Gichener ZamilieMStter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang <92^ Samstag, -en Z. Mai Nummer
Frau fein.
Don Emma Müllenhvff, Frau fein das heißt, in andre sich versenken. Das beste seines Wesens froh verschenken, Durch dunkle Tage ruhig schaffend gehn, ilnb hinter Wolken doch die Sonne sehn. 8rau fein heißt lieben, hoffen und vertrauen, ns Morgenrot die goldnen Brücken bauen, Die Drücken, die kein Wettersturm zerbrich^ Drauf andre Herzen leise gehn ins Lichtl
Frauengrötze.
Don Paula Messer-Platz, Gießen.
Ich trage ein Geheimnis. Ich trage es immer mit mir, auch Les Nachts. Gerade des Nachts, well sonst die Nächte so dunkel und müde machen. Und des Tags muh ich es bei mir tragen, weil die Tage sonst so ruhelos sind und so hoffnungslos. Nle-- mand weiß es, nur manche ahnen es. Ich darf meine Augen wohl nicht so blau und hell aufschlagen, sonst fragt man: Was erlebst du, deine Augen strahlen ja? Aber mein Geheimnis strahlt. Ob mein geschlossener Mund In seiner wissend-heiteren Linie es verrät, weil man mich fragt: Du lächelst, und es sind so ernste Zeiten?! Ja, aber der Ernst sitzt nicht mir im Munde, sondern tief im Herzen, und er sitzt du so dunkel und schwer und heim- berechtigt. baß ich ihn lang schon nicht mehr bitte: Geh! Mit wem könnte ich sonst alle meine Sorgen besprechen! Wie ohne ihn die Dächte durchwachen, schlafmüde und Auswege suchend! Aber ich habe ein Geheimnis. Anderen käme es vielleicht armselig vor, darum trage ich's ungezeigt bei mir. In stiller Nacht kommt es Smtr, und wir schauen uns stumm ins Angesicht. And je länger i das Geheimnis betrachte, desto größer wird es, desto leuchtender und bedeutungsreich-er. Mein Alltag, der mir alltäglich schien, wird da feierlich, und mein Tagewerk, das klein und ärmlich neben mir liegt, erhält Schimmer und Größe. Nur in einem letzten, heimlichen Winkel klagt und nagt es in mir: Hausfrau, nur Hausfrau!? Alte Probleme winken, alte neue Ideen, Entwürfe, Linien, Zusammenhänge, Farben, Lösungen weinen ungelöst vorüber ... Sünde, Sünde sein Pfund vergraben? Sünde, Sünde! Wo ist mein Werk?! Einmal ein Werk schaffen wollt ich doch, irgendeines. Nur sagen sollte es vom Unsagbaren. Ob in Farben, in Systemen, in Tönen, nur fassen sollte es das Ansatz- bare. Es fassen, es sagen und dann fertig sterben. Hast du nicht so, gleich jedem schöpferischen Menschen, dein Werk und dein Ende vvrausgewollt und geplant? And nun?
And nun? In stiller Nacht sehe ich meinem Geheimnis stumm ins Angesicht und wälze meine Einsicht und mein Wollen und mein Inneres um. Ich Weitz jetzt: es fassen, schweigen und leben! Fertig sein ist schön, aber es ist der Tod. Fertig werden ist schöner: denn es ist das Leben. Ist Kraft, ist Tätigkeit, Sieg. Dur bewußt mußt du deines schaffenden Glückes sein, Frau und Sch,Westerseele. Du klagst: Ich werde nie fertig! Versuche, dich einmal zu freuen: Ich werde nie fertig! Aber du klagst: Mein Werk, mein Lebenswerk, das ich vollbringen wollte, wo blieb das? Gin Werk, das allen not tut, das alle erheben sollte, alle stärken sollte. Es blieb ungetan, und ich leide. Was fragst du? Du stehst deinem Werk so nahe, daß du es nicht siehst: Du selber hist im Werden als dein stilles, dein großes Lebenswerk. Es gibt Größeres als Schöpfungen in Farben, in Systemen, in Tönen: aus sich selber einen dienenden, herrschenden Menschen machen, ein Faßbares vom Anfaßbaren.
Frau Hausfrau, Mutlose, Entsagende, allen Dienende, alles Leistende:' hast du Fülle in dir und Schöpferisches und Mittel- vimktsehnsucht, so vergiß den Schwur deiner Jugend nicht, vergiß dein Werk nicht in all deinem Tagewerk und Klemwerk: Arbeite an dir selber als an deinem großen Werk und Beispiel!
Du aber du Frau, du Hausfrau, du Schwesterseele, zu der ich rede, du, die durch Kleines groß werden soll: du brauchst mein Geheimnis. Dir gebe ich mein Geheimnis: Tue alles scheinbar Gewöhnliche ungewöhnlich güt!
Die Haustochter von heute.
Bon Agnes Harder.
