unmaßgeblichen Begriff nichts weniger als schön. Natürlich habe ich mich schwer gehütet, und sagte im Brustton der lieber- zeugung: „Großartig." .
Einladend wirkte der Kaffeetisch mit Len feinen Kuchen. Auf den Moment, mit Bruder und Schwägerin wieder einmal gemütlich zusammensitzen zu können, habe ich mich so sehr gefreut.
Prost Mahlzeit! _ ,
Dem Peperl war auf der Reise ein menschliches Malheur passiert, dessen Spuren unter eingehender Würdigung des traurigen Geschehnisses erst entfernt werden mußten.
„Sowas ist unserem Peperl noch nie passiert," rief der Vater mit Stolz, „mein Sohn ist nach dieser Richtung" — die Richtung legte sich schwer auf meine Geruchsnerven — „ein Musterkind."
Endlich war Peperl wieder engelsrein, und es ging zum Kaffee. •
Keine Anerkennung erhielt meine Fran über den guten Kaffee und die schönen Kuchen, nur von Peperl wurde gesprochen.
Peperl wurde auf den Tisch gestellt.
„Jetzt paht's auf, svwas habt ihr noch nie gefeh'n. — Peperl, mach einmal dein schönes Gesicht."
Peperls Angesicht rührte sich nicht.
Run verlegten sich die Eltern aufs Bitten.
„Geh zu, Peperl, mach halt dein Gesicht. Wenn du dem schönes Gesicht gemacht hast, kriegst einen Kuchen." _
Alles Bitten war umsonst. Peperl machte kein schönes Gesicht, fing aber dafür fürchterlich zu plärren an.
Es dauerte eine halbe Stunde, bis wir ihn besänftigt hattM.
„Schade," tröstete uns der traurige Papa, „er« tarn ein so schönes Gesicht machen, vielleicht macht er's morgen."
Wie Peperls schönes Gesicht aussieht, weiß ich bis heute nicht.
Dann ging das Erzählen los, allerdings nur wieder von Peperl. ,
Wie er in aller Frühe so brav aufgestanden ist, was für eine Freude ihm das Bahnfahren gemacht hat, wie er beim Hinausschauen zum Abteilfenster als frühzeitig entwickeltes und eminent gescheites Kind schon einen Kirchturm von einem Ochsen unterscheiden konnte. And mit welcher epischen Breite wurde die Geschichte von Augsburg erzählt, wie da beim Aufenthalt eine Lokomotive schrill gepfiffen hat und Peperl sagte: „Lvkomotiv el«w gepfeift," und wie dann alle Mitreisenden den Peperl wegen dieses hervorragenden Ausspruches angestaunt hätten. —
Ein Buch könnte ich schreiben, wenn ich zusammentragen wurde, was Über Peperl berichtet wurde.
So kam der Abend.
„Jetzt müht ihr zuseh'n, wenn der Peperl ins Bett gebracht wird."
Einem solchen Schauspiel habe ich noch nie beigewohnt und bin hvchbefriedigt, dasselbe hinter mir zu haben.
Peperl wurde ausgezogen, dann wurde er eingehend belehrt, daß es ein großes Bett sei, in dem er schlafen dürfe, darauf kam das Gute-Nacht-sagen mit Gute-Racht-küssen, die kein Ende nehmen wollten. , , , <
Ich dankte Gott, wie endlich die Dettschere vorgelegt wurde
Das Wiedersehen muhte mich doch fürchterlich mitgenommen f
Meine Frau tröstete mich: „Sv sind alle Eltern,« di« reden zuerst nur von ihrem Kind. Morgen ist das anders.'
Nachts träumte ich entsetzlich. Der Peperl stand vor mir und machte fortwährend sein schönes Gesicht, d. h. schön war s nicht.
Der Morgen war herrlich, und ich dachte mit Bruder und Schwägerin, den armen, geplagten Stadtleuten, die Natur genießen zu können. Ich habe nicht an Peperl gedacht.
„Der Peperl hat ausgezeichnet geschlafen, war der Mvrgen- gruß, „er will gar nicht mehr in sein Bett heim."
Peperl und nichts als Peperl.
Als wir Nachmittags eine Kahnfahrt machten, sprach Peperl die Ruder als Zahnstocher an. Das war ein Jubel 6et den Eltern. And wie lang hielt er an.
So oft ich jetzt Zahnstocher sehe, erschrecke rch.
Einmal wagte ich meinen Bruder zu einer Partte Sechsundsechzig einznladm. _
„Ausgeschlossen," war die Antwort, „dafür mtereffiert sich P^Während seines Hierseins hat mein Bruder Peperl sechsuud- dreitzigmal phvtograpiert.
Das sind 12 Aufnahmen in der Woche, 642 pro Jahr, 13 104 bis zur Grvhjährigkeitserklärung. .
Ich werde mir von der Fabrik Aktien kaufen, wobei mein Bruder seine Platten bezieht. —
Wehmütig nahm ich von Bruder und Schwagerrn Abschied, sehr vergnügt von Peperl.
Dabei war Peperl gar nicht so Übel.
Splitter.
Die Kultur ist die Mutter der Dekadenz.
*
Gelegenheit macht Diebe — auch Trustmagnaten.
*
Ein Vertrag ist eine Vereinbarung, nach welcher sich ein Dümmerer mit einem Klügeren vertragen „muß , der ihn ausnutzt.
Die meisten Menschen tragen Masken, die ihnen noch weniger stehen, als ihr sogenanntes Gesicht.
Mancher Meister ist nur ein trauriger Geselle.
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Der Komiker ist meistens der einzig ernst zu nehmende Mensch unter den Schauspielern. *
Nur die, die kein Taktgefühl haben, wollen überall die erste
Geige spielen. * •
Beute die sich gern reden hören, haben nie etwas zu sagen.
A O. Weben
Schristleitung: 1.33.: Heinz Gorrenz. - Druck und Verlag der Drühl'fchen Aniv.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange. Gießen.


