Samstag, Sen 5. Mi
Hummer 28
Jahrgang (924
An die deutsche Seele.
Seele, du schleppst dich durch Wüsten und Sani) . . , Streckt sich nach dir noch des Ewigen Hand?
Sage, wo ließest du Stecken und Stab?
Wankst du bergunter ins gähnende Grab?
Einst auf den Hohen — wo suchst du sie nicht! — Küßte die Stirn dir das himmlische Licht . . .
Hast du kein Krönlein von ihm dir bewahrt? Lacht dir kein Stern mehr bergabwärts die Fahrt?
Seele, du Fremdling im Väterrevier,
Suchst du ein Trostwort? ... Dort flammt es herfür:
S t irb u n d wer de! Aus Blut und Brand Steige, geläutertes Vaterland!
Paul Grvtvwsky.
schiedene Güter und verschiedenen Vang haben? Haben sie nicht alle zwei Arme, zwei Deine, einen Kopf, ein Herz und die Aase mitten im Gesicht? Sind nicht alle Menschen gleich? Freilich unterscheiden sie sich wohl in Rebendingen, und wenn ich sie alle viereckig hobelte, so würde mir der Alte das übelnehmen; aber ich will ihnen viereckige Gesetze geben, dann werden sie mit der Zeit von selbst viereckig und glücklich werden. So tat er und gab ihnen quadratische Verfassungen und Gesetze, nach denen sie alle dasselbe galten, alle dieselben Rechte hallen und alle dasselbe tun durften, wodurch sie folglich noch glücklicher wurden. Dabei hatte er zunächst nur an die Männer gedacht; aber bald genug fiel ihm ein, daß es ein Ülnfug sei, die Frauen anders zu behandeln als die Männer. Hallen die Weiber nicht genau so gut zwei «Arme, zwei Beine, einen Kopf, ein Herz und die Aase mitten im Gesicht? Gewiß gab es auch hier einige kleine -Unterschiede, und die Weiber eckig machen wie die Männer, das Dschien ihm wieder §u viel gewagt, gelang ihm auch möglicherweise 'nicht. So bestimmte er denn, daß wenigstens alle Frauen dieselben Rechte haben sollten und dasselbe tun dürften wie die Männer, was das Glück der Menschheit abermals um ein. Beträchtliches erhöhte. Und ferner und ferner übte sein linealijcher Zepter und Zauberstab die segensreichsten Dinge: da sich sogar in Amerika mehrere Leute betranken, so verbot er allen ohne Unterschied den Wein; da unreife Buben schon rauchten, so zog er ihnen nicht das Lineal über die gestrammte Hose, sondern untersagte allen Erdbewohnern den Tabak, danach auch den Kaffee, den Tee, das Fleisch; Köpfe, die nicht in die allgemeine Menschenreihe paßten, schlug er mit einem trapezförmigen Belle ab; Könige machte er zu Eckenstehern und Eckensteher zu Königen, kurz: die Menschheit wußte schließlich vor Glück nicht mehr ein noch aus.
Glücklicherweise vergaß der Genius der Viereckigkell nicht die Kunst. Er kam zu mir und begnadete mich mit der Idee eines Bildes, das ich alsbald auf die Leinewand warf. Es war ein Wald mit viereckigen Bäumen, viereckigen Blumen, viereckigen Nachtigallen und einer viereckigen Sonne, und in der Mitte saß die Göttin der Selbstverständlichkeit mit viereckigen Augen und viereckigen Brüsten auf einem Wagen mit viereckigen Rädern. Da noch viele andere Künstler so malten, die viereckigen Zeitungen nur solche Bilder gelten ließen und der Geschmack des Publikums schon aus Angst viereckig war, so bekam ich so viele viereckige Dukaten dafür, daß sie mir die Taschen zerrissen.
Das brachte mich auf eine — nach Miner Meinung glänzende — Idee. Ich wurde Wckgenbauer und baute lauter Wagen mit viereckigen Rädern, ließ sie bei der BehöM schützen unter der Marke ,,Fortschritt" und versprach mir ein Niesengeschäft. Aber die reaktwnäre Menschheit war für meinen Gedanken nicht reif; sie behauptete, meine WageNNämen nicht vom Fleck.
Bald darauf erwachte auch der liebe Herrgott. Seltsamerweise ' nahm er dem Genius das Lineal aus der Hand, schlug es ihm ein paarmal um die Ohren und sagte lachendp, „Du Tölpel! Eure Gedanken sind nicht meine Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege. Das Gerade ist gerade das Krumme, und das Krumme ist gerade das Gerade. Das wirst du nicht verstehen, aber denk' darüber nach!"
3. Sie suchen den großen Mann.
Ein zahlreiches Volt befand sich in tiefster Schmach und Rod .Und alle riefen: „Wo ist der große Mann, der uns hilft? Rur ein großer Wann mit überlegenem Geist und eisernem Willen kann uns retten! Wir brauchen einen großen Mann, einen großen Wann!" 1 „ . m
„3a,“ rief ein Leimsieder, „wir brauchen einen großen Wann um des Gemeinwohls willen; aber es muß ein Leimsieder fein; denn wer soll sonst die Interessen der Leimsieder vertreten?!
