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Totenfeste der Naturvölker.
Don D i r g e r M ö r n e r*).
Wir Kulturmenschen leben in einer mehr oder minder festen Verbindung mit unseren Ahnen und Vorfahren. Sn der Schule unterrichtete man uns in der Geschichte unseres Volkes, zu Hause
*) Der schwedische Graf Birger Mörner hat in einem inhaltlichen Buch, dem er nach dem ©lückslande der Gingeborenen der Koralleninsel Wuwulu den Titel „Linara" gab, die Vorstellungen der Naturvölker vom Jenseits dargestellt. Wir geben aus dem von Paul Hambruch übersetzten und bei Eugen Diedetichs tn Jena herausgegebenen Werke einige Abschnitte wieder.
in der unserer engeren Familie. Den Naturvölkern geht mit wenigen Ausnahmen der Besitz einer Geschichte in unferm Sinne ab. Für gewöhnlich erstreckt sich ihr Wissen von älteren Zeiten nur über wenig zurückliegende Generationen. Vater und Großvater sinv ihre Vorfahren. Darüber hinaus beginnen die einzelnen Personen schon mit Sagen verquickt zu werden.
Un& doch leben die Naturvölker mit ihren Vorfahren in einer Verbindung, deren Weise in einem protestantischen Lande wie Schweden fremder anmutet als z. B. im katholischen Frankreich. Die feiern nämlich oft den Tag „Allerseelen".
Die Eskimo am St. Michel und Anterm Vukon-Fluß in Alaska feiern alljährlich zu Beginn Dezember ein derartig^ Fest. Im Versammlungshaufe des Stammes legt man Essen und Kleider für die Toten nieder und erhellt den Baum mit einer Lampe. Wer einen toten Verwandten ehren will, setzt auf dessen früheren Platz auf einem Gerüste eine Lampe mit Seehundstran hin Man hält sie die ganze Nacht über in Brand, denn sie soll den Schatten leuchten wenn sie von dem Tvtenreiche zurückkehren und wieder dort hingehen. Am Vorabende des Festes geht der nächste Angehörige nach dem Grabe. Er leitet die Feier damit ein.dah er z B auf das Grab eines männlichen Verwandten die Nachbildung eines Seehundspeeres, aus dem Grabe einer weiblichen Verwandten eine kleine Holzschale niedersetzt. Kinderlose Eskimos pflegen daher zu dem Behufe Kinder zu adoptieren, um nach ihrem Toda nicht von einem solchen Feste ausgeschlossen zu werden. Es gilt dem Toten als ein furchtbares Schicksal, von den Lebenden etwa nicht geladen zu werden. Das Fest wird mit Gesang eingeleitet, der den Toten gilt, darauf folgt die Verteilung von Essen und ®e» tränken Gesang und Tanz beschließen das Fest. Man tanzt auch am Grabe; ist jemand ertrunken, tanzt man auf dem Else.
In Kambedja feiert man das Fest der Toten am letzten Tage des Monats Phatrabet (September—Oktober). In leqem I Haufe werden Kuchen und Süßigkeiten gebacken», Kerzen angezun- det die Weihrauchkerzen duften und die Toten werden mit dem dreimal wiederholten Gruß eingeladen; „Kommt alle, esset und segnet uns!" Vierzehn Tage nachher setzt man des Abends kleine Rindenbvvte mit Eis, Kuchen, kleinen Münzen, brennenden Weihrauchkerzen und angezündeten Lichtern auf den Fluß, aus diesen kehren die Seelen nach ihrem Lande heim. Die Lebenden rufen ihnen zum Abschied zu: „Geht, aber kommt wieder zuruck! Ist der Tag da dann werden sich Söhne und Enkel Eurer erinnern. Dann kehrt Ihr wieder! Kommt wieder! Kommt wieder! Der Strom füllt sich mit leuchtenden, glitzernden Punkten. Er führt sie hinweg, und sie erlöschen einer nach dem andern.
