27 —
Künstlers, an die keine Armut, kein Wiedersehen <mt> kein Stehen- lassen, und keine Selbstvorwürfe heranreichen. In dem letzten Satze waltet eine Stimmung wie auch in dem letzten Satz der O-Dur- Fantasie: Eine steyrische Landschaft im Abendschein; auf den; Feldwege heimkehrende Bäuerinnen, scherzend und trällernd; am Waldessaum der verlassene Wanderer auf einer Bank vornübergebeugt, die Augen mit der Hand bedeckt. Dicht daneben liegt die Stimmung der Abkehr ins Düster, wie sie in dem Liede vom „Wirtshaus" 'erklingt. Das Trio im dritten Satze ist Schuberts Ausdruck der gleichen Trostlosigkeit, aus der Chopins Trauermarsch geboren ist. Wo Chopin zusammenbricht, da läßt Schubert das Emupt auf die Brust sinken. Die Erhabenheit des erschütternden Trauergesanges vermögen keine Worte zu schildern. In dem Andante endlich — von seinem Mittelsiück war schon die Rede — eint sich das Quintett mit dem Lis-Mvll-Andante aus der 8-Dur- Sonate und mit dem Andante aus dem Oktett zu dem letzten De- keimtnis von dem, was in Schuberts Seele lebte. Mit wundervollem Zierrat geschmückt, steht die Ertsagung da als eine Himmelstvchter, einen goldenen Becher mit süßem, trostspendendem Trank dem Knieenden reichend. Linier Verwandlungen von strahlender Schönheit wechseln in dem Ois-Moll-Andante tiefstes Leid und tiefster Friede miteinander, fließen ineinander, und in dem Mittelstück offnen sich weit die Tore einer Welt, wo alle Tränen getrocknet werden, wo getröstet wird, wie einen seine Mutter tröstet.
Das ist Schubert. Man versteht, daß dieser Geist nur in der Musik sich ausdrücken konnte, und ihm die Fähigkeit, in Wort ünd Tat um das zu werben, wonach ihn dürstete, versagt war. So klagt seine Kunst um den blühenden Garten in seinem Innern, dessen Schlüssel keiner anderen Seele gegeben, oder von der, die ihn besaß, sortgeworfen worden war. , „ ,
Schuberts Musik ist reines, dem Streben nach Selbstdurch- setzung entrücktes Sehnen. Darum können viele Menschen, die Musik wohl verstehen und schätzen, zu Schuberts Musik keinen Zugang gewinnen. Solchen Menschen, denen Schubert nichts sagt, soll man mit Vorsicht begegnen.
Der erste Gleitflieger vor 50 Jahren.
Die Kunst des Gleitfluges, in deren Ausbildung Deutsche bahnbrechend gewesen sind, wird gerade in diesen Wochen bei uns wieder eifrig geübt, und da mag die Erinnerung an einen Vorläufer der kühnen Segelflieger angebracht sein, die in der „Times" gegeben wird. David Draper erzählt hier von dem „ersten Gleitflieger", der in der fernen Kolonie von Natal seine Versuche unternahm und dessen Name ohne das Zeugnis einiger noch Lebender vollkommen verschollen wäre. Goodman Household war der Sohn eines der Ansiedler, die in den 60er Jahren an den Mountain Rocks bei Durban eine Kolonie begründeten. Er beschäftigte sich viel mit dem Problem des Segelfluges und beobachtete hauptsächlich den Flug der großen Geier, bis er su der Lleberzeugung kam, daß es möglich sei, sie nachzuahmen und eine Maschine herzusiellen, die das Fliegen für den Menschen ermöglichen würde. Außer dem Flug der Vögel studierte er auch alle Arten von Flugtieren, besonders Fledermäuse, und kam auf