219 -

ein Lied, damit wir, die wir draußen stehen, eure sonnen Stimmen vernehmen Wunen. Aus dem Höhleninnern stieg darauf ein ge- beimnisvoller Gesang empor, der die Horchenden entzückte, so daß sie dieschönen Stimmen" priesen. Gesänge und Tänze beschlossen das Fest. Daß der Geistergesang wohl ein frommer Betrug ge­wesen ist, daß vorher irdische Sänger in die Höhle eingeschmuggelt waren, tut der guten Absicht keinen Abbruch.

In Europa feierte man ähnlich wie oben beschriebene Feste von alters her und feiert sie noch heute. Schon die alten Römer pflegten jedes Jahr am 17. Februar ein solches Totenfest, das sie Feralia nannten, zu begehen. Es wurde zum Andenken an die Ver­storbenen gefeiert: auf die Gräber legte man Opfergaben nieder: Blumen, Früchte und gesalzene Speisen. An diesem Tage blieben die Tempeltüren verschlossen, und von den Altären stieg kein Rauch empor. Bei dem griechischen Remesia- oder Rekhsia-Feste, das in jedem Winter in Athen am 5. Boedromion gefeiert wurde, glaubte man, dass die Unterwelt geöffnet wäre, so daß die Geister zum Besuche nach oben kommen konnten. Sie wurden deshalb auch in den verschiedensten Weisen von ihren Verwandten empfangen, bis ihnen am Schluß des Festes bedeutet wurde, daß es nun Zeit wäre, wieder heimzukehren.

Lange ist man der Ansicht gewesen, daß das germanische W e i hu a cht sf e st sich von dem früher begangenen Sonnenfest herleite. Gegen diese Auffassung hat sich der dänische Gelehrte Feilberg gewandt. Feilberg ist der Ansicht, der sich auch mehr und mehr die modernen Religionshistoriker anschließen, daß Weih­nachten eigentlich ein Totenfest wäre, und daß dabei der Kult, wenigstens im Beginn, sich den Geistern der Verstorbenen zuge­wandt hätte, die um diese Zeit die Gräber verließen, um sich zu ihren Rachkommen zu begeben. Es wären wohlwollende, aber auch gesährliche Geister gewesen. Ihre Heimat war das dunkle Reich Unter der Erde, aus der alles Leben und alles Wachstum stammt; dabei wird deutlich, daß dasgute Jahr" ein ihnen nicht fremdes Ereignis gewesen wäre. Die Ernte galt als Gabe der Geister, die von ihnen aus dem dunklen Reiche, aus der dunklen Heimat, in der sie lebten, ins helle Licht emporgesandt wurde. Man mutzte sich deshalb mit den Geistern gut stellen. Man versuchte dies, indem man sie, so gut man konnte, festlich bewirtete, und eben diese Weihnachten waren das Fest, au dem die Lebenden die Toten grüßten. Der Zusammenhang mit der Disa-Versammlung (und Weihnachten) ist interessant. Er gibt uns eine bestimmte Auf­klärung über den ursprünglichen Charakter des ganzen Festes. Disir (der Plural zu disa) bedeutetGeister der Toten" und das Disa-Opfer, das Opfer für die Toten. Die letzten Spuren dieses Disa-Opfers dürfte man heute noch in jedem Rapf Brei sehen, den der Dauer in der Weihnachtsnacht für den Hauskobold hinaus­fetzt. Diese Hmrskobolde sind aller Wahrscheinlichkeit nach alte Disir-Familiengeister, die am besten den Penaten der Römer ent­sprechen; für diese Tvtengeister ist es zum Unterschied gegen die Raturgeister, wie z. B. die Wassermänner usw. üblich daß man ihnen gerade Opfer brachte, die aus Speisen und Getränken be­standen.

Gedanken und Betrachtungen

von Waldemar B v n s e l 8*).

Sterben ist Pflicht, wie auch das Leben. Es wird ein jeder so leicht oder so schwer sterben, als feiner Ratur das Leben ge­worden ist, und wer das eine verstanden hat, wird auch das andere können.

Alle großangelegten Seelen erleben ihr Schicksal nicht durch Wandelbarkeit, sondern durch ihre Beharrlichkeit, nicht durch die gefällige Gunst einer Abkehr, sondern durch, den Eigensinn ihrer Standhaftigkeit. *

Der Weg zu uns selbst ist der einzige Weg, den wir gehen können, wenn wir wahre Gemeinschaft mit den Menschen finden sollen. #

Die meisten Menschen haben nicht den Mut zu ihrer eigenen Weisheit, noch zu ihrem eigenen Recht, noch zu ihrer eigenen) Schuld. Es ist wahr, sie sind darüber ernste Leute, und niemand) lacht über sie, aber doch würde einer, dessen Herz groß genug wäre, über sie weinen.

Diese Mutlosigkeit der Menschen zu ihrem eigensten Wert und Wesen hat ihren Ursprung nicht im Mangel an Verstand oder Gedankenfülle, sondern in ihrem Mangel an, Liebe. Rur das Bewußtsein der eigenen Liebeskrast gibt den Menschen wahrhaft Mut, ein freies Gewissen, den Glauben an ihr Recht und die Kraft zur Erkenntnis ihrer Schuld. In diesen Dingen liegt das menschliche Glück beschlossen und jene Heimkehr, die die Weisen

*) Waldemar Bvnsels' Lebensauffassung und Welt­anschauung in systematischer Anordnung mit des Dichters eigenen Worten darzustellen, unternimmt das eben bei Rütten & Loening in Frankfurt a. M. erschienene, von Reinhold Balg rin mit größter Sorgfalt und feiner Würdigung des Dichters zusammengestellte Bagabunden-Brevier", dem wir mit gütiger Erlaubnis des Verlages die vorstehenden Abschnitte entnehmen. 1708

der Welt das Opfer oder die Vollendung und die Kirche die Auf­erstehung nennt.

Es gibt keine erkennbaren Wege vor uns, sondern nur hinter uns.

Wer in Zeiten der Wandlung stark, mutig und ehrlich, lebt, lebt wie er beschaffen ist, der ist Weg und Schreitender zugleich.

Es wird niemand etwas Gröberes von sich zu sagen vermögen, als daß er der Weg gewesen sei.

Wir können dieser Welt niemals anders Herr werden, als indem wir sie ganz erleiden.

Die merkwürdige Tatsache unseres irdischen Daseins ist mir immer in den Augenblicken des Erwachens am wunderbarsten er­schienen. Wenn sich unsere Sinne, unter dem Glanz der Morgew- sonne oder durch, das Lied eines Vogels im Licht erweckt, aufs neue zum Bewußtsein zusammeirzufinden, so bricht über das Herz bisweilen wie ein Schauer von Glück und Erstaunen die Gewißheit herein, am Leben zu sein, nach, Unzähligen, die versunken sind, und vor Ungezählten, die kommen werden auf der beschie­nenen Oberfläche der Erde ein lebendiger Mensch zu sein.

»

Die Liebe ist nicht imstande, von Wohltaten, Dank oder Güte zu leben, sie lebt nur von Liebe.

Auf dem Kirchhofe.

Don Detlev von Liliencron*).

Der Tag ging regenschwer und sturmbewegt, Ich war an manch vergessenem Grab gewesen. Verwittert Stein und Kreuz, die Kränze alt, Die Ramen überwachsen, kaum zu lesen.

Der Tag ging sturmbewegt und regenschwer, Auf allen Gräbern fror das Wort: Gewesen. Wie sturmestot die Särge schlummerten Auf allen Gräbern taute still: Genesen.

Das wehrhafte Fräulein.

Don Friedrich Freksa.

(Schluß.)

Rur wenn es auf den Frühling zuging, pflegte er davon zu reifen, er wolle zum Grobtürken gehen und dort Kriegsdienste nehmen. Schoß im März der junge Saft in die Bäume, rumorte in ihm Has Kriegsfieber am wildesten. Dann geschah es wohl, daß er feinen Mantelsack packen ließ, Waffen und Kleider rüstete, und, um Abschied zu nehmen, des Abends nach dem Gebet Gott- liebe aufsuchte. Doch sah er in das lächelnde Gesicht des Fräu­leins, so sprach er nicht vom Abschiednehmen, sondern erbat Urlaub zu einem kleinen Ritt ins Land. Am siebenten Tage lenkte er gewöhnlich sein Rößlein nach Herrenbruch zurück. In der Rächt, wenn das Gesinde schon schlief, langte er an und führte fein Pferd selbst in den Stall. Danach begab er sich in sein Gemach, trank viele Humpen Weines und verschlief den ganzen nächsten Tag.

So machte er auf einige Monate die Gedanken frei von ihrer Unraft, bis die Sehnsucht nach dem alten Kriegsleben wieder mäch­tig wurde und ihn umtrieb.

Im vierten Jahre im Maien wurde Fräulein Gottliebe zu dem herzoglichen Rat von Donop nach Fenstäde.

Der alte Herr empfing sie in Perücke und Amtstracht. Seine Züge waren ernst.

Habe Rachricht von Gustav Friedrich, Euerem Bruder, Frau­lein Gottliebe," sagte er.Ist eine Zeitung, die bedacht werden will. Aber ehe ich Euch künde, was ich selbst meine, müßt Ihr zu­vor erfahren, was geschehen.

Euer Bruder hat ein engelsch Fräulein geheuert, scheint aus der Verwandtschaft des Sir Stuart zu sein, der im schottischen Lande gefallen ist. Euer Bruder hat von seiner Gesponsin ein Knäblein gewonnen, so zu Johanni zwei Jahre zählen mag. Ist aber die Mutter des Kindes aus dem Leben vor einem Jahr ab­berufen worden von dieser Erde.

Euer Herr Bruder selbst wurde schwer verwundet und vermag seinen rechten Arm nicht zu gebrauchen. Run läht er aus Hol­land einen Brief an mich gelangen, in dem er bittet, Ihr möget es zulassen, daß er mit dem Kinde nach Herrenbruch komme. Er ver­mißt sich auch, Friede und Freundschaft zu halten un& bittet gar herzlich, daß Ihr ihm alles Döse vergesset."

*) Bei der Deutschen Berlagsanstalt in Stuttgart erschienen eben die berühmtenA d j u t a n t e n r i 11 e Liliencrvns in einer neuen der Urausgabe in der Anordnung völlig entsprechenden Ausgabe Das schmale Bändchen enthält jene berühmte stürmisch- glutvolle Poesie, die nicht nur bei ihrem Erscheinen auf die Ent­wicklung der deutschen Literatur einen enormen Einfluß nahm, sondern auch heute noch an's Herz greift in der Grazie der Form­gestaltung und der feurigen Kraft ihres Ausdrucks. Hernrich Spiero hat dem Bande eine feinsinnige Einleitung vorangestellt.