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Ein Traum aus 1001 Nacht.
Aus: ColinRvß, DerWegnachOsten.
(Leipzig, Brockhaus.)*)
Ich kenne Bagdad nicht und weih nicht, ob es dort noch Winkel und Gassen gibt, in denen man sich in die Zeiten Harun ol Raschids zurückträumen kann. Die Gntorientalisierung des Orients nimmt ja ein immer rascheres Tempo cm, und die meisten «rohen orientalischen Städte, die ich kenne, haben schon viel von ihrem ursprünglichen Charakter verloren. Wer eine Stadt gibt es, so unberührt, so ursprünglich, dah man meint, cm der nächsten Straßenecke müsse man Sindbad begegnen oder Alibaba oder all den andern vertrauten Gestalten aus den Geschichten der. Scheherezade. Es ist Buchara. Die Russen haben den von ihnen besetzten Ländern ja in ganz anderm Mähe ihren ursprünglichen
*) Durch das Entgegenkommen des Verlags Brvckhaus sind wir in der Lage, unfern Lesern eine Testprobe aus dem so- eben erschienenen Werk „Der Weg nach Osten" zu bieten; es hat Dr. Colin Roh zum Verfasser, der schon durch sein viel gelesenes Buch „Südamerika die aufsteigende Welt" bekannt lst. Auf seiner kürzlich vollendeten abenteuerlichen Reise durch den garenden Osten mit seinen vielen neuen, unter dem Schuhe des Sow;etinantels sich bergenden Republiken war Dr. Colin Roh eine Fülle der interessantesten Erlebnisse und Erfahrungen beschieden. Mct groher Meisterschaft, die durch zahlreiche treffliche Bilder verstärkt vxrd, schildert er in dem künstlerisch ausgestatteten Band in frischer, fesselnder Sprache, unter welchen Schwierigkeiten und Gefahren e8 ihm möglich war, seinen Weg bis dicht an das „Dach der t-Delt Und zur afghanischen Grenze zu richten. IXe&eraU wohin Roh in dem von den Stürmen der Gegenwart durchtobten Orient kam, war das Leitmotiv: Die Deutschen werden erwartet. Das Buch Slft viele schwierige Fragen lösen, die gerade uns Deutsche be- wegen.
Vie schrie und weinte sich müde und matt; dann kroch sie ins Veit und wollte nicht mehr aufstehen. Ms mehrere Tage vergingen, ohne dah die Vachbarn sie sahen, meinten sie, es sei bei ihr ein Unglück geschehen, und sprengten die Tür. Hetzt redeten sie freundlich mit ihr, und als sie sahen, dah sie krank war, wollten sie bei ihr wachen und den Arzt und Arznei holen. Aber sie bat nur, ste sollten sich packen und sie in Frieden sterben lassen. Sie rührte auch das Essen nicht an, das sie ihr brachten.
Dann tont eines Tages die Waldhütersfrau mit dem Kind. Sie legte es in die Wiege, wünschte der Jungfer Glück damit und £g dann sichtlich befriedigt ihres Weges. Die Jungfer lag einq ste still da und betrachtete das Kind unwillig; aber dann stahl sich unwillkürlich ein Bein unter der Decke hervor — dann noch eines — und sie sah auf dem Dettrand. And ehe sie recht wußte, wie es zuging, lag sie vor der Wiege auf den Knien. Ms die Rachbarsfrauen wieder herüberkamen, ging sie angekleiüet und gesund umher und wärmte dem Kleinen seine Milch. Sie bewunderten sie in der Stille, weil sie das Kind zu sich genommen hatte, und halsen ihr mit allerlei zurecht, wovon sie nichts verstand.
Am nächsten Tag erlebte sie zum erstenmal, dah eine Gruppe Fischer den Hut vor ihr abnahm.
Sie meinte zuerst, es sei dies eine neue Verhöhnung. Aber siehe da, sie schauten ihr ernsthaft nach, ohne in Lachen auszubrechen wie sonst. Arcdere Zeichen von Wohlwollen zeigten sich in den nächsten Tagen, und das wirkte auf die Jungfer wie der Sonnenschein auf einen erfrorenen Vogel. Es kam ihr vor, als seien die Leute ganz andere Menschen als die, mit denen sie auf dem Krregs- fuh gelebt hatte, und es wurde ihr nicht schwer, mit ihnen zu Perkehren.