Grund feiner Berechnungen schließlich zu der Herstellung einer Flug- maschkne, für die er sich besonders dichtgewebte Seide aus der Schweiz un& besondere Stahlröhren aus England kommen lieh. „Die Familie Household," berichtet Draper, „wohnte damals auf einer Farm in dem Karkloof-Gebiet, etwa 30 Km. nördlich von dem Dorf Howick. Vom Karklvof-Berg aus unternahm Goodman seinen ersten Flug. Mit der Unterstützung von einem halben Dutzend Eingeborenen brachte er in einer klaren Mondnacht das Flugzeug auf den Gipfel, nahm auf dem Sih Platz und befahl den Eingeborenen, die Maschine über den Abgrund herunterzu- skvhen. Sie weigerten sich zunächst, dies zu tun, weil sie fürchteten, bestrast zu werden, wenn ihr Herr getötet wurde; aber er Ü6ec» redete sie dazu und schwebte dann in der Luft über einem Tal von wenigstens 1000 Fuß Tiefe. Die Maschine war ausbalanciert, daß er durch leichte Veränderung seiner Körperlage das. Vorderteil heben oder senken konnte, und auf diese Weise hoffte er, in der Luft auf- wid herabfleigen zu können. Der Geier fliegt ohne sichtbare Bewegung seiner Flügel. Household hoffte, sich ebenso mit Hilfe des Windes und seiner Steuervorrichtung vorwärts bringen zu können. Aber, wie er mir später selbst gestand, verlor er, wo er frei in der Luft schwebte, seine Geistesgegenwart und beugte sich vorwärts, so daß die Maschine allmählich immer tiefer sank und schließlich in einem kleinen Gebüsch etwa 8 Km. von dem Ab- flugsort entfernt landete. Er versuchte nie wieder seine Flügel; seine Freunde überredeten ihn, es aufzugeben, aber er war überzeugt, daß es möglich sei. Ich weiß nicht, ob er noch lebt, da sich diese Vorgänge ums Jahr 1871 abspielten, aber es gibt noch viele Persönlichkeiten in Natal, die sich an dies Ereignis erinnern.
Das Ruhrgebiet im Spiegel unserer Dichtung.
Bon Dr. Friedrich Spreen.
Wie man sich eines teuren Besitzes erst ganz bewuhiwird, tocim die Gefahr droht, ihn zu verlieren, so werden wir uns auch
erst jetzt, da eie Räuberhände unserer Feinde nach dem Ruhr- revier greifen, im Innersten klar über die gewaltige Bedeutung, die dieses aufs feinste organisierte Industriezentrum für uns besitzt. Es ist das Herz des neuen Deutschland, das die schwarzen Ströme seiner Kohlen durch den ganzen Organismus unseres Vaterlandes qumpt und uns damit beständig neue Lebenskraft zuführt. Die Dichter, die stets zugleich Seher und Propheten waren, haben das am frühesten erkannt. Ihnen verdanken wir es, wenn wir heute eine anschauliche Vorstellung von dem „Schwarzen Revier" besitzen, wenn wir die grandiose Schönheit dieses so lange verachteten inti> nicht beachteten Gebietes fühlen. Gerade die jüngste Lyrik hat da viele Vorurteile weggeschafft und uns erst ein starkes Erleben dieser großartigen Welt ermöglicht. So ist uns im Spiegel der Literatur das Ruhrrevier zu einem Stück deutscher Heimat geworben, an dem wir mit allen Fasern hängen. Das betont auch Dr. O. E. Hesse in der Einleitung zu seinem im Zentral-Verlag zu Berlin erschienenen Vuch „Das Ruhrrevier in der deutschen Dichtung", in dem er eine Auswahl der schönsten Gedichte über dies „Herz Deutschlands" zusammenstellt.
