Ein Böser meinte: „Das ist alles Schwindel: sie wollen gar leinen großen Mann: der wäre ihnen ja nur unbequem!"
Aber das ist Verleumdung; sie konnten schon um deswillen die großen Männer nicht wählen, weil sie sie gar nicht bemerkt hatten. !
Von alten Gießener SchanKstätten.
Von * * *
(Nachdruck verboten.)
Wer hätte nicht schon einmal etwas von der „Rose" in Jena gehört, von der es int Deutschen Kommersbuch heißt: „Auf der Rose, welch' ein Vier, Fuchspanier! Ach, wie rosig kneipt sich's hier!" — oder vom Heidelberger „Seppel", vielleicht auch von der „Alten Fink" in Göttingen, in der einst studentischer Äeberliefe- rung nach eine Postkarte aus Amerika richtig eintraf, die nur die Anschrift trug:
„Alte Fink — Europa."
Auerbachs Keller in Leipzig im Gedächtnis der Nachwelt sestzu- halten, hat selbst ein Goethe nicht verschmäht. Solche Kneipen cm den hohen deutschen Schulen waren Hochburgen des Gain- brinus oder des göttlichen Bacchus, seit alter Zeit besucht von fröhlichen Burschen und ehrbaren Philistern, von den jungen Füchsen erstmals nur mit einer Art frommer Scheu betreten.
Die Zeiten haben sich geändert. Die alten DurgGc des königlichen Brauherrn Gambrinus sind mehr oder weniger berg ödet int Vergleich von einst und jetzt. Mit dem Falle jener Burgen, die wir im Auge haben, schwinden die Stätten einstigen gcM selligen Lebens. Es bleibt nur die Erinnerung an ein urwüchsiges Burschentum, an seine Freuden und Leiden ura> au seine Freunde aus dem Philisterstande, die Genossen mancher frohen Stuitden.
Unser liebes Gießett besitzt zur Zeit noch solche eilte alte Studentenkneipe — bekannt, ja berühmt in alten und jungen Akademikerkreis en im ganzen Hessenlande, unb gewiß noch darüber hinaus. Es ist „Der Lotz", wie er in älteren Zeiten nach seinem einstigen Eigentümer, dem Bierbrauereibesitzer Theodor Lotz genannt wurde. Der heutige Name der Wirtschaft „Ins Lotze" ist falsch — der alte Gießener Student ging ebenso wie der „Philister" „in den Lotz" — zum Früh-, zum Spät- und zum Abend- schoppen. Jeder Gießener weiß, daß das alte hochgiebelige Haus im Seltersweg, der Hauptverkehrsader Gießens, „der Lotz" ist.
Wie lange die Veste dort wohl stehen mag? Einst besaß sie noch einen Bruder, den alten „Andres" in der Sonnenstraße. Schon lange wich dieser einem Neubau, einer aus Quadern und Klinkern erbauten Bierhalls — ohne altüberlieferte Gemütlichkeit. Wie gerne hörten doch noch einmal die Nachbarn des alten „Andres" das Toben bet' „Schlacht von Hanau", die alljährlich beim Aleanstich geschlagen wurde — mit Kommandorufen und Paukenschlägen, mit Schnellfeuer und Kanonendonner. In diesem alten „Andres" verkehrten die Burschenschafter, die „Germanen" und „Alemannen", die mit den später gegründeten „Adelphen" dort manchen Strauß um die Hegemonie ausfochten. Die Familie Weidig verzspfte den selbst gebrauten köstlichen Trank und an kräftiger Studentenspeise, Hähnen (Handkuss), Schweinerippchen unb -Höschen fehlte es niemals: „Die schönsten Höschen hat unstreitig tu Gießen der Herr Andres Weidig" lautete ein bekannter Beim! Variatio delectat! Es herrschte ein inniges Einvernehmen zwischen „Weidigs'ch und „ihren" Studenten, an deren „st e t s bereite Zahlungswilligkeit" nach altem, auf den Hochschulen gepflegten Herkommen niemals allzu hohe Anforderungen gestellt zu werden pflegte. Gor manchs Gaststätte