In der ersten Zeit war ste wie ein Mensch, der sich von einer schweren Krankheit erholt. 2tlte8 kam ihr schön und strahlend vor, und als sie sich an die neuen Verhältnisse gewöhnt hatte und der starke Glanz erblaßte, wurde er durch ein Gefühl sicheren Behagens ersetzt, bas einen wohltuenden Gegensatz zu ihrem vorherigen hitzigen Leben bildete. ~ „
And dann das Kind! Das war jeden Tag die Quelle von hundert Sorgen und hundert Freuden! Das gab ihr Teil an allem, was ein Menschenherz in Bewegung setzt, und ihr ganzes Aeutzere trug bald das Gepräge davon. Ihr Gesicht bekam Fülle, ihr Blick wurde ruhig und beobachtend, und ihre ganze Gestalt gewann an Rundung.
Sn diesem Augenblick sitzt sie am Fenster und nickt dem Hungen zu, der sich draußen auf der Straße herumtreibt und die ersten Schneeflocken zu einem Schneeball zusammenkratzt, wahrend Perle, die Jüngere" bellend an ihm hinaufspringt und ihn beinahe umwirst. „Perle, di« Aeltere", ist zu ihren Vatern versammelt Jungfer Holm sieht ganz mütterlich aus, ist durchaus nicht so dick wie eine Witwe, aber doch viel voller und nmoer, als alte Jungfern meist zu sein pflegen. Ihr Aussehen flt würdig und fürsorglich, und sie verbreitet etwas von dem Behagen und Wohlsein um sich, das sonst nur Müttern eigen ist.
And nun behauptet man, sie werde sich mit dem gemütlichen Herrn mittleren Mters, der dem Konsumverein vorsteht, verheiraten.
Charakter gelassen als Engländer oder Franzosen. So blieb Zentralasien sein orientalisches Gepräge rein erhalten, reiner sogar als dem von europäischer Herrschaft verschont gebliebenen Persien.
Das Arsprünglichste vom Arsprünglichen aber ist Buchara. Die Zarenregierung ließ dem Emir die innere Autonomie, und die Bolschewist verjagten zwar den Emir, aber gaben dafür dem Lande — wenigstens nominell — die absolute unbeschränkte Anabhängigkeit. Anter beiden aber, unter dem Zaren wie unter den Aoten, blieb Buchara unberührt von europäischem Leben. Turkestan war immer ein schwer zugängliches Land, ist es heute noch, und Buchara blieb noch um einen Grad' unzugänglicher, bis heute, da die bucharische Regierung ähnlich der afghanischen mit Macht europäisieren will, ohne jedoch einstweilen viel über die Absicht hinausgelangt zu sein.
Die Aussen haben — ich weiß nicht, aus welchem Grund — die große zentralasiatrsche Bahnlinie an Buchara vorbeigeführt. Don Kagan oder Neubuchara, der von den Russen geschaffenen Garnisonstadt, sind es noch 13 Kilometer bis Altbuchara, wohin nur eine Nebenlinie führt. So kam es, daß die Bucharen unvermischt in Buchara blieben und die Russen in Kagan. Wch heute noch liegt hier der Stab der Roten Truppen, und hier wohnen die wenigen russischen Sowjetbeamten, die bei der bucharischen nationalen Regierung als Sekretäre und Wohl auch ein wenig als Aeberwachungsbeamte tätig sind. Sn Altbuchara ist um die Station herum Wohl noch ein halb asiatisches, halb russisches DiertÄ, aber dann kommt man an eine mächtige, zinnengekrönt« alte Lehmmauer, schreitet durch ein enges, von zwei runden Türmen flankiertes Tor und ist — in einer andern Welt.
Die Ahr blieb stehen. Diese schmalen Gassen mögen vor hundert oder fünfhundert Jahren nicht anders ausgesehen haben als heute. Die Häuser zeigen der Straße nur die nackten, fast fensterlosen Lehmmauern, und lediglich die reichgeschnitzten Türen lassen erkennen, dah hinter Leichen und Gärten wohnliche Behausungen liegen.
