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Hauszins zahlen. Die nicht zahlen konnten, mutzten in kürzester Frist die Stadt räumen, „worüber ein großes Winseln, Schreien und Seufzen unter den von Haus und Hof Verjagten gehört wurde"'. Bei Wirten, Krämern, Handwerkern usw. war inzwischen das Schinden und Schaben so groß, daß es nicht auszusprechen ist. Wie ganz anders benahm sich der mildherzige Pfarrer Hirsch von Wetterfeld, der manchmal in feinem kleinen Häuschen in Griin- fcetfi bis zu 50 Menschenseelen beherbergte. Wie Inseln ragten Gießen, Grünberg, Laubach, Lich, Hungen, Aidda, Büdingen, Butzbach und Friedberg aus der verwüsteten und verödeten Wetterau heraus, „denn was eine Armee noch vermeintlich hinterlassen, das wurde der folgenden zuteil, und es folgte eine auf die andere. Pfarrer Hirsch-Wetterfeld schreibt in seiner Chronik: „Am 18. <ye== bruar 1635 ist Bönninghausen (ligistischer Oberst) ins Land gekommen, hat in Hungen, im Laubacher und Grünberger 2lmt auch sehr übel gehaust, Gott erbarme es. Ich vermeinte Gnade bei denen im Pfarrhaus zu erlangen, schickte ihnen ein Ohm Bier, Fleisch von einem Schwein und» ein Gebäck Brot hin, welches sie selbst auf einem Karren in Grünberg abholten. (Pfarrer Hirsch wohnte, damals in seinem eigenen Häuschen in Grünberg.) Als ich aber nicht nachsolgte, wurden mir alle Laden, Tische, Bänke, Bettstellen, Schränke, Backtrog, Treppen und was nur abzureitzen war, auch Türen und alles Gestühl, auch das Getäfel an der Männerbühne in der Kirche und um die Kanzel abgerissen und verbrannt, daneben viele Bücher und geschriebene Sachen, welche ich nicht gerne verlor. Sie sind bis auf den '17. März hier liegen geblieben." Da die Felder nicht bestellt werden konnten, entstand eine furchtbare Hungersnot In Grünberg kostete ein Achtel Kleie 100 Gulden, eine halbe Meste Mehl 60 Gulden. Man griff zu"den ungenießbarsten Dingen, zu Laub, Gras und Leder, um nur den Hunger zu stillen. Die ekelhafteste Kost wurde mit Geld ausgewogen. Für eine Ratte bezahlte man 4 Gulden, ein Preis, um den man 50 Jahre früher noch eine Kuh kaufen konnte. Auf dem Lande schlug man sich um das gefallene Vieh.
Zu alledem kam noch im Frühjahr 1635 die furchtbare Pest, welche im August ihren Höhepunkt erreichte. Den ganzen Jammer dieser entsetzlichen Zeit bringt Pfarrer Hirsch-Wetterfeld in seiner Chronik in wenigen Sahen zum Ausdruck: „Im Juni ist die Pest allenthalben «usgebrochen, auch mein armes Haus einbegriffen, und ist mein herzliebes Eheweib Dorothea mit, sechs lieben Kin- dern in wenig Tagen in Gott selig entschlafen, ich auch dermaßen krank gelegen, daß man mich etlichemal tot gesagt,, aber durch Gottes Gnade wieder aufgekommen bin . . . Damals ist die Pest so stark gewesen, daß sie allenthalben, ü$er die Hälfte der Leute hinweggenommen, und einmal zu Grünberg 27 Leichen in einer Prozession getragen wurden. . . In dem Monat August sind in Grünberg 334 Personen begraben worden." Die Pest hauste in der Tat furchtbar in der ganzen Gegend. In Lich starben vom 1. Januar bis 27. August 185 Verheiratete, 428 Unverheiratete. 22 Diener und Dienerinnen und Fremde im Schloß, also 635 Personen aus der Stadt. Außerdem raffte diese furchtbare Krankheit noch 549 Menschen dahin, die von den Dörfern nach der schützenden Festung geflohen waren, also weit über 1000 Personen. 3'rt Laubach starben weit über 400 Personen. Von diesen fielen auf Juni 24, Juli 77, August 238, September 46, Oktober 6, woraus hervvrgeht, daß gerade der August als Pestmonat bezeichnet werden kann. In Allendorf a. d. Lumda riß die „giftige Pestilenz 380 Personen fort. Gießen scheint etwas-besser weggekommen zu sein. Es starben bis Ende Oktober nicht mehr Personen als tri Lich bis Ende August. Die Zahl der Toten betrug im August 304, also weniger wie in Grünberg. Alur den vierten Teil seiner! Einwohner scheint Gießen verloren zu Haben, während andere -«Orte, wie Pfarrer Hirsch schreibt, über die Hälfte verloren. Auch der damalige Pfarrer von Garbenheim bei Wetzlar