besaß eine niemals versiegende . Pumpe! So wie die Wirtsleute, gingen in Gießen gewisse Schneider, Krawattenmacher und besonders der alte „Kappenschuster" Rübsamen auf der Mausburg, freundlichst sei seiner hier gedacht, jähre-, ja bei höchst seltenen Ausnahmen sogar jahrzehntelang ihrer einstigen „Kundschaft" nach, die alles „auf die Kreide nahm und immer auf dem Hund war". Nur dann, wenn der Kredit gar zu lange in Anspruch genommen wurde, kamen bei den Angehörigen aller Fakultäten, bei Herren, die sich längst in Amt und Würden um> doch immer noch in Geldnöten befanden, die üblichen „Tretbriefe" an, kam wohl gar der Postbote, um einen Zahlungsbefehl zuzustellen — Geldknappheit von einst und jetzt sind zwei grundverschiedene und doch. so eng verwandte Begriffe. Noch eine andere Gießener Wirtssiätte, der Felsenkeller, ist erhalten geblieben, freilich in vollkommen veränderter, neuzeitlicher Gestalt, Heber feine Gründung ist der Teutonen- chronik zu entnehmen, daß am 6. Juli 1840 der Bierbrauer und Wirt Balthasar Loos den hochlinks am Wieseckufer liegenden „ Felfenkeller" einweihte, in dem er sein nach bewährtem bayerischen Muster aus Hopfen, Malz und Wasser — ohne Surrogat- Nepcmsch — hergestelltes gutes, „gesundes" Bier ablagerte. „Er errichtete am Felsenkeller einen Mast, die Studenten stifteten dazu rin« Fahne in den hessischen Farben Not und Weiß, die aufgezogen wurde, sobald sich wenigstens ihrer zwei dort befanden. Die Einweihung verlief unter lebhafter Beteiligung mit einem humoristischen, öffentlichen Aufzuge. Der Student W. Schuchard (später Oberamtsrichter in Gernsheim) kommandierte zur Feier des Tages und zum Gedächtnis der Einweihung durch das große Sprachrohr des „Turmmannes" Bauer einen Riesen-Salamander. Der Teutone
„ShiQ“ Knapp hielt in Kniehosen und chapeaubas die Festrede voll Witz und Humor. 41. a. rief er mit erhobener feierlicher Stimme: „Groß ist die Not, denn sie bricht Eisen, größer ist der Durst, denn er hat Felsen gesprengt" usw., „von allen irdischen Losen Preisen wir dich, Balthasar Loos", an den er dann — mit welchem Erfolg, läßt der Chronist dahingestellt — die Worte richtete: „Dein Schuldbuch sei vernichtet", um schließlich den kostbaren Dierstoff aus einer von seinem „Leibknappen Konstantin Reitz überreichten großen Spritze über feine Umgebung auszugießen". Später übernahm den Felsenkeller Balthasar Lenz. Er war geschätzt und beliebt,in weiten Gießener Kreisen — sogar Justus Liebig verkehrt« bei ihm. Sein trockener Humor und sein „oder aber", das er beim Gebrauch der Muttersprache recht häufig anzuwenden Pflegte, sozusagen in jedem Satze, ergötzten seine Freunde. Als unser berühmter Justus Liebig einst einen ehrenvollen Ruf erhielt, nahte ihm Balthasar Lenz mit den Worten:
Großer Mann, wohin? Doch nicht gar nach Wien?
Oder aber sag' ich — Bleibe lieber dasig!
Eines Tages unterhielten sich einige Mediziner in seiner Gegenwart über die Funktionen des Herzens. Balthasar Lenz äußerte den Wunsch, einmal einen „Herzbändel" zu sehen. Solches wurde ihm zugesagt. Schon anderen Tages brachten ihm die Studenten einen blutgetränkten „Herzbändel". Der alte „Vater Lenz" betrachtete, sich den seltenen Gegenstand recht, recht lange und sagte alsdann: „Meine Herren, ich danke Ihnen,sehr, oder aber hätte ich nie gedacht, daß der „Herzbennel" ein ganz gemeines Stück Kordel sei."
De? obengenannte Balthasar Loos besaß als Stammwirtshaus einen langen schmalen Bau in der Marktstraße, der einstmaligen Marktgasse, dort, wo jetzt das SiesÄsche Geschäftshaus fleht. Das Wirtszimmer wurde hiernach „Loose Rieme(n)" genannt. Im Hofraum lag ein großer Misthaufen, der den Wohlstand seines Besitzers bezeugte, im Sommer duftend und fliegenumschwärmt. Wenn es int „Rinne" zu muffig wurde, nahmen die Studenteni ihre Stühle und setzten sich dem Misthaufen längelangs in den Hof — was genierte das in der guten alten Zeit den Misthaufen! Wie der Gießer Student an diesem Erdenfleck hing, beweist! folgende Geschichte. Nach langer Poflkutschenfahrt kam ein feudaler Gießener Studio auf Besuch nach Heidleberg. Dort wurde er, fest- fröhlich empfangen, in ein feines Hotel geleitet, man erfrischte ihn int „Seppel" und führte ihn dann hinauf aufs Schloß. In stiller Bewunderung stand der Jüngling hoch oben auf, der Terrasse, wohl dort, wo jetzt Viktor Scheffels, des feuchtfröhlichen Sängers, ehernes Wandererstandbild über die einzig schöne Schloßruine hinüberblickt nach den Hügeln der weinfrohen Pfalz. „Nun. was sagst du jetzt," fragte schönheitstrunken ein Heidelberger den ebenso schönheitsdurflenden Gießener Kommilitonen. Der aber entsann sich der Schönheiten der Heimat und gab dem Frager die klassische Antwortz: „Lind e# geht doch nix übers LooseRieme."
Hinter dem Wirtshaus betrieb Loos die altrenommierte Brauerei, die zur Zeit noch der Firma Piflor Nachf. als Lager- rcmm dient. Heber der Eingangspforte des alten Brauereigebäudes ist eine mit Emblemen und Wappen ausgeschmückte Erinnerungstafel angebracht, auf der in noch vorzüglich lesbarer Schrift — drei Worte find davon auszunehmen — eingemeitzelt zu lesen ist:
Anno 1671
Johannes Oßwaldt, jetzt im Raht der Jüngst Herr — hak dieße(n) platz erwehlt zum Bräuhaus (bis zum Tod?). — Nachdem H. Daltzer Schmidt zum Erste Mahl versehe das Bürgermeister Ambt, ist dießes so geschehe(n) mit Will des gantzen Rahts, daß eben in dem Jahr da Peter Reutter auch mit Bürgermeister war.
Gedenke, wer Du bist Und gehest hier vorbeh, Daß es zum großen Nutz der Festung Gießen seh.
Bor diesem alten Bau war einst der Schauplatz eines köstlichen Duells. Zwei junge Gießener, ihres Zeichens Schreinergesellen, nominal sunt odiosa, hatten zuviel vom Loosschen Starkbier und von des Wirtes süßlichem Schnaps, von den Gästen „Hercht" genannt, getrunken. Es war schon um die Mittagszeit. Sie gerieten in Streit, ihre Köpfe röteten sich. Ein Wort gab das andere. Den Verbalinjurien folgten Taten. Was die „Sturrente" konnten — das konnten auch die Schreiner. Studentei» und Philister schürten noch das Feuer und prompt forderte der Besitzer der Backpfeife den Gegner auf Pistolen. Studenten und Philister traten zu einem „gemischten" Ehrengericht zusammen, das selbstverständlich die schwersten Bedingungen genehmigte und den sofortigen Austrag der Forderung verlangte. Man setzte die ' „Dujellcmte" zunächst in verschiedene Räume, holte zwei Schießeisen herbei und „stopfte" ihre Läuse unter Zuhilfenahme von Kvrkstopsen mit — der Brühe von roten Rüben! Hieraus wurden die Gegner herbeigehvlt, die Distanz von zehn Schritten wurdq abgeschritten, der „.Unparteiische" zählte: Eins, zwei, drei und einer der Helden fchoß auch, wirllich los, nicht ohne daß er zuvor vorsichtigerweise die Augen zugemacht hatte. Als er sie nach einiger Zeit wieder öffnete, sah er seinen Gegner „blutüberströmt vor sich liegen. Die Pistole fortwerfen und — fliehen war eins. Der siegreiche Schütze versteckte sich unter seinem Bette, wo man ihn gegen Abend vorfand. Man brachte ihn nach langem Sträuben»