Die Sonne brennt in die weitzgelblichen Straßen herunter, nur einen schmalen Schattenstreifen lassend. Ab und zu rollt ein Wagen die Straße entlang oder ein Reiter trabt vorbei oder ein Eseltreiber zieht des Wegs; alle nutzen nach Möglichkeit den schmalen Echattenstreifen.
Nur in der ersten Viertelstunde nimmt der Fremde seinen Weg durch die staubigen, in der Sonne brennenden Straßen. Bald entdeckt er, Latz auch "schattige Pfade durch das Gewirr der Lehn^ mauern führen. Es sind die Ariks, baumumstandene Wassergräben, die zu beiden Seiten für einen schmalen Fußpfad Raum lassen. Das Wasser ist freilich nicht schön, es ist lehmgelb und schmutzig, aber es gibt doch Kühlung, und der Duchare löscht unbedenll,ch damit seinen Durst. Buchara, hat kein eigenes Wasser. Es wird von Samarkand aus versorgt. Es ist nicht viel Wasser, das nach Buchara kommt, aber man nmcht das Menschenmögli«^ damit. In kurzen Wständen wird es aus den Ariks in achteckige ausgemauerte Teiche geleitet.
Diese Teiche sind Las schönste in Buchara. Es gibt gepflegt« und verwilderte, von Blumen umblühte und .von uralten Bäumen umstandene. And alle umgeben die weihen 'Mauern der Häuser oder die farbigen Tore, Kuppeln und Minarette der Moscheen. An Len Teichen sitzt der Duchare, trinkt seinen Tee und träumt. Angler hocken davor, denen die Angel nur ein Dorwand für behagliches Dor-sich-hin-Träumen am Wasser zu fein scheint. Gruppen weitzbärttger, weitzbeturbanter Männer kauern daran im Disput, der mehr mit Blicken als mit Worten geführt wird. M und zu kommt ein Wasserträger und füllt gemächlich seinen Schlauch aus zusammengenähiem Hammelfett.
Niemand hat Eile oder Hast. Mles geht ruhig, getragen, fast traumhaft vor sich. Auch im Basar ist es nicht anders. Der Derkäufer kauert in seiner engen Bude, schlürft in kleinen Schlucken den unvermeidlichen Tee, und es scheint ihm gar nichts daran zu liegen, ob er etwas verkauft oder nicht. Wunderhübsch ist dieser Basar. Durch Hallen und Winkel und mattenüberbehängte Gassen führt er kreuz und quer. Da ist der Fruchtbasar: zwischen den Stapeln der Melonen kommt man kaum hindurch. Trauben sind da mit Beeren von der Gröhe kleiner Pflaumen. Trauben in allen Farben, weiße, blaue, rote und violette, kugelrunde und längliche. Wie Edelsteine schimmern sie aus dem Weinlaub hervor. Aepfel, Dirnen, Pfirsiche, Aprikosen, Kirschen, die Früchte aller Jahreszeiten und aller Zonen.
Dann der Seidenbasar, wo die bunte Pracht der leuchtenden Stoffe, Gürtel, Schale, Chalate fast die Augen blendet. Der Edelstein- und Schmuckbasar, der Süßigkeiten- und Drogenbasar, wo die originellen sartischen Wotheken sind und die Zuckerbäcker mit großen Holzlöffeln in gewaltigen Kupferkesseln ihren sühen Teig rühren.
Das Schönste aber ist, dah man keine europäisch gekleidete,, Menschen sieht, sondern nur Einheimische, in der buntesten, farbenfrohesten Tracht. Der Buchare trägt ein goldgesticktes, grünes, rotes oder blaues Käppchen, die Libetaika, um das er seinen weihen oder farbigen Turban wickelt. Sein Obergewand ist der Chalat aus bunter, gestreifter oder gebatikter Seid«. Die wundervollsten Exemplare sieht man unter diesen. Alle Farben und Muster wogen durcheinander. And selbst die Frauen, die sonst überall im Orient eine dunlle Note in das Strahenbild bringen, sind hier farbig gekleidet. Trag«, sie vor dem Anllid auch das