schreibt in seiner Chronik: „Die Hälfte der Menschen starb an der Pestilenz, dazu auch viel half die Kriegsgefahr, der Schrecken und Mangel an Aahrung, sonderlich auf dem Land."' Da war es denn kein Wunder, daß seit dieser entsetzlichen Zeit viele Dörfer Jahre lang leer und unbewohnt blieben. Die Dillinger Chronik schreibt: „Neun ganze Jahre lang blieb unser Dorf unbewohnt. Da ist alles zu Hecken und Gesträuch geworden. Anno "1644 haben sich die Leute von Hungen, wohin sie geflüchtet waren, wieder hierher begeben, anfangs nur 16 Mann." Von der Burg Gleiberg schreibt ein nassauischer Beamter im Dezember 1635: „Der Zustand dieser Orte ist sehr schlecht ,und könnte wohl nicht schlechter sein, weil alles total ruiniert ist, die Leute häufig geflohen und alle Orte fast zur Hälfte, teils um ein ziemliches mehr ausgestorben find."
Wohl haben auch wsr stark unter den Folgen des Weltkrieges zu leiden. Hunger, -Unterernährung, Arbeitslosigkeit, Krankheit, Druck 'der Feinde lasten schwer auf unserem Volk. Aber im Vergleich zu den Schireckensjahren 1634 und 1635 ist unsere gegenwärtige Zeit doch noch eine goldene zu nennen.
men. Mit 3000 Reiten', und 500 Musketieren brach Landgoas Wilhelm, am 3. Juni, also am Freitag vor Pfingsten, in Kassel auf. Ihm folgten einige hundert mit Mehl und Schlachtvieh beladene Wagen. Der Marsch ging über Frankenberg und Kirchham durch das Dusecker Dal nach der Wetterau. In dem Städtchen Wetter a. d. Lahn hausten die Soldaten am 5. Juni in geradezu unmenschlicher Weise. Treumund schreibt: „Ohne Säumen brachen die Soldaten mit drohendem Geschrei in die Häuser, zerschlugen die Kisten und Kasten, rissen das Vieh aus den Ställen und begannen das Werk der Plünderung und Gewalttat. In allen Straßen und auf dem Marktplatz herrschten Flucht und Geschrei, Verwirrung, Ratlosigkeit und Entsetzen. Ein Teil der Bürgerschaft war nach der Kirche geflohen. Aber auch hier hatten bereits die schauerlichen Auftritte begonnen. Soldaten trugen Kelche, Altartuch, Kan- zeldecke und Opfergeld aus der Kirche weg. Der Fußboden war mit zertrümmerten Stühlen, zerschlagenen Orgelpfeifen und Fensterscheiben bedeckt. In diesen Tagen wurde der Wohlstand des Städtchens auf ein Jahrhundert hinaus vernichtet. Und tief betrübend ist es für jeden Hessen, daß es nicht bloß Schweden, feit» Lern auch hessische Krieger waren,-die hier, jedes menschlichen Gefühls bar, wie Tiger ‘ gegen Stammes- und Glaubensgenossen hausten." Auch Allendorf a. d. Lumda plünderten sie „an Pferden, Vieh und anderem" aus und erschossen verschiedene unschuldige Leute. Die Grünberger, die auch zu den „abgefallenen kaiserlichen Schelmen gehörten" gehörten, flohen daher aus berechtigter Angst schon am 5. Juni nach Laubach, dessen Graf ja mit den Schweden befreundet -war. -Doch berührte der Zug Leslhs kaum die Grafschaft. Dieser vereinigte sich am 12. Juni bei Windecken mit dem Landgrafen Wilhelm. Die Schweden schlugen dann ihr Lager bei Kloster Ilbenstadt auf. Dahin'mußten die Hessen-Darmstädter starke Kontributionen an Geld, Kleidung und Proviant liefern, so die Grünberger nach Glasers Geschichte der Stadt Grünberg 31/2 Ohm 9 Viertel Wein, 3 Fuder 1 Ohm Bier, 5198 Pfund Brot. Sogleich-nach ihrer Vereinigung begannen die Hessen und Schweden den Angriff auf die die Stadt Hanau umschließenden Verschanzungen der Kaiserlichen. Nachdem folgenden Tages die Hauptschanzen genommen und Lamboys Scharen über den Main gedrängt waren, zogen die Befreier in Hanau ein und versahen die hungernde Stadt mit Lebensmitteln und mit Kriegsvolk. Den Tag der Befreiung feierten die dankbaren Bewohner der Grafschaft Hanau alljährlich als ein dem Gottesdienst und der Volksfreude geweihtes Fest. Wie ein Aufsatz im „Daheim" sagt, zieht nach nunmehr 250 Jahren der echte und gerechte Hanauer Eingeborene an jedem 13. Juni mit Weib und Kind und Kegel nach dem Lam- bohwald. um dort von früh bis spät, nötigenfalls auch bis zum anderen Morgen das in seinem Festkalender doppelt rot äugest richene Lamboyfefl zu feiern.
Die Befreier der Stadt traten schon nach 4 Tagen den Rückweg wieder an; denn die Wetterau war damals so verödet, daß man kaum einen Menschen, viel weniger Lebensmittel, antraf. Pfarrer Kirchner von Hochweisel schrieb am 6. September des genannten Jahres: „Dieser wetterauische Kreis 'hat wegen der Stadt Hanau einen sehr großen Schaden erlitten, hat kerne Bebauung der Felder oder sonstige Hantierung getrieben werden können und sind viele tausend Menschen Hungers gestorben. Es hat sich in dem nassauischen Dorfe Ruppershofen zugetragen, daß eine Mutter ■ mit ihren armen Kindern großer Hungersnot chalber ihren verstorbenen Baier angegriffen, etwas von seinem Leib gekocht hat, um davon zu essen. Viele Menschen, welche starben und nicht be- ! graben werden konnten, wurden von Hunden zerrissen. Diese Nachricht fand man im Jahre 1798 bei einer Reparatur des Krrch- ! daches zu Hochweisel im Knopf des Turmes. Darum eilten Hessen und Schweden, wieder aus dieser wetterauischen Wuile hevauszukommen. An Friedberg, wo der Wachtineister Volperi, eine Belagerung fürchtend, die Usagasse und die Vorstadt „aum Garten" abbrennen ließ, ging der Rückzug vorbei. Als man am 18 Juni in die Arche von Butzbach kam, mutzte diese Stadt autzer- ordentliche Mengen von Lebensmitteln liefern, dafür geschah ihr aber sonst weiter nichts. Der Rückzug ging nun wieder durch Daä Busecker Tal bis zur Amöneburg, die sich am .21. wuui ecga», w-ovanf die hessisch-schwedische Armee bei Kirchhain ein Lager bezog. Von hier aus wurden Wetter und andere umliegende darmstädtische Ortschaften zum zweitenmal aufs schändlichste aus- geplündert, trotzdem. Landgraf Wilhelm einige Verbrecher hm- richten ließ. In das schwedische Lager mutzten die Grünberger schicken: 4800 Pfund Brot und 10 Ohm Vier; bei einer zweiten Lieferung 278 Paar Schuhe und für 76 Taler Leinwand und Gnm- berger Flachstuch. Außerdem verlangten die Schweden von Overhessen 100 000 Taler Brandschahungsgelder, von welcher Summe auf die Stadt Grünberg 2451 Taler entfielen. Scham wach drer Tagen verließen die beiden Armeen das Lager bei Kirchham and brachen nach Frankenberg auf. Sv hatte das Kriegswetter, ErchW vom 5. bis 25. Juni 1636 über unserer Gegend schwebte, sich doch wieder ziemlich schnell verzogen.
(Fortsetzung folgt.)
6. Die Entsetzung HanauS.
Im Jahre 1636 unternahm es Landgraf Wilhelm V. von Hessen-Kassel, mit den Schweden unter Lesly, der von dem kaiserlichen General Lamboy belagerten Stadt Hanau zur Hilfe zu kom-_________________________________________
Schriftleikmg: I. D.: Hein» Gorrenz. — Druck und Verlag de« Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange. Giesteu.