Die Romantik war es, die die Poesie des Bergmannes entdeckte und ihn als den „Herrn der Erde" preis. Aber es war eine mystisch verklärte Auffassung, die Novalis, selbst ein Vertreter des Bergfaches, in seinen Dichtungen begründete. Nicht der wirtschaftliche Wert, die industrielle Macht des Hüttenwesens stand im Mittelpunkt dieser Betrachtung, sondern das Gefühl, daß sich der Mensch in diesem Beruf am engsten mit den geheimnisvollen Tiefen des Bodens vermählt. Solche weltfremde Bergmannspoefie finden wir dann von Theodor Körner bis zu Johann Nepomuk Vogl, her in seinen 1856 erschienen bergmännischen Dichtungen „Ans der Teufe" bezeichnend singt:
Was neidisch die Erde verborgen, Das bringen wir Krrappen mit Kühnheit zu Tag. Wenn andre vergessen die irdischen Sorgen, Erklingt es hier unten vom gellenden Schlag;
Da rollen durch Stollen Die Hunde im Lauf, Da steigen und fallen Die Tonnen, da schallen Die Grüfte und Klüfte ,
Von unferm „Glück auf!“
Der Erste, der das Ruhrrevier mit männlicher Kraft als einen Heldenkampfplatz der Arbeit feierte, war Freiligrath, der 1866 aus Anlaß eines großen Grubenunglückes sein Lied „Fürs schwarze Land" schuf. „Das Heer der Arbeit verlor eine Schlacht,' ruft er aus:
Sie fuhren hinab
Gesund und rot — ,
Sie wurden erschlagen, Sie liegen tot!
Hunderte und Hunderte, Tot, tot, tot!
Durch das schwarze Land Gellt der Schrei der Not!
Der soziale Ton, der hier angeschlagen ist, klingt weiter tn der Dichtung des Ruhrreviers, so z. B. in der 1898 erschienenen Gedichtsammlung „Aus Schacht und Hütte" von Heinrich Kämp- chen, der die Umwandlung des Landschaftsbilöes elegisch beklagt: Denn unter mir und deiner Fluren Pracht Dehnt sich das Reich der grauenvollen Nacht.
Lind flötet hier die Nachtigall im Hain, Dort unten dröhnis von brechendem Gestein. Ja, du bist schön, mein trautes Heimattal, Im Morgengold, im Abendsonnenstrahl, Doch deinen Söhnen fern vom Tageslicht, Den armen Knappen frommt die Schönheit nicht.
Die großartig dämonische Schönheit des Ruhrreviers, die den stärksten Inbegriff der Kräfte unseres modernen Jndustriezeitalters darstellt, haben erst die modernsten Dichter erfüllt. Zwar besitzen wir keinen großen Bergwerksroman, wie Zolas „Terminal und Lemvnniers „Moloch". Rur Paul Grabein hat in seinen 1910 unter dem Titel „Aus dem Reich der schwarzen Diamanten erschienenen Romanen „Dämonen der Tiefe" und „Herren der Erde" das Milieu des Ruhrreviers gezeichnet. Aber die Lyrik hat uns ein bewundernswertes Heldenlied des „Schwarzen Reviers" gespendet. So besingt HerbertEulenbergdle Land- schäft:
Der Himmel ruht auf vielen schwarzen Säulen, Der diese Landschaft deckt. Die Arbeit speit Den düst'ren Weihrauch aus. Dampfpfeifen heulen. Und von der Hämmer Schlag das Eisen schreit, Aufstöhnend hallt es stets bei Tag und Nacht. Hier wird Gold gemacht!
Eine Dichtung, die das Weltgefühl für die Erfassung des Nuhr- reviers ausbildete, schufen die „Bergleute auf Haus Nyland", deren Führer der geniale Josef Winckler ist. In feinen „Eiserne« Sonetten" hat er den Rhythmus des Reviers ausgefangen:
Die Türen schlagen hoch im Wetterschacht.
Und senkrecht sinkend, abgrundtief verschofl'n, Mit dumpfem Ohr gehst du in nledern Stoll'n Endlos, raumlvs, im Schweigen tieffier Nacht.