Früher, in der Zeit unserer Mütter und Großmütter — denn das richtet sich nach dem Alter der Frauen, die diese Zeile« lesen — schenkte man den jungen Mädchen „Unfete Pilgerfahrt von Elise Polko zur Einsegnung. Darin sah die Erwachsene, die zum erstenmal ein langes Kleid trug, ihr Bild wie im Spiegel. Gin sehr reizendes Bild. Ein jmiges Mädchen, das sich überall neben der Mutter im Hause betätigte, wie Werthers Lotte für bl« Kleinen das Butterbrot schnitt, im kleidsamen Mvrgenhäubchen Staub wischte, kochte, Kuchen buk, ein Lesekränzchen hatte und auf Bälle ging. Ja, sogar die unglückliche Liebe zu einem Offizier, die an der Kautionsfrage scheiterte, fam „in diesen Lebensbildern vor. Sie stimmten im ganzen mit den Mvrgenjahren glücklicher Jugend überein. Der Vater, der am Abend in das Familien» zimmer kam, sah lächelnd, wie sich der blonde Kopf der Tochter über eine feine Handarbeit neigte. Das Buch, das wie ein Flammenschwert dieses mit der Zeit erheuchelte Paradies zerschnitt, war Gabriele Reuters „Aus guter Familie". Aus ihm sprach anklagend die neue Zeit.
Denn das geschilderte Paradies hatte eine häßliche Nachtseite: die gealterte Haustochter. Sie, die noch mit auf Gesellschaften eingeladen wurde, weil es nicht zu umgehen war, wenn der Vater eine Stellung hatte: deren Tischplah aber schon die größten Schwierigkeiten machte. „Wem soll man sie denn geben? Sie ist doch fünfundzwanzig!" Die ein jammervolles gequältes Dasein zwischen naserümpsender, triumphierender Jugend und mitleidig herablassendem Frauentum führte. Martyrien sind hier ganz still gekämpft, die nur zu oft ein Ende in der Nervenanstalt fanden. Denn es kam der Egoismus der Eltern dazu, der solch eine alternde und später alte Haustochter für sich verbrauchte, ohne die kleinste Selbständigkeit als Entgelt, ohne die Erlaubnis, einen männlichen noch so harmlosen ilmgang zu haben, ohne eigene Geselligkeit, ohne jeden Ausdruck ihrer Persönlichkeit. Sei Haustochter, sei bestenfalls Tante, und klage nicht. Großes Talent setzte sich durch und brach mit der Familie, kleines verzichtet^ zerbrach sich an den Tränen der Mutter. Auswege in die Freiheit bildeten nur der Lehrerinnenberuf und das Diakonissenhaus.
Da setzte die Frauenbewegung ein. Heute können unsere jungen Mädchen sich gar nicht mehr verstellen, was für einen seelischen Sturm sie im Gefolge hatte. All diese Studentinnen, Redaktricen, Oberlehrerinnen, Dureauarbeiterinnen, sie sollten den wenigen überlebenden Kämpferinnen aus jenen Tagen, deren Namen sie oft nicht einmal mehr kennen, ewig dankbar sein. Heute haben wir in Dr. Gertrud Bäumer einen weiblichen Ministerialdirektor. Die Frau hat das aktive und passive Wahlrecht tote haben weibliche Aerzte und Professoren. Das Ziel der äußeren Gleichberechtigung ist erreicht. — Ob es wirklich das einzig zu erstrebende war? Schon beginnen die Zweifel. Bei jungen Bewegungen wird immer über das Ziel geschossen, auf beiden Seiten. Hausarbeit und häusliche Wertung schienen in jenem ersten Rausch der Freiheit garnichts mehr zu gelten. Auch die nur mittelmäßig begabte Tochter besuchte das Gymnasium, wie es der mäßig begabte Sohn von jeher getan. Da lenkten die Führerinnen ein, lange ehe der Krieg kam. der mit seiner häuslichen Not die Dinge von selbst zurechtrücke. Ja. lange vorher, und auch das ist der Frauenbewegung zum Dank zu rechnen. Auf der der großen Ausstellung „Die Frau in Haus und Beruf" wurd« der Kochtopf öffentlich in all seine alten Rechte wieder eingesetzt, und was seitdem geleistet ist in Frauenfchulen in der Stadt und auf dem Lande, in der Fürsorge und auf allen Gebieten deq Hauswirtschaft zeigt, daß die häusliche Frau ihren Wert neben der gelehrten voll behauptet. Das Lettehaus war ja schon viel früher vorbildlich, das Pestalozzi-Fröbelhaus kam dazu, die Namen Dr. Hedwig Heyl, Ida von Korzfleisch leuchten hier tote Sterne. Die ganze soziale Fürsorge gliederte sich an, so recht ein Gebiet der Frau, die im Organischen arbeiten will, wachsen sehen muß Entwicklung spüren, soll sie befriedigt sein, weshalb denn alle Vureauarbeit nur ein Aeberaang für sie ist, eine neue Form des Wartens auf den Mann. Als nun der Krieg kam, das Ungeheure Wirklichkeit wurde, fand er ein erzogenes Frauengeschlecht, das sofort vom ersten Tage an Im nationalen Frauen- dienst seine Pflicht erfüllen konnte.
Wie entließ nun aber der Krieg die Haustochter, al8 seins eiserne Sckule vorüber war? Wir wissen alle, daß sich die Der-