Die Buddhisten feiern in Japan das Totenfest vom 13. bis 16 August. Bon-Matsuri wird es benannt. Dazu werden große Vorbereitungen getroffen. Auf den FistedHöfen werden die Grabsteine gewaschen und mit Blumen geschmückt; darauf zündet man an den Grabhügeln Weihrauchkerzen an. Vor die Hauser und um die Altäre hängt man prächtig schimmernde Latemen auf; oftmals haben sie die Form von Lotosblüten und sind mit festlichen Papierbändern verziert. Auf dem reich und phantastisch ausgeschmückten Altar legt man Kuchen, Früchte und Miniaturnachbildungen von Ochsen und Pferden reihenweise, in Lotosblätter Egeschlagen, nieder. Alles Opfer für die Seelen der Verstorbenen. Aus dem Lande wandern ganze Familien mit brennenden Kerzen nach dM Gräbern der Toten, nachdem sie zuvor festliche Scheiterhaufen entzündeten, um die Geister willkommen zu heißen. Vor die, Haustüren setzt man Schalen mit Wasser, damit die ©elfter bei ihrem Eintritt sich die Füße waschen können. Arn 14. August verrichten die Priester vor den Altären Gebete und den Tag darauf werden aufs neue Scheiterhaufen zum Abschied angezündet. An der Küste herrscht ein Brauch, der an Kambodja erinnert; tuen setzt man sämtliche kleine Boote mit Papiersegeln und mit Wasser gefüllten Töpfchen und Weihrauch beladen aus. Darauf^ stehen die tarnen der Toten geschrieben. An andern Stellen schmückt man dieDoote mit Laternen aus oder setzt gar schwimmende Laternen ins Wasser.
Die primitiven Ainos begraben in Japan und Sachalin ihre Toten nachts im Walde; Gewänder Fischereigerate und Glasperlen des Verstorbenen werden ihm aufs Grab gelegt. Em tiayr I nach dem Begräbnis versammeln sich die Verwandten, sie vennei- | den es aber, von den Verstorbenen zu sprechen, denn sie furchten, daß anders die Seele wieder zurückkommen und die Lebenden | beunruhigen wird. Diese stille Huldigung der einfachen Mur» linder ist bemerkenswert, denn sie offenbart deutlich den ©nett der Empfindungen zwischen einer ehrfurchtsvollen Ergebenheit und | einer geheimnisvollen Furcht.
I Alle 12 Jahre einmal feierten die Irokesen zu Ehren der- I ieniqen ein Fest, welche in den vergangenen Jahren verschieden I waren Die Reste der Verbrannten wurden zusammengesucht und I die übriggebliebenen Knochen derer, welche. auf ©ernsten bei- I gesetzt worden waren, herabgenommen. Alle Aeoerbleibsel tourb en | in ein großes Grab zusammengetragen, daß mit kostbaren Biber I pshen eingefaßt war; hernach warf man mancherlei Gaben m das I Grab und schüttete dasselbe zu. nr~
Auch die Eingeborenen der Südsee kennen einen L,ag Allerseelen Turner berichtet von einem Feste auf den Aeu-Hebriden. Dort hatte sich der ganze Stamm vor den Eingang einer j Höhle versammelt und davor alles aufgestapelt, was für eine Fest- I mahlzeit notwendig war. Bei Sonnenuntergang traten einige an den Höhleneingang und tiefen: „Ihr Geister dort drinnen, singet
zum guten Ton, schon der Leute halber. Die Leute, die in der Regel | ?n ten Kreise seiner „guten Freunde" zu suchen sind slnd nun freilich gewöhnt, den Toten oder vielmehr das Aiiüenken an ihn, mit dem Maßstab zu messen: je größer und schöner der S^uh | desto größer der Schmerz der „tieftrauernd Hinterbliebenen L^ß ein schlichter Rasenhügel mit ein paar liebevoll gepslanzien Vlamen- beeten die eine brave Arbeitersrau ihrem teuren ©atten un& Er- j nährer schuf, oder ein einfaches Holzkreuz mit einem Kranzlem Waldblumen, die eine betagte, sorgenbelabeneMutter ihrem einzigen Sohne auf den Grabhügel legt, den gleichen, ja oft noch viel härteren Schmerz auszudrücken vermögen — d<wan denken ditie nüchternen Alltagsmenschen nicht. Die unielige Macht d^ Geld beutels übt in der Regel bei ihnen auch hiei, an der Statte des | Todes, ihren dämonischen Einfluß aus . !
Gerade die alten Holzkreuze spielen m der früher en Kmtui aeschichte des Friedhofes eine wichtige Rolle. Mit Recht wird es j von allen Freunden der Heiniatkunst beklagt, daß diese immer I mehr — auch auf dem Lande — verschwinden. Verschwunden ist mit ihnen all die Herrlichkeit der „guten,,alten Zeit in der man noch selbstgeschnitzte ©rabkreuze setzte, nut innig empfundenen V^s- letn und sinnigen Nachrufen, einem genölten Bildchen des Verstorbenen in seiner schmucken, heimatlichen Tracht Em solches Kreuz war ein Meisterwerk der heimischen Holzschnitzerlunft. Die Holzkreuze. welche man heutzutage aus den Friedhöfen sieht, haben in den meisten Füllen mit Kunst gar nichts ober doch nur herzlich wenig zu tun. Die alten Dorskünstler sind nicht mehr, die es verstanden hatten, in Zeichnung und Technik eine Verzierung oder Schnitzerei anzubringen und so dem einzelnen Kreuze ern originelles 5 und individuelles Gepräge zu geben. Es waren dies Kreuze von einfachster Form, Lattenkreuze von verschiedener Große ohne Bedachung in falten Farben gemalt. Man merkte ein verständnisvolles Zusammenwirken von Form und Farbe von der schlichtesten Leistung bis zur künstlerischen Vollendung, welche die Eigenart i eines Ortes bzw. einer Gegend in der Heimatkunst zur Geltung j 6Ca<^ßon gleicher Schönheit waren die schmiedeeisernen Grabkreuze. Auch sie gehören heute meist der Vergangenheit an ober stehen trauernd und unbeachtet in einer einsamen Ecke des stillen Friedhofes. als müde Zeugen längst entschwundener Zeiten da man noch auf Bauern- und Heimatkunst etwas hielt. Meist bedeckte die In- I fchrifttasel ein Türchen. In ihrer ganzen Ausführung waren bie Kreuze originell und bie Kernprobukte und Prunkstucke echter, gesunder Volkskunst. Sie zeigten eine staunenswerte Fertigkeit un- < ferer Handwerksmeister. „
Jetzt findet man meist nur ganz geschmacklose, Plumpe ©uß- kreuze. die den Friedhof verschandeln, nicht nur durch das gefühllose kalte Matetial, sondern auch durch das ekelhafte Aeußere. denn fast ausnahmslos sind diese massenhaft und schablonenmaßig hergestellten Kreuze total berroftet und gesprungen vd w zertrum- , inert. Die „echt imitierte Gold- und Silberprach t hangt schon in kurzer Zeit in Fetzen herunter und der blecherne Christus hat em geradezu jämmerliches Aussehen. Es ist sonderbar, daß unsere Landbevölkerung, die doch sonst so sparsam ist, es nicht emsehen will daß ein geschmiedetes Kreuz ein Werk für Jahrhunderte ist, während ein gußeisernes oft schon in einem Winter gebrochen uns vom Rost zerfressen ist. Dabei kostet letzteres nicht toemger als ein geschmiedetes Kreuz! Für Grabkreuze soll das Eisen ausnahmslos geschmiedet und nicht gegossen werden! Also hinweg mit der fabrikmäßigen Schundware. Unsere Friedhöse sollen wieder schöne Kreuzelgärten werden, die nicht durch Eintönigkeit und Abgeschmacktheit anöden und ermüden, sondern durch Manniafaltigkeit gesunder Formen und origineller Arten beleben und erfrischen.
Leider find viele solche Kunstschmiebekreuze durch Interesselosigkeit und Unverstand, oft auch aus Gewinnsucht, verloren gegangen. Wo es schon nicht angeht, dem Friedhof derartige Kreuze zu erhalten, übergebe man dieselben einem historischen ober volkskundlichen Verein.
Viel ließe sich auf dem Gebiet ber Friedhofskunst noch verbessern und ausmerzen. So haben viele große Städte eigene Vorschriften über den Gräberschrnuck und die Art des Denkmals erraffen allen voran die Stadt Nü'mberg, auf ihrem weltberühmten Johannisfriedhof, wo Albrecht Dürer, Hans Sachs und andere Größen des Mittelalters schlummern.
Möge diese kleine Abhandlung dazu dienen, daß auf unseren Friedhöfen wieder gesunde Volkskunst waltet, bann wird auch das Verständnis für sie wachsen und sich fortpflanzen für alle Zeiten. Damit ehren wir uns und unsere Toten.