„Rein," rief ein Dierwirt, „einen großen Mann braucht das Gemeinwohl; aber ein Bierwirt muh es sein; wer soll sonst für unsere gerechteii Forderungen einstehen?!"
„Richt doch," ries ein Torsbauer, „daß das Gemeinwohl einen großen Mann fordert, ist gewiß; aber es muß ein Dorfbauer sein; denn -ver sollte wohl sonst für uns Torfbauern, sprechen?!
So schrien 48? Gewerbe durcheinander; denn jeder wollte ein möglichst großes Stück von dem Kuchen, den er „das Gemeinwohl" nannte. Sie wählten denn auch eine Rationalversammlung, in »ei jedes Gewerbe und jeder Stand vertreten war; nur eine Gruppe von Menschen war gänzlich ausgefallen: die der große» Männer. Weil ihrer natürlich so wenige waren, daß ihre Stimme» ! nicht ins Gewicht fielen.
Drei unbequeme Fabeln.
Von Otto Ernst.
1. Die heilige Kunst.
Auf meinen Forschungsreisen gelangte ich in ein Land, das von einem zurückgebliebenen Volke bewohnt war. ihn mir ein Bild von seiner Kultur zu verschaffen, besuchte ich ein Theater. Wan gab ein „Lustspiel". Drei Akte hindurch, zweieinhalb Stunden lang drehte sich alles und jedes um das bekannte Eine. Die Kunst der Verfasser — es waren diesmal nur zw^i — bestand darin, daß sie alles sagten, ohne es auszusprechen. Jeder Gedanke, jedes Gefühl war Zote; aber, sie umkreisten mit seiltänzerischer Sicherheit den letzten, ehrlichen Ausdruck, ilnd das Publikum, Männer und Frauen, Jünglinge und Jungfrauen, wälzte sich vor Vergnügen über die erstaunliche Kunst, daß dis da droben immerfort unflätig waren, ohne unflätige Worte zu brauchen, daß sie unaufhörlich um den SchnHitz herumtanzten und immer im letzten Augenblick vermieden, hiMnzutvetsn.
In einem anderen Theater tanzten sie wirklich und machten eine Riggermusik dazu; da hieß es eine Operette und Halle sieben Verfasser. ' .
Wo in den großen Städten dieses Landes dreißig Theater waren, da übten zwanzig diese Kunst; wo eines war, da mußte es diese Kunst pflegen, um bestehen zu können.
„Diese Wesen," dachte ich bei mir, „stellen eine merkwürdige ilebergangsstufe zum Menschen dar. In ihrer erotischen Verblödung ist ihnen geistiges Schamgefühl offenbar noch vollkommen fremd. Aber'nicht einmal so etwas wie Herz^nsschande schsi^en^ sie zu empfinden." - ”
Ich mochte wohl etwas laut gedacht haben; denn alsvalü imirde ich von mehreren Theaterbesuchern angeschrien, ich sei ein Mucker und wolle die heilige Freiheit der Kunst antasten. „Je nun," sagte ich, „die innigste Vereiniguing von Mann und Weib ist nichts -Unreines; sie kann etwas Hohes und Heiliges sein. Aber sie auf den Markt bringen, ist Hundebrauch. Rur, daß di« Hunde fein Eintrittsgeld nehmen."
2. Der Genius der Viereckigkeit.
Als der liebe Goll einmal feinen Mittagsschlaf hielt — ein Mittqg im Himmel bedeutet mehrere Jahrhunderte auf Erden — naimt 'ein ehrgeiziger Engel die Zügel der Weltregierung in die Hand. Die merkwürdige Vorliebe des Herrn für gebogene Linien, für runde Formen, überhaupt für eine mannigfaltige und krause Wsttordnung, hatte ihm schon lange mißfallen; er war überzeugt, daß sich das alles viel einfacher und übersichtlicher machen ließe. Er bewaffnete sich also mit einem riesigen Lineal und einem Bleistift und ließ sich auf das gesegnete ,Land Amerika hernieder. Die krummen, schiefwinkligen und malerischen Gassen und Märkte der menschlichen Wohnorte waren ihm schon immer ein Greuel gewesen und so entwarf er nun am Lineal die Bebauungspläne von Renhork, Boston, Philadelphia, Chicago usw., lauter senkrechte und wagerechte Linien, die sich rechtwinklig schnitten, wie es sich gehört, so daß man - die Straßen nur noch durch Rummern unterscheidsn konnte. So machte er die Bewohner aller dieser Städte glücklich. Als er sich aber diese Bewohner Mbit betrachtete, sagte er sich: „Ist es nicht ein barer -Unsinn, daß diese Menschen verschiedene Rechte, verschiedene-- Pflichten, ver-
Gießener zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